Todkranke Kuh von Farmer Wilbur Tennant: Erst nach jahrelangem Kampf musste ihn DuPont entschädigen © intercept
Jahrzentelang wusste DuPont, wie giftig PFOA ist. © The Intercept

Der Mann, der DuPont das Fürchten lehrte

Red. / 23. Jan 2016 - Jahrzehntelang verschwieg DuPont, wie giftig die Chemikalie PFOA ist. Der Anwalt Rob Bilott fand es zufällig heraus.

Viele grosse Umweltskandale gelangen durch Zufall an die Öffentlichkeit. Und manchmal kommt noch ein wenig Hilfe aus dem Jenseits dazu. Als der Anwalt Robert Bilott im Jahr 1999 einen Anruf aus Parkersburg, West Virginia, entgegennahm, war vielleicht beides der Fall.

Ihm sterbe reihenweise das Vieh weg, erklärte der Anrufer in fast unverständlichem Dialekt. Der Viehbauer Wilbur Tennant, auf dessen Nachbarhof Bilott als Kind mit seiner Grossmutter in den Ferien oft zu Besuch gewesen war, bat ihn um juristische Unterstützung. Wie sehr dieser Anruf sein Leben verändern würde, ahnte Bilott nicht.

Tote Kälber und verendete Waldtiere

Eine Woche später sass Bilott in einem Meetingraum seines Arbeitgebers, der Anwaltskanzlei Taft, Stettinius & Hollister und schaute sich verpixelte Videos von Kühen an, denen der Schaum vor dem Maul stand, verwackelte Bilder von verendeten Waldtieren, denen Blut aus der Nase läuft, Vieh mit missgebildeten Hufen, toten Kälbern mit anormal verfärbten Eingeweiden.

Die Probleme hätten begonnen, als sein Bruder Jim in den 1980er-Jahren ein Stück Land aus dem Familienbesitz an den Chemiekonzern DuPont verkaufte, sagte Tennant. DuPont ist der grösste Arbeitgeber der Gegend und verwendete das Gelände als Mülldeponie für seine nahe Fabrik.

Was DuPont in Dry Run Landfill entsorgte, wusste der Bauer nicht. Aus dem Flüsschen Dry Run Creek, dass durch die Deponie läuft, entnehmen die Tennants das Wasser für ihr Vieh.

Dokumentations-Video von Wilbur Tennant Ende der 90er-Jahre gedreht

Bilott, der als Experte für Umweltgesetzgebung bis dahin Chemieunternehmen verteidigt hatte, nahm sich des Falls an. «Ich tat das Richtige», sagte er dem «New York Times Magazine», das den Fall Anfang Januar 2016 dokumentierte.

Auf schlechte Pflege zurückzuführen

Im Sommer 1999 reichte der Anwalt beim zuständigen Bundesgericht Klage gegen DuPont ein. Es folgte eine Untersuchung des Viehbestandes der Tennants durch Experten der US-Umweltbehörde EPA und Tierärzte von DuPont. Die Probleme der Tennants, stellten sie fest, seien lediglich auf schlechte Haltungsbedingungen zurückzuführen.

Auch Bilott konnte keine Ursache für die seltsame Rinderkrankheit finden. Bis er in einem Brief auf das Wort «PFOA» stiess.

PFOA*, oder Perfluoroctansäure, tauchte in den Unterlagen sonst nirgends auf. Bilott forderte DuPont auf, ihm alle verfügbaren Unterlagen zu PFOA oder C8, wie der Konzern es intern nennt, zu schicken. DuPont weigerte sich. Bilott klagte im Herbst 2000 auf Herausgabe und bekam Recht.

«Eines der Dinge, von denen man sonst nur hört»

Die nächsten Monate verbrachte er mit der Sichtung von mehr als 110'000 Seiten unsortierter Dokumente: interne Korrespondenz, medizinische Berichte und vertrauliche Unterlagen aus 50 Jahren landeten in seinem Büro in Cincinnati.

Was er las, rüttelte den Anwalt, der nach Angabe von Arbeitskollegen nicht zu Übertreibungen neigt, richtig auf. Der Umfang des belastenden Materials machte ihn sprachlos: DuPont wusste seit langer Zeit von der Schädlichkeit von PFOA und hatte alles getan, um das zu verbergen.

