Kaufen und Verkaufen innert Mikrosekunden – losgelöst von der Realwirtschaft © ARD

Mikrosekunden-Wettgeschäft an Börsen verbieten

Urs P. Gasche / 13. Okt 2016 - Die «bürgerliche Mehrheit», mitfinanziert von der Finanzwirtschaft, schaut dem gefährlichen Casino-Treiben untätig zu.

«Den Finanzmärkten wäre wohl besser gedient, wenn es diese Computerhändler gar nicht gäbe», schreibt Finanz-Korrespondent Krim Delko in der NZZ vom 11. Oktober. Schon vor zwei Jahren schätzte Franca Contratto, Assistenzprofessorin für Finanzmarktrecht an der Universität Zürich, dass der Mikrosekunden- oder Hochfrequenzhandel in den USA bereits mehr als die Hälfte aller Börsenumsätze betrifft, in der Schweiz über einen Viertel.*

Unter dem Titel «Computerhandel schadet dem Markt» beschreibt die NZZ das Vorgehen der sogenannten «Algo-Trader» (Algorithmus-Händler): «Die Algo-Trader handeln Finanzinstrumente unter Verwendung von Computermodellen, und sie müssen dabei jederzeit in der Lage sein, ihre Strategien innert Millisekunden auszuführen. Sie sind so extrem auf Schnelligkeit des Handels angewiesen, dass sie ihre Server sogar in die Nähe der Computer der digitalen Marktplätze stellen, um den Datentransfer zu beschleunigen.»

Kürzlich hätten die Algo-Trader zum sogenannten «Flash-Crash» des britischen Pfundes beigetragen, als die Währung mitten in der Nacht plötzlich um mehr als sechs Prozent einbrach. Überraschend sei weniger, dass die Algo-Trader als Schuldige ausgemacht wurden, meint der NZZ-Korrespondent, «als vielmehr, dass niemand deren Präsenz und Gefahr für die Finanzmärkte betont».

Das unnütze Casino-Treiben gefährdet nicht nur die Finanzmärkte, sondern mit ihnen die Realwirtschaft. Doch unsere bürgerliche Mehrheit im Parlament, deren Parteien SVP, FDP und CVP von der Finanzwirtschaft mitfinanziert sind, schreitet nicht ein. Unabhängige Finanzwissenschafter verlangen schon lange, die Mikrosekundenspekulation zu verbieten. Für die Realwirtschaft ist sie ohne Nutzen. Infosperber hatte am 15.5.2015 darüber berichtet: «Finanz-Casino ist ohne Nutzen».

Fixierung der Börsenkurse einmal täglich würde genügen

«Die aus dem Ruder gelaufene Finanzwirtschaft soll künftig wieder der Realwirtschaft dienen», erklärt Marc Chesney, Professor

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für «Quantitative Finance» an der Universität Zürich. Bereits im November 2012 hatte er mit andern Autoren im «Le Monde» vorgeschlagen, den Mikrosekundenhandel an den Börsen abzuschaffen und die Börsenkurse nur ein Mal täglich oder wöchentlich durch Angebote und Nachfrage zu fixieren.

Wirtschaftsblatt: «Revolutionärer Vorschlag»

Der österreichische Finanzwissenschafter und Kritiker des Neoliberalismus Stephan Schulmeister schlug im «Wirtschaftsblatt» in die gleiche Kerbe wie Chesney vovr ihm: Er will auf allen Finanzmärkten den «Fliesshandel, der mittlerweile in Mikro-Sekunden stattfindet, abstellen und übergehen zu elektronischen Wertpapier-

Auktionen alle zwei Stunden». So wie das bereits heute mit den Eröffnungskursen geschehe, die nach Orderbuch gebildet werden.

Falls Börsenkurse nur alle zwei Stunden gebildet würden, falle der «ganze Trading-Wahnsinn» weg. Die Händler müssten sich vor der Auktion mit dem wahren Wert einer Aktie auseinandersetzen, weil ja ein angebotener Kauf- oder Verkaufspreis vorhanden sein müsse. Das seien «genau die Bedingungen für echte Markteffizienz». Und dies bei «null Kosten».

