Hochspannungsleitungen beim Atomkraftwerk Fessenheim, 30km nördlich von Basel © cm

Hochspannungsleitungen beim Atomkraftwerk Fessenheim, 30km nördlich von Basel

Wie der Strommarkt die Versorgung gefährdet

Hanspeter Guggenbühl / 14. Apr 2017 - Die Energiepolitik muss korrigieren. Denn der real existierende Strommarkt setzt die Versorgungssicherheit aufs Spiel.

»Sicher, sauber, schweizerisch» lautet die Devise, mit der Bundespräsidentin Doris Leuthard für die neue Energiestrategie wirbt. Dieser Slogan ist dreifach übertrieben. Denn keine Energienutzung ist restlos sicher, geschweige denn sauber. Und eine hundertprozentig schweizerische, also national autarke Energieversorgung stösst an die Grenzen der Physik. Das illustriert der ölbasierte Massen-Luftverkehr ebenso wie die von Uran- und Elektrizitätsimport abhängige Stromversorgung im Winter.

Richtig ist der Komparativ: Die neue Strategie macht die Energieversorgung sicherer, sauberer und schweizerischer im Vergleich zum «Weiter wie bisher». Denn einerseits vermindert sie den Import von nicht erneuerbarer Energie, gemäss gesetzlichem Richtwert pro Kopf um 43 Prozent unter das Niveau im Jahr 2000. Andererseits erhöht sie die erneuerbare Stromproduktion im Inland und ersetzt damit zumindest einen Teil des langfristig wegfallenden Atomstroms.

Lieber Markt statt Polit-Strategie?

Diese politische Strategie ist jedoch verknüpft mit einer Vielzahl von Vorschriften, Förderabgaben und Quersubventionen, die die Vertreter der reinen Marktlehre ablehnen. Darum fragt sich: Sollten wir die Energieversorgung nicht lieber dem Markt und globalen Handel überlassen, wie das die wirtschaftsnahe Denkfabrik «Avenir Suisse» und weitere Gegner der neuen Schweizer Energiestrategie fordern?

Es gibt einige Argumente, die dafür sprechen: Die Schweiz ist in vielen Bereichen vom Aussenhandel abhängig und profitiert gleichzeitig davon. Sie führt billige Rohstoffe ein und Produkte in veredelter Form aus. Das gilt auch bei der Elektrizität. So importiert die Schweiz rund um die Uhr billigen Bandstrom aus Atom-, Kohle- sowie neuerdings auch Windkraftwerken und exportiert, wenn die Preise hoch sind, Spitzenstrom aus Wasserkraft. Dieses marktorientierte Modell funktionierte selbst im letzten Winter problemlos. So bezog die Schweiz zwischen November 2016 und Februar 2017 oft mehr Strom aus den umliegenden Ländern, als alle inländischen Atomkraftwerke bei Volllast produzieren könnten, und verkaufte gleichzeitig Spitzenstrom nach Italien und Frankreich.

Warum der Energiemarkt versagt

Doch der real existierende Markt hat wesentliche Nachteile: Direkte und indirekte Subventionen in Kohle, Öl und Gas sowie Atomenergie verfälschen die globale Energieversorgung. Darum subventionieren heute viele Staaten auch die Nutzung von Biomasse, Wind- und Solarkraft. Das führt zu zusätzlichen Wettbewerbsverzerrungen, etwa zu Lasten von Investitionen zur Steigerung der Energieeffizienz oder von nicht subventionierten erneuerbaren Energieträgern.

