Demenzkranke Brigitte B. ist am Rollstuhl festgebunden (Aufnahme durch das Fenster) © pb

Demenzkranke wegen Corona isoliert und an Stuhl gefesselt

Urs P. Gasche / 07. Mai 2020 - Brigitte B. ist selber nicht von Sars-CoV-2 angesteckt. Doch ihr Ehemann dürfe sie nicht mehr betreuen, verordnet ein Pflegeheim.

Seit vielen Jahren betreut Paul Bossert, 82, zusammen mit seinem Freund Rainer Hoffmann seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau Brigitte, 72. Jeweils von Dienstag bis Samstag haben die beiden Männer die heute schwer demente Frau in den jeweiligen Pflegeheimen als «Hilfspfleger» jahrelang betreut, ihr das Essen eingelöffelt und sie spazieren geführt. An den Samstagen holte Bossert seine Frau nach Hause und pflegte sie bis am Dienstag rund um die Uhr.

Doch seit dem 16. März, als der Bundesrat Besuchseinschränkungen in Pflegeheimen anordnete, ist alles anders. Paul Bossert durfte seine Ehefrau im Alters- und Pflegeheim Schlossacker in Binningen BL nicht mehr besuchen und betreuen.

Als er sie drei Wochen später, am 4. April, entgegen dem Willen des Pflegeheims, in die gemeinsame Wohnung in Basel holte, um sie während zehn Tagen bis nach Ostern zu Hause zu pflegen und zu betreuen, fand er eine Frau vor, die «mit meiner Frau nicht mehr viel Gemeinsames» hatte. Den traurigen Anblick werde er nicht so schnell vergessen.

Brigitte Bossert «bestand praktisch nur noch aus Haut und Knochen, war dehydriert, hatte 5 Kilo abgenommen und wog noch 49,9 Kilo». Am 25. März hatte sie bei einem Sturz ein Hämatom erlitten, am 2. April war sie um 21.45 Uhr erneut gestürzt, wurde aber erst nach ein Uhr nachts verarztet.

An den Rollstuhl gefesselt

Paul Bossert musste feststellen, dass seine Frau Brigitte im Pflegeheim Schlossacker mehrfach an den Rollstuhl gefesselt worden war. Sie machte zuweilen einen sedierten Eindruck.
«Ich weiss, dass diese Massnahme nur dazu dient, die Betreuung zu minimieren», berichtet Bossert aus früheren Erfahrungen mit seiner Ehefrau. Es werde zwar immer behauptet, dass das Klemmbrett, sprich der Schwedenstuhl, nur zur Sicherheit der Bewohner angewendet werde, ohne zu bedenken, dass damit das kognitive Verhalten der Bewohner gemindert werde.

Die sogenannte «Fixierung» von Patientinnen und Patienten wird in Deutschland als strafbare Freiheitsberaubung geahndet, sofern die Fixierung nicht von einem Gericht angeordnet wird.

In der Schweiz erlaubt das Zivilrecht «Einschränkungen der Bewegungsfreiheit» von Erwachsenen nur dann, wenn sie

  • eine «ernsthafte Gefahr für das Leben oder die körperliche Integrität der betroffenen Person oder Dritter abwenden»; oder
  • eine «schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens beseitigen».

Über erfolgte Fixierungen und die Gründe dafür müssen Pflegeheime ein Protokoll führen. Eine richterliche Anordnung des Freiheitsentzugs, auch eine nachträgliche, braucht es in der Schweiz nicht. Rekursinstanzen gibt es nur innerhalb der Verwaltungen, welche häufig auch Besitzerinnen der Pflegeheime sind.

Spital machte Betreuung und Pflege durch den Ehemann trotz Corona-Krise möglich

Nach ihrer Heimkehr empfahl der Hausarzt Paul Bossert, die dehydrierte und stark geschwächte Frau am Ostersamstag, 11. April, ins Felix-Platter-Spital einzuweisen, wo sie bis zum 27. April bleiben musste. Während dieser Zeit ermöglichte es das Spital Paul Bossert und seinem Freund Hoffmann, seine Frau in einer geschlossenen und geschützten Abteilung zu betreuen, wieder wie gewohnt das Essen zu verabreichen und sie auch psychisch zu unterstützen. Bei Austritt aus dem Spital hatte Brigitte B. wieder 3,2 Kilo zugenommen und wog 53,1 Kilo.

