Das Baselbieter Gelterkinden 1939 und 2012 © VBS/Peter Brotschi

Zersiedelung: Diesmal bei Gelterkinden (6)

Peter Brotschi / 31. Jan 2016 - Siedlungsmässig sehr stark entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten im Kanton Basel-Landschaft das Tal des Flüsschens Ergolz.

Wer kennt sie nicht, die römische Stadt Augusta Raurica? Gleich neben den eindrücklichen Ruinen fliesst die Ergolz beim heutigen Augst in den Rhein. Folgen wir dem Lauf des Flüsschens ins Oberbaselbiet, erleben wir ein verstädtertes Tal: Von Frenkendorf und Füllinsdorf über Liestal, Lausen, Itingen, Sissach bis nach Böckten, Gelterkinden und Ormalingen findet sich praktisch ein einziger zusammengewachsener Siedlungsgürtel.

Gelterkinden 1939 (Bild VBS)

Nun befinden wir uns über dem «oberen Ende» dieses Siedlungsgürtels. Auf der historischen Aufnahme, die kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 7. November 1939 entstanden ist, sind die Dörfer Gelterkinden (in der Mitte), Ormalingen (rechts) und das ganz kleine Böckten (links) noch klar getrennt. Es gibt zwar Häuser entlang der Hauptstrasse, aber die Dorfkerne sind klar als solche auszumachen. Nach rechts oben verläuft noch das kleine Tal des Rickenbächli in genau nördlicher Richtung, in dem nur einzelne Gebäude stehen. Oben knapp ausserhalb des Fotos folgt die Ortschaft Rickenbach.

Gelterkinden 2012 (Bild Peter Brotschi)

Auf der neueren Aufnahme von 2012 befindet sich unser Flugzeug über der Ortschaft Tecknau und wir schauen in nordwestlicher Richtung hinunter auf Gelterkinden, wie es auch die Besatzung der Schweizer Luftwaffe im Jahr 1939 getan hatte. Exakt unter dem Flugzeug befindet sich die stark frequentierte Bahnlinie von Olten nach Basel, die in Tecknau aus dem im Jahr 1916 eröffneten Hauenstein-Basistunnel kommt und in Gelterkinden in allgemein westlicher Richtung ins Tal der Ergolz einbiegt. Neben der Bahnlinie fliesst der Eibach und mündet dann in die Ergolz.

Die Landschaft hat sich in der Zwischenzeit sehr verändert. In der oberen Bildhälfte links ist immer noch Böckten zu sehen, ganz in der Ecke noch ein Teil von Sissach. Rechterhand liegt Ormalingen. Dieses Dorf ist nun mit Gelterkinden zusammengewachsen, gleiches ist zwischen Gelterkinden und Böckten geschehen. Aus der Vogelperspektive ist es jetzt ein einziger Siedlungsbrei, bei dem die drei Dörfer zu einem einzigen zusammengewachsen sind. Die überbaute Fläche hat sich ungemein vergrössert, so entwickelte sich Gelterkinden beispielsweise auch ins Tal des Rickenbächli hinein.

Zwischen Gelterkinden und Ormalingen befindet sich ein Hügel mit einem Wald. Im zungenartigen Einschnitt liegt ein Weiler, der sich vergrössert hat. Gelterkinden selber ist kräftig an die Hänge hinauf gewachsen. Am unteren Bildrand in der Mitte ist das Schwimmbad mit dem hellblauen Becken auszumachen. Rechts daneben befindet sich ein Quartier, das ohne Verbindung zum Dorf erbaut wurde. Solche raumplanerische Sünden von Quartieren, die losgelöst vom eigentlichen Sieldungsbereich einer Ortschaft entstanden sind, finden sich in der ganzen Schweiz (siehe auch bei Murten). Gelterkinden bildet da keine Ausnahme wie auch nicht in der Tatsache, dass viele Hochstammbäume, die ja eigentlich zum Baselbiet gehören, aus der Landschaft geräumt wurden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Peter Brotschi ist Lehrer, Aviatikjournalist und CVP-Kantonsrat im Kanton Solothurn. Er kämpft politisch gegen die Zersiedelung der Schweiz. Autor von sieben Büchern, sein letztes: «Ein wenig des Himmels für mich».

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3 Meinungen

Teil 6 dieser Fotoreihe und immer noch keine Zersiedelung zu erkennen.
Die Dörfen wuchsen über die Jahrzehnte von flockigen Häuser- und Hofansammlungen zu dicht gepackten, dicht besiedelten Mini-Städten heran.

Zersiedelung stelle ich mir anders vor:
https://www.google.ch/maps/@39.9534108,-104.9801227,6659m/data=!3m1!1e3

Das Wachstum der Dörfer und Städte in der Schweiz ist deren stetig steigendem Bevölkerungszuwachs geschuldet. In den 80 Jahren von 1850 bis 1930 stieg die schweizer Bevölkerungszahl um 1,7 Mio von 2,4 Mio auf 4,1 Mio. Einwohner. In den darauf folgenden 80 Jahren von 1930 bis 2010 wuchs die Bevölkerungszahl um gut das Doppelte, nämlich um 3.8 Mio von 4.1 Mio. auf 7.9 Mio. Die Schweiz hat inzwischen ungefähr vier Mal soviele Einwohner, wie zu Gotthelfs Zeiten. Gotthelfs Zeiten sind vorbei!