Besonders schlecht funktioniert der Markt mit Strom. Denn die kurzfristige technische Anforderung, Angebot und Nachfrage jederzeit auszugleichen, kontrastiert mit der langen Investitionsdauer. Beispiel: Wenn das Angebot an Elektrizität wie heute zu hoch ist, fallen die Marktpreise. Tiefe Marktpreise hemmen Investitionen in neue Kraftwerke oder Massnahmen zum Stromsparen. Wenn diese Investitionen unterbleiben, entsteht Mangel an Strom spätestens dann, wenn bestehende Kraftwerke aus Altersgründen wegfallen. So gibt es bis heute weder in Frankreich, Süddeutschland noch in der Schweiz einen ökologisch vertretbaren und gleichzeitig zuverlässigen Ersatz für den Atomstrom, der künftig aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen in Europa versiegen wird.

Gefährliche Importstrategie

Die Schweiz ist zwar die bestvernetzte Stromdrehscheibe in Europa. Und Schweizer Stromfirmen verfügen nicht nur über Wasser- und temporär auch noch über Atomkraftwerke im Inland, sondern besitzen auch Beteiligungen an Atom-, Gas-, Kohle- und Windkraftwerken im Ausland; deren gesamte Produktionsleistung ist höher als die Leistung aller AKWe im Inland.

Trotzdem warnt Carlo Schmid, Präsident der Schweizerischen Elektrizitätskommission, davor, sich bei der Versorgung mit der existenziell wichtigen Elektrizität noch stärker als bisher von Importen abhängig zu machen: «Die Vorstellung, dass Stromimporte jederzeit möglich sind, ist irrig», sagte Schmid am diesjährigen Stromkongress in Bern, denn: «Die Stromversorgung ist ein Echtzeitgeschäft mit äusserst begrenzter Speichermöglichkeit und unterscheidet sich damit fundamental von den Handelsgeschäften mit anderen Gütern wie Medikamenten, Nahrungsmitteln, Baumaterialien oder Erdöl. Bei diesen kann eine Importstrategie durchaus eine Option zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit sein, beim Strom funktioniert das nicht.»

Ohne Politik geht es nicht

Aus all diesen Gründen braucht es eine Ergänzung und Korrektur des verzerrten Energiemarktes durch die Politik. Das fordern nicht nur Marktkritiker, das schreibt auch die Bundesverfassung vor. Artikel 89, Absatz 1 lautet: «Bund und Kantone setzen sich im Rahmen ihrer Zuständigkeiten ein für eine ausreichende, breit gefächerte, sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieversorgung sowie für einen sparsamen und rationellen Energieverbrauch.» Auf diesem Artikel basiert die aktuelle Revision des Energiegesetzes und weiterer Gesetze. Diese legen nicht nur die eingangs erwähnten Ziele zur Senkung des Energiekonsums und zum Ausbau der Stromproduktion aus erneuerbarer Energie fest, sondern enthalten zusätzliche Vorschriften und Fördermittel.

Diese Massnahmen allein werden nicht ausreichen, um die Schweiz mit ihrem hohen Lebensstandard weiterhin sicher mit Wärme, Kraft und Licht zu versorgen. Das zeigen die Perspektiven der Firma Prognos, die der bundesrätlichen Energiestrategie zu Grunde liegen. Darum fordert der Bundesrat in einer zweiten Etappe die Einführung von Lenkungsabgaben, die einen Anreiz zur Senkung der Energieverschwendung bieten. Solche Klima- und Energieabgaben wären auch auf Gesetzesebene möglich, nachdem der Nationalrat eine neue Verfassungsgrundlage dafür abgelehnt hat. Doch Lenkungsabgaben, welche die meisten Parteien im Grundsatz befürworten, stossen seit Jahrzehnten auf Widerstand, wenn es konkret wird.

Sicher bleibt nur eines: Wenn das Volk die Energievorlage am 21. Mai ablehnt, wird das Versorgungsproblem tendenziell grösser sein, als wenn es der ersten Etappe zur neuen Energiestrategie zustimmt. Denn die Gegner haben kein anderes Rezept, um das langfristige Dilemma zwischen sinkendem (Atomstrom-)Angebot und ungebremster Nachfrage von Elektrizität im Inland zu lösen, um damit die zunehmende Importabhängigkeit zu verringern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Hanspeter Guggenbühl ist Autor des Buches "Die Energiewende, und wie sie gelingen kann", Rüegger/Somedia-Verlag.

