Der Schmähpreis für das schlimmste Unternehmen geht an den Erdöl-Konzern Shell. © -
Der Schmähpreis der Jury ging an die Grossbank Goldmann Sachs. © -
Kandidat für den Schmähpreis war auch der Bündner Energiekonzern Repower. © -

Wirtschaftsethiker sprengen den Elfenbeinturm

Kurt Marti / 24. Jan 2013 - Das Institut für Wirtschaftsethik der Uni St. Gallen unterstützt den Schmähpreis für das schlimmste Unternehmen des Jahres.

Heute Vormittag hat der Erdöl-Konzern Shell den Publikumspreis des Public Eye Award für das schlimmste Unternehmen des Jahres 2012 erhalten. Der Jury-Preis ging an die Grossbank Goldmann Sachs. Die Schmähpreise werden alljährlich von der Erklärung von Bern (EvB) und von Greenpeace vergeben, um einen kritischen Kontrapunkt zum World Economic Forums (WEF) zu setzen. Erstmals mit Unterstützung des Instituts für Wirtschaftsethik (IWE) der Universität St. Gallen und von vier Ethik-Professoren.

Vier Ethik-Professoren in der Jury

In die unrühmliche Schlussauswahl der schlimmsten Fälle von Menschenrechtsverstössen und Umweltsünden schafften es sieben Unternehmen: Shell, Repower, Goldmann Sachs, Alstom, G4S, Coal India und Lonmin. Das Institut für Wirtschaftsethik hat laut den Organisatoren des Public Eye Awards «die Menschen-, Arbeitsrechts- und Umweltvergehen der Nominierungen aus wirtschaftsethischer Sicht beleuchtet und vor dem Hintergrund von internationalen Abkommen und Standards beurteilt» und dazu fundierte Gutachten zu ingesamt 20 Unternehmen erstellt. Darauf hat eine Jury die sieben Unternehmen ausgewählt, über welche die Öffentlichkeit seit Beginn des Jahres abstimmen konnte.

In der Jury sitzen neu vier renommierte Ethik-Professoren, nämlich Hans Ruh, Ulrich Thielemann, Klaus Peter Rippe und Guido Palazzo. Zusammen mit dem IWE haben sie den Elfenbeinturm der universitären Lehre verlassen und zeigen Flagge. Vor allem, dass sich das IWE der Uni St. Gallen (HSG) an dieser doch massiven Kritik an internationalen und nationalen Konzernen beteiligt, ist erstaunlich und aufgrund des neoliberalen Stallgeruchs der HSG keineswegs selbstverständlich.

Fall Thielemann: Peinlicher HSG-Rektor

Denn der Fall «Thielemann» ist noch taufrisch in Erinnerung. Vor drei Jahren hat Ulrich Thielemann, der damalige IWE-Vizedirektor, vor dem Finanzausschuss des deutschen Bundestags die Steuerhinterziehung und das Bankgeheimnis der Schweiz mit klaren Worten angeprangert. Dabei warf Thielemann den Verantwortlichen des Schweizer Finanzplatzes ein fehlendes Unrechtsbewusstsein vor. Es folgte eine Flut der Entrüstung aus Politik und Wirtschaft. Sogar die Entlassung Thielemanns wurde gefordert. In dieser aufgeheizten Stimmung knickte HSG-Rektor Ernst Mohr ein und distanzierte sich öffentlich von Thielemanns Aussagen, obwohl diese wirtschaftsethisch präzis begründet waren.

Mohr entrüstete sich, Thielemann habe «das richtige Augenmass und die Berücksichtigung der Folgewirkung seiner Aussagen...in erheblichem Masse vermissen lassen». Ohne eine inhaltliche Begründung zu liefern, entschuldigte sich der HSG-Rektor vor den Schweizern, welche sich von Thielemanns Ausagen «persönlich verunglimpft fühlen». Die Distanzierung war umso peinlicher, als Mohr einleitend ein Loblied auf die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung anstimmte. Die HSG erwirtschaftet mehr als die Hälfte ihres Budgets aus Drittmitteln, insbesondere von externen Auftraggebern und Sponsoren. Mohrs Loblied auf die wissenschaftliche Freiheit und der Rüffel für Thielemann entpuppten sich als betriebswirtschaftliche Logik im Interesse der HSG.

Thielemann wurde zwar nicht entlassen, aber als er sich für die Nachfolge des Institutsgründers Peter Ulrich bewarb, wurde er einfach übergangen. Sein Name fehlte auf der Nominiertenliste, worauf Thielemann im Sommer 2010 das IWE verliess, um in Berlin die Denkfabrik für Wirtschaftsethik (MeM) zu gründen, wobei MeM für Menschliche Marktwirtschaft steht.