Erfunden worden war PFOA, das bei der Herstellung von Teflon verwendet wird, im Jahr 1947 von 3M. Vier Jahre später verkaufte 3M die Chemikalie an DuPont und informierte den Chemiekonzern gleichzeitig, wie PFOA zu entsorgen ist. Die Substanz sollte als Sondermüll behandelt und an eine geeignete Entsorgungseinrichtung geschickt werden. Entsprechend erliess DuPont interne Vorschriften, die das Entsorgen von PFOA in Oberflächengewässern oder in Abwassersysteme verboten. 3M stellte weiterhin selbst PFOA her.

Trotz den internen Vorschriften pumpte DuPont in den darauf folgenden Jahrzehnten hunderttausende Kilo der Chemikalie mit dem Abwasser in den Ohio River und deponierte 7'100 Tonnen PFOA-haltigen Schlamm in Sickergruben auf dem eigenen Gelände in Parkersburg, West Virginia. Aus den Gruben der Teflonfabrik konnte PFOA direkt ins Grundwasser gelangen, aus dem mehr als 100'000 Menschen mit Trinkwasser versorgt werden.

Eine Chronik des Verschweigens

DuPont beging damit nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit. PFOA ist in den USA nicht reguliert. Die Gefährlichkeit der Substanz war den Behörden schlicht nicht bekannt.

Den beiden beteiligten Firmen hingegen schon. Bilotts Auswertung der internen Firmenunterlagen ist eine Chronik des Verschweigens:

  • 1961 fanden 3M und DuPont in geheimen Studien heraus, dass PFOA oder C8 zu Lebervergrösserungen bei Versuchstieren führt. In den 1970er-Jahren fanden beide Firmen im Blut von Arbeitern in Parkersburg hohe PFOA-Konzentrationen. DuPont machte die Untersuchungen nicht öffentlich, die Arbeiter erfuhren nichts davon.
  • 1981 stellte 3M fest, dass es durch PFOA zu Geburtsfehlern bei Ratten kam. DuPont untersuchte die Kinder schwangerer Mitarbeiterinnen und stellte bei zwei von sieben Neugeborenen Augenfehler fest. Auch diese Information gelangte nie an die Öffentlichkeit.
  • 1991 legten DuPonts Wissenschaftler einen internen PFOA–Höchstwert von 1 ppb (Parts per Billion) für Trinkwasser fest. Das Trinkwasser der lokalen Bevölkerung enthielt zu dieser Zeit mehr als die dreifache Menge. DuPont wusste davon.
  • 1993 erwähnt ein internes Memo ein Ersatzprodukt für PFOA, das weniger schädlich ist und aus dem menschlichen Körper schneller ausgeschieden wird. Das finanzielle Risiko, PFOA zu ersetzen, war DuPont jedoch zu gross.
  • 1994 stellte das Unternehmen fest, dass sich Stäube aus den Kaminen der Fabrik weit über das Fabrikgelände hinaus verteilten. Ebenfalls in den 1990er-Jahren bemerkte DuPont, dass PFOA bei Labortieren Hoden-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs verursacht. Ein Labor äusserte den Verdacht, die Chemikalie könne DNA-Schädigungen hervorrufen.
  • 1999 führten 3M und DuPont eine Studie an Primaten durch. Auch die Versuchstiere, die kleinste Mengen PFOA bekommen hatten, litten unter Lebervergrösserungen und Gewichtsverlust. Die Ungiftigkeit kleiner Mengen bestätigte sich nicht.

Dry Run Landfill: Tausende Tonnen giftiger Schlamm

In den späten 1980er–Jahren, als sich DuPont zunehmend Sorgen über die Giftigkeit von PFOA machte, kamen die Tennants und der Dry Run Creek ins Spiel: DuPont beschloss, die giftigen Schlämme aus der Teflonproduktion in einer Deponie zu entsorgen, und zwar auf den 66 Acres, die DuPont Wilbur Tennants Bruder Jim in der Nähe der Fabrik abgekauft hatte.

Eine Chronik des PFOA-Skandals, erstellt vom US-Medium «The Intercept».. Grössere Auflösung hier.

