Tom Dart kämpft gegen die Kriminalisierung psychisch kranker Menschen. © CNN.com

Tom Dart kämpft gegen die Kriminalisierung psychisch kranker Menschen.

Ein Sheriff und sein Einsatz für psychisch Kranke

Jürg Lehmann / 15. Aug 2013 - Tom Dart leitet eines der grössten US-Gefängnisse. Darin muss er auch psychisch Kranke versorgen. Jetzt greift er zur Selbsthilfe.

Seit 1994 ist Tracey Aldrige 100 mal verhaftet worden, insgesamt hat sie bisher 8 Jahre in Gefängnissen und Strafanstalten verbracht. Die allermeisten der Verhaftungen geschahen aufgrund von Kleinigkeiten: Überschreitungen, Prostitution, Drogen, ungebührliches Benehmen, kleine Diebstähle – typische Delikte bei psychisch kranken Menschen.

Aldrige ist derart beeinträchtigt, dass ein Gefängnis einen speziellen Armschutz verwendet musste, um zu verhindern, dass sie sich mit den Zähnen die Venen aufriss. Kürzlich ass sie im Gefängnis die Handschuhe, die sie eigentlich schützen sollten.

Tom Dart ist Sheriff des Cook County Gefängnisses in Chicago mit fast 10'000 Insassen. Er weiss, dass Tracey bald wieder bei ihm landen wird, weil sie sonst nirgends hin kann. Sie ist dazu verurteilt, wie viele andere psychisch Kranke, immer wieder in Gefängnisse einzutreten und wieder entlassen zu werden, bis sie tot sind.

Gefängnisse und Strafanstalten sind die hauptsächlichen Einrichtungen für Menschen wie Tracey Aldrige; ein Zustand, den Sheriff Dart als «Abscheulichkeit» bezeichnet, wie der «Economist» in seiner Story über die Situation der psychisch Kranken in Amerika schreibt. Dart regt sich auch über die finanziellen Folgen auf. Aldrige ist 42 und hat für ihre bisherigen Aufenthalte in Gefängnissen die Steuerzahler 729'436 Dollar gekostet.

Tausende psychisch Kranke im Gefängnis

Je nach Betrachtungsweise betreibt Sheriff Dart mit seiner Strafanstalt die grösste oder zweitgrösste Einrichtung für psychisch Kranke in den Vereinigten Staaten. An einem x-beliebigen Tag beherbergt der Cook-County-Komplex zwischen 2'000 und 2'500 dieser Menschen. Jede Nacht kostet 190 Dollar pro Insasse. Die Kosten steigen noch an, wenn Medikamente verabreicht werden.

Lamp Community, eine NGO für psychisch Kranke in Los Angeles, erklärt, der verzweifelte Zyklus von Notfallaufnahmen in Spitälern und Aufenthalten im Gefängnis koste schnell mal 100'000 Dollar pro Jahr für einen Obdachlosen. Beiträge an die Kosten für betreutes Wohnen würden dagegen nur 16'000 Dollar jährlich ausmachen.

Die Geschichte dieser stillen Katastrophe kann bis 1960 zurückverfolgt werden, als der damalige Präsident John F. Kennedy entschied, dass mehr psychisch Kranke in den Gemeinden betreut werden sollten. Zudem kam «Thorazine» auf den Markt, ein Psychopharmakon, in das man grosse Hoffnungen setzte. Aber über die nächsten zehn Jahre entstanden keine neuen Zentren und Thorazine war nicht so wirksam wie erhofft.

Kalifornien streicht in einem Jahr 19'000 Betten

Dazu kam ein Anstieg von Klagen gegen staatliche Einrichtungen. Pete Earley, Journalist und Autor eines Buches über psychiatrische Einrichtungen, sagt, dass in Kalifornien in nur einem Jahr 19'000 Betten eliminiert wurden. «Niemand wusste mehr wohin. Die Leute wurden buchstäblich auf die Strasse gestellt.» Die Dinge verschlechterten sich weiter in den achtziger Jahren, als tiefe Einschnitte in die Programme für das betreute Wohnen gemacht wurden. Die Gelder für die psychisch Kranken sind ein leichtes Ziel.

