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Gerhard Schwarz, kaufen Sie häufiger selber ein!

Urs P. Gasche / 08. Jan 2017 - Sie sind ex-NZZ-Redaktor, ex «Avenir Suisse»-Direktor und «Ordnungspolitiker» und ignorieren, dass ein Markt Transparenz braucht.

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Sie wehren sich gegen eine «Verregulierung» beim Essen. Es sei «bedenklich», schreiben Sie in Ihrer NZZ-Kolumne vom 7. Januar, «wenn der Staat versucht, die Menschen mit Geboten und Verboten ... zu einem von ihm als ‹richtig› vermuteten und definierten Modell des gesunden und guten Lebens zu erziehen».

  • Hier finden Sie alle Folgen der Serie «Die Schiwoff-Affäre – vor 60 Jahren»
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    Sie fahren fort: «In einer freien Gesellschaft müssen die Menschen selbst entscheiden können, ob sie aus ihrem Leben alles ausschliessen wollen, was ungesund, unhygienisch, abenteuerlich oder auch unmoralisch ist.» Alles andere sei eine «Entmündigung».

    Er ass längst das Griess des verurteilten Landesverräters, als am 26. November 1957 erstmals Anklage erhoben wurde. Vorgängig, am 26. März, hatte die schweizerische Landesregierung dem Antrag des damaligen Vorstehers des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes, Feldmann, stattgegeben, die «Ermächtigung zur Strafverfolgung» erteilt und Untersuchung sowie Beurteilung der Akte S. – der, offensichtlich, nationale Bedeutung beigemessen wurde – den Strafverfolgungsbehörden des Kantons Zürich übertragen. Und zwar «betreffend Hervorrufung oder Unterstützung gegen die Sicherheit der Schweiz gerichteter ausländischer Unternehmungen oder Bestrebungen (Art. 266bis StGB), politischen Nachrichtendienst (Art. 272 StGB) und allenfalls wirtschaftlichen Nachrichtendienst (Art. 273 StGB)».

    Obwohl sich der zuständige Zürcher Bezirksanwalt Bertschi – der 1968 als Polizeikommandant der Stadt Zürich auf dem Balkon des bahnhofsnahen Hotels Du Nord, krawallierende Jugendliche und prügelnde Polizisten zu seinen Füssen, den für schweizerische Verhältnisse legendär gewordenen Ausspruch getan haben soll: «Jezt vertätschtsi mi dänn!» –, obwohl sich Bertschi 1958 auf die Gefährdung der schweizerischen Sicherheit durch ausländische Unternehmungen und politischen Nachrichtendienst beschränkte, den wirtschaftlichen Nachrichtendienst als Anklagepunkt von vornherein fallen liess – schliesslich hatte sich S. die Informationen über die Schweizer Wirtschaft nicht durch Werkspionage, sondern durch kommunes Zeitungslesen angeeignet –, setzte das Bezirksgericht Zürich am 11. Februar 1958 den Entscheid über die Anklage gegen S. aus und gab dem womöglich einigermassen verdatterten Bezirksanwalt die Akten zurück, zwecks Ergänzung der Untersuchung und Abänderung der Anklage, die er gehorsam umformulierte, aber nicht substanziell veränderte.

    • Denken Sie an die Werbung, welche ihre Aussagen – anders als wir in den Medien – nicht beweisen muss.
    • Denken Sie an versteckte Inhaltsstoffe wie Zucker oder gesättigte Fettsäuren, an absichtlich täuschende Abbildungen auf Verpackungen, an die Verschleierung der Produktionsmethoden wie der Tierhaltung und an vieles mehr.
    • Die kleingedruckten Tabellen mit Inhaltsangaben in Prozentzahlen würden auch wohl Sie nur verstehen, wenn Sie mindestens zwei Semester Lebensmitteltechnologie studiert hätten.