Irgendwann einmal wird die Schweiz fllächendeckend so aussehen:
http://www.globalphotos.org/hongkong/20070428/IMG_2714.jpg

Und das obwohl Hochhäuser nicht besonders preiswert sind. Das ist der Grund weswegen, z.B. in den USA, die Wolkenkratzer nur als Luxusquartiere im Zentrum von Megastädten existieren. Mittelständische Familien wohnen in Reiheneinfamilienhäusern in der Agglomeration, weil Sie sich die Wohnungen in der City nicht leisten können. Die Armen wohnen irgendwo in der Provinz., z.B. in Zurich, Kansas:

https://www.google.ch/maps/@39.2322365,-99.4337196,1087m/data=!3m1!1e3

Es gibt keine «Zersiedelung», es gibt nur «Besiedelung».
Sonja Reber, am 01. Februar 2016 um 09:33 Uhr
Bei der Verwendung von «Zersiedelung» übernehme ich den in Politik umgangssprachlich verwendeten Begriff. Selbstverständlich ist es «Besiedelung» durch das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft. Aber gleichwohl ist es auch «Zersiedelung», wenn zum Beispiel ganze Quartiere - wie eben auch in Gelterkinden - losgelöst von der historischen Bausubstanz neu in die Landschaft kommen, nur weil der entsprechende Baugrund zum Zeitpunkt X zur Verfügung stand. Rudolf Muggli definiert es in: «Ist der Föderalismus an der Zersiedelung schuld? Pilotstudie und Thesen», Verlag NZZ 2014, wie folgt:

Zersiedelung ist…"ein ungeplantes, ressourcenintensives Siedlungs- und Infrastrukturwachstum, das keinem nachhaltigen Konzept folgt, sondern in der Regel der Summe der individuellen Wünsche einzelner Anspruchsgruppen.»

Ich gehe damit einig, dass das Wachstum ungebremst weitergehen wird. Im Kantonsrat SO habe ich es bei der Diskussion um den kantonalen Richtplan am 12. März 2015 wie folgt gesagt, wie die Schweiz mal aussieht:

"Das Mittelland wird zu einer einzigen Grossstadt, zu einem Los Angeles, mit einem überfüllten Naherholungsgebiet im Jura und einem Reservat in den Alpen für den globalen Tourismus.»

Zu Gotthelfs Zeiten zurück will ich nicht. Aber ich vermisse eine breit angelegte Diskussion, wohin wir mit der Schweiz wollen. Noch wäre es Zeit, Hong Kong oder Los Angeles zu vermeiden. Aber wir lassen uns im Tagesgeschäft einfach treiben, zumeist von wirtschaftlichen Interessen...
Peter Brotschi, am 04. Februar 2016 um 10:02 Uhr
Mit ihrer Prognose gehe ich einig.
Nur finde ich es nicht unbedingt wünschenswert, besonders darauf zu achten, keine neuen Flächen zu besiedeln. Ersten, weil ein flächendeckender Einfamilienhauspark vom Genfer- bis zum Bodensee auch schön ist, jedenfalls schöner und nützlicher als die Gras-, Mais-, und Tannenmonokulturen heute. Und zweitens, weil verdichtete Wohnzentren nicht effizient sind, volkswirtschaftlich betrachtet.
Je Höher die Besiedelungsdichte einer Stadt, desto teuerer wird es, die lebensnotwendige Infrastruktur hineinzupacken: Verkehrsnetz, Wasser-, Strom-, Gas- und Abwassernetz müssen äusserst kompliziert hinenigepresst werden: immer mehr muss immer tiefer unterirdisch, oder auf immer höher Viadukten geführt werden. Das ist insgesamt enorm viel teuerer, als mehr Fläche aufzubrauchen, um alles nebeneinander auf der Erdoberfläche zu verteilen.
Wenn die Bevölkerung unaufhörlich wächst, dann wird die Schweiz irgendeinmal wie Los Angeles aussehen, und danach wie Hongkong. Aber wozu für teueres Geld heute eine Hongkongschweiz für in 100 Jahren bauen, wenn keiner weiss, ob die Schweiz unaufhörlich wächst? Und wenn doch, warum sollen wir das bezahlen, und nicht die Generationen in 100 Jahren?
Im übrigen halte ich Mugglis Definition für nichtig, weil eine «nachhaltige» Siedlungspolitik unmöglich ist, solange der Mensch sich vermehrt, aber auch, weil «die Summe der individuellen Wünsche» Vorrang vor elitären Konzepten zu haben hat.
Sonja Reber, am 06. Februar 2016 um 17:55 Uhr

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