Bis zum letzten Happen: Sushi-Restaurants zahlen Rekordpreise für Roten Thunfisch © Kamut/Flickr/cc

Bis zum letzten Happen: Sushi-Restaurants zahlen Rekordpreise für Roten Thunfisch

Blauflossen-Thunfisch: Die Opfer des Sushi-Booms

Billo Heinzpeter Studer / 19. Jan 2015 - Der Rote Thunfisch ist bald ausgerottet und auch andere Arten sind gefährdet. Der weltweite Sushi-Hunger frisst die Bestände auf.

Jiro Ono gilt als der beste Sushi-Meister der Welt. Doch der Dreisterne-Koch macht sich Sorgen um die Zukunft der japanischen Delikatesse. Er bereitet seine Schüler darauf vor, dass sich die Bestandteile der kunstvoll komponierten Fischhäppchen in wenigen Jahren verändern werden. Eine der beliebtesten Zutaten könnte schon bald fehlen: der Blauflossen-Thunfisch. Der Edelfisch, wegen seiner tiefroten Fleischfarbe auch «Roter Thun» genannt, ist akut vom Aussterben bedroht. Zur masslosen Überfischung hat nicht zuletzt der weltweite Sushi-Boom beigetragen.

Es gibt den atlantischen, den pazifischen und den südlichen Blauflossen-Thunfisch. Alle diese Arten stehen auf der Roten Liste der internationalen Naturschutzorganisation (IUCN). Die südliche Art gilt als «vom Aussterben bedroht», jene des Atlantiks und des Mittelmeees als «stark gefährdet», und der Pazifische Blauflossen-Thun gilt seit vergangenem November als «verwundbar».

Die Bestände im Pazifik sind inzwischen auf vier Prozent der natürlichen Grösse geschrumpft. Besonders problematisch ist dabei der Mangel an fortpflanzungsfähigen Tieren. Die meisten Jungfische fallen der Fischerei zum Opfer bevor sie das erforderliche Alter von drei Jahren erreichen. Zusätzlich wird eine wachsende Zahl von jungen Blauflossen-Thunfischen für die Mast in Käfignetzen gefangen. Damit versucht die Industrie der Verknappung der Wildbestände zu begegnen, denn die Zucht von Blauflossen-Thun ist bisher erst im Labor gelungen.

Jagd auf andere Thunfischarten

Wenn diese Entwicklung so weitergeht, ist es letztendlich nur eine Frage der Zeit bis es keinen Roten Thunfisch mehr geben wird. Doch auf andere Thunfischarten auszuweichen, ist keine Lösung. Auch sie stehen auf der Roten Liste. Der Grossaugen-Thun gilt als «verwundbar», der Weisse Thunfisch ist «potenziell gefährdet». Gleiches gilt für den Gelbflossen-Thun, auch wenn einzelne seiner Bestände noch gesund sind. Lediglich die Bestände der kleinen Thunfischarten (Bonito und Pelamide) sind noch einigermassen intakt.

Seit einiger Zeit wird jedoch vermehrt Jagd gemacht auf die gesunden Bestände des Gelbflossen-Thuns und die kleinen Thunfischarten. Diese Fänge können für Labels wie MSC oder «Friend of the Sea» zertifiziert werden. Das ist praktisch für Anbieter von Esswaren mit Thun. Und es ist gut fürs Gewissen der Konsumentinnen und Konsumenten. Weniger gut ist es hingegen für diese Fischarten. Was passieren wird, liegt auf der Hand: Auch bisher gesunde Bestände werden durch zunehmende Befischung gefährdet.

Wir können jede beliebige Fischart durch eine andere ersetzen, nur um am Ende festzustellen: Mehr Fisch gibt der Planet nicht her.

Fischzucht stösst an Grenzen

Der Pro-Mensch-Konsum von Fisch nimmt Jahr für Jahr um ein bis zwei Prozent zu. Zusätzlich wächst die Zahl der Menschen jährlich um gut ein Prozent. Die Menschheit verlangt also jedes Jahr zwei bis drei Prozent mehr Fisch auf den Tisch.

Die meisten Fischbestände werden heute bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit oder darüber hinaus befischt. Praktisch alle heute im Handel angebotenen Fischarten liegen in ihren Beständen weit unter den ursprünglichen natürlichen Grössen. Deswegen stagnieren die globalen Fangerträge seit den 1990er-Jahren bei etwa 90 Millionen Tonnen pro Jahr, von denen 22 Millionen Tonnen zu Fischmehl oder Fischöl verarbeitet werden.

Die Aquakultur wächst zwar seit den 1950er-Jahren um sieben bis neun Prozent pro Jahr und liefert heute 67 Millionen Tonnen Zuchtfisch und damit jeden zweiten Fisch auf den Tisch. Doch das Wachstum stösst an seine Grenzen. Fischmehl wird knapper und teurer; einige Futterfischbestände sind bereits überfischt. Zumindest für die Zucht von Raubfischen (Thun, Lachs, Forelle, Dorade, Wolfsbarsch, Garnelen usw.) wird es eng.