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6 Meinungen

Was steht eigentlich einem Strommarkt entgegen, der dann schon funktionieren würde, wenn man ihn nur wollte, und wo es keine Knappheit gäbe, sondern allenfalls nur hohe Preise und ggf. einen natürlichen, marktgetriebenen Zubau von sauberen Kraftwerken? Es ist das Problem der Importe von Strom aus dem Ausland. Dies, weil der importierte Strom u.U. billig ist und weil er zum Teil (aber nur zum Teil!) auch dreckig ist. Wäre es möglich, eine Dreckstromabgabe zu erheben, die aufgrund des EU-Strommix bemessen wird (im Gegensatz zu einer Bemessung aufgrund von Herkunftsnachweisen), dann könnte der CH-Strommarkt ganz einfach voll geöffnet werden, begleitet durch Inland-Lenkungsabgaben analog zu den Import-Dreckstromansätzen. Das, was die Axpo begleitend zu ihrem jungen Vorschlag im Internet schrieb, deutet (einigermassen) darauf hin, dass eine gemäss EU-Strommix bemessene Dreckstromabgabe möglich wäre. Es wäre interessant, diesen Ansatz zu prüfen und wenn möglich politisch umzusezten. Da In- und Auslandstrom prinzipiell gleichbehandelt würden, sollte das handelsrechtlich möglich sein. Dann würde sich eine Abgabe auf AKW-Strom aufdrängen (statt Subventionen) — was dann nicht so sehr im Sinn der Axpo wäre.
Peter Vogelsanger, am 14. April 2017 um 14:41 Uhr
Heizung günstig auf erneuerbare Energie umrüsten:
Sind Sie noch unsicher, wie Sie am 21. Mai stimmen wollen? Für Hausbesitzer ist die Situation klar, mit einem Ja helfen Sie Ihre Heizung günstig auf erneuerbare Energie umzustellen. Sie haben schon ein vorbildliches Eco-Haus? Mit Ihrem Ja helfen Sie Ihren Nachbarn nachzuziehen und die Umwelt zu schützen. Sie sind Mieter? Das Ja hilft Nebenkosten tief zu halten, weil die Wohnungen besser isoliert werden und moderne ökologische Heizsysteme günstiger sind. Sind Sie aber Heizöl-Importeur, so werden Sie vermutlich Nein stimmen.
Martin A. Liechti, Maur
Martin A. Liechti, am 14. April 2017 um 17:16 Uhr
«Die Stromversorgung ist ein Echtzeitgeschäft mit äusserst begrenzter Speichermöglichkeit [...]»
Falsch. Die Speichermöglichkeit besteht. Nur: man will ja gerade mit den Speicherseen den grössten Profit machen - und nicht etwa die Versorgung sicherstellen.
Felix Rothenbühler, am 15. April 2017 um 09:30 Uhr
@ Vogelsanger: Wie definieren Sie einen «natürlichen, marktgetriebenen Zubau"? Was ist ein natürlicher, was ein verfälschter Markt? Eigentlich ist eine Dreckstromabgabe ja auch ein marktfremder Eingriff (den ich natürlich sehr begrüssen würde).

Auch mit derartigen Lenkungsabgaben wäre ein einwandfreies Funktionieren eines Strommarktes nicht gewährleistet. Auf freien Märkten entsteht aus Angebot und Nachfrage nicht automatisch ein längerfristig stabiler Preis. Vor allem dort, wo neue Produktionskapazitäten nur langsam bereitgestellt werden können (trifft in der Energieversorgung in hohem Masse zu), sind ziemlich heftige, durch den Markt selbst erzeugte Preisschwankungen durchaus üblich (-> Schweinezyklus). Ob so etwas in der Elektirizitätsversorgung erwünscht ist, wage ich zu bezweifeln.