Bis 1990 entsorgte das Unternehmen 7'100 Tonnen PFOA-haltigen Schlamm in Dry Run Landfill. Dass das Wasser des Dry Run Creek aussergewöhnlich hohe Mengen an PFOA enthielt, stellte das Unternehmen zwar fest, kommunizierte das aber weder den Tennants noch den am Tennant-Fall Beteiligten.

Bilott hatte, was er brauchte. Im August 2000 führte er ein sehr kurzes Telefonat mit Bernard Reilly, dem Anwalt von DuPont. Bilotts Anwaltskanzlei Taft bekam ein Erfolgshonorar, die Tennants sollten entschädigt werden.

3M stellte die Produktion von PFOA im Jahr 2000 ein, DuPont baute eine neue Fabrik in North Carolina. Nach einem Ersatz für PFOA suchte der Konzern nicht.

«Rob's famous letter»

An dieser Stelle hätte die Auseinandersetzung für Bilott enden können. Immerhin verdiente er sein Geld bisher damit, bei Umweltstreitfällen Unternehmen und nicht Geschädigte zu vertreten. Vom Supervisor seiner Anwaltskanzlei als «herausragender Anwalt» beschrieben, hatte der Jurist bis dahin eine Modellkarriere gemacht. Der Fall Tennant brachte sowohl ihn wie auch seine Anwaltskanzlei in eine ungewöhnliche Lage.

«Ich war irritiert», sagt er. Der Fall DuPont war sehr viel anders verlaufen als die Fälle, die er bis dahin kennengelernt hatte. Das Unternehmen hatte über Jahrzehnte hinweg Gift in die Umwelt gebracht und versucht, das zu verschleiern. Bilott hatte gesehen, welche Wirkung PFOA-verseuchtes Wasser auf Rinder hatte. Welche Wirkung hatte es dann auf Menschen?

Die folgenden Monate verbrachte der Anwalt damit, einen offenen Brief gegen DuPont aufzusetzen. Das 972 Seiten lange Schriftstück ist unter seinen Kollegen als «Rob's famous letter» (Rob's berühmter Brief) bekannt. Am 6. März 2001 sendete er es an alle wichtigen Behörden, einschliesslich der US-Umweltbehörde EPA.

Eine Bedrohung für die gesamte Fluorpolymerindustrie

«Wir haben bestätigt, dass Chemikalien und Schadstoffe, die von DuPont bei Dry Run Landfill und anderen nahegelegenen DuPont-Anlagen in die Umwelt abgegeben wurden, eine unmittelbare und substanzielle Gefahr für Gesundheit und Umwelt darstellen», schrieb Bilott und verlangte eine sofortige Regulierung von PFOA sowie sauberes Wasser für die Anwohner in der Nähe der Parkersburger Fabrik. DuPont beantragte einen Maulkorberlass, der von einem Bundesgericht abgelehnt wurde.

Eine aussergewöhnliche Massnahme. Nominell vertrat Bilott noch immer die Familie Tennant, mit dem «berühmten Brief» hatte er eine Grenze überschritten. Das Schreiben machte Bilott zur Bedrohung für die gesamte Fluorpolymerindustrie.

Das US-Gesetz sieht vor, dass die Umweltbehörde Chemikalien nur prüft, wenn Hinweise für deren Schädlichkeit vorliegen und setzt damit auf die Selbstkontrolle der Industrie. Bis zu Bilotts Brief konnten sich Firmen auf den Eindruck verlassen, dass eine Chemikalie reguliert wird, wenn sie gefährlich ist. Von den mehr als 60'000 genutzten synthetischen Chemikalien hat die EPA bisher lediglich fünf reguliert.

Ein neues Kapitel

«Der Brief», kommentierte Harry Deitzler, ein Klägeranwalt aus West Virginia, der mit Billot zusammenarbeitet, «schlug ein neues Kapitel auf».

Beruflich stellte er für Bilott eine Zäsur dar. Er befürchtete, der Kanzlei Taft, für die er arbeitete, zu schaden: das Schreiben könnte das Vertrauen vieler Kunden kosten. Die Kanzlei jedoch reagierte auf sein Schreiben nicht. «Die Partner sind stolz auf seine Arbeit», liess Billots Supervisor Thomas Terp die New York Times wissen.