    Sein Anwalt, berichtet S. schmunzelnd, habe die ganze Anklageschrift lächerlich gemacht, «verrupft», dem Bezirksanwalt – der auf ein mündliches Plädoyer verzichtet, sich ganz auf seine schriftlichen Ausführungen verlassen und nur für ergänzende Fragen des Gerichtes zur Verfügung gehalten habe – auf den Kopf zu gesagt, er habe, wohl, «nicht mehr alle Tassen im Schrank», und dem Gericht habe er am Schluss seiner «sehr guten Rede» zugerufen, wenn die Argumentation des Anklägers zutreffe, «sind wir am Ende alle Landesverräter». S. grinst – «und das von einem freisinnigen Anwalt von der Bahnhofstrasse». S., der in seinem Schlusswort erklärte, sich keiner Schuld bewusst zu sein, erhielt das Urteil, wie alle Beteiligten, schriftlich zugestellt und musste lesen: «Gefunden und erkannt: 1. Der Angeklagte ist schuldig im Sinne des Art. 266bis StGB des Inverbindungtretens mit einem fremden Staate mit dem Zwecke, ausländische gegen die Sicherheit der Schweiz gerichtete Bestrebungen hervorzurufen. Eines weiteren Vergehens ist er nicht schuldig. 2. Er wird verurteilt zu einem Monat Gefängnis, wovon zwei Tage als durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden gelten. 3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf drei Jahre festgesetzt.»

    Als ob nichts gewesen wär …

    Ende der Fünfzigerjahre nahm auch in Gewerkschaftskreisen kaum jemand Kenntnis von diesem Urteil, davon, dass die Anklage gegen den 1956 als Spion, Landesverräter und Denunziant durch die Schweizer Gazetten gezerrten S. in wesentlichen Punkten abgewiesen wurde. «Schuldspruch und Strafmass sind als nicht mehr denn als Sühne für eine moralische Schuld aufzufassen, nachdem es nicht gelungen ist, den Angeschuldigten eines Verbrechens gegen den Staat oder die Landesverteidigung zu überführen», kommentierte die Tat. Aber keiner von S.‘ ehemaligen Kollegen – die ihn vor Beginn des Gerichtsverfahrens abgeurteilt hatten – entschuldigte sich. Alle schwiegen, schüttelten dem später zum VPOD Zurückkehrenden bei entsprechender Gelegenheit die Hand – als ob nichts gewesen wär. Erst auf dem Sterbebett, viele Jahre später, womöglich durch S.‘ Blumenstrauss beschämt, überkam es Kollege Richard M. – der noch am 5. Januar 1957 behauptet hatte, S. sei bis zu seiner Verhaftung in Spionageaktivitäten verwickelt gewesen, was Bundesanwalt Dubois nur zwei Tage später persönlich und eindeutig als «Unwahrheit» qualifizierte –, der ehemalige SP-Nationalrat und Chef der PTT-Union murmelte, in S.‘ Erinnerung: «Ich habe damals vielleicht schon ein wenig danebengehauen, aber, gäll, du nimmst es mir nicht übel?» Wer verweigert schon einem Sterbenden die Hand? Der versöhnliche S. – der am Ende doch noch seinen grossen Traum, Kommunist und Gewerkschaftssekretär in einem zu sein, hatte verwirklichen können – sicher nicht.

    Als er 1958 an der Gerichtskasse seine Schulden begleichen wollte – «Die Gerichtsgebühr», hatten die Richter verfügt, «wird festgesetzt auf Fr. 150.–; die übrigen Kosten betragen: 3.– Vorladungsgebühren, 27.– Schreibgebühren, 5.20 Porti und Zustellungen, 1.80 Untersuchungskosten» – und das Portemonnaie gezückt, habe der zuständige Beamte ihm zugeraunt: «Geben Sie mir fünf Franken für das Porto, dann ist die Sache erledigt.» Da er, S., nicht grad verstanden, wahrscheinlich ziemlich baff ins Zürcher Bezirksgebäude hinaus geglotzt, habe der subalterne Staatsdiener erklärt: «Wir hier finden das nicht in Ordnung, wiemers ine gmacht hätt.»

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    Das gleiche Lied bei den Versicherungen: Diese verwenden für vergleichbare Leistungen nicht einmal gleiche Begriffe. Wenn ich einen «Berater» (=Verkäufer) frage, welches denn die Vor- und Nachteile im Vergleich mit dem Angebot einer andern Versicherung sind, erhalte ich keine Antwort. Er will mich und Sie einfach zu Produkten überreden, für die er einen Kickback kassiert.

    Bei Kleidern und Schuhen können Sie mich gerne darüber aufklären, wie ich Exemplare bevorzugen kann, die bei der Produktion weder Menschenrechte noch Menschenwürde verletzen.

