Hochseevögel verheddern sich in Netzresten und verenden qualvoll © NDR
Plastikmüll im Vogelmagen © cc
Brutfelsen auf Helgoland: Zwischen den Nestern verwesende Vögel © NDR

Müllkippe Meer: Der Tod ist aus Plastik

Natalie Perren / 09. Jul 2014 - Jahr für Jahr landen über zehn Millionen Tonnen Müll in den Ozeanen. Ein Grossteil davon ist Plastik. Die Folgen sind dramatisch.

Tote Seevögel, die von Netzresten erdrosselt in den Brutfelsen auf Helgoland verwesen, schwer verletzte Robben mit tiefen Schnittwunden von Plastikabfällen, Eissturmvögel auf dem Seziertisch, die Mägen voller Plastikteile: Die Reportage des Norddeutschen Rundfunks NDR «Die Plastikbedrohung» ist nichts für empfindliche Nerven. Und doch lohnt es sich, den Film anzuschauen. Denn Plastikmüll im Meer ist eines der grössten Umweltprobleme weltweit, das von der breiten Öffentlichkeit noch immer kaum zur Kenntnis genommen wird. Und: Weil sich die Katastrophe im Niemandsland der Ozeane abspielt, fühlt sich keine Regierung dafür zuständig.

Plastik-Müll im Magen eines Vogels

Plastikmüll im Meer kostet jedes Jahr Zigtausende Tiere das Leben: Seevögel verwechseln auf dem Wasser treibende Plastikstücke mit Nahrung; Schildkröten fressen Plastiksäcke, die sie für Quallen halten; Delfine und Seehunde verheddern sich in alten Fischernetzen und Fangleinen, die tiefe Wunden ins Fleisch schneiden oder zur tödlichen Schlinge werden; Wale verhungern mit vollem Magen, weil sie unverdauliche Plastikplanen gefressen haben. Zudem werden unzählige Tiere durch Plastik vergiftet.

Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel analysiert seit Jahren den Mageninhalt von Eissturmvögeln, die an der deutschen Nordseeküste tot angeschwemmt werden. Sie suchen ihre Nahrung auf der Wasseroberfläche und fressen für gewöhnlich alles, was sie für Beute halten. Das Ergebnis: 95 Prozent der Vögel hatten Plastik im Bauch. Die Müllteile blockieren den Magen-Darm-Trakt der Tiere. Die Vögel können keine Nahrung mehr aufnehmen und verenden qualvoll.

Vom Arktischen Meer bis Hawai, von flachen Küstenregionen bis zu den Tiefseegräben: Längst hat sich der Plastikmüll in allen Meeren des Planeten ausgebreitet. In den Ozeanen haben sich fünf riesige Müllstrudel gebildet. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so gross ist wie Zentraleuropa. Das deutsche Umweltbundesamt schätzt die Menge an Plastik in den Meeren auf etwa 90 Millionen Tonnen. Dabei sind die Abfälle an der Meeresoberfläche nur die Spitze des Eisbergs. Mehr als 70 Prozent des Mülls sinken auf den Grund. Neben den katastrophalen ökologischen Folgen sind auch die materiellen Schäden immens. Tourismusgebiete sind bedroht, Strände müssen ständig gesäubert werden, der Müll verfängt sich regelmässig in Schiffsschrauben und Fischernetzen. Das UN-Umweltprogramm Unep beziffert die Kosten, die Plastikmüll im Meer verursacht, auf fast 10 Milliarden Euro jährlich.

Abfallsünder und -sünderinnen kommen ungeschoren davon

Während in anderen Teilen der Welt ein Grossteil des Plastikmülls vom Land ins Meer geschwemmt wird, sind die Quellen im Bereich der Nordsee vor allem die Schifffahrt und die Fischerei. Das zeigt der angeschwemmte Abfall auf der unbewohnten Nordseeinsel Mellum nahe Wilhelmshaven. Freiwillige Müllsammler haben hier den Abfall des 13 Kilometer langen Küstenabschnitts Stück um Stück katalogisiert – rund 54'000 Plastikteile, darunter viele Ölkanister und andere Plastikbehälter. 90 Prozent davon kämen eindeutig von Schiffen, sagen die freiwilligen Helferinnen. Ein Grund: Für die Entsorgung des Mülls in den Häfen müssen Schiffseigner und Reedereien etwas bezahlen. Um diese Kosten zu sparen, kippen manche Seeleute die Abfälle einfach über Bord. Das ist nach dem Internationalen Umweltübereinkommen «Marpol» zwar verboten. Es drohen Bussen bis zu 50'000 Euro, doch die Seeleute wissen, dass sie kaum Gefahr laufen, auf frischer Tat ertappt zu werden.

Auch bei unangemeldeten Kontrollen der Wasserschutzpolizei in den Häfen haben sie wenig zu befürchten. Selbst wenn der Verdacht nahe liegt, dass auf dem Meer illegal Müll entsorgt wurde, können die Beamten nicht durchgreifen, weil sich die Verstösse nicht beweisen lassen.

Doppelt so viel Müll – trotz schärferen Gesetzen

Umweltexpertinnen und -experten fordern deshalb schon lange, eine kostenlose Entsorgung der Abfälle müsse in allen Häfen möglich sein. Das würde die Abfallmenge im Meer vermindern, sind sie überzeugt. In der Ostsee hat sich das bewährt. Seit das Entsorgen von Müll in der Hafengebühr inbegriffen ist, liege deutlich weniger Abfall an den Ostsee-Stränden, sagen Fachleute. Doch Preisdruck und Konkurrenzkampf unter den Häfen stehen einer einheitlichen Lösung im Weg.

