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Bewertungen auf TripAdvisor

Die Restaurantkritik boomt auf Online-Portalen

Heinz Moser / 07. Nov 2015 - Manche Restaurants bangen um ihre Existenz, wenn sie im Netz verbal abgeschlachtet werden. Dabei sind die Bewertungen oft unfair.

Das «Loiseau des Ducs» im französischen Dijon konnte ihm nichts recht machen: Ein enttäuschter Gast, der sich selbst als «Aufklärer» bezeichnete, liess kein gutes Haar am Edelrestaurant und schrieb auf einem Online-Portal: «Ein stark überbewertetes Restaurant, das prunkvoll daherkommt, aber wenig auf die Teller bringt. Der üppigste Teller ist jener mit der Rechnung». Pech für den Kritiker: Das eben neu eröffnete Restaurant war noch gar nicht offen, als er dort gegessen haben wollte. Böswillig und falsch sei diese Kritik gewesen, befand deshalb ein Gericht in Dijon, und verurteilte den Kritiker zu 2500 Euro Strafe sowie von 5000 Euro Justizkosten.

Seit die traditionellen Restaurantführer und ihre Bibeln wie der «Guide Michelin» oder der «Gault-Millau» von Internetportalen überrollt werden, kann jeder Gast auf dem Netz seine Meinung kundtun und sich zum Beispiel bei TripAdvisor seinen Frust vom Leib schreiben. Und die vielen Kochsendungen im Fernsehen wie «SwissDinner», wo sich Hobbyköche gegenseitig be- und verurteilen, verstärken noch den Eindruck, dass häufig die Scharfrichter in den Küchen das Messer in der Hand führen.

Nicht nur das «Loiseau des Ducs» wehrt sich

Manche Restaurants beginnen sich wie das «Loiseau des Ducs» gegen übertriebene und gehässige Bewertungen zu wehren. Dass Gerichtsurteile sich häufen, zeigt auch ein anderes Beispiel aus Frankreich: So hatte eine Bloggerin im «Il Giardino» im französischen Cap-Ferret gespeist und war arg enttäuscht. In ihrem Blog «Les Chroniques Culturelles» schrieb sie daraufhin über ihren Besuch: «Der Ort, den man in Cap Ferret meiden soll: Il Gardino». Ihr Verriss am miserablen Service und dem schlechten Essen gipfelte in der Aussage : «Ein Restaurant, das wir nie mehr besuchen werden, da sich die Chefin für eine Diva hält.» Auch hier kam es prompt zu einer gerichtlich verhängten Busse von 2500 Euro, weil der Verriss dem Geschäft grossen Schaden zugefügt habe.

Doch der Schaden kann vom Gardino trotz der Busse nicht abgehakt werden. Das Il Gardino ist aufgrund der Bewertungen auf TripAdvisor auch heute noch erst als zwölftes von neunzehn Restaurants in Cap Ferret eingestuft. Noch im August 2015 berichtet ein Gast: «Um es zusammenzufassen, das Essen und der Empfang waren gut, der Service aber komplett amateurhaft.» Ob da die Kritik an der divahaften Chefin noch immer im Hinterkopf mitgespukt hat?

Christian Rach schlägt zurück

Auch der Restauranttester Christian Rach, der das Genre der Restaurantkritik im deutschen Fernsehen hoffähig gemacht hat, ärgert sich mittlerweile daran, dass Laien in sein ureigenstes Metier eingebrochen sind. Er befürchtet, dass damit die sachgerechte und faire Kritik an den Leistungen der Restaurants verloren geht. In seiner neusten Sendung «Rach undercover» auf RTL will er nicht nur überforderten Gastronomen unter die Arme greifen; er will auch herausfinden, wie weit Online-Rezensenten Recht haben, oder nur, wie er sich ausdrückt, «Trolle» sind, die dem Restaurant schaden wollen. Steckt hinter diesen Trollen wirklich Sachverstand oder leben sie ihre narzisstischen Bedürfnisse aus?

Rach besucht in einer der Folgen mit einer Kritikerin das «Frohsein» in Frankfurt. Sie hatte zu diesem Restaurant nicht gerade auf die feine Tour getextet: «Selbst der Hunger hat es nicht geschafft, dass schlechte Essen runter zu zwingen». Der Restauranttester stellt sie nun selbst auf die Probe und setzt ihr ein Schnitzel mit Hühner- anstatt Kalbfleisch vor. Weil die Kritikerin dies nicht sofort erkennt, triumphiert Rach schon fast hämisch – ähnlich wie in einer der nächsten Folgen, als der «Troll» den Steinbutt nicht vom Heilbutt unterscheiden kann. Doch obwohl die Kritikerin ihre Meinung über das Restaurant bei einem zweiten Testessen dank Rach ins Positive verändert hat, kann man den ursprünglichen Verriss bis heute unverändert auf TripAdvisor nachlesen.

