Cham ZG im Jahr 1942 und 2015 © VBS/Peter Brotschi

Zersiedelung: Diesmal bei Cham (7)

Peter Brotschi / 07. Feb 2016 - Cham war früher eine kleine Ortschaft mitten in einem riesigen Obstgarten. Heute ist alles anders – nicht nur bei den Bäumen.

Heute fliegen wir dem nördlichen Ufer des Zugersees entlang und schauen auf die Stadt Cham hinunter. Rechterhand liegen Steinhausen und Zug ausserhalb der Fotos. Auffällig ist zuerst einmal die Halbinsel in Dreieckform mit Schloss und Kirche St. Andreas und dem bekannten englischen Garten. Links davon, auf der anderen Seite der Mündung des Flüsschens Lorze, ist der Villette-Park zu sehen, der ebenfalls im englischen Stil angelegt wurde. Die Bahnlinie trennt das Ufergebiet des Sees und die Parks von der eigentlichen Ortschaft ab.

Cham 1942 (Bild VBS)

Schräg nach oben führt die Hauptstrasse Richtung Kloster Heiligenkreuz und Hagendorn. Auf dem neuen Foto führt die Autobahn A4 am oberen Rand quer durch das Bild mit der Verzweigung «Blegi» ganz oben rechts. Ein Erkennungsmerkmal auf beiden Fotos ist die Kirche St. Jakob unweit des Bahnhofs und des Villette-Parks.

Bei Landschaftsbetrachtungen einst und jetzt ist das Fällen der Hochstammbäume neben dem riesigen Siedlungszuwachs DAS ganz grosses Thema. Am Beispiel der Umgebung von Cham ist dieses Ausräumen sehr deutlich zu sehen. Auf dem historischen Foto vom 21. September 1942 stehen auf der ganzen Bildfläche ungezählte Hochstammbäume. Man beachte einmal in der rechten oberen Ecke den Städtlerwald: Er geht Richtung See fast ohne Übergang in einen – wenigstens von oben gesehen – einzigen riesigen Obstgarten über. Dieser Obstgarten wiederum verschmilzt harmonisch über die fast unsichtbare Bahnlinie hinweg mit dem Baumbestand beim Schloss St. Andreas. Rechts davon sind zwischen der Bahnlinie und dem See noch Kleingärten zu erkennen.

Cham 2015 (Bild Peter Brotschi)

Auf dem neuen Foto vom 11. September 2015 ist der «Städtlerwald», an dessen nördlichen Ende sich die Autobahn-Verzweigung «Blegi» befindet, quasi messerscharf von der Umgebung abgetrennt. Die Hochstammbäume sind einfach weg und die Siedlungsfläche ist bis zum rechten Bildrand gewachsen, übrigens, wenn man es mit der Landeskarte vergleicht, noch weit darüber hinaus. Apropos Wald: Die einzelnen Waldflecken, die ja mit dem Waldgesetz aus dem späten 19. Jahrhundert geschützt sind, ermöglichen eine gute Orientierung zwischen dem Einst und Jetzt.

Auch nach Norden, also gegen den oberen Bildrand zu, sowie nach links Richtung Hünenberg ist Cham gewachsen. Gut erkennbar sind links aussen die weissen Häuserzeilen bei Enikon. Links des «Städtlerwaldes» am oberen Bildrand sind gegen Friesencham und Lindencham zu grosse Siedlungen in einem Gebiet entstanden, wo auf dem historischen Foto kaum Häuser zu sehen ist sind.

Innerhalb der Stadt sind die Häuser deutlich grösser geworden. Die ehemals ländlich anmutende Gemeinde ist längst städtisch geworden. Dazu nur ein kleines Beispiel: Einst war nördlich des Schlosses St. Andreas noch ein grossflächiger «Pflanzblätz» quasi mitten in der Ortschaft anzutreffen, der für viele Haushaltungen wohl einen hohen Grad an Selbstversorgung möglich machte. Heute ist dieses Areal komplett überbaut. Auf den bereits weiter oben erwähnten Kleingärten rechts der Halbinsel sind viele Boote auf dem Trockenen abgestellt, etliche weitere ankern auf dem See.

«Die Chamer Landschaft gerät zunehmend unter Druck», heisst es auf der Internet-Seite der Stadt selbstkritisch. Das stimmt nur allzu gut, wenn der Vergleich der beiden Bilder gemacht wird. Der Gemeinderat wolle, so heisst es weiter, die Lebensräume schützen und zugunsten von Mensch und Umwelt aufwerten. Dazu habe er gemeinsam mit den Betroffenen ein Landschaftsentwicklungskonzept erarbeitet und 2005 verabschiedet. Ob das Konzept seinen Nutzen erfüllt hat, wird dann ein weiterer Flugbild-Vergleich in einer Generation zeigen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Peter Brotschi ist Lehrer, Aviatikjournalist und CVP-Kantonsrat im Kanton Solothurn. Er kämpft politisch gegen die Zersiedelung der Schweiz. Autor von sieben Büchern, sein letztes: «Ein wenig des Himmels für mich».

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