Die Arbeit in der Giesserei war hart – und für die Besitzer profitabel © von Roll
Giesser und Totengräber © NZZ Libro

Die Marktwirtschaft – für Giessereien ein Fluch

Wolfgang Hafner / 13. Jul 2016 - Industrien, die sich der Marktwirtschaft nicht beugen, gehen unter. Das mussten auch etliche Schweizer Firmen erfahren.

Red. Krieg und Eisen gehörten – historisch gesehen – schon immer zusammen. Um Krieg zu verhindern, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die Montan-Union – und damit der Vorläufer der EU – gegründet, mit dem klaren Ziel, den einzelnen Ländern, speziell Deutschland und Frankreich, die eigene Souveränität über die Eisen-(und Kohle-)Produktion wegzunehmen. Und dies mit Erfolg, denn so konnten bisher immerhin 70 Jahre lang Kriege in Westeuropa vermieden werden – eine totale Neuigkeit in der Geschichte Westeuropas! Weniger bekannt ist, dass das Eisen auch in der Schweiz ein «kriegerisches» Thema war. Während aber die Montanunion ein Friedensprojekt war, war die schweizerische Eisenindustrie in Nachfolge nazionalsozialistischen Gedankengutes zumindest teilweise auf Krieg ausgerichtet. Wolfgang Hafner, der Solothurner Historiker, weist anhand eines eben erschienenen Buches «Giesser und Totengräber» von Hanspeter Britt auf solche politischen Zusammenhänge hin.

Giesser und Giessereien, Eisen und Stahl sowie deren Verarbeitung waren von grosser Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz – ganz besonders im Kanton Solothurn. Die wirtschaftliche Blüte des Kantons in der Zwischenkriegszeit gründete zu einem guten Teil auf der Eisen- und Metallindustrie. Solothurn war in dieser Zeit politisch und wirtschaftlich eine bedeutende Wirtschaftsregion in der Schweiz. So war der Präsident des Arbeitgeberverbandes der Metallindustrie (ASM), Mitunterzeichner des Friedensabkommens, in dem eine friedliche Beilegung von Arbeitskonflikten ohne Streiks und Aussperrungen vereinbart wurde, der Solothurner von Roll-Generaldirektor Ernst Dübi. Der Kanton stellte auch in einer schwierigen Zeit die beiden Vorsteher des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes, Hermann Obrecht und Walther Stampfli.

Kürzlich hat nun der aus einer 150-jährigen Giesserei-Dynastie stammende und in Deutschland studierte Giesserei-Ingenieur Hanspeter Britt unter dem Titel «Giesser und Totengräber» ein Buch veröffentlicht, das – wie bereits der Titel ankündigt – auch den Niedergang der schweizerischen Giessereien beleuchtet. Die Eisenwerke von Roll nehmen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle ein. Das von Ludwig von Roll gegründete Unternehmen war während mehr als einem Jahrhundert bis vor wenigen Jahrzehnten das grösste schweizerische «Eisenwerk».

Ökonomisch denkende Manager als Totengräber

Britt beschreibt den Aufstieg und Niedergang der Metall- und Giessereiunternehmen anhand einer etwas schematischen Sichtweise, der schon Karl Marx angehangen hatte: Hie die guten sowie innovativen Unternehmer und Patrons, dort die bösen Manager und Finanzkapitalisten. Nach Britt gibt es so – überspitzt und in Anlehnung an Marx formuliert – einerseits den «Schaffer-» und anderseits den «Rafferkapitalisten». Britt schreibt: «Inkompetenz, Raffgier und Materialismus waren die grössten Feinde der Giesserei-Industrie.»

Während der «Schafferkapitalist» sein Geld durch inneres Engagement und werktätige Arbeit verdient, erspekuliert sich der kühl und einzig ökonomisch denkende, technisch unkundige Manager sein Vermögen. Zu den «Totengräbern» gehören entsprechend Britts Positionierung die «Rafferkapitalisten», das heisst die auf den kurzfristigen Gewinn ausgerichteten Manager und Investoren. Bei von Roll – wo Britt selbst zuerst als Berater und ab Ende Siebzigerjahre als Giesserei-Fachmann angestellt war – seien vor allem die «Erbsenzähler» rund um John Wohnlich für den Untergang des Unternehmens verantwortlich gewesen. Sie hätten mit der Übernahme der von Roll-Leitung in den Siebzigerjahren den Niedergang des patriarchalen Unternehmertums und so auch den Untergang des Unternehmens überhaupt eingeläutet.