Brigitte Bossert nach einigen Tagen im Spital mit Betreuung durch Ehemann mit Freund (Bild: Paul Bossert)

Das Pflegeheim ermöglicht den Einsatz des Ehemanns nicht

Geschäftsführer Heiko Tscheulin erklärte, er sehe in seinem Pflegeheim Schlossacker keine Möglichkeit, dass Paul Bossert mit seinem Freund seine Ehefrau Brigitte während fünf Stunden pro Tag so betreuen könnte, wie er das seit Jahren gewohnt war. Paul Bossert stört sich daran, dass Tscheulin normale Besucher nicht unterscheiden wollte von mitpflegenden und mitbetreuenden Angehörigen.

Für den Ehemann noch schlimmer: Das Pflegeheim in Binningen wollte seine Ehefrau nach dem Spitalaufenthalt und kurze Zeit beim Ehemann in eine vollständige Isolation aufnehmen, weil sie wieder neu von ausserhalb ins Pflegeheim kam. Dass sie aus einem geschützten Bereich im Spital kam und dazu noch auf Sars-CoV-2 negativ getestet wurde, brachte ihn nicht zum Einlenken. Bossert versteht das nicht: «Der Geschäftsführer glaubt, dass er mit dieser Massnahme die übrigen Heimbewohner schützen kann/muss. Dabei schadet er mit dieser Massnahme meiner Frau, indem bei ihr das kognitive Verhalten unterbunden wird.»

Keine Unterstützung vom Kanton

Die bundesrätliche Verordnung vom 22. April regelt die Besuche in Pflegeheimen nicht im Detail. In den Erläuterungen heisst es: «Die Kantone haben die Befugnis, beispielsweise Besuchszeiten in Altersheimen zu regeln...».

In seiner Not wandte sich Paul Bossert an die Kantonsbehörden. Erstens sei der Freiheitsentzug zu unterbinden und zweitens bezüglich der Quarantänevorschriften eine Ausnahme zu bewilligen. Antwort erhielt er von Urs Knecht vom Rechtsdienst der kantonalen Gesundheitsdirektion: «Sie können vom Heim verlangen, dass es ... eine anfechtbare Verfügung erlässt. Gegen eine solche können Sie Beschwerde an den Regierungsrat erheben. Bezüglich einer allfälligen Einschränkung der Bewegungsfreiheit können Sie an die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde gelangen.»

Brief an den Bundesrat

Paul Bossert möchte seine Ehefrau nicht weitere Tage und Wochen in Isolierhaft und stundenlang an einen Rollstuhl gefesselt wissen. Deshalb wandte er sich am 2. Mai mit einem Brief direkt an Gesundheits-Bundesrat Alain Berset und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und beanstandete das «exzessive Verhalten des Krisenstabes in Sachen Covid-19 im Alters- & Pflegeheim Schlossacker in 4102 Binningen, BL».

In seiner Beanstandung führte er aus: «Am 16. März haben Sie, Herr Berset, zusammen mit dem Bundesrat eine landesweite Sperrung (Lockdown) verfügt. Der Geschäftsführer a.i. Herr Heiko Tscheulin des Alters- und Pflegeheims Schlossacker in Binningen hat diese Sperrung ebenfalls vorgenommen, jedoch bei der Umsetzung das Augenmass restlos verloren». Obwohl Tscheulin gewusst habe, dass Rainer Hoffmann und er seine Frau seit Jahren jeweils das Mittags- und Abendessen eingeben, und sie an Wochenenden von Samstag bis Dienstag zu Hause betreuen, habe er über seine Frau während drei Wochen die totale Quarantäne verfügt. Und Bossert weiter: «Die Folge dieser Massnahme war ein Gewichtsverlust meiner Frau von 5 Kilo in drei Wochen. In diesen drei Wochen hat man mir zweimal telefonisch versichert, dass es meiner Frau gut gehe, obwohl sie die Aufnahme von Essen und Trinken verweigerte und wegen der daraus resultierenden körperlichen Schwäche oft stürzte und sich verletzte.»

Das Pflegeheim wolle nicht einsehen, dass sie als zwei Hilfspfleger ohne Lohn das geringere Ansteckungsrisiko bildeten als die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegeheims. «Wir möchten meiner Ehefrau wieder täglich zweimal das Essen eingeben können und zwar ohne Isolation.»

Herr Tscheulin aber wolle an der im Fall seiner Frau unnötigen Isolationen festhalten, obwohl seine Frau und er auf Covid-19 negativ getestet worden seien.

Gemäss Anordnung des Regierungsrates vom 20. März 2020 ist der Besuch in Alters- und Pflegeheimen untersagt, wobei die Heimleitung über Ausnahmen entscheiden könnte.

