Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche»: Selektive Darstellung © ARD/Maischberger

Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche»: Selektive Darstellung

Die «Weltwoche»: Einäugiger Journalismus

Robert Ruoff / 28. Mär 2013 - Medien, Gewalt, Gesellschaft (2): Die «Weltwoche» kritisiert Drohung und Gewalt nur links. Auf dem rechten Auge ist sie blind.

Vorbemerkung:

Miklós Klaus Rózsa schreibt auf der Facebook-Seite von «Infosperber» zur ersten Folge der Fortsetzungsgeschichte zu «Medien, Gewalt, Gesellschaft»: «Einmal mehr wird die staatliche Gewalt in Form des Gewaltmonopols – gerade der Zürcher Polizei – einfach ausgeklammert.» Das war nie die Absicht. Im Gegenteil: Das Gewaltmonopol ist geplanter Teil dieses zweiten Kapitels. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass das hier vorgelegte Konzept auch keine Freude auslöst.

Ich finde es ausserdem schade, dass Rósza den kritisierten Absatz in meinem Text nur teilweise zitiert: «Widerstand ist berechtigt und Widerstand ist am Platz. Aber ohne Gewalt.»

Der Text fährt fort: «Das aber bedeutet: Widerstand verlangt Kreativität. Gewalt hingegen verlangt in unserem kleinen Land nur Wut und eine Wollmütze zur Vermummung.»

Das ist dann auch der Schluss der ersten Folge.

Damit will ich in diesem Fall sagen: Die Mehrheit der «Familie Schoch» hatte nach meinen Informationen aus dem Teilnehmerkreis eine sehr kreative und attraktive «Rollerdisco» vorbereitet, als «Demonstration binzlerischer Fantasie und Freiheit» (WOZ). Das hatte eine echte Chance, nicht nur auf Toleranz sondern auch auf Sympathiegewinn zu stossen. Aber, so schreibt die WOZ: «Spätestens allerdings als der nächtliche Zug an der Schmiede Wiedikon angekommen war, wurde die ‚Rollerdisco' unter Glasscherben begraben: Aus dem vorderen Teil des Umzugs heraus wurden die Regionalwache Wiedikon und die benachbarte UBS-Filiale verwüstet. Damit war dann aber auch die Party vorbei, alles, was noch kam, war schlechte Kulisse für ‚Mad Max'.» Das bedeutet zweifelsfrei, dass das kreative Fest nicht in erster Linie von der Staatsgewalt beerdigt oder in die autonome Szene Binz zurückgedrängt wurde.

Ich denke, die WOZ erwirbt sich mit ihrem Bericht das Verdienst, dass sie das Geschehen undramatisch, aber auch plastisch und ungeschminkt darstellt. Das Ende von Beschönigung und ideologischer Rechtfertigung ist angesagt. Und ich meine, es ist höchste Zeit, mit den schon ziemlich angejahrten Kriegsspielen in der Stadt Zürich aufzuhören. Sie stören und zerstören alle emanzipatorische Bewegung.

Die reale Gewalt

Die Welt ist durchzogen von Gewalt. Vom südlichen Afrika bis an den Rand der Sahara, von der marokkanischen Atlantikküste durch den ganzen arabischen und jüdischen Raum bis nach Zentralasien, vom indischen Subkontinent bis an die östlichen Küsten Chinas. Sie durchzieht, mit wenigen Ausnahmen, den amerikanischen Kontinent. Und sie steht nach fünf Jahrzehnten einigermassen friedlicher Entwicklung nun auf der Tagesordnung in den Ländern des europäischen Südens: als zunehmende wirtschaftliche Gewalt – Frank Schirrmacher nennt das den Kalten Krieg in unserer Gesellschaft -, als protestierende Gewalt gegen das Diktat der Troika und ihre Erfüllungsgehilfen in den nationalen Regierungen, und zunehmend auch als rassistische Gewalt, weil ja die Fremden, die Ausländer, die Anderen so leicht als Wurzel allen Übels zu identifizieren sind.

Noch mehr Gewalt kann nicht die Lösung sein, auch wenn die wachsende Verzweiflung der arbeitslosen, verarmten und enteigneten Menschen nicht erwarten lässt, dass sie die Entwicklung mit unendlicher Geduld und solidarischer Hilfe tragen werden, wie das viele jetzt schon auf bewundernswerte Weise tun. Einige gehen in ihren Warnungen schon sehr viel weiter, wie Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Regierungschef und bis 2013 Chef der Euro-Gruppe der EU: «Wer glaubt, dass sich die ewige Frage von Krieg und Frieden in Europa nie mehr stellt, könnte sich gewaltig irren. Die Dämonen sind nicht weg, sie schlafen nur.» (Zitiert nach Jakob Augstein: Starrsinn, Machthunger, Egoismus. In: spiegel online)

Die Schweiz ist unter diesem Blickwinkel noch immer eine Insel der Ruhe und des Friedens, nicht zuletzt, weil der allgemeine Wohlstand immer noch hoch ist und die direkte Demokratie dem Volk die Möglichkeit gibt, den Macht- und Geldgierigen klare Signale gegen die Ungleichheit und den Raubbau an der Natur zu senden. Aber diese Signale sind auch Zeichen wachsender Spannung, genau so wie die bereits aufgeladene Auseinandersetzung um die Zukunft politisch-ökonomischer und kultureller Freiräume wie der Binz in Zürich, die Ende Mai geräumt werden soll. Es ist ein kleiner Freiraum, aber er ist offenkundig von grossem symbolischem Wert.