2005, vier Jahre nach dem Brief, schloss DuPont mit der US-Umweltbehörde EPA einen Vergleich über die Summe von 16,5 Millionen Dollar ab – zwei Prozent der Gewinne mit PFOA-haltigen Produkten im selben Jahr. Seither hat Bilott nie wieder einen Firmenkunden vertreten.

70'000 tranken verseuchtes Wasser, teilweise jahrzehntelang

Als Billot den nächsten Schritt in Angriff nahm, stand seine Anwaltskanzlei Taft weiter hinter ihm. 2001 reichte er eine Sammelklage gegen DuPont ein – im Namen aller, deren Wasser mit PFOA verseucht war.

Ein Hauptkläger fand sich mit Joseph Kiger, einem Lehrer aus Parkersburg. Kiger hatte im Oktober 2000 mit der Wasserrechnung eine Mitteilung erhalten, in der stand, dass sich «niedrige Konzentrationen einer unregulierten Chemikalie namens PFOA» in seinem Trinkwasser befänden.

Kiger hätte dem wenig Beachtung geschenkt. Seine Frau Darlene hatte durch ihren ersten Ehemann jedoch bereits Bekanntschaft mit PFOA gemacht. Der bei DuPont angestellte Chemiker war oft von der Arbeit gekommen und hatte sich krank gefühlt. Erbrechen, Durchfall und Schwindel waren nach Darlenes Angaben häufig bei DuPont. Die Arbeiter nannten die Symptome «Teflon-Grippe». Sie selbst nutzte PFOA als Reinigungsmittel im Haushalt.

Über 70'000 Menschen in der Umgebung der Parkersburger Fabrik, fand Bilott heraus, tranken Wasser, das mehr als 1 ppb PFOA enthielt – DuPonts interner Sicherheitsstandard und der einzig verfügbare Richtwert.

Ein potentielles Gesundheitsrisiko für jeden

Doch PFOA blieb eine nicht regulierte Substanz. Wie sollte Bilott beweisen, dass es schädlich war? Er fragte Toxikologen, die einen Höchstwert von 0,2 ppb für angemessen hielten. DuPont erhöhte seinen Richtwert derweil auf 150 ppb. West Virginia übernahm den Wert, der höher war als die Konzentration, die Wilbur Tennants Kühe das Leben gekostet hatte, als vorgeschriebenen Grenzwert.

Die EPA, angestossen durch Bilotts Recherchen, veröffentlichte 2002 ihre eigenen vorläufigen Ergebnisse. PFOA, erklärte die Umweltbehörde, könnte ein potentielles Gesundheitsrisiko für Menschen darstellen. Nicht nur beim Konsum von verseuchtem Wasser, sondern für jeden – beispielsweise durch die Verwendung von Teflonpfannen. Besonders beunruhigt zeigte sich die Behörde darüber, dass PFOA sogar in Blutkonserven gefunden wurde – was 3M und DuPont bereits seit 1976 bekannt gewesen war.

Sauberes Wasser für alle und eine wissenschaftliche Studie

Im September 2004 sagte DuPont sechs Wasserdistrikten rund um Parkersburg Filteranlagen zu und zahlte den Klägern der Sammelklage 70 Millionen Dollar. Ferner wollte das Unternehmen eine Studie über ein «mögliches Gesundheitsrisiko» von PFOA finanzieren. Bis Resultate vorlägen, sollten alle individuellen Klagen gegen den Chemiekonzern untersagt sein. Bilott und die andern Klägeranwälte erhielten 21.7 Millionen Dollar.

DuPonts durchaus realistisches Kalkül: Bilott und sein Team würden die Angelegenheit nun auf sich beruhen lassen. Sie taten es nicht.

Das lange Warten auf Beweise

Was, wenn sich der Vergleich dazu nutzen liesse, die gesamte betroffene Bevölkerung auf PFOA-Schäden zu untersuchen? Bilott und seine Kollegen setzten die von DuPont erhaltenen Millionen ein, um diese Untersuchung zu finanzieren.

Binnen weniger Monate gaben 70'000 Einwohner West Virginias gegen einen Check von 400 Dollar Blutproben ab und füllten einen Fragebogen aus. Auf einmal standen genügend Daten zur Verfügung, um eine epidemiologische Untersuchung durchzuführen. Und quasi unbegrenzte Ressourcen, um sie auszuwerten. Eine wissenschaftliche Fundgrube also.