Wieder festgebunden im Rollstuhl

Am 29. April gab Bossert seine Ehefrau Brigitte um 11.00 Uhr wieder im Pflegeheim ab, in der Hoffnung, dass die Rückkehr ins Pflegeheim «unter moderaten Verhältnissen» geschehen würde. Nach dem Aufenthalt im Spital war Brigitte Bossert wieder recht gut zu Fuss und machte in Begleitung noch einen kurzen Spaziergang.

Doch Paul Bossers Enttäuschung war schmerzhaft, als er seine Frau drei Tage später, am Samstag, 2. Mai, in den vereinbarten Wochenendurlaub abholte: «Sie war festgebunden im Rollstuhl und nicht mehr in der Lage, selber zu gehen. Obwohl meine Ehefrau hochdement ist, verfügt sie noch über ausreichend viel Emotionen. Vor dem Einschlafen bei mir zu Hause hat sie noch stundenlang geweint!»

____________________________

Keine Stellungnahme
Heiko Tscheulin, Geschäftsführer des Pflegeheims Schlossacker, wollte «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes» nicht Stellung nehmen. Vorab hatte der rechtmässige Vertreter und Ehemann Paul Bossert Herrn Tscheulin von der Schweigepflcht entbunden. Die Frage, wer denn sonst die Rechte von Brigitte Bossert vertritt, liess Tscheulin unbeantwortet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor kennt das Ehepaar seit vielen Jahren.

Weiterführende Informationen

Erläuterungen zur Verordnung Covid-19 BR

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

4 Meinungen

Warum meinen wir Schweizer immer, es sei in unserem Land alles in Ordnung? Dieses Land ist zu einem Gott-losen Konglomerat von Politik- Darstellern und herzlosen Bürgern geworden (Ausnahmen ausgenommen). Die Götzen Geld und Gier bestimmen den schweizer Alltag. Wann endlich erwachen wir aus dieser unmenschlichen Hypnose? Diese Corona-Inszenierung hat doch Plan...! «Cui bono"? (= wem nützt es?)!!!
René Lütold, am 07. Mai 2020 um 12:46 Uhr
Ist bei uns in Deutschland genauso.
Meine Mutter lebte zu Hause. Ist dann aber gestürzt.
Das Krankenhaus beobachte sie 3 Tage und packte sie zurück ins Bett.
Da ich zu dieser Zeit im Ausland war organisierte ich Urlaubs- bzw. Verghindertenpflege.
Weil sie schlecht sehen kann, konnte sie nicht lesen und nicht Fernseh schauen.
Sie lag also Wochen. Ich durfte sie nicht besuchen, als ich zurück kam.
Sie dehydrierte und kam dann auf die Intensivstation.
Nach 6 Wochen Tortur, setzte der Artzt im Krankenhaus sich für eine Reha ein.
Reha Maßnahmen hätten viel eher kommen müssen !

Übrigens in Schweden gehören besuche von nicht Pflegebedürftigen Rentnern, zum Teil der Altenpflege. Durch diese Kontakte verhindern die Schweden, das viele Alte pflegebedürftig werden.
Die gesunde Lebenserwartung ist in Schweden 17 Jahre höher als in Deutschland, obwohl real weniger für Gesundheit ausgegeben wird.
Das Gesundheitssystem in Schweden ist viel effizienter !
Dieter Gabriel, am 07. Mai 2020 um 13:52 Uhr
Sehr emotional und berührend. Dies ist nicht der erste Bericht bezüglich Pflegeheimen in diese Richtung seit dem Lockdown (aus aller Welt aber auch aus der Schweiz ist es nicht der erste).
Und am Sonntag wurde ein junger Mann in Zürich verhaftet, der auf dem Sechseläutenplatz sass mit dem Schild «Freiheit» um den Hals. Weiter hat er nichts getan. Der Gemeinderat Ronny Siev fand treffende Worte dafür. Seine Rede ist auf seiner FB Seite anhörbar. In Restaurants müssen wir künftig Namen und Telefonnummer hinterlegen. Die Arbeitslosenzahl schnellt in die Höhe. Der Bundesrat will das Notstandsgesetz in ordentliches Gesetz wandeln. Das antisoziale Social Distancing wird ohne Aussicht auf Lockerung weiter geführt.

Die Frage die ich mir bei solchen Szenen stelle ist:
- Was werden wir unseren Kindern und Enkeln mal erzählen wenn sie uns fragen, wieso wir damals unternommen haben?

https://www.zeitpunkt.ch/mahnwache-fuer-grundrechte-400-menschen-auf-dem-bundesplatz-wie-aus-dem-nichts
Stöckli Marc, am 07. Mai 2020 um 14:14 Uhr
Das ist der Preis dafür, dass wir den Tod als Teil des Lebens tabuisieren!
Barbara Lampérth, am 08. Mai 2020 um 10:08 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.