Seyran Ates setzt sich für die Türkinnen in Deutschland ein © privat

Seyran Ates setzt sich für die Türkinnen in Deutschland ein

Türkei: Ade, du mein lieb Heimatland

Seyran Ates / 26. Feb. 2012 - Warum ich meinen türkischen Pass abgebe und nur den deutschen behalte.

(Red. Seyran Ates ist eine der streitbarsten Publizistinnen in Deutschland. Sie wurde 1963 in Istanbul geboren und kam 1969 in die Bundesrepublik. Als Rechtsanwältin setzte sie sich vor allem für Frauen aus der Türkei ein. Aufsehen erregten ihre Bücher Der Multikulti-Irrtum und Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (Ullstein). Die Gründe für den Verzicht auf die türkische Staatsbürgerschaft erklärte sie in der «Zeit».)

Vor einer Woche habe ich endlich meine deutsche Einbürgerungsurkunde wiedergefunden. Jetzt kann ich meine Ausbürgerung aus der Türkei beantragen. Ich will den türkischen Pass nicht mehr. Ich mache auf dem Papier Schluss mit dem Land meiner Herkunft. Wie konnte es so weit kommen?

Bisher gehörte ich zu den wenigen Türkinnen, die legal über eine doppelte Staatsangehörigkeit verfügen. Ich empfand das immer als Segen, keineswegs als Fluch. Es entsprach meiner transkulturellen Identität. Denn ich bin beides, deutsch und türkisch. Seit einer deutschen Gesetzesreform im Jahr 2000 ist es für Bürger der Türkei eine absolute Ausnahme, beide Staatsangehörigkeiten zu besitzen. Ich gebe also freiwillig ein Privileg auf. Nein, meine Motive sind nicht türkeifeindlich. Aber sie haben mit der politischen Lage in der Türkei zu tun, vor allem mit der Meinungs- und Pressefreiheit, die dort in den letzten Jahren eine besorgniserregende Einschränkung erfahren haben und von einer zunehmenden Islamisierung der gesamten Gesellschaft begleitet werden.

Als Anwältin besorgt mich jede Einschränkung von Freiheitsrechten. Als säkulare Muslimin besorgt mich der zunehmende Einfluss von Religion auf die Politik. Die Meinungsfreiheit gehört weltweit zu den am stärksten bekämpften Rechten, sie wird attackiert von Regierungen, die fürchten, ihre Macht zu verlieren, wenn zu viel Kritisches über sie gedacht und geschrieben wird. So auch in der Türkei. Nach einem internationalen Ranking der Reporter ohne Grenzen rutschte die Türkei bei der Pressefreiheit auf Platz 148 von insgesamt 178 Ländern. Kein Wunder. Denn mit zahlreichen Verhaftungen von Journalisten versucht die aktuelle türkische Regierung, sich Autorität zu verschaffen. Sie behauptet, eine nationalistische Terrororganisation namens Ergenekon zu verfolgen, deren Absicht es sei, die Regierung zu stürzen. Man fühlt sich mittlerweile erinnert an die Türkei der achtziger Jahre nach dem Militärputsch, als es zum guten Ton gehörte, unliebsame liberale Journalisten und Autoren einzusperren.

Selbstverständlich ist die Türkei nicht das einzige Land auf dieser Erde, in dem so etwas passiert. Es ist aber meine ursprüngliche Heimat. Früher war ich froh darüber, und bis vor wenigen Monaten konnte ich zumindest damit leben. Nun finde ich aber: Es ist besser für mich, wenn ich nur die deutsche Staatsangehörigkeit besitze und auf dem Papier ausschliesslich Deutsche bin. Das ist eine bittere Entscheidung, weil ich mich als Juristin bisher vehement für die doppelte Staatsangehörigkeit eingesetzt habe. Ich werde dann nicht mehr einfach in die Türkei einreisen und bleiben dürfen, solange ich will. Ich muss nach drei Monaten eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Es wird auch Probleme beim Erbe meines Elternhauses geben. Ausländer haben sehr eingeschränkte Rechte auf Grund und Boden. Doch diese Einschränkungen quälen mich kein bisschen. Man kann mir natürlich in Zukunft die Einreise verweigern, weil ich die Türkei öffentlich kritisiere, in den Augen einiger gar beleidige, indem ich die Rückgabe meines Passes mit den politischen und religiö- sen Entwicklungen begründe. Doch das Risiko nehme ich auf mich. Weil ich mir treu bleiben will. Weil man die Menschenrechte nicht halbherzig verteidigen kann.

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Dieser Beitrag erschien in der «Zeit».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Setze mich in Deutschland als Rechtsanwältin vor allem für Frauen aus der Türkei ein.

Weiterführende Informationen

Dossier «Gleiche Rechte für Frauen und Männer»
Original-Artikel auf Zeit-Online

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