Das Vorwort zu Britts Buch verfasste der bekannte Industrie-Historiker Hans-Peter Bärtschi. Bärtschi umschreibt diese Phase der Veränderung – wie sie auch bei anderen grossen Giesserei-Unternehmen wie Sulzer, Escher-Wyss etc. stattfand – mit dem romantisierenden Diktum, dass nun die «Distanz der Manager zu Kunden, Ingenieuren und Arbeitern» gegenüber den früher «stolzen Arbeitern und Lehrlingen» dominiert habe. Mithin also die «Rafferkapitalisten» (Finanzleute und Manager) die «Schafferkapitalisten» (Praktiker und patriarchalen Unternehmer) aus dem Markt gedrängt hätten. Damit seien – so wird implizit angenommen – der Niedergang der Giessereien eingeläutet worden beziehungsweise die «Totengräber» zum Zug gekommen.

Der Metallurge, der den Niedergang bei von Roll einleitete

Diese Ausführungen lohnen einen kritischen Rückblick auf die Geschichte der Giessereien sowie der Eisen- und Stahlindustrie in der Schweiz, insbesondere auf die von Roll-Werke. Denn die vermeintlich «glorreiche» Zeit dieser Industriezweige – insbesondere der Eisenwerke von Roll – wird ja vor allem in der Nachkriegszeit bis in die Siebzigerjahre vermutet. Doch gerade in dieser Epoche wurden bei von Roll die eigentlich entscheidenden Weichenstellungen eingeleitet, welche wesentlich zum Niedergang beitrugen.

Prägend für die Entwicklung der Nachkriegszeit war vor allem der von Roll-Generaldirektor Robert Durrer. Durrer, geboren 1890 in Arbon und 1978 in Zumikon verstorben, wurde bereits als 38-Jähriger 1928 als Professor für Eisenhüttenkunde an die Technische Hochschule Berlin berufen, wo er als Metallurge und Mitglied der stark nazionalsozialistisch geprägten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im technologischen Zentrum der deutschen Kriegsvorbereitung tätig war. 1943 kehrte Durrer in die Schweiz zurück und trat eine Stelle als Generaldirektor bei von Roll an. Gleichzeitig wurde er auch als Professor für Metallurgie an die ETH berufen. Von 1952 bis 1959 war Durrer Direktoriumspräsident der von Roll und übernahm anschliessend von Walther Stampfli – er war 1947 als Bundesrat zurückgetreten – das Präsidium des von Roll-Verwaltungsrates bis 1969. In Britts Buch wird Durrer bloss nebenbei als ETH-Metallurge erwähnt, nicht jedoch in seinen wichtigen Funktionen bei von Roll.

Durrers Fähigkeiten sowie seine Forschungen als Metallurge waren und sind unbestritten. So entwickelte er 1948 beispielsweise in einer Pilotanlage der von Roll in Gerlafingen ein Verfahren zum Stahlfrischen mit reinem Sauerstoff (Sauerstoffaufblas-Verfahren). Dank diesem Verfahren konnte eine bessere Stahlqualität bei kleineren Produktionskosten erreicht werden, wie Verwaltungsratspräsident Walther Stampfli anlässlich der Generalversammlung des Unternehmens im Jahre 1950 hoffnungsfroh verkündete. Benannt wurde das Verfahren zur Auffrischung von kohlenstoffreichem Roheisen zu kohlenstoffarmem Stahl allerdings nach den Orten Linz (Oberösterreich) und Donawitz (Steiermark), wo es verfeinert und im Produktionsprozess angewandt wurde. In der Schweiz, bei von Roll, wurde das Linz-Donawitz-Verfahren kaum verwendet, da nicht genügend Roheisen für eine rationelle Auffrischung zur Verfügung stand.

Der Ideologe des Eisens

In seiner politisch-strategischen Ausrichtung war Durrer ein Ideologe des «Eisens», ein überzeugter Anhänger der Auffassung, dass der nächste Krieg bevorstehe und es dabei vor allem darum gehe, entsprechende Eisen- und Stahlgiessereien sowie -produktionsanlagen zur Deckung des Bedarfs an Rüstungsgütern für den Kriegsfall bereitzustellen. Für Durrer war Eisen in diesem Sinne ein «Schicksalsmetall». Dazu war Durrer ein Moralist, beseelt von hohen Idealen fern der verpönten Geldwirtschaft. Durrer war gegen marktwirtschaftliches Denken: «Das Nur-in-Geld-Denken anstatt in Rohstoff könnte sich einmal bitter rächen.» Und er blieb weiterhin, auch nach dem Krieg, Anhänger einer korporatistisch-idealistischen Philosophie, die eines der Fundamente des Nazionalsozialismus bildete: «Auf lange Sicht gibt es nur eine Abwehr gegen das Gift des Kommunismus: Eine innere Wandlung des Einzelnen und damit der Völker durch die Erkenntnis, dass ein auf die Gemeinschaft ausgerichtetes Leben edler und schöner ist als ein nur den vermeintlich persönlichen Vorteil suchendes, dass dem Gewissen und nicht dem Verstand, dass der Seele und nicht der Materie die Führung gebührt.» Mit diesen Ausführungen schloss Durrer nahtlos an die in der Zwischenkriegszeit geäusserten Gedanken Dübis an, der vor allem den ethischen Wert unternehmerischer Tätigkeit betonte.