So gelangt weiterhin illegal entsorgter Müll von Schiffen in die Nordsee. Obwohl die Umweltgesetze verschärft worden sind, habe die Abfallmenge in den letzten Jahren sogar zugenommen, berichten Meeresforscher. Eine aktuelle Studie des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung AWI zeigt, dass inzwischen doppelt so viel Müll auf dem arktischen Meeresgrund liegt wie noch vor zehn Jahren. Laut den Forscherinnen könnte der Abfall langfristig das gesamte Ökosystem im Meer beeinflussen.

Mikroplastik – die unsichtbare Gefahr

In den Meeren hält sich Plastik sehr lange. Es können mehrere hundert Jahre vergehen, bis er sich vollständig zersetzt hat. Sonnenlicht und Salzwasser machen ihn brüchig, und er zerfällt in immer kleinere Teile. Oft sind die Fragmente so klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop erkennen kann.

Doch gerade diese winzig kleinen Partikel sind eine enorme Bedrohung für die Umwelt. Plastik enthält giftige Inhaltsstoffe wie Weichmacher und Flammschutzmittel, die den Meeresbewohnern schaden. Zusätzlich nimmt Plastik wie ein Magnet schädliche Substanzen aus dem Wasser auf, zum Beispiel Insektizide, Schwermetalle, Farbstoffe und organische Chlorverbindungen. Viele dieser Stoffe stehen im Verdacht, krebserregend zu sein, einige wirken wie Hormone und beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. Meerestiere wie Krabben, Muscheln und Fische nehmen diese giftbeladenen Plastikpartikel mit dem Plankton auf. So gelangen die Gifte in die Nahrungskette und landen schliesslich auch auf unseren Tellern.

Wie gefährlich diese Plastikteilchen sind, machten bereits Experimente an Miesmuscheln deutlich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten dokumentieren, dass sich die winzigen Plastikpartikel in das Gewebe der Muscheln einlagern und dort zu Entzündungen führten.

EU muss handeln

Der Müll im Meer wurde in der EU-Gesetzgebung lange nicht als ökologisches Problem betrachtet, sondern nur als störender Anblick. Erst seit 2010 existiert eine Gesetzgebung, um das Ökosystem Meer zu schützen: die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie. In dieser EU-Richtlinie wird der Müll in den Ozeanen erstmals explizit als Umweltgefahr eingestuft. Die Mitgliedsstaaten sollen künftig den Müll so weit reduzieren, dass er weder im Wasser noch an den Küsten Schaden anrichtet. Die EU-Mitgliedstaaten werden im Rahmen der neuen EU-Gesetzgebung handeln müssen. Bis 2016 haben sie noch Zeit, geeignete Massnahmen einzuleiten – und den Plastikmüll im Meer zu reduzieren.

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19-Jähriger will Ozeane vom Müll befreien

Der Holländer Boyan Slat, Student an der Technischen Universität Delft, hat ein Konzept entwickelt, um die Ozeane von Plastikmüll zu säubern. Die «Technology Review» berichtet in der aktuellen Ausgabe über Details der Pläne, die Slat vor zwei Jahren erstmals in einem TEDx-Vortrag der Öffentlichkeit vorstellte.

Mit riesigen Filteranlagen will Slat den Müll aus dem Meer fischen – ohne der Tierwelt Schaden zuzufügen. Slats Projekt mit dem Namen «Ocean Cleanup Array» besteht aus 24 Sammelplattformen mit kilometerlangen Auslegern. Die Plattformen sollen an neuralgischen Strömungspunkten der Ozeane verankert werden. Die Meeresströmung treibt den Müll direkt in die V-förmig angeordneten Fangarme zur Plattform hin. Dort wird der Müll vollautomatisch aufgefischt, gesammelt und später zum Recycling an Land befördert. In zehn Jahren wollen Slat und seine Helferinnen beziehungsweise Helfer fast die Hälfte des Plastikmülls aus dem Nordpazifik fischen.

Slats Projekt wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem «Best Technical Design» der Technischen Universität Delft, an der Slat Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Eine erste Crowdfunding-Kampagne brachte 80'000 Dollar ein, mit denen Boyan Slat eine Machbarkeitsstudie erstellen liess. Ein Team von rund hundert Spezialisten und Spezialistinnen unterstützte ihn dabei. Die 530 Seiten dicke Studie, die Boyan Slat Anfang Juni in New York vorgestellt hat, kommt zum Schluss, dass seine Idee funktionieren könnte. Auch finanziell sei es rentabel: Durch die Verwertung des Plastiks könne mehr Geld eingenommen werden, als das Projekt kostet, argumentiert der 19-Jährige. Die Kosten für die Anlage sollen sich auf rund 317 Millionen Euro belaufen, inklusive Betriebskosten für 10 Jahre.

In drei bis vier Jahren soll die erste Pilot-Anlage im Meer entstehen. Um diese zu verwirklichen, startet The Ocean Cleanup eine zweite Crowdfunding-Kampagne. Das Ziel: In 100 Tagen sollen zwei Millionen Dollar gesammelt werden. Nach 33 Tagen sind bereits über eine Million Dollar im Topf.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Video: «Die Plastikbedrohung» (NDR-Mediathek)
Studie des AWI zur Vermüllung der arktischen Tiefsee
Infosperber vom 12.8.2012: «Die Plastikmüll-Apokalypse in den Weltmeeren»
Infosperber vom 5.11.2013: «Schweiz schaut zu: Plastik tötet Fische und Vögel»

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Eine Meinung

...vielleicht gibt es doch was, gegen das kein Kraut gewachsen ist...Das Zeug verlässt den Körper wohl erst im Krematorium.
Olivier Bregy, am 09. Juli 2014 um 13:59 Uhr

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