Die Auswertung sollte Jahre dauern – keine einfache Zeit für Rob Bilott. Während er auf die Ergebnisse wartete und bei der EPA für eine Regulierung von PFOA lobbierte, mieden ihn die Kunden.

Klienten riefen ihn an und teilten Krebsdiagnosen mit. Warum, fragten sie, dauern die Untersuchungen so lange? Wilbur Tennant starb an einem Herzanfall, seine Frau zwei Jahre später an Krebs. Bilotts eigener Gesundheitszustand verschlechterte sich, die Ungewissheit zehrte an den Nerven. Einzelklagen waren noch immer nicht zulässig.

3'535 Klagen gegen DuPont

Nach sieben langen Jahren gaben die Wissenschaftler 2011 erste Ergebnisse bekannt, 2013 beendeten sie ihre Arbeit. Eine «wahrscheinliche Verbindung» zwischen PFOA und eine ganzen Reihe von Krankheiten war nachgewiesen. Darunter Nierenkrebs, Hodenkrebs, Schilddrüsenerkrankungen, hohe Cholesterinwerte, Schwangerschaftshypertonie und die Darmerkrankung Colitis ulcerosa. Einige andere sind seither hinzugekommen (link).

2013 stellte DuPont die Produktion und Nutzung von PFOA ein, alle anderen Fluorpolymerhersteller verpflichteten sich freiwillig, das bis 2015 ebenfalls zu tun.

Bis Oktober 2015 haben 3'535 Personen DuPont wegen Gesundheitsschäden verklagt. Der ersten Klägerin wurden wegen Nierenkrebs 1.6 Millionen Dollar zugesprochen, DuPont hat Berufung angekündigt. Sollte das Unternehmen weiterhin jeden Fall einzeln vor Gericht ziehen, dürfte es dafür ungefähr bis zum Jahr 2890 brauchen.

Aussicht auf Regulierung von PFOA

Im Mai 2015 unterzeichneten 200 Wissenschaftler aller Fachgebiete die Madrider Erklärung, die den Ersatz aller Flourchemikalien (PFAS) fordert. Darunter auch diejenigen, die PFOA ersetzt haben und deren Giftigkeit ungewiss ist.

2009 setzte die US-Umweltbehörde EPA einen «provisorischen Höchstwert» von 0,4 ppb für kurzfristigen Kontakt mit PFOA ein. Einen «lifetime health advisory level» (etwa: Empfehlung für Lebenszeitdosis) hat sie in einem Brief an Bilott für 2016 angekündigt.

Seinen Einsatz bereut Bilott nicht, auch wenn PFOA 16 Jahre lang sein Leben bestimmt hat und weiter bestimmen wird. Aber er ist noch immer wütend. Darüber, «dass DuPont damit so lange durchkommen konnte».

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*PFOA oder Perflouroctansäure ist ein pulvriges Fluorpolymer, das die Oberflächenspannung von Wasser vermindert und unter anderem bei der Herstellung von Teflon eingesetzt wird. Die Chemikalie, die sich im Körper anreichert, bindet an Blutplasmaproteine und hat dadurch Kontakt mit allen Organen. PFOA verursacht verschiedene gesundheitliche Probleme, darunter Organanomalien, Krebs und Fruchtschädigungen/Geburtsdefekte. PFOA kann mittlerweile überall auf der Welt nachgewiesen werden – am Nordkap ebenso wie auf abgelegenen Atlantikinseln. Auch sie, die Sie diesen Artikel lesen, haben sehr wahrscheinlich PFOA im Blut. In den USA ist PFOA – ausser dem provisorischen Grenzwert – nach wie vor nicht reguliert. In Europa hat einzig Norwegen für PFOA extrem tiefe Grenzwerte festgesetzt.