Harte Kritik an üblen Konzernen

Umso erstaunlicher ist es nun, dass das HSG-Institut für Wirtschaftsethik mit seinen wirtschaftskritischen Gutachten den Public Eye Award unterstützt, welcher die sieben nomminierten Unternehmen hart kritisiert. Zum Beispiel:

«Der Schweizer Energiekonzern Repower will gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung im italienischen Kalabrien ein Steinkohlekraftwerk bauen. Das geplante Kraftwerk liegt mitten im Herrschaftsgebiet der italienischen und europaweit vermutlich einflussreichsten Mafia-Verbindung `Ndrangheta. Repower ist eine Verbindung mit korrupter Politik und mafiösen Strukturen eingegangen, um ein unerwünschtes, sowohl sozial als auch ökologisch unverträgliches Kohlekraftwerk zu bauen. Ihre Entschlossenheit zum Bau hat Berlusconi veranlasst, eine ‚Lex Repower‘ zu erlassen, die die Regionen ihres Mitspracherechts beraubt.»

«Der französische Energie- und Transportkonzern Alstom ist weltweit in Korruptionsskandale verwickelt. Das Vorgehen des Konzerns hat System: Alstom offeriert lokalen Politikern Schmiergeld, teils in Millionenhöhe, um an Aufträge zu kommen. Die Häufigkeit der bekannt gewordenen Fälle legt die Frage nahe, ob es sich dabei um eine bewusst gewählte Geschäftsstrategie handelt.»

«Der Vampir des Finanzkapitals Goldman Sachs scheint Finanzblasen zu lieben. Ob Hypotheken-, Banken- oder Euro-Pleite, fast an jeder grösseren Krise verdient Goldman Sachs kräftig mit. Dabei schreckt die Bank auch nicht davor zurück, ganze Staaten in den Ruin zu stürzen. Goldmans Finanzkonstrukte trieben Griechenland in den Ruin und die EU in die heutige finanzielle Krise. Goldman hat daran kräftig verdient: Milliarden auf Kosten der europäischen Bevölkerung. Goldman Sachs unterhält ein undurchsichtiges, weltweit einzigartiges Netz zu ehemaligen Bankkaderleuten in höchsten politischen Positionen, so wie beispielsweise zu EZB-Chef Mario Draghi.»

«Der Öl-Konzern Shell will zu jedem Preis in der Arktis nach Öl bohren. Shell ignoriert Katastrophen-Warnungen von Wissenschaftlern sowie Millionen von Menschen, die die Arktis schützen wollen. Pete Slaiby, Vize-Chef von Shell Alaska sagte der BBC: ‚Da gibt’s nichts zu beschönigen, ich denke mir, dass es Ölunfälle geben wird, und kein Unfall ist ok.‘ Weder diese bemerkenswerte Einsicht noch eine Pannenserie bei ersten Vorbereitungen in der Arktis haben Shell bisher dazu inspiriert, mehr Geld in Sicherheitsvorkehrungen zu investieren. Shell hat ausserdem die Umstellung auf erneuerbare Energien aus seiner langfristigen Strategie gestrichen.»

Integrative Wirtschaftsethik als Grundlage

In seinen aktuellen Gutachten zum Public Eye Award wendet das IWE die wirtschaftsethische Theorie seines Gründers Peter Ulrich an, der das IWE von 1987 bis 2009 leitete. Die fehlbaren Konzerne sollen durch öffentlichen Druck zu einem umwelt- und sozialverträglichen Wirtschaften gezwungen werden. Ulrich hat die integrative Wirtschaftsethik im Gegensatz zur gängigen korrektiven Wirtschaftsethik definiert. Letztere geht vom Primat der ökonomischen Sachlogik aus, welche durch die Sachzwänge der Gewinnmaximierung bestimmt wird.

Die korrektive Wirtschaftsethik kommt erst dann ins Spiel, wenn soziale und ökologische Schäden eintreten und Korrekturen gefragt sind. Mit anderen Worten, sie betreibt notdürftige Symptombekämpfung. Die Folge ist eine kompromisslose Marktwirtschaft, welche nicht nur keine soziale, sondern auch keine «freie» Marktwirtschaft mehr ist. Dazu Ulrich in seinem Buch «Integrative Wirtschaftsethik» (1997): «Sachzwänge herrschen, wo man hinblickt – zumindest Sachzwangdenken.»

Die integrative Wirtschaftsethik hingegen ist bereits von Anfang an in die Prozesse der Ökonomie integriert. Die Unternehmungen sind laut Ulrich gefordert, «ihre Existenzsicherung und ihren betriebswirtschaftlichen Erfolg ausschließlich mit gesellschaftlich legitimen und sinnvollen Strategien unternehmerischer Wertschöpfung zu erreichen». Wirtschaftsethik ist nicht das Korrektiv zur Ökonomie, sondern ihr Fundament.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Public Eye Award
Institut für Wirtschaftsethik
Denkfabrik für eine menschliche Marktwirtschaft (MeM)

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Eine Meinung

Etwas Neues: Professoren mit Rückgrad. Viele Dank, ein Zeichen, dass wir uns doch entwickeln können. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan?
Urs Lachenmeier, am 24. Januar 2013 um 13:46 Uhr

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