Wenn Menschen als Belastung der Natur erscheinen

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Jürgmeier / 23. Mrz 2014 - Eine grüne Initiative provoziert Nachgedanken, die nicht ohne Unterstellungen auskommen.

Vergangene Woche stimmten 39 (von 40) StänderätInnen gegen sie, und in der «Arena» fiel sie bei der Mehrheit der Grünen aller Parteien durch. Das spricht nicht zwingend gegen sie, die Ecopop-Initiative «Stopp der Überbevölkerung - zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen», welche die «Überlastung der Natur durch immer mehr Menschen» mit «Begrenzung der Zuwanderung» in die Schweiz und «freiwillige[r] Familienplanung» in Entwicklungsländern reduzieren will.

Wenn ein Kind zur Welt kommt, stellen stolze Eltern häufig riesige Holzstörche oder andere Laubsägereien auf Balkone, Terrassen sowie in Vorgärten und feiern vor aller Welt, dass wieder eine oder einer angekommen ist. Aber kaum ist das Neugeborene ins Geburtenregister eingetragen, wird schon mit ihm gerechnet (eigentliche Frühförderung folgt erst ein paar Jahre später) - wie viel Kulturland wird es vernichten, wie viel Wohnraum, Energie und Nahrung brauchen, wie viel Platz in Kinderkrippen, Zügen und auf Skipisten besetzen, wie viel Abfall, Abwasser und CO2 produzieren, wie gross wird sein ökologischer Fussabdruck sein?

Der Menschenberg

Wir wissen es schon lange - so kann es nicht weitergehen, mit dem endlosen Wachstum von Produktion-Konsum-Abfall. Das Überhandnehmen von allem bedroht die Lebensgrundlagen anderer und derer, die nach uns kommen. Wenn es so weitergeht, geht es bald nicht mehr weiter. Verzweifelt sahen (und sehen) wir zu und halfen mit, dass es so weiterging - mit immer mehr Autos, noch weiteren Flügen, wärmeren Häusern, grösseren Wohnungen und mehr elektrischen Gerätschaften. Wachstum über alles. Für höhere Gewinne-Löhne-Renten.

Langsam wird es eng, und wenn es eng wird, machen sich viele Gedanken, einige kommen sogar auf Ideen, finden, in grosser Verzweiflung, einfache Lösungen und lancieren Initiativen zur Bekämpfung der Ursache aller Ursachen - der Menschen und ihrer Zahl. «Es gibt einfach zu viele Menschen.» Mit diesem (leichtfertig dahingesagten) Satz stellen wir unsere Existenz gegenseitig in Frage. Wer von uns ist zu viel? Menschen sind keine Mangelware. Im Gegenteil. Das heisst - eine Ware sind sie schon, aber eine, die es im Überfluss gibt. Bevölkerungsexplosion. Überfremdung. Überalterung. Ausländerflut. Flüchtlingsstrom. Asylantenschwemme. Jede und jeder zu viel. Der Menschenberg muss abgebaut werden.

Wenn nur die Menschen nicht wären

Es war, womöglich, ein unbeholfener Ausrutscher, der in der Arena vom 21. März 2014 Beklemmendes offenbarte. Der Vertreter der Ecopop-Initiative wies darauf hin, wegen der erfolgreichen Entwicklungshilfe sei in Niger die Säuglingssterblichkeit gesunken und habe sich die Gesundheit der Kinder derart verbessert, dass die meisten überlebten und deshalb die Bevölkerungszahlen stark stiegen. Ob er der Meinung sei, gab ihm der geschockte Moderator Gelegenheit, sich von der impliziten Folgerung zu distanzieren, es stürben in Niger, aus ökologischer Sicht, zu wenige Kinder. «Das ist absolut zynisch, das würden wir nie sagen.»

Wo Menschen und ihre Zivilisation als Belastung der Natur beziehungsweise als Bedrohung des Öko-Systems erscheinen, wo angesichts der zerstörerischen Folgen einer bestimmten, allerdings bald weltumspannenden Kultur die Selbstvergottung des menschlichen Geschlechts - das sich alles andere Leben unterwirft - in Selbsthass kippt - der «den Menschen» zur Fehlentwicklung diffamiert -, da ist die Jagdsaison eröffnet.

So wie die Debatte zur «Überalterung» der Gesellschaft dazu führt, dass ältere Menschen darüber nachzudenken beginnen, wann sie sich «entsorgen» müssten, führt der Überbevölkerungs- und ökologische Belastungsdiskurs dazu, dass Menschen sich auch schon mal ernsthaft zu überlegen beginnen, ob es für «die Natur» nicht das Beste wäre, wenn sie nicht (mehr) wären. Schlimmer noch, sie geraten als Gefährdung eines (abstrakten) natürlichen Ökosystems in den Blick anderer Menschen. Am Ende gilt für «die Natur» dasselbe wie für soziale Systeme (zum Beispiel Schulen, Jugendhäuser, psychiatrische Kliniken, Unternehmen und demokratische Institutionen) - sie alle würden bestens funktionieren, wenn nur die Menschen nicht wären.

