Trump Sexismus Sexuelle Gewalt © ARD

«Er redete einfach so, wie viele Männer reden ...»

Trump, Gilli, Köppel, Houellebecq – alle «Araber»

Jürgmeier / 20. Okt 2016 - Suchen wir einen Papst oder einen Präsidenten? Die Frage, gestellt nach Veröffentlichung des Trump-Videos, verrät ein Männerbild.

Moderator*innen stellen in erster Linie Fragen, und die entsprechen – dahinter verstecken sich die «Provokateur*innen» gerne – nicht zwingend ihrer persönlichen Haltung. Aber die Frage, die Markus Gilli zwei Tage nach Publikation des (vorläufig) bekanntesten Videos aus dem diesjährigen US-Wahlkampf dem Sonntalk-Gast Sonja Buholzer – der er nach Abspielen des Trumpschen O-Tons unterstellt, sie wirke «ein wenig wie in einem Trancezustand» – zuspielt, ist ein Statement der verräterischen Art. «Suchen wir einen Papst, oder suchen wir einen Präsidenten?» Die sichtlich irritierte Buholzer will wissen: «Ist das jetzt eine Frage gewesen?» Und als sie auf sein «Ja» nachdoppelt, ob der Markus noch eine andere habe, wird ihr beschieden: Das ist die ultimative Frage, die Gilli stellen will. «Ich habe keine Auswahl mehr. Suchen wir einen Heiligen, suchen wir irgendeinen, der ein religiöser Führer ist, oder suchen wir einen Leader, einen politischen Leader?»

Das «Wir» in einem Schweizer Lokalfernsehen erinnert an die Grössenphantasien des Donald Trump, der noch im Januar erklärt hat: «Ich könnte in der Mitte der 5th avenue stehen und jemanden erschiessen, und ich würde keine Wähler verlieren, okay?» (Kronenzeitung, 25.1.2016). Die Sonntalk-Runde von Telezüri ist ja nicht wirklich in das Assessmentverfahren um das Amt, das immer noch das mächtigste der Welt genannt wird, involviert, und auch der Papst wird nicht in der nach eigener Darstellung ältesten Demokratie der Welt gekürt, sondern, in Erinnerung an die guten alten Reisläuferzeiten, nur von einer Schweizer Garde beschützt. Die Frage, ob «wir» einen Papst oder einen Präsidenten, einen Heiligen oder einen politischen Leader suchten, ist also blosses Gedankenspiel im Telezüri-Kämmerchen. Aber gerade im Spiel, in dem wir uns gerne vergessen, offenbaren sich im kontrollierten Alltag unterdrückte Haltungen & Phantasien.

Jungs, Verräter, Garderobengetrommel

Ein Mann, der redet & agiert wie Trump, will Gilli «uns» offenbar sagen, tauge zwar nicht zum Papst & Heiligen, aber ein US-Präsident & politischer Leader dürfe, in einer Demokratie, noch immer ein ganz «normaler Mann» sein. Und die sind nun mal so, weiss Gilli. «Auf jedem WC, in jeder Männerclique ist sehr wahrscheinlich schon einmal so geredet worden. Selbst an der Universität Zürich oder an einem Parteitag der SP.» Schiebt er dem sozialdemokratischen Ständerat & Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch den schlüpfrigen Ball zu. Und das auch schon, bevor junge Männer aus muslimischen Ländern ihr menschenverachtendes Frauenbild nach Europa eingeschleppt haben.

Ein paar Tage später eilt auch Weltwoche-Chef & SVP-Nationalrat Köppel dem damals 59-jährigen Donald Trump – der von seiner Frau mit dem bemerkenswerten Satz in Schutz genommen wird, «Jungs sind so; wenn Jungs heranwachsen, dann reden sie so über Mädchen», (Spiegel online, 18.10.) – aus der fernen Schweiz zu Hilfe: «Er redete einfach so, wie viele Männer reden, wenn sie sich in Herrenrunden oder Umkleidekabinen unbeobachtet fühlen» (Weltwoche, 13.10.). Schliesslich habe er «nur mit seinen Worten ausgedrückt, was der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger unter allgemeinem Applaus einst gepflegter so formuliert hatte ‹Macht ist für Frauen das endgültige Aphrodisiakum›.» Wer hat, damals, applaudiert? In welchen Herrenrunden und Umkleidekabinen treiben sich Schweizer Chefredaktoren herum, dass sie «Verrat» rufen müssen, wenn herauskommt, was sie da so palavern?

