Am Rand eines Sojafeldes in Santa Fe warnt ein Schild vor «agrochemischen Abfällen» © Marilina Calos
Chemielager einer Sojafarm in San Jorge: Glyphosat, Paraquat, Endosulfan oder die Essigsäure 2,4-D. Alles, was die Erträge steigert, wird gesprüht. © Marilina Calos
Viviana Peralta mit ihrer Tochter Ailén: Hustenanfälle wurden immer schlimmer © Marilina Calos

Gensoja-Anbau: Ähnliche Gifte wie im Vietnamkrieg

Romano Paganini, San Jorge / 29. Jun 2012 - Auf Südamerikas Gensoja-Feldern werden tonnenweise Giftstoffe versprüht. Ein Besuch im Zentrum der argentinischen Sojaproduktion.

Ailén saust mit ihrem Plastikauto auf dem Vorplatz herum, als wollte sie jemanden überholen. Nach ein paar Sekunden hält sie an, beugt sich über den Lenker und grinst. Jahrelang konnte die Fünfjährige nicht draußen spielen, sondern lag mit Atembeschwerden im Bett. «Besonders schlimm war es», erinnert sich Mutter Viviana Peralta, «wenn der Nachbar sein Feld auf der anderen Straßenseite besprühte.» So schlimm, dass Ailén zuweilen fast das Bewusstsein verlor und reglos auf der Brust ihrer Mutter lag.

Der Nachbar ist Gensoja-Bauer und hat sein Feld in San Jorge, im Zentrum der argentinischen Soja-Produktion – nur zehn Meter vom Haus der Peraltas entfernt. Regelmässig liess er Agrarchemikalien per Sprühmaschine oder Flugzeug auf dem Acker ausbringen. Viviana Peralta spürte es daran, dass sich ihre Lippen lähmten und sie kaum noch sprechen konnte. Die 44-Jährige schloss dann Fenster und Türen und hoffte, das Gefühl würde wieder vorbeigehen. Doch die Hustenanfälle ihrer Tochter wurden immer schlimmer. Schließlich fuhr sie mit Ailén zu einem Immunologen nach Rosario, und der bestätigte ihren Verdacht: Ja, ihre Probleme hatten mit den Chemikalien des Bauern, hatten mit dem Gensoja-Anbau zu tun.

Auslöser war der US-Chemiekonzern Monsanto

Gensoja ist in Argentinien was Kupfer in Chile oder Erdöl in Nigeria: ein riesiges Geschäft. 2011 wurden rund 11,6 Milliarden Dollar mit dem Verkauf der Hülsenfrucht erzielt – so viel wie noch nie. Ein Grossteil der jährlich inzwischen 60 Millionen Tonnen Soja von argentinischen Äckern landet in den Futtertrögen chinesischer und europäischer Mastbetriebe – auch in Deutschland. Gensoja war in Argentinien, dem weltweit drittgrössten Sojaproduzenten, von Anfang an kein Nahrungsmittel. Es war Kapital – Kapital, das heute über die Hälfte des fruchtbaren Bodens des Landes besetzt.

Dabei spielte Soja bis vor fünfzehn Jahren kaum eine Rolle. Angebaut wurde Weizen, Mais oder Sonnenblumen. Erst ab 1996, also im selben Jahr, in dem gentechnisch verändertes Soja auch in den USA auf den Markt kam, begannen sich argentinische Bauern für die Nutzpflanze zu interessieren. Auslöser war wie in Nordamerika der US-Chemiekonzern Monsanto. Er brachte nicht nur gentechnisch veränderte Organismen (GVO) an den Rio de la Plata, sondern reiste gleich mit einer ganzen Ideologie an. Sein Gensoja verkaufte er nur zusammen mit dem Glyphosat der Marke Roundup– einem seit Mitte der 70er Jahre eingesetzten Herbizid zur Unkrautbekämpfung; es wird heute in Millionen von Gärten weltweit verwendet.

Es bilden sich Super-Unkräuter

Gleichzeitig kamen neue Technologien auf den Markt, mit denen noch schneller mehr gesät, geerntet und letztlich verdient werden sollte. Monsanto ging sowohl zu den Produzenten als auch zu den Agrarstudenten des Landes. Diesen wurde in eigenfinanzierten Laboratorien und Studien beigebracht, das Glyphosat keinerlei negative Folgen habe, im Gegenteil: Es erhöhe die Ernte. Schliesslich war die von den Chemikern in St.Louis entworfene Gensojabohne resistent gegen das Glyphosat. Und so machte Monsanto aus der einstigen Getreidekammer der Welt ein Versuchslabor für Gensoja. Die Konsequenzen dieses Produktionsmodells werden sechzehn Jahre danach langsam sichtbar.