Gleicher Meinung ist Marc Chesney: Das Abschaffen der Mikrosekunden-Spekulation würde «weder die Unternehmen, noch die Steuerzahler, noch die Unternehmen noch den Staat etwas kosten». Nur die Finanzwirtschaft würde der Casino-Tätigkeit beraubt und müsste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren, eine Finanzanbieterin und -vermittlerin zu sein für die Industrie, für die Dienstleistungsbranche sowie für Konsumentinnen und Konsumenten.

Das österreichische «Wirtschaftsblatt» bezeichnet Schulmeisters Vorschlag als «revolutionär»: «Die Zockerei soll damit unattraktiv werden und wieder mehr Kapital soll in Investitionen der Realwirtschaft fliessen

Für die Realwirtschaft nur Vorteile

Ob die Preisbestimmung an den Börsen alle zwei Stunden oder nur einmal täglich stattfindet, ist nicht entscheidend. Die Finanzwirtschaft, mit ihrem hohen Risikopotenzial für die gesamte Wirtschaft würde mit dem Abschaffen der automatisierten Spekulation im Mikrosekundentakt zum Wohle der Realwirtschaft zurückgedämmt.

Unternehmen würden heute trotz billigem Geld kaum mehr investieren, sondern ihr Geld lieber an den Finanzmärkten anlegen, weil sie dort mehr verdienen, kritisiert Schulmeister. Konzerne investierten zu wenig in die Realwirtschaft und zu viel in Finanzanlagen. An dieser Konstellation müsse «jedes kapitalistische System zugrunde gehen».

Im «Le Monde» hatte Chesney den amerikanischen Broker Thomas Peterffy zitiert, der am «American Stock Exchange» am Einführen des elektronischen Handels wesentlich beteiligt war und später erklärte: «Die Börse funktioniert wie ein riesiges Casino, mit dem Unterschied, dass ein Casino transparenter und leichter zu verstehen ist.»

Als weitere Vorteile einer gestaffelten Festlegung der Börsenkurse sieht Chesney, dass Geldwäscherei sowie Steuerbetrug erschwert und weniger toxische Finanzpapiere geschaffen würden, die zur grossen Finanzkrise im Jahr 2008 wesentlich beigetragen haben.

Die Mikrosekunden-Spekulation besteuern, wäre noch besser

Den Auswüchsen des Finanzcasinos wäre auch mit einer Finanztransaktionssteuer oder einer noch umfassendere Mikrosteuer auf dem ganzen Zahlungsverkehr beizukommen. Eine Mikrosteuer auf den Wertpapier- oder allen Finanztransaktionen würde der Realwirtschaft nicht schaden, sondern ihr – bei einer gleichzeitigen Senkung der Einkommens- und Unternehmenssteuern – sogar helfen.

Stephan Schulmeister hat das Konzept einer generellen Finanztransaktionssteuer mit entwickelt, doch habe er «die Hoffnung aufgegeben, dass sie in absehbarer Zeit kommt».

Auch Professor Chesney würde eine solche Mikrosteuer vorziehen. «Eine Steuer auf sämtlichen elektronischen Zahlungen wäre eine echte Einnahmequelle für die meisten derzeit überschuldeten Staaten», schreibt Chesney in seinem Buch «Vom grossen Krieg zur permanenten Krise». Er spricht bewusst von einer Steuer auf «sämtlichen elektronischen Zahlungen», weil man mit «Kapitaltransaktionssteuer» häufig nur eine Steuer auf Börsengeschäften meint.

Eine solche umfassende «Mikrosteuer auf jeder elektronischen Zahlung» könnte

  • fast alle bestehenden Steuern ersetzen;
  • hätte den Vorteil, Steuerbetrug und Steuerumgehung markant einzuschränken;
  • würde der realen Wirtschaft nicht schaden;
  • würde wie erwünscht die unproduktive Mikrosekunden-Wetterei von Grossbanken und Hedge-Funds mit derivaten Finanzprodukten, Aktien und Währungen eindämmen.

