Energieausblick kollidiert mit dem Klimaschutz

Hanspeter Guggenbühl / 13. Nov 2014 - Der Uno-Klimarat will die globale Erwärmung auf 2 Grad begrenzen. Doch die neusten Energieprognosen zeigen auf plus 3,6 Grad.

Die Internationale Energieagentur (IEA) veröffentlichte gestern Mittwoch ihren neusten «Welt-Energieausblick». Im Zentrum der 750seitigen Studie stehen drei Szenarien. Diese zeigen, wie sich der globale Verbrauch von Primärenergie bis 2040 entwickeln kann. Alle Szenarien gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft im gleichen Tempo (plus 3,4 % pro Jahr) weiter wächst, und dass im Jahr 2040 neun Milliarden Menschen unseren Planeten bevölkern. Die Differenzen zwischen den Szenarien ergeben sich aus den unterschiedlichen Annahmen zur Energie- und Klimapolitik. Nachfolgend die Resultate:

  • Das Szenario «Bisherige Politik» basiert auf den schon heute rechtskräftig beschlossenen Massnahmen. Damit steigt der weltweite Energieverbrauch bis 2040 auf 20 Milliarden Tonnen Erdöleinheit (siehe rote Linie in der Grafik). Gegenüber dem Jahr 2012 entspricht das einer Zunahme von 50 Prozent. Der Anteil der fossilen Energieträger Erdöl, Kohle und Erdgas, die mit ihrem CO2-Ausstoss den Klimawandel beeinflussen, sinkt von heute 82 auf 80 Prozent im Jahr 2040.

  • Das Szenario «Neue Politik» geht davon aus, dass alle Staaten ihre energie- und klimapolitischen Ankündigungen ohne Abstriche umsetzen; dazu gehört unter anderem die von den USA gestern in China bestätigte Zusage, sie wolle ihren CO2-Ausstoss um 30 Prozent vermindern. In diesem Fall wächst der globale Energieverbrauch um 37 Prozent. Der fossile Anteil sinkt stärker, nämlich auf 74 Prozent, während der Anteil der erneuerbaren Energie und der Atomkraft zusammen auf 24 Prozent zunimmt. Aus diesem Szenario resultiert bis zur nächsten Jahrhundertwende immer noch eine Klimaerwärmung um 3,6 Grad.

  • Das «450-Szenario» orientiert sich an den klimapolitischen Vorgaben der UNO, wonach die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll. Das erfordert gegenüber den bisherigen Ankündigungen eine weit radikalere Klimaschutz-Politik. Wird diese umgesetzt (was die IEA nicht erwartet), liesse sich das Wachstum des globalen Energiekonsums auf sieben Prozent vermindern. Der Konsum von fossilen Energien schrumpft in diesem Szenario nicht nur anteilmässig (auf 61 %) sondern auch absolut.

Konsum höher als Prognose

In früheren Jahren warfen grüne Experten der IEA vor, ihre Prognosen würden die Wachstumshoffnungen der Energieverkäufer fortschreiben und seien darum überrissen. Doch die bisherigen Resultate erhärten diesen Vorwurf nicht. Im Gegenteil: Der globale Energieverbrauch nahm seit 1990 stets stärker zu, als es die IEA-Szenarien erwarten liessen. Beispiel: Im Zeitraum von 2002 bis 2012 wuchs der globale Primär-Energiekonsum um annähernd 30 Prozent und damit einen Drittel stärker, als es die IEA vor zehn Jahren in ihrem Trend-Szenario (siehe grüne Linie in der Grafik) prophezeit hatte.

Trotzdem bleibt offen, ob der globale Energieverbrauch bis 2040 so weiter wachsen kann, wie es das – klimapolitisch düstere – «Szenario Bisherige Politik» der IEA voraus zeichnet. Denn er Energiekonsum hängt auch vom Angebot ab. So erwartet die IEA zum Beispiel, dass die Nachfrage nach Erdöl von 2012 bis 2040 um weitere 13 (»Neue Politik») bis 27 Prozent (»Bisherige Politik») steigen wird.

Ölversorgung ist unsicher

Gleichzeitig zeigen die IEA-Analysen, dass die Förderung von Erdöl in den meisten Staaten schon kurzfristig und mittelfristig auch in den USA und Kanada sinken wird. So flaue der vom Fracking befeuerte Ölboom in den USA und der Abbau von Ölsand in Kanada schon ab 2020 ab. Um die wachsende Nachfrage trotzdem decken zu können, so hoffen die IEA-Experten, werden Staaten im mittleren Osten und Brasilien ihre Förderung ab 2020 massiv steigern. Mit Blick auf die aktuellen Kriege in Irak und Syrien sowie den Schwierigkeiten in der Ölförderung vor der brasilianischen Küsten sind diese Erwartung ziemlich gewagt. IEA-Direktorin Maria von der Hoeven räumt denn auch ein: «Im wachsenden und sich wandelnden Energysystems gibt es immer wieder Zeichen von Stress und Unsicherheit.»

Weiter erwartet die IEA in allen Szenarien, der Anteil der Kohle im globalen Energiemix werde sinken, der Anteil Erdgas hingegen stark steigen wird. Dieses klimapolitisch erwünschte Szenario widerspricht aber der Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit. Denn in den letzten Jahren hat vor allem die billige Kohle ihren Anteil am Weltmarkt stark erhöht; dies vor allem auf Kosten von Erdöl und Atomenergie.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Die Klimapolitik kritisch hinterfragt
Dossier: Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke
Dossier: Die Politik der Stromkonzerne

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