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts des New York Times Magazine und anderer US-Quellen erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«The Teflon Toxin», The Intercept
«The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare», New York Times Magazine
Dreiteilige Serie über den DuPont-Fall auf «Intercept»
Zur Wasserverschmutzung in Flint Michigan (Echo der Zeit)
Wasserverschmutzung in den USA (aus der Aargauer Zeitung)

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7 Meinungen

Ist es das was die Leute meinen, die weniger Staat wollen: keine Regulierungen. Und wenn sich die schrecklichen Folgen einer Sauerei ausbreiten, geht Geschäftsgeheimnis vor Umwelt. Die Beweislast liegt bei der Bauernfamilie, nicht beim grossen Konzern. Unverständlch!
Maja Beutler-Vatter, am 23. Januar 2016 um 21:35 Uhr
Leider ist das nur ein Beispiel aus einer langen Reihe. Es gibt Tausende, eher Zehntausende chemische Substanzen, und monatlich kommen neue dazu. Es braucht keine Bewilligung, sie in Umlauf zu bringen. Erst muss eine Schädlichkeit bewiesen werden, bevor Behörden eine Beschränkung oder «Regulierung» in's Auge fassen.
Bei manchen Substanzen, wie etwa gewissen Pestiziden, ist die gesundheitsschädigende Wirkung auf Menschen und Tiere bekannt und anerkannt, dennoch sind sie immer noch frei erhältlich. Andere wie etwa der Farbstoff Atrazin sind in der Schweiz verboten, in einigen neuen EU-Ländern aber immer noch erlaubt. Die EU übt nun Druck auf die Schweiz aus, dieses «Handelshemmnis» zu beseitigen.
Ist denn das Ziel von «Freihandel» die Freiheit für multinationale Konzerne, sich über die Gesundheit der Menschen hinwegzusetzen?
Daniel Nägeli, am 24. Januar 2016 um 17:31 Uhr
Mutige und sehr gescheite Leute wie dieser Rob Bilott und auch der direkt betroffene Farmer sind grosse und wichtige Vorbilder. Ihr Erfolg ist ein Aufsteller, auch wenn dieser Erfolg sehr viel früher hätte kommen müssen.
Ja, Frau Beutler, es ist das, was viele sognannte «Bürgerliche» mit weniger Staat und weniger Regulation meinen. Wenn Pfister CVP-Präsident wird, wird die CVP der FDP und der VSP nacheifern.
Anderseits ist auch «der Staat» nicht Garant für sinnvollen, effektiven und verhältnismässigen Schutz, in Fachgremien ist die interessierte Industrie meist dominant vertreten: Agrarchemie, Swissmedic, Nukearwirtschaft etc.
Also müssen wir bei dieser Verfilzung ansetzen, wie dies der IS macht. Vielen Dank für die Informationen!
Urs Lachenmeier, am 24. Januar 2016 um 19:52 Uhr
Herr Nägeli, war nicht gerade Atrazin, das praktische Herbizid, das Bahntrassen, Wegränder und Schulhöfe so einfach sauber putzte, in der Schweiz länger erlaubt als in anderen Ländern? Wir SchweizerInnen kommen uns immer so sauber vor. Dabei haben wir nur saubereres
Wasser, weil wir oben am Bach/Fluss wohnen.
Maja Beutler-Vatter, am 25. Januar 2016 um 11:21 Uhr
Perflouroctansäure...oder Perfluoroctansäure ? jedenfalls: heisst das Element Fluor!

Aber danke vielmals fürdiese 40-jährige Persiflage der Selbstkontrolle. Zum Glück gibt es Menschen mit einem guten Riecher für Ungerechtigkeiten! Chapeau für diesen Beitrag, wieder einmal ist Infosperber an der Front!
Diana Hornung, am 25. Januar 2016 um 15:04 Uhr
Verzeihung, da ist mir tatsächlich ein «o» verrutscht. Und stimmt, auf das Fluor kommt es tatsächlich an. Sonst wäre PFOA ganz trivial (und weniger giftig) Octansäure.
Red., am 25. Januar 2016 um 16:02 Uhr
Ja, Frau Beutler, tut mir leid, ich habe Atrazin mit dem Farbstoff Tartrazin verwechselt (komplizierte chemische Namen aber auch!). Dieser war auch in Deutschland und Oesterreich verboten, was wegen Angleichung an tiefere Standards in andern EU-Ländern wieder aufgehoben werden musste. Die Schweiz musste wieder mal «autonom» nachziehen ... - hat das Verbot also ebenfalls bereits aufgehoben.
Daniel Nägeli, am 25. Januar 2016 um 22:11 Uhr

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