Menschen statt Produktion stoppen

Natürlich haben die Ecopop-InitiantInnen (und andere ökologisch Denkende) recht - es gibt in einer endlichen Welt kein Wachstum ohne Grenzen, und es wäre fatal, diese Initiative, wie die Masseneinwanderungsinitiative, mit ökonomistischen «Harakiri»-Drohungen zu bekämpfen. Die Frage, welche sich die EcopopulistInnen gefallen lassen müssen, ist, weshalb sie - wenn nationalistische Überlegungen tatsächlich keine Rolle spielen - ihr Ziel, eine nachhaltige Gesellschaft, ausschliesslich über Begrenzung der Zuwanderung in die Schweiz sowie verbesserte Geburtenverhütung in fernen und armen Ländern erreichen wollen.

Warum verlangen sie nicht die Senkung jener Bevölkerungen und Bevölkerungsteile, die infolge ihrer Lebensweise die Umwelt am stärksten belasten? Oder, noch besser, die radikale Limitierung des Bruttosozialprodukts (pro Person)? Die Beschränkung der Mobilität (zum Beispiel maximal 8000 Flugkilometer = Zürich-Peking einfach in einem Menschenleben, höchstens 2000 Autokilometer pro Jahr und Person)? Die Begrenzung des Energieverbrauchs (höchstens 20 Grad Zimmertemperatur, zehn Paar Schuhe pro Person/Leben)? Die Kontingentierung der in die Schweiz einreisenden beziehungsweise ausreisenden TouristInnen? Den Stopp des Kapitaltransfers, der durch Ansiedlung neuer Firmen zusätzliche Arbeitsplätze und damit ökologische Belastungen schafft? Weshalb setzen sie sich, zusammengefasst, nicht für eine eindeutig bezifferte Reduktion des materiellen Lebensstandards und damit der (ökonomischen) Standort-Attraktivität der Schweiz ein, wodurch automatisch die Einwanderung sänke und die Auswanderung zunähme? Weil das an den globalen ökologischen Bedrohungen nichts änderte?

Abstimmungstaktisches

Ist es eine (bösartige) Unterstellung, es für denkbar zu halten, dass den InitiantInnen der Mut fehlt, sich mit ihrer berechtigten Wachstumskritik gegen die Bequemlichkeiten und Freiheiten grosser Teile der schweizerischen Bevölkerung zu stellen sowie sich mit den wirtschaftlich Mächtigen anzulegen, welche die Zerstörung ökologischer Gleichgewichte und natürlicher Ressourcen mit ihrem «Wachstum über alles» nachhaltig vorantreiben? Dass sie stattdessen, aus abstimmungstaktischen Gründen, Massnahmen vorschlagen, die Menschen treffen, die in der schweizerischen Demokratie keine Stimme haben? Dass sie, klammheimlich, auf die Unterstützung der aktuell grössten Schweizer Partei und anderer nationalkonservativer Kreise hoffen, auch wenn ihnen deren Gesellschaft im Allgemeinen eher unangenehm zu sein scheint und sie wissen (müssen), wohin das am Ende (auch) führen könnte? «Die Geburtenkontrolle anderer Völker in die Verfassung schreiben, das ist sehr nahe an Genozidzielen.» Heisst es in einem Tweet zur «Arena» vom letzten Freitag. Das müssen jene - die mit einem Ja zu dieser Initiative liebäugeln - bedenken. Damit sie nicht hinterher sagen (müssen), das hätten sie nicht gewollt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Der überflüssige Mensch, von Ilija Trojanow (ein Lesetipp auf Infosperber)
Ökologie und Bevölkerungspolitik nicht vermischen - Ein Gespräch mit Balthasar Glättli

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5 Meinungen

Ob der Hinweis des Ecopop-Vertreters auf die gesunkene Säuglingssterblichkeit in Niger wirklich nur ein Ausrutscher war, bleibe dahingestellt. Schockierend war die Aussage so oder so – und erst noch falsch. Sinkende Kindersterblichkeit durch verbesserte Hygiene und medizinische Versorgung führt längerfristig eben gerade nicht zu einem Bevölkerungswachstum, sondern ganz im Gegenteil zu einer Senkung der Familiengrösse. Der Arzt Hans Rosling führt den statistischen Nachweis in einem ausgezeichneten Ted-Video. Rosling ist Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska-Institut in Stockholm, war Berater der WHO, des Kinderhilfswerks Unicef: http://www.ted.com/talks/hans_rosling_the_good_news_of_the_decade.html
Jürg Müller-Muralt, am 23. März 2014 um 22:18 Uhr
Ich halte die Einreichung der Initiative für wichtig, damit das Wachstumsthema diskutiert wird, wie in diesem Artikel. Ich finde wie der Autor, dass im Text besser auf die Worte «durch Zuwanderung» verzichtet worden wäre und dass die Familienplanung nicht nur in Entwicklungsprojekten gefördert werden sollte, sondern überall. Dann wäre der Vorwurf der eigenen Bevorzugung nicht möglich.
Die Initiative wurde nur knapp nicht für ungültig erklärt wegen «Uneinheitlichkeit der Materie", deswegen ist es wahrscheinlich schon eine Unterstellung, den Initianten vorzuwerfen, dass sie