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    Hier ist der Staat gefragt, der für den Markt möglichst faire Spielregeln erlassen muss. Dazu gehören in erster Linie grösstmögliche Transparenz und Vergleichbarkeit.

    Sie hatten sicher nichts dagegen einzuwenden, als der Staat beispielsweise verfügte, dass auf allen Lebensmitteln der Preis und die Nährwertangabe pro 100 Gramm angegeben werden muss. Doch die heutigen Deklarationen genügen nicht, um gesund, hygienisch und moralisch einzukaufen.

    Ich kann Sie beruhigen: Für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit bräuchte es keine zusätzlichen Regulierungen, nur andere als heute. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich publizistisch dafür einsetzen. Je mehr Transparenz und Vergleichbarkeit, desto mehr kann man – Ihrem Wunsch gemäss – auf eine «Verregelung und Verriegelung des Alltags durch die Politik» verzichten.

    Eine Antwort von Ihnen veröffentlichen wir gerne an dieser Stelle.

    Mit freundlichen Grüssen

    Urs P. Gasche

    Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Keine. Der Autor war von 1985 bis 1995 Leiter der Konsumentensendung «Kassensturz» beim SRF TV.

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    5 Meinungen

    Einst bedeutete liberal Befreiung von alten Dogmen, Hoffnung feudale Strukturen endgültig über Bord schmeissen zu können. Staatstragend seien sie gewesen, die einstigen Liberalen und mächtig sind sie geworden.
    Dann schmolz die FDP dahin. Mit der Entwicklung zum sogenannten Neoliberalismus, eigentlich der Herrschaft der ungezügelten Marktideologie, löste sich ihre Glaubwürdigkeit in Luft auf. Genau, wie oben beschrieben, ohne Wahlmöglichkeit auf Grund korrekter Informationen ist Markt eine Farce und überhaupt nicht frei.
    Bei der Nahrung wird es tragisch: wir essen uns krank und wissen gar nicht recht wieso. Wissen über Ernährung, Nahrungsbeschaffung und Stoffwechsel zu vermitteln wird der Werbung überlassen und nicht ernst genommen.
    Maja Beutler-Vatter, am 08. Januar 2017 um 16:24 Uhr
    Zitat von Aadil Ahmad Ganaie, Student der Oekonomie, Universität Hyderabad.

    But what can you do when you have a captured democracy? The government is now a tool to provide protection to the corporate profits!

    Ich mag auch sehr eines von Henri Lacordaire (1802-1861), in 52e Conférence de Notre-Dame, 1848.

    'Entre le fort et le faible, entre le riche et le pauvre, entre le maître et le serviteur, c'est la liberté qui opprime et la loi qui libère.'
    Uwe Borck, am 08. Januar 2017 um 17:30 Uhr
    Lieber Herr Gasche,
    jetzt verlieren Sie aber wirklich Ihre Zeit, einen Marktdogmatiker wie Gerhard Schwarz dazu zu bringen, irgendetwas an seinem Dogma in Frage zu stellen, ist schwieriger, als einen Zeugen Jehovas zum Atheismus zu bewegen. Meine Prognose: Wenn Sie eine Antwort erhalten, dann werden Sie darin über Ihre Irrtümer belehrt.
    Walter Schenk, am 09. Januar 2017 um 14:53 Uhr
    wäre interessant die Antworten dazu zu lesen. Fragen sind ein wunderbares Werkzeug um die dahinterliegenden Motivationen aufzudecke(l)n. Danke für diesen Beitrag!
    Barbara Vögeli, am 10. Januar 2017 um 16:56 Uhr
    Die Fragen sind gut!
    Aber ich fürchte, wir können warten, bis wir schwarz werden, und erhalten doch keine brauchbare Antwort von diesem Herrn.

    Zum Zitat: «In einer freien Gesellschaft müssen die Menschen selbst entscheiden können, ob sie aus ihrem Leben alles ausschliessen wollen, was ungesund, unhygienisch, abenteuerlich oder auch unmoralisch ist.»
    Bis zum zweitletzten Wort könnte ich zustimmen. Dass in einer freien Gesellschaft alle selber entscheiden sollen, ob sie unmoralisch handeln wollen, ist natürlich Unsinn. Dann dürften sie ja auch morden, stehlen und betrügen, wenn ihr Sinn gerade danach stünde.
    Daniel Heierli, am 18. Januar 2017 um 21:52 Uhr

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