O-Ton Roger Köppel: «Mindestens so unanständig wie die Dinge, die in solchen Situationen besprochen werden, sind die Leute, die das nachher ausplaudern – oder auf Band aufnehmen. Moralisch neutralisiert die Gemeinheit des Verräters die beschämende Schlüpfrigkeit der Aufzeichnungen.» Das ist der Appell an den Männerbund, sich an die «Omertà» zu halten, um die Vorurteile «der Feministinnen» nicht mit (hoffentlich partiellen) Realitäten zu unterfüttern beziehungsweise den «anderen Mann» nicht an Gattinnen & Freundinnen zu verraten. «Ich war überrascht, denn der Mann, der da spricht, ist nicht der, den ich kenne», offenbart Melania Trump in einem Interview auf CNN (Spiegel online, 18.10.). Vor allem aber geht es im Fall Trump «nicht bloss um ein paar dumme sexistische Sprüche» (Lotta Suter, Wochenzeitung, 13.10.).

O-Ton: «Ich fange einfach an, sie zu küssen. Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu … Berühre ihre Vagina. Du kannst alles machen …» (Blick online, 8.10.2016). Das verrät der Kandidat dem Moderator im Jahre 2005 auf dem Weg zur TV-Sendung Access Hollywood. Garderobengetrommel? Pubertäre Potenzgebärden? Oder Anekdoten aus dem Leben eines «alternden Machos» der nicht weiss, «dass sexuelle Gewalt gegen Frauen heutzutage als krimineller Tatbestand gewertet wird?» (Lotta Suter, WoZ). Der «Showman und Sprücheklopfer» (Köppel über Trump) wäre, vermutlich, froh, der Männerbund hätte funktioniert und sein Gerede wäre nicht publik geworden, so bleibt ihm als letzte Hoffnung auf die Präsidentschaft nichts anderes, als öffentlich zu beteuern, «in Zukunft ein besserer Mensch zu sein» (Blick online, 8.10.).

Die «Araber» sind schon da

Manchmal allerdings sind es keine «Kameradenschweine», die Männer blossstellen, manchmal verraten sie sich auch selbst, die Männer. Sogar an feierlichsten Anlässen. So der französische Autor Michel Houellebecq anlässlich der Auszeichnung mit dem Frank-Schirrmacher-Preis. «Die Prostitution abschaffen», droht er in seiner von der Neuen Zürcher Zeitung am 27. September 2016 in gekürzter Form veröffentlichten Dankesrede in Berlin, «heisst, eine der Säulen der sozialen Ordnung abschaffen. Das heisst, die Ehe unmöglich machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen, und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.»

Der Mann, der in seinem letzten Roman «Unterwerfung» mit der Machtübernahme des Islams in Frankreich spielt, will offensichtlich europäische Werte und emanzipatorische Errungenschaften mit der Verteidigung der Prostitution, «eine der Säulen der sozialen Ordnung», gegen fremde Frauenbilder und Geschlechterordnungen schützen. Wenn die Islamisten wüssten, dass das Abendland so leicht untergeht, sie müssten nur die feministischen Bestrebungen für ein Prostitutionsverbot unterstützen. Und wenn «Araber» für ein Frauen- beziehungsweise Männerbild – wie u.a. nach dem Kölner Silvester behauptet worden – stehen, das den Gleichheitsvorstellungen europäischer Kulturen radikal widerspricht, dann sind, offensichtlich, Trump, Gilli, Köppel und Houellebecq, aber natürlich auch Bill Clinton, alle verkappte «Araber», aber längst nicht alle Araber.