Heute ist es tatsächlich sehr selten, dass psychisch Kranke in eine geeignete Institution können, ausser sie sind gefährdet, sich selbst oder andere zu schädigen. Auch ein längerer Spitalaufenthalt zur medikamentösen Stabilisierung von Patienten ist wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil. Wenn jemand nackt herumläuft oder der Polizei seinen Namen nicht nennen kann, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er im Gefängnis landet.

Sheriff Dart, dessen Job es eigentlich nur ist, solche Leute sicher zu versorgen, während sie auf ihren Prozess warten, sagt, sie verdienten etwas Besseres. Die Menschen sollten an ihrem Entlassungstag nicht einfach mit einem Beutel Medizin auf die Stasse gestellt werden. Er gibt ihnen Videos mit, die zeigen, wie sie sich draussen zurechtfinden können und wo sie welche Unterstützung erwarten können.

Dart machte schon einmal nationale Schlagzeilen

Der 51-jährige Dart ist ein rebellischer Geist. Schon während der Immobilienkrise 2008 macht er nationale Schlagzeilen, als er sich weigerte, Mieter auf die Strasse zu stellen, wenn die Hausbesitzer pleite gingen. Dart sagte, viele darunter seien Rentner, die in guten Treuen Miete bezahlt hätten. Er beschuldigte namentlich Immobilienfirmen, ihren Pflichten nicht nachgekommen zu sein: «Sie sehen nur ein Stück Papier, was dahinter steckt, kümmert sie nicht.» Nun macht Sheriff Dart mit seinem Protest gegen die unwürdige Behandlung psychisch kranker Menschen erneut Schlagzeilen.

Inzwischen hat er eine Geldquelle entdeckt, die ihm helfen kann, ein paar psychisch Kranke von seinem Gefängnis fern zu halten. Neuankömmlinge müssen zum Interview. Wenn eine psychische Störung diagnostiziert wird, wird ein Anwalt eingeschaltet, der vor dem Richter für eine Alternative zum Gefängniseintritt plädiert. Mit der Hilfe eines lokalen Geschäftsmannes konnte Dart auf diese Weise rund ein Dutzend psychisch Kranke in einem Pflegeheim platzieren, wo man sie mit elektronischer Fussfessel überwachen kann.

Dank Dart kann Melissa in ein Pflegeheim

Carla Clark denkt, dass das funktioniert. Sie ist die Mutter der jungen Melissa, die einen psychotischen Zusammenbruch erlitt und wohl wie viele andere in die Kriminalisierungs-Spirale geschleust worden wäre. Melissas Problem begannen, als sie im Supermarkt «Wholefoods» Ware mitnahm, ohne zu zahlen. Als zwei Security-Männer sie verfolgten, dachte sie, man wolle sie attackieren und schlug zurück. Es gab prompt eine Klage wegen Diebstahl.

Ihre Mutter ist überzeugt, dass Melissa an einem sicheren Ort untergebracht werden muss. Sie weigerte sich darum auch, eine Kaution für ihre Entlassung aus dem Knast zu zahlen, weil die Tochter Medikamente nicht einnahm. Doch Sheriff Dart hat inzwischen einen Pflegeplatz für Melissa und die Situation hat sich drastisch verbessert. Melissa schluckt ihre Pillen und kann sogar etwas Gruppentherapie besuchen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Justice - Locked in: Original-Artikel aus «The Economist»

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Eine Meinung

Ein Sheriff mit Herz und Verstand, Unternehmer ebenso.... hoffen wir, dass es Melissa und ihresgleichen hilft!
Was mir zu denken gibt:
"Melissa schluckt ihre Pillen"...
Pillen helfen immer... insbesondere den Herstellern....
Urs Lachenmeier, am 15. August 2013 um 21:17 Uhr

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