Fischfang und -konsum einschränken

Nicht Fischzucht ist die Hoffnung, sondern eine massive Eindämmung des Fischkonsums und des Fischfangs. Wenn man die Fangmenge halbieren würde, könnten sich die Bestände erholen; einige brauchen dazu vier, fünf Jahre, andere länger. Danach könnten bis zu 60 Prozent mehr Fische gefangen werden als heute, sofern nur noch nachhaltig gefischt wird. Diese grössere Fangmenge würden den Ertrag aus Fischzuchten weitgehend ersetzen.

Klar ist: Die Menschen müssen ihren Hunger nach Fisch massiv zügeln. Jiro Ono und andere vernünftige Sushi-Anbieter haben die Zeichen verstanden und vollziehen schrittweise die notwenige Veränderung – bis hin zu ersten Sushi-Bars, die ganz auf vegetarische Häppchen setzen.

Kommerzielle Interessen siegen über Tierschutz

Viele in der Branche sind jedoch nicht so weitsichtig wie Ono. Und so geht die Jagd nach Blauflossen-Thunfisch weiter, um die gewaltige Nachfrage zu decken. Kommt hinzu: Mit Thunfisch – vor allem mit Rotem Thun – lässt sich sehr viel Geld verdienen. Auf dem japanischen Markt bringt ein durchschnittlich grosser Thun dem Händler mehrere zehntausend Dollar. Auf solche Umsätze wollen die Fischer nicht verzichten. Auch wenn sie sich so langfristig selbst ihre Einkommensquelle zerstören. Schnelles Geld zählt, und viel zu selten die Nachhaltigkeit.

Die in der Fischereikommission für den westlichen und zentralen Pazifik (WCPFC) versammelten Nationen hatten sich am 5. Dezember in Samoa zwar darauf geeinigt, die Fangquoten für den Pazifischen Thunfisch zu reduzieren. Pro Jahr sollte nur noch so viel gefangen werden wie vor zehn Jahren. Gleichzeitig wurde beschlossen, den Fang von jungen Thunfischen (unter 30 kg Gewicht) auf die Hälfte der Fangzahlen vor zehn Jahren zu senken. Doch am Schlusstag der Versammlung wurden alle Beschlüsse verwässert. Die Philippinen und Korea wollten keine Schutzmassnahmen für Grossaugen- und Gelbflossen-Thunfische sowie für Bonitos. Und Hochseefangnationen wie China, Japan, Korea und Taiwan weigerten sich, ihre Fangdaten den Wissenschaftlern der Kommission vorzulegen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Präsident von fair-fish international, Co-Präsident von fair-fish Schweiz und Beirat von Friend of the Sea.

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5 Meinungen

...der stirbt jetzt seit 20 Jahren «bald» aus.
Olivier Bregy, am 19. Januar 2015 um 13:32 Uhr
Seit über zwei Jahren mache ich das nicht mehr mit, früher bin ich selber sehr gerne fischen gegangen. Aber auch die Uneinsichtigen werden auf ihren wöchentlichen Fisch verzichten müssen wenns keinen mehr gibt.

Letzthin war ich zu Besuch, da gab es Orangina vom Coop, und ich traute meinen Augen nicht als ich das sah: «Enthält Fisch"
https://www.ktipp.ch/artikel/d/nichts-fuer-vegetarier/

Brauchts noch einen Beweis mehr, dass unsere Welt krank ist?
Robin Hope, am 19. Januar 2015 um 21:34 Uhr
So schlimm wie dass alles missbraucht wird. Die schlimmste Sünde bei all dem ist die Europäische Subvention zum Fischfang. So wird jede Tonne Fisch die aus dem Meer gezogen wird mit einem gewinnbringendem Betrag subventioniert. So ziehen sie heraus was nur geht, egal ob es jemals gebraucht wird. Schaut man sich an, mit welch technischen Hilfsmitteln ganze Fischschwärme auf einmal gezogen werden können... es ist nur noch traurig-- Geld bleibt die Gier. War da doch die Aussage eines alten Indianers...
erst wenn der, die letzte/n - (im weitern Sinn -Ressourcen aufgebraucht sind) werdet ihr begreifen, das Geld nicht essbar ist.
Bernhard Kordes, am 23. Januar 2015 um 21:54 Uhr
Wer nicht im Wald, Moor oder Meer wohnt, wohnt sehr wahrscheinlich irgendwo, wo früher Natur war. An einem solchen Ort hat es gar keine Resourcen mehr. Mehr «Missbrauch» geht nicht.
Olivier Bregy, am 23. Januar 2015 um 22:22 Uhr
Ich komme immer mehr zur Auffassung, das das schlimmste Wesen auf unserem Erdball der Mensch ist.
Er zerstört hemmnungslos die Natur, bildet sich ein, sie zu «beherrschen» und zu alledem kommt noch die Dummheit, das er sich langsam aber sicher auch selbst ausrottet!
Mir tun dabei nur die Tiere leid!
Elisabeth Tymoshenko, am 25. Januar 2015 um 13:57 Uhr

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