Es ist daher nur folgerichtig, dass Durrer während seiner ganzen Tätigkeit bei von Roll Investitionen in die Giesserei und die Stahlerzeugung vorantrieb, obwohl bereits seit 1963 feststand, dass von Roll-Spezialitäten wie Kraftwerksbau, Seilbahnen, Kehrichtverbrennungsanlagen und Abwasser-Kläranlagen insgesamt ertragreicher waren. Noch 1968 steht im von Roll-Geschäftsbericht, von den in den letzten zehn Jahren vorgenommenen Investitionen in der Höhe von 241 Millionen Franken seien rund «ein Fünftel auf das Stahl- und Walzwerk und je zwei Fünftel auf die Giessereien beziehungsweise die Weiterverarbeitungsbetriebe» aufgewendet worden. Durrers Traum von einem Ruhrpott bei Gerlafingen scheiterte in der Folge an der Realität der Marktwirtschaft.

Abschottung und Rüstungswirtschaft

Parallel zu dieser Ideologie des Eisens wurde der Philosophie der Abschottung zwecks Aufrechterhaltung der Selbstversorgung gefrönt, denn nur so liess sich die eingeschlagene Strategie rechtfertigen: Für die Eisen- und Stahlproduktion musste genügend Schrott vorhanden sein. Von Roll machte sich daher für ein Exportverbot stark. Zum Teil wurde mit zweifelhaften Methoden für Dumpingpreise und gegen die Ausfuhr gekämpft. So erliess etwa ein früherer von Roll-Direktor und späterer Leiter der eidgenössischen Sektion für Eisen und Maschinen 1954 willkürlich für bestimmte Metalle eine Ausfuhrbeschränkung. Er verfügte: Sie seien exklusiv von Roll anzubieten.

Mit der Öffnung der Märkte, z.B. durch die Freihandelszone, wurde auch der Ruf nach «ein(em) minimalen Zollschutz» für die Eisen- und Stahlindustrie laut. Gleichzeitig wurde das Engagement in der Rüstungsindustrie (Panzer Pz 61 und Pz 68) vorangetrieben. Das verschaffte zwar einzelnen Sparten der von Roll wie etwa der Hydraulik Spielraum für Weiterentwicklungen, verzögerte aber gleichzeitig deren Einstieg in den marktorientierten Zivilsektor.

Das Hohelied auf das «Eisen» des vielfach ausgezeichneten Metallurgen Durrer hatte weitere verhängnisvolle Auswirkungen auf die Geschäftsstrategie der von Roll: Vielfach wurde im Stahl- und Giesserei-Sektor nur ungenügend rationalisiert und Varietäten zu stark gepflegt. Die Rentabilität der Produktion war kaum ein Thema. Mangels einer klaren Strategie konkurrenzierten sich auch die einzelnen Werke untereinander.

In einer zunehmend auf den Markt ausgerichteten Gesellschaft war diese von Durrer gepflegte Geschäftsstrategie nicht mehr durchzusetzen und geriet nach dem Ölschock sowie der Öffnung der Märkte in arge Bedrängnis. Dazu kam, dass in diesem vorwiegend auf Massenproduktion (Bauindustrie etc.) ausgerichteten Sektor in der Hochpreisinsel Schweiz zunehmend nur noch spezialisierte Nischenprodukte marktkonform hergestellt werden konnten.

Der Autor des Buches zur Geschichte der Schweizer Giessereien, Britt, träumte noch in den Siebzigerjahren mit Bezug auf die Schweiz davon, «dass, in wenigen, dafür aber grösseren Firmen mehr produziert werde». Er musste später – wie er selbst etwas resigniert schreibt – feststellen: «Das Gegenteil trat ein. Hier wurde in weniger, aber kleineren Giessreien weniger produziert.» Britt sieht denn auch in diesen patriarchal geführten Klein- und Mittelunternehmen die Zukunft der Giessereien in der Schweiz. Und warnt im Rückblick gleichzeitig vor der Börse: «Das Geld, vor allem dasjenige in börsenkotierten Firmen, behielt immer mehr die Oberhand. Gewinnmaximierung war das Schlagwort… Wachstum bedeutete Macht; viele Unternehmer wurden macht- und geldhungrig...» Da beginnt sich der Kreis zu Durrer, der ebenfalls ein Gegner der Marktwirtschaft war, wieder zu schliessen.

Hanspeter Britt: Giesser und Totengräber – Geschichte der Schweizer Giessereiindustrie, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Wolfgang Hafner ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Er ist Autor von mehreren Büchern und Mitautor der Solothurnischen Kantonsgeschichte. – Der obenstehende Artikel erschien zuerst in der Solothurner Regionalausgabe der "Schweiz am Sonntag".

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