Die Idee stammt ursprünglich vom Zürcher Finanzunternehmer Felix Bolliger.

«Mächtige Lobbys untergraben solche Reformvorschläge»

Aber auch Chesney macht sich keine Illusionen über die baldige Einführung einer solchen Mikrosteuer: Man müsse davon ausgehen, dass Grossbanken, Hedge-Funds und die grossen, auf Steuerumgehung spezialisierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG, Ernst&Young, PricewaterhousCoopers und Deloitte eine solche Steuer bekämpfen würden: «Mächtige Lobbyisten sind am Werk, manipulieren die öffentliche Meinung und untergraben solche Reformvorhaben», sagt Marc Chesney, Professor für «Quantitative Finance» an der Universität Zürich.

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Einen Teil dieses Beitrags hat Infosperber bereits am 5. Mai 2015 veröffentlicht: «Finanzcasino ist ohne Nutzen für die reale Wirtschaft»

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DOSSIER: «Das Finanzcasino bedroht die Weltwirtschaft»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

*Franca Contratto: «Hochfrequenzhandel und systemische Risiken»

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8 Meinungen

Absolut einverstanden, Herr Gasche. Aber wie wollen Sie das erreichen? Glauben Sie wirklich, dass die ganze Welt an einem Strick und am Strick in die gleiche Richtung ziehen wird? Insbesonsere die Amerikaner, die Engländer, der Ferne Osten etc.
Wer soll dies durchsetzen? Versuchen Sie doch mal durchzusetzen, dass es keine kriegerischen Auseinandersetzungen auf diesem Planeten mehr gibt. Doch da sind alle machtlos, auch die vielgepriesene Uno!

„Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ – Clausewitz: Vom Kriege, Buch I, Kapitel 1, Abschnitt 2

"Das Mikrosekunden-Wettgeschäft ist also ein Akt der Gewalt, um uns zur Erfüllung des Willens der Finanzmärkte zu zwingen.» - Beda Düggelin: Vom Kriege an den Finanzmärkten, Buch I, Kapitel 1, Abschnitt 2, 2016
Beda Düggelin, am 13. Oktober 2016 um 12:11 Uhr
Warum soll ein Schweizer Alleingang nicht möglich sein? Der Mikrosekundenhandel würde ins Ausland abwandern. Die reale Wirtschaft in der Schweiz wäre nicht betroffen. Brauchen wir in der Finanzbranche Arbeitsplätze, die unproduktive, für die Realwirtschaft gefährliche Wettgeschäfte tätigen? Dem Schweizer Beispiel würden andere Länder folgen und die Schweizer könnten stolz darauf sein. Muss die reiche Schweiz den Unsinn im Ausland nachmachen? Falls ja, dann lieber gleich der EU beitreten und dort mitreden.
Urs P. Gasche, am 13. Oktober 2016 um 12:42 Uhr
Diese Argumentation kennen wir, lieber Herr Gasche, allerdings ist sie ziemlich weltfremd! Auch die GSoA, die Gruppe für die Schweiz ohne Armee argumentiert im gleichen Sinne, die Schweiz muss mit dem guten Beispiel vorangehen, die anderen Staaten werden folgen. Und was passiert mit all den guten Ansätzen der Uno?
Natürlich kann sich die Schweiz selbst beschränken, wobei ich trotz allem an der Durchführbarkeit zweifle, die Grossbanken und viele grossen Privatbanken sind multinational tätig. Da müsste man gar die Banken abschaffen oder verstaatlichen, ein Ding der Unmöglichkeit und erst noch mit grossen Einschränkungen für das Wirtschaftswachstum der Schweiz und auch den Wohlstand verbunden.
Dann bliebe wohl nur noch der Beitritt zur EU, aber dann wäre der Vorsatz, den Mikorsekundenhandel zu verbieten, erst recht illusorisch, denn die Stimme der Schweiz wird in der EU nur wahrgenommen, wenn es ums Bezahlen der Schulden geht....und die Schweiz wäre wohl die 30. Nation welche der EU beitreten würde. Momentan sind es 276 Nationen, wenn man Grossbritannien bereits abgezogen hat.
Beda Düggelin, am 13. Oktober 2016 um 14:25 Uhr
Lieber Beda Düggelin, lic. oec. HSG,
es mag für Sie blauäugig und weltfremd klingen: aber wenn wir in der Schweiz wegen den international operierenden Banken keine Entscheidungsfreiheit mehr haben, ist ja auch unsere (viel gerühmte direkte) Demokratie im Eimer.