P.S.: Gemäss ökonomischer Theorie muss es auf Märkten immer Knappheit geben. Jedenfalls steigen die Preise auf einem Markt sicher nicht, wenn es keine Knappheit gibt. Deshalb führt das Bestreben, zur Sicherheit ein bisschen Reserve auf der Produktionsseite zu haben, in einem Strommarkt zu Dumpingpreisen.
Daniel Heierli, am 15. April 2017 um 18:19 Uhr
(Herr Heierli:) Lenkungsabgaben verzerren selbstverständlich. Zu lenken ist ja gerade ihr Ziel. Nur ist diese Verzerrung erwünscht, Ihnen und mir und der Volkswirtschaft auch, oder dann wird es sauberer oder ungefährlicher. Es ist tatsächlich denkbar, dass die Preisschwankungen sehr ausgeprägt wären, was sich ja an den Strombörsen (Spotmarkt) schon jetzt ablesen lässt. Leider kommen diese Schwankungen nicht beim Verbraucher an, denn dort ist (wäre!) das grösste Potenzial zur Minimierung der Gesamtkosten. Viele Verbraucher würden das nicht schätzen, da haben Sie wohl recht, aber volkswirtschaftlich wäre das sehr vorteilhaft. Idealerweise müssten die Verbraucher, die Preissicherheit wollen, dafür bezahlen, nicht alle anderen auch. Das wäre gar nicht so kompliziert, was ebenfalls die Strombörse bereits demonstriert: Da sich Strom über Jahre im voraus kaufen lässt (Futures, z. B .4-y ahead), ist das Risiko für die Grossabnehmer sehr beschränkt. Man muss ihnen nur faktisch den Zugang zur Börse ermöglichen. Kleinkunden könnten sich, wenn sie dann wollen, versichern lassen, wobei sich die Versicherer mit Futures absichern oder die Stromlieferanten auch Versicherer spielen, was sie im Prinzip jetzt schon tun. Und, wenn die Futures teuer sind, dann werden Kraftwerke gebaut, wozu mehr als genug Zeit ist (man könnte auch einen bis z.B. 20 y-ahead Markt einführen). Da stellt sich sehr die Frage, warum — rechts wie links — so sehr viele gegen einen (gelenkten) Markt sind. Seltsam.
Peter Vogelsanger, am 16. April 2017 um 10:06 Uhr
@Vogelsanger
Es könnte vielleicht schon einen sehr ausgeklügelten, sorgfältig glenkten Strommarkt geben, der funktionieren könnte. H.-P. Guggenbühl schreibt aber vom real existierenden europäischen Strommarkt, und da teile ich seine Vorbehalte vollumfänglich! Ich halte es auch für sehr unwahrscheinlich, dass in diesem Markt bald sinnvolle Rahmenbedingungen, die einen sparsamen Umgang mit Strom fördern würden, gesetzt werden.

Die energiesparende Wirkung von kurzfristigen Preissteigerungen sollte man nicht überschätzen. Bei den meisten Leuten ist der Verbrauch recht stark vom Alltagstrott vorgegeben. Den Preis spürt man nicht sofort, sondern am Monatsende. Eine hohe Rechnung wird kaum mit den relevanten Handlungen während des Monats in Verbindung gebracht. Eher richtet sich der Zorn gegen die politischen Verantwortlichen.

Von vielen Leuten (dieser Vorwurf geht nicht an Sie persönlich) wird der «Markt» auch als Ausrede missbraucht, nichts zu tun und keine Verantwortung zu übernehmen. Der Markt richtet's, da braucht man nicht mehr zu studieren. Denken ist anstrengend. Es ist vielleicht der einzige Bereich im Leben, wo Energiesparen wirklich populär ist ;-)
Daniel Heierli, am 17. April 2017 um 21:40 Uhr

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