Durch die Verharmlosung des Herbizids Glyphosat benutzten die Bauern es wie Wasser – und rutschten dabei in einen Teufelskreis. Denn das Unkraut wurde im Laufe der Jahre immer resistenter gegen Roundup. Es entstanden sogenannte supermalesas, Super-Unkräuter – worauf die Bauern entweder die Dosis erhöhten oder das Glyphosat mit anderen, noch stärkeren Agrarchemikalien mischten. Die giftigsten dieser Chemie-Cocktails setzen sich zusammen aus Glyphosat, Paraquat, Endosulfan oder der Essigsäure 2,4-D.

Einsatz in ähnlicher Form im Vietnamkrieg

In Europa sind diese Produkte mit Ausnahme von Glyphosat verboten – produziert werden sie aber (nebst Monsanto in den USA) auch in hiesigen Laboratorien: in jenen von Syngenta aus Basel, von Basf aus Ludwigshafen am Rhein oder von Bayer aus Leverkusen. Sie verdienen ihr Geld nicht nur mit dem Verkauf von gentechnisch verändertem Saatgut und den dazugehörenden Chemikalien. Sie verdient auch dann, wenn die Nachbarn von Gensoja-Feldern krank werden und in Behandlung müssen.

Doch damit nicht genug: 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, wie 2,4D mit ganzem Namen heisst, war in leicht modifizierter Form Bestandteil des Entlaubungsgifts Agent Orange, das die US-Armee während des Vietnamkriegs über den Wäldern versprühte. So sahen die Scharfschützen besser, wo sich ihre Gegner versteckten. Hersteller von Agent Orange: Monsanto.

Der Krieg in Vietnam ist offiziell seit knapp vierzig Jahren zu Ende. Doch die Folgen von Agent Orange sind geblieben: verseuchte Böden, erhöhte Krebsraten und Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen. Es sind die gleichen Merkmale, die heute bei Menschen beobachtet werden, die in der Nähe von Agrarflächen mit GVO wohnen – auch in San Jorge.

2,4D auch für Kartoffeln

Die Stadt mit 25 000 Einwohnern wäre wohl längst von der Landkarte verschwunden, wenn sie nicht vor den GVO’s dagewesen wäre. Sie wirkt wie eine menschliche Ausnahme inmitten eines horizontlosen Genpflanzenmeers. Nahe des Zentrums, mitten in einem Wohnquartier, werden an diesem Montagvormittag Traktoranhänger mit Soja gefüllt. Ein älterer Mann stempelt gerade Lieferscheine und blickt erstaunt auf, als er hört, dass ein Journalist aus Europa da sei. Er kommt aus dem Büro und flüstert, als er die Tür der Lagerhalle neben den Silos aufstösst: «Aber nur für ein paar Minuten.» Der Mann weiss, dass er dies nicht tun dürfte, scheint jedoch hin- und her gerissen zwischen den Interessen seines Brötchengebers und jenen seiner kranken Nachbarn. «Normalerweise ist der Schuppen voll mit Samen und Chemikalien», sagt er und deutet auf die leere Fläche in der Mitte.

Zwei Strassenhunde sind in die Halle geschlichen und verrichten ihr Geschäft an einem Wulst aus leeren Säcken, Plastikplanen und Staub. Es riecht wie im Chemiezimmer, das der Lehrer in der Pause zu lüften versuchte. Beim Eingang stapeln sich leere Kanister mit verschiedenen Markierungen, auch solche mit der Aufschrift 2,4D. Auf deren Etikette steht die empfohlene Dosis pro Hektar– nebst Soja und Weizen auch für Kartoffeln, Reis und Zuckerrohr.

Hungerstreik eines Agraringenieurs

Welche Schäden verursachen diese Chemikalien?

Der Mann zögert zunächst und antwortet dann: «Der Produzent sagt, sie richten keine Schäden an.» Die Kanister seien mit roten, gelben und grünen Streifen gekennzeichnet, sodass man immer genau wisse, welche Produkte gefährlich seien und welche weniger. Es waren diese Kennzeichnung, die den Agraringenieur Claudio Lowy vor einem Jahr in einen mehrtägigen Hungerstreik vor dem Landwirtschaftsministerium in Buenos Aires treten liess. Er warnte, dass die enthaltenen Produkte wesentlich giftiger seien, als auf der Etikette behauptet werde.