Der Mehrheit der Menschen erwachsen aus dem Hochfrequenzhandel nur Nachteile. Ergo gehört er abgeschafft. Immer das gleiche Argument wir können nichts tun, weil die andern es auch nicht tun, bringt uns auch nicht weiter….und … ich habe – als einfacher Bürger - wirklich keine Lust, Zockerbanken erneut mit Steuergeldern zu retten.
Guido Besmer, am 13. Oktober 2016 um 18:01 Uhr
Ich bin ja mit Ihnen völlig einverstanden, Herr Besmer, also initieren Sie die ganze Sache, an meiner Unterstützung soll es nicht fehlen. Allerdings: «Die Botschaft hör ich gern, allein mir fehlt der Glaube!» - Goethe - Faust I
Beda Düggelin, am 13. Oktober 2016 um 18:24 Uhr
Übrigens habe ich Infosperber schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass ich mir auf meinen akademischen Grad nichts einbilde, Infosperber darf ihn auch weglassen. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass der Titel immer wieder erscheint.
Beda Düggelin, am 13. Oktober 2016 um 18:27 Uhr
Ob das Mikrosekunden Geschäft wirklich gefährlich ist, scheint nicht belegt. Dass es für die Wirtschaft per se nützlich sei allerdings ebenso wenig.

Die «Wirtschaftserwartungen» waren in den 70er Jahren mit dem «*"-Sternchen markiert. Das war der grosse Durchbruch gegenübr den vorherigen statischen Analysen. Leider wusste niemand so genau, was unter «rationeller Erwartung» zu verstehen sei. Ein Freund von mir hat dann eine These zum Thema der «hidden preferences» geschrieben. Das hat aber kaum einer gelesen.

Schliesslich kamen die «reinen» Mathematiker und produzierten alle möglichen Marktoptimisierungsprogramme. Statische Erwartungen in einem dynamischen Markt machten zwar wenig ökonomischen Sinn, aber wenn man damit Geld machen konnte, so die gängige Theorie der «Business-schools», musste die Theorie was wahres haben.

Die etwas verbesserten Algorithmen der folgenden Zeit hatten zwar ebenso wenig ökonomischen Sinn, wurden aber durch diverse Nobelpreise «geadelt». Folglich mussten sie «korrekt» sein.

Leider sind alle diese epidermischen Theorien abhängig von der Grösse der Marktvolatilität. Also muss «man Wellen machen». Das erlaubt unproduktives Skimming und die Wellenreiter sind die Könige der Börse. Die Zentralbanken liefern die nötige Liquidität zum Nulltarif.

Richtig ist, dass etwas Sand im Getriebe, z.B. eine Transaktionssteuer, diese Spekulation verlangsamt, die Abzocker etwas zurückbindet.

Besser wäre, die Börsen nur zwei Tage in der Woche zu öffnen...
Josef Hunkeler, am 13. Oktober 2016 um 21:40 Uhr
Lieber Herr Düggelin,

leider bin ich Ihrem akademischen Grad so zu sagen auf den Leim gegangen, entschuldigen Sie bitte. Ihren Ausführungen ist ja keineswegs zu entnehmen, dass Sie ein absoluter Verteidiger des entfesselten Kapitalismus sind. Dass sich politisch in Sachen Wirtschaft etwas bewegt, erwarte ich eigentlich von der HGS
Guido Besmer, am 14. Oktober 2016 um 07:27 Uhr

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