Restaurant- und Hotelbesitzer kaufen Bewertungen ein

Es ist keine Frage, dass schlechte Kritiken in Online-Portalen existenzgefährdend sein können. Dabei gibt es unzählige wenig glaubwürdige Bewertungen im Netz. Eine Studie der Fachhochschule Worms schätzt, dass etwa ein Drittel der Bewertungen auf Portalen wie TripAdvisor unglaubwürdig sind. Das gilt nicht nur für die böswilligen Kritiken, sondern auch für die positiven und begeisterten.

Denn Bewertungen sind im Internet käuflich, wie auf einer Website nachzulesen ist. Ein Anbieter von positiven Beurteilungen schreibt mit einem versteckten Hieb auf das Bewertungsportal: «TripAdvisor kümmert sich nicht um Sie, Ihre Reputation oder um Ihren Betrieb, sie sind nur an den Zahlen interessiert. Wir verstehen, welche Konsequenzen negative Berichte haben können und bieten positive Bewertungen über ihren Betrieb auf TripAdvisor an». 20 Dollar kostet hier eine positive Kritik - und das sei nur ein «Entgelt» für die Untersuchung des Betriebs und die dafür aufgewendete Zeit, keineswegs aber für die gute Bewertung…

Das Technikmagazin «Audio Video Foto Bild» (6/ 2012) hat bei mehreren Online-Portalen gezeigt, wie das funktioniert. Die Redaktoren der Zeitschrift spürten im Internet über Google Fälscherwerkstätten auf, welche gegen Bares die gewünschten positiven Bewertungen produzieren. Und gleich hatten sie erste Anfragen in ihrem Email-Körbchen: Der Paketpreis für die ersten 45 Bewertungen betrug bei einem ersten Anbieter 190 Euro, bei einem zweiten 299 Euro. Insgesamt gaben diese dann etwa 100 Bewertungen ab, ohne dass die Portale diese als Fälschungen erkannten.

Die Informationen für solche Bewertungen stammen zum Teil aus bereits vorhandenen Kundenbewertungen, oder die Agentur rekrutiert günstige Freelancer, die pro Kritik einen Euro erhalten. Das geschieht weltweit. Ein Restaurant, das Bewertungen aus der ganzen Welt aufweisen kann, belegt deshalb nicht unbedingt sein internationales Renommee.

Was kann der irritierte Gast tun?

Vorsicht ist also am Platz, wenn man sich auf Restaurantkritiken verlassen will. Manchmal wird es schnell klar, dass es Sonderwünsche der Kunden sind, die den Ärger verursachen. So heisst es bei einer dieser Kritiken: «Kinderstuhl mussten wir selber nach draussen tragen». Das mag ärgerlich sein, sagt aber noch wenig über Essen und Ambiente des Restaurants aus.

Schon mehr irritieren die beiden folgenden Einträge bei einem Restaurant in Zürich: In der ersten Bewertung heisst es unter dem Titel «Super leckere Pasta»: «Dieses Restaurant wurde mir empfohlen und zu recht. Die Pasta die wir gegessen haben waren einfach köstlich. Einziges Manko, eine große Flasche Wasser war teurer als die Suppe!!!!!!»

Die zweite Bewertung steht beim gleichen Restaurant unter der Überschrift: «Sehr enttäuschend»: «Der Service war extrem schlecht, wir mussten eine halbe Stunde warten, bis jemand für die Bestellung kam. Und was war das Resultat? Aufgewärme Pasta mit Fertigsauce. Nein Danke!»

Es kommt einem vor, wie wenn zwei verschiedene Restaurants bewertet worden wären. Vielleicht hält man sich da doch besser an einen Profi-Guide. Doch am besten fahren nach wie vor alle jene, die ihre eigenen Restauranttester sind und auf ihren Gaumen vertrauen. Bei ihnen ist man wenigstens sicher, dass das Restaurant auch besucht wurde, von dem sie über die Highlights oder die «No-Gos» berichten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Eine Meinung

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Onlineortale mit Bewertungen von Laien über Essen sind immer kritisch anzusehen. Jeder Mensch hat ein anderes Empfinden und jeder hat, zum Glück, einen anderen Geschmack.

Das diese Portale nicht in der Lage sind Fälschungen zu erkennen ist mehr als traurig.
Michael Dittrich, am 07. November 2015 um 10:15 Uhr

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