VSE ersetzt präzise (Fehl-)Prognosen durch «denkbare Energiewelten» © Pixabay/cc
Die vier «denkbaren Energiewelten» des Stromverbandes VSE im Jahr 2035, illustriert mit mehr oder weniger harten Stühlen © VSE

Die nebulösen Visionen des Stromverbands

Hanspeter Guggenbühl / 14. Dez 2016 - Die künftige Stromversorgung kann zentral oder dezentral, global oder national sein. Oder von allem ein Bisschen.

«In früheren Jahren blickte die Branche mit den ‹10-Werke-Berichten› und der ‹Vorschau› in die Zukunft – und machte erfolgreich quantitative Prognosen», schreibt der Dachverband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE). Das Adverb «erfolgreich» ist allerdings zu relativieren. Beispiele:

- Im «Zehn-Werke-Bericht» von 1987 prognostizierte der VSE, der Stromverbrauch in der Schweiz werde von 1985 bis 2005 um 60 Prozent steigen, und damit öffne sich im Inland bereits 1994 eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. In Wirklichkeit betrug der Zuwachs in dieser Zeit bloss 20 Prozent, und 1994 litten die Stromverkäufer – wie heute erneut – unter einer Stromflut und tiefen Marktpreisen.

- In der «Vorschau» von 2012 rechnete der VSE in allen Szenarien, der Stromkonsum werde bis 2025 weiter wachsen. Den Anteil von inländischem Wind- und Solarstrom im Jahr 2030 bezifferten die Propheten damals auf weniger als zwei Prozent. Die Realität sieht wiederum anders aus: 2015 verbrauchte die Schweiz bereits weniger Strom als 2011, und der Anteil von Wind- und Solarstrom am Stromkonsum dürfte schon im laufenden Jahr die Schwelle von zwei Prozent überschreiten.

«Energiewelten» statt Prognosen

Solche Erfahrungen zeigen: Die Energiezukunft ist ungewiss und lässt sich von der Elektrizitätsbranche nur bedingt beeinflussen. Zudem wird sie mit der sich rasch wandelnden Technik und neuen Marktmodellen noch unsicherer. «Diese Entwicklung kann man nicht mehr berechnen», erkennt heute VSE-Präsident Kurt Rohrbach, doch, sagt er, «man kann sie adäquat beschreiben». Dazu präsentierte der VSE gestern den Medien ein grobes Koordinatensystem, in das er mit Blick aufs Jahr 2035 vier «denkbare Energiewelten» einfügte. Dabei trennt die vertikale Koordinate zwischen zentraler und dezentraler Stromversorgung (siehe Illustration).

Die vier «denkbaren Energiewelten» des Stromverbandes VSE im Jahr 2035, illustriert mit mehr oder weniger harten Stühlen. (Quelle: VSE)

● Innerhalb der zentralen Versorgung unterscheidet der VSE zwischen nationaler und globaler Orientierung: Die vertraute nationale Energiewelt («Trust Word») basiert vor allem auf inländischen Wasser- und neu auf Gaskraftwerken, welche bis 2035 die Atomkraftwerke ersetzen sollen. Die handelsorientierte globale Energiewelt («Trade Word») hingegen setzt primär auf die Einbindung der Schweizer Stromversorgung in den EU-Binnenmarkt sowie auf globale Arbeitsteilung. Das heisst: Bandstrom wird in Europa dort erzeugt, wo die Produktion am günstigsten ist, und die Schweiz spezialisiert sich noch stärker auf ihre Rolle als europäische Drehscheibe und Produzentin von Spitzenstrom.

Bei der dezentralen Stromversorgung unterscheidet der VSE ebenfalls zwischen nationaler und globaler Ausrichtung: Die nationale Energiewelt («Local World»), die der VSE mit einem harten Holzstuhl als eher unkomfortabel darstellt, baut auf staatliche Regulierung, Dazu gehören Effizienzvorschriften, die den Stromverbrauch reduzieren, und Subventionen, die eine dezentrale Produktion (Solar- oder Wärmekraftkopplungs-Anlagen) sowie dezentrale Speicherung von Strom fördern. Im Unterschied dazu steht die «Smart World» im modernen Bürostuhl. Sie geht ebenfalls davon aus, dass sich die Stromproduktion auf kleine Anlagen verlagert wird, dies aber primär durch technische Innovation, Digitalisierung und Marktmechanismen, welche dezentrale Energieproduktion und globale Energieversorgung miteinander vernetzen.

«VSE-Trend 2035»: Von allem etwas

Zwischen diesen auseinander klaffenden Energiewelten verortet der Stromverband jene Entwicklung, die für ihn aus heutiger Sicht am wahrscheinlichsten ist, nämlich den «VSE Trend 2035». Dieser nimmt aus allen Energiewelten etwas heraus und mixt es wie folgt zusammen: Die Schweizer Energieproduktion wird 2035 aus einem Mix aus zentralen und dezentrale Quellen bestehen. Dominierend bleibt die Wasserkraft. Die Energienetze (Gas, Strom und Fernwärme) wachsen enger zusammen. Gas als Energieträger gewinnt an Bedeutung. Und auch 2035 wird die Schweiz temporär Strom importieren und exportieren.

Dieser «Trend 2035», wie ihn der VSE heute sieht, ist allerdings nicht in Stein gemeisselt. So will der Verband dieses Szenario jährlich den neusten politischen, technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen anpassen. Und wo startet dieses Szenario heute? Nein, nicht genau in der Mitte, wo sich die Koordinaten kreuzen, antwortet VSE-Direktor Michael Frank. Der Umstand, dass ein Stromabkommen mit der EU heute nicht zu verwirklichen ist, verschiebe den Startpunkt nach oben Richtung nationale Versorgung, und die aktuelle Entwicklung in der Schweiz lasse eher eine Verlagerung zu einer dezentraleren Versorgung erwarten.

Grundlage für Geschäftsmodelle

Bleibt die Frage nach dem Wozu. Was nützen Planspiele mit künftigen «Energiewelten», welche die Entwicklung stets wieder korrigieren wird? Der Verband liefere damit seinen Mitgliedern eine Orientierungshilfe in Form eines Koordinaten-Systems. Daraus können dann die einzelnen Unternehmen – vom grossen Stromproduzenten bis zum lokalen Verteilnetz-Betreiber – eigene Geschäftsmodelle entwickeln. Mit den Worten von VSE-Direktor Frank: «Wir können die Zukunft nicht voraussagen, aber wir müssen darauf vorbereitet sein.»

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Keine.

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Eine Meinung

Nicht mal den Mut aufbringen, wenigstens eine Zielfahne aufzustellen, an der man sich auf dem Weg vorwärts orientieren könnte, auch wenn man weiss, dass man sie vermutlich nicht erreichen wird...?

Ja, planlos ist sie, die Energiezukunft der Schweiz, wenn man sie Akteuren wie dem VSE und seinen Mitgliedern überlässt. Und die Politik, auch sie schaut nur zu. Dafür ist sie da.

Moment: Da war doch was: gouverner c'est prévoir, heisst es doch, nicht? Das sind zwei aktive Verben und nicht passive, liebe Leute! Vielleicht wäre anstelle der Stühle ein Stehpult etwas...? Aspera ad astra - nehmt endlich euren Hintern noch, himmelnochmal!
Felix Rothenbühler, am 15. Dezember 2016 um 15:56 Uhr

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