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8 Meinungen

@Jürgmeier. Sie wissen selber, dass Houellebecq eine andere Liga ist als Trump und publizistisch auch nicht mit Gilli zu verwechseln, so wie halt weiland bei den Antikommunisten Solchenizyn auch nicht dasselbe war wie Cincera oder Rudolf Friedrich. Über die Prostitution schrieb Thomas von Aquin, sie sei zu tolerieren, «toleranda tamquam cloaca». Also so «notwendig wie ein Scheisshaus», doch sei Wert auf Vermeidung öffentlichen Ärgernisses zu legen. In den katholischen Ländern incl. Kirchenstaat gab es früher legale Bordelle, zu Gottesdienstzeiten geschlossen, so wie der Kirchenstaat einst bei der Unterdrückung der Homosexuellen durch den § 143 des Preussischen Gesetzbuches (später ° 175) eine Exildestination für verfolgte Homosexuelle war, weil man für jenes «Delikt» dort nur in die Hölle, aber nicht ins Gefängnis kam. Über Prostitution könnten Sie sich mit einem Männerspezialisten wie Paul Nizon (pas très catholique) unterhalten. Selber versuchte ich als Lehrer der Ethik ernstgenommene thematische Einheiten zum Thema zu machen auf der Basis des Standes der schwedischen Gesetzgebung, mit welcher der Weisheit letzter Schluss nicht geschafft ist. Sie könnten statt Houellebecq natürlich auch Schopenhauer und Nietzsche zum Thema Prostitution einbeziehen und würden dann merken, dass Autoren dieses Kalibers zwar oft überspitzt formulieren, aber die Debatte durchaus weiterbringen. Ernst zu nehmen als Texte der Ethik sind für mich die diesbezüglichen Thesen des Marquis de Sade.
Pirmin Meier, am 20. Oktober 2016 um 12:24 Uhr
@Pirmin. Kann ich grundsätzlich zustimmen. Zu beachten vielleicht noch, dass Houellebecq ganz in der Tradition Voltairs Gesellschaftskritiker und Satiriker ist und seine Literatur auch sub species zu lesen wäre.
Hermann K.J. Fritsche, am 20. Oktober 2016 um 12:40 Uhr
Das ist alles in der Tat sehr unappetitlich. Nur: der Roman von Houellebecq heisst auf Deutsch «Unterwerfung» (nicht: Untergang). Und ich würde darin auch keine sexuelle Anspielung vermuten.
Daniel Brühlmeier, am 20. Oktober 2016 um 14:57 Uhr
2@Brühlmeier. Der Roman lässt sich auch als Satire auf den universitären Betrieb ( nicht nur in Frankreich!) lesen und seine Willfährigkeit sich dem Meistbietenden anzudienen.
Hermann K.J. Fritsche, am 20. Oktober 2016 um 15:15 Uhr
@Daniel Brühlmeier: Besten Dank für die sorgfältige Lektüre. Ich habe den Text aufgrund Ihres Hinweises auf den peinlichen Fehler korrigiert.
Jürgmeier, am 20. Oktober 2016 um 16:03 Uhr
Ein überaus schwacher Beitrag des Autors! Wenig Strahlekraft dieses Rundumschlags. Zudem viele Fehler in der Grammatik.
Machen wir es doch einfach kurz: Der Wahlkampf in den USA ist einfach «disgusting» und dies von beiden Kandidaten. Und Hillary Clinton ist noch lange keine Päpstin, auch wenn sie in Kleidung (weiss) und Gestik durchaus an en Papst erinnert. Doch so katholisch wie der Papst kann sie und ihr Gatte Bill (Levinsky-Eskapaden) gar nie werden. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind degeneriert und im Niedergang.
Beda Düggelin, am 21. Oktober 2016 um 11:20 Uhr
@Möller. Eher unter der Gürtellinie.
Pirmin Meier, am 22. Oktober 2016 um 12:30 Uhr
Zugegeben, er war mir auch nie sympathisch. Aber wäre ich Milliardär, und Amerikaner, in Bezug auf Frauen wäre ich sicher nicht viel anders, ich war es, als 'Peace & Love' Generatiönler, auch sonst nicht, denn schliesslich war es Mode, und gehörte damals sogar zum guten Ton, der freie Liebe zu frönen, auch wenn die allermeisten Schweizer|innen selber nur davon hörten und lasen, aber Lichtjahre entfernt vom Verständnis, was überhaupt diese Bewegung damals überhaupt ausgelöst hatte.

Und sexuelle Gewalt, wer treibt die Männer denn dazu ? Sind es vermummute Frauen, oder sind es Die, die man jeden Tag überall vorfindet? Die sexuelle Reizüberflutung ist doch allgegenwärtig, und in TV Sendungen stehen sie Schlange, auch spitternackt, um dem Pöbel zu manifestieren, zu was sie offenbar am Besten taugen.

Aber da es der fraulichen Emanzipation trotzdem nicht gelang, alle Männer schwul zu machen, existiert halt ein latentes Problem, weil nicht Jeder sich im Griff hat, unter gewissen Bedingungen. Aber dann sind es sofort wieder nur die primitiven triebhaften Männer, welche sich an den unschuldigen Frauen vergreifen.

Wir kommen so aber nicht weiter, und solange Milliardäre zu den meistgefragten Männern gehören, werden auch weiterhin die Frauen Schlange stehen, wenn irgendwo Einer auftaucht, nur darauf hoffend, von ihm beachtet zu werden, und mit ihm das Bett teilen zu dürfen. Und behält er sie dann trotzdem nicht, oder nur über Nacht, wird er zum Schwein erklärt.

Und alle klatschen.
Ernst Jacob, am 26. Oktober 2016 um 02:05 Uhr

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