Die provozierte Debatte

Die Frage der Gewalt steht aber nicht nur im Raum, weil der «schwarze Block» weiterhin sein Stadtguerilla-Spiel spielt und sich möglicherweise bereits auf einen heissen Mai vorbereitet. Womit er selbstverständlich Nahrung liefert für die Empörung der Gegenseite und die Möglichkeit eröffnet, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Die Frage der Gewalt steht auch auf der Agenda, weil die «Weltwoche» sie Andreas Strehle, dem Chefredaktor des «Tages-Anzeiger», gestellt hat. Und weil Strehle die Frage zuerst nicht und dann im «Schweizer Journalist» doch ein bisschen, aber nicht wirklich beantwortete, steht sie nun weiterhin im publizistischen Raum. Und keiner stellt sich der Frage mit dem Versuch einer Antwort: nicht bei der WOZ und nicht bei der NZZ, nicht beim «Tages-Anzeiger» und im Newsnetz, und schon gar nicht in der Publizistik der Rechten.

Die «Weltwoche» mit den Herren Köppel (Verleger und Chefredaktor) und Gut (Stellvertreter) stellt die Fragen ohnehin sehr selektiv. Sie fragen nicht die Wanderer von links nach rechts im politisch-publizistischen Raum, wie die jugendlich links bewegten und nun rechts gelandeten Thomas Held und Gottlieb F. Höpli oder gar den BaZ-Chefredaktor und ehemaligen GSoA-Aktivisten Markus Somm. Sie fragen nur nach bei Andreas Strehle, dem letzten linksintellektuellen Publizisten der «Achtziger Generation» in einer bedeutenden leitenden Stellung (abgesehen von der WOZ, versteht sich).

Als ob es auf der Rechten keine Neigung zur Gewalt gäbe. Aber dazu später - bleiben wir noch beim einäugigen Blick der «Weltwoche»: Sie arbeitet auch bei der Textauswahl und der Textaufbereitung so selektiv, dass die «NZZaS» feststellen musste: «Die Texte operierten teilweise mit sinnentstellenden Zitaten.» Um Strehle als Freund der Gewalt darzustellen, musste man eben den Texten ein bisschen Gewalt antun.

Das mühsame Handwerk der Manipulation...

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der «verblüffenden Menge von Fehlern, Falschunterstellungen und unbegründeten Insinuierungen» bei der «Weltwoche» hat sich nur Strehles Kollege Daniel Binswanger zugemutet. Der überlange «Magazin»-Text des Tamedia-Autors war genau so langweilig, wie er angedroht hatte. Er wird uns für die Mühsal dieser Lektüre mit einer beträchtlichen Zahl seiner gehaltvolleren Kolumnen entschädigen müssen.

Die lange Auseinandersetzung mit handwerklichen Fehlern und publizistischen Manipulationen der «Weltwoche» ist als Dokumentation wichtig und gewiss dienlich als Ausbildungsmaterial zum Thema «journalistisches Handwerk». Allerdings wird bei der «Weltwoche» eine solche Bildungsanstrengung wohl folgenlos bleiben.

... und die Abschottung gegen Kritik

Roger Köppel und Philipp Gut verschanzen sich in einem selbst gebauten Rechtfertigungsgebäude: «Die ‚Weltwoche’ bezieht andere Positionen als alle anderen Medien», sagen sie, und «die ‚Weltwoche’ deckt auf...» ist ihr Mantra. Diese Abwehrmauern durchdringt keine Kritik mehr. Handwerk ist ihnen nur soweit wichtig, dass sie juristisch nicht angreifbar sind – deshalb greift letzten Endes auch die Kritik an ihren handwerklichen Fehlern nicht und schon gar nicht die Kritik an der «Tatsache, dass die ‚Weltwoche' systematisch alle journalistischen Anstandsregeln missachtet» (Binswanger). Das ist nicht neu, das ist bekannt. Was nicht heisst, dass man es nicht wiederholen kann und darf, in der Hoffnung, dass zwar nicht die Betroffenen aber einige andere daraus die Konsequenzen ziehen.

(Fortsetzung folgt: Die «Weltwoche», die Rechte und die Gewalt)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat 1968 ff. in Berlin (West) die Studentenbewegung mitgelebt.

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2 Meinungen

Die Weltwoche redet so, dass sie höchstmögliche Verkaufszahlen generieren kann. Sie ist das Sprach und Befriedigungsmedium für alles was Rechts ist. Ethik, Moral, Soziales interessiert sie nicht, oder erst wenn sie selber Pleite machen. Es sind dann die, die am lautesten nach dem Sozialstaat brüllen, den sie vorher demontiert haben. Misanthropen sind so, Antagonisten sind so, sie haben einen Ort wo sie ihre Neurose als Journalisten ausleben können, wo sie ihren Hass, ihren Zorn, ihre Wut, ihre Symptome verschieben und abreagieren können. Mit Worten kann man so schön legal fast alles kaputt machen, wie kleine böse Kinder, die sauer sind weil Mama keine Zeit hat für sie. Auch das gibt es in der Schweiz. Die destruktive Seite der Vielfalt.
Beatus Gubler, am 28. März 2013 um 13:49 Uhr
Schrecklich! Die ganze linke Medienwelt wird konfrontiert mit einer anderen Sicht. Ihr Meinungsmachungs-Monopol wird in Frage gestellt, durch berechtigte Fragen. Dazu kommen viele Intellekturelle mit ihrem SVP-Syndrom. Mainstream sagt ja zur Meinungsvielfalt aber nur wenn sie links ist. Das ist zum Dogma geworden. Wohin das führt? Ein Blick in die Geschichte täte gut.
Ulrich Hertig, am 29. März 2013 um 18:48 Uhr

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