«Hier im Dorf», sagt der Mann und schiebt die Tür der Lagerhalle wieder zu, wisse man schon, dass die Chemikalien schädlich seien. «Aber wenn du zwischen einem Job wählen kannst, der dir monatlich 2500 Pesos bringt oder einem mit Chemikalien, bei dem sie dir das Doppelte zahlen – Welchen wählst du?»

Ärzte wissen nicht weiter

Während sich Argentiniens Präsidentin Christina de Kirchner hinter den steigenden Exporteinnahmen durch Soja versteckt, kämpfen die Betroffenen auf einsamem Posten. So auch Roberto Rios, der zwischen 2001 und 2009 Tag für Tag Glyphosat, 2,4 und andere Agrarchemikalien ausbrachte. Mit Rucksackkanistern oder Sprühmaschinen zog der 35-Jährige über die Felder seines Arbeitsgebers – ohne Handschuhe, Anzug oder Schutzmasken. «Uns wurde weder gesagt, dass wir uns schützen müssen, noch dass die Mittel gesundheitliche Schäden verursachen», sagt Roberto. Während zwei Jahren schläft er zusammen mit anderen Mitarbeitern in derselben Lagerhalle, wo er tagsüber die Cocktails mischt. Es habe sich nicht gelohnt, sagt Roberto, über Nacht nach Hause zu fahren. «Und die Firma stellte uns keine andere Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung.»

Der dreifache Vater lebt seit seiner Jugend von der Landwirtschaft und gab den immer stärker werdenden Kopfschmerzen und Muskelkrämpfe während der Arbeit keine Bedeutung. Als er aber immer weniger ass und eines Tages nicht mehr Gehen konnte, ging er zum Arzt. Roberto musste sich an Speiseröhre und Niere operieren lassen, zudem wurde ihm die Galle entfernt. «Was ich genau habe, können die Ärzte nicht sagen.» Was sie Roberto aber sagten, ist, dass er keinen Kontakt mehr mit Agrarchemikalien haben dürfe. Das sagte auch die Ärztin von Ailéns Mutter.

Kritiker werden bedroht

Viviana Peralta hatte sich inzwischen an den Bürgermeister von San Jorge gewandt – der nur mit den Schultern zuckte. Ihr wurden Autos, Hotelaufenthalte, Medikamente und sogar ein Haus in der Stadt angeboten – was sie allesamt ablehnte. «Ich wohne hier und zahle Steuern», sagte sie dem Bürgermeister. «Ich möchte mit dem entsprechenden Respekt behandelt werden.»

Doch wer in Argentinien negativ über Soja spricht, muss mit Konsequenzen rechnen. Mitglieder der Betroffenenvereinigung Pueblo Fumigado («Versprühtes Volk») wurden schon Scheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Erst kürzlich wurde dem Direktor eines lokalen Radiosenders per Telefon mit Prügel gedroht, wenn er die kritische Berichterstattung zum Gensoja nicht einstelle.

Gericht verlangt Mindestabstand

Es überrascht deshalb nicht, dass Studien wie jene des Embryonenforschers Andrés Carassco von der Universität Buenos Aires kaum beachtet werden. Dieser hatte vor drei Jahren bestätigt, dass Glyphosat nur schon bei geringer Anwendung zu Missbildungen bei Embryonen führen könne. Monsanto sagte darauf, dass ihre Untersuchungen nicht zu diesem Schluss gekommen seien.

Viviana Peralta gelangte über Pueblo Fumigado schliesslich an eine junge Anwältin, die 2009 einen Gerichtsentscheid erwirkte, der landesweit für Aufsehen sorgte. Der Bauer muss beim Besprühen seiner Sojafelder einen Mindestabstand zu bewohntem Gebiet einhalten – 800 Meter wenn er mit der Maschine sprüht, 1500 Meter wenn die Applikation aus dem Flugzeug erfolgt. Für Viviana Perlata kommt dieser Entscheid zu spät. Sie und ihre Familie können zwar wieder freier atmen, aber die Ärztin hat ihr davon abgeraten, weitere Kinder zu haben. Das Glyphosat habe sich schon zu sehr in ihrer Plazenta abgelagert.

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Der Artikel ist eine gekürzte Fassung eines Artikels, der in der Jungen Welt erschienen ist. Junge Welt

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Soja-Netzwerk propagiert zweifelhaften Standard

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Liebe Grüße
Victoria Zedlacher für GLOBAL 2000 und ARCHE NOAH
Grüsse Elisabeth
Elisabeth Schmidlin, am 10. März 2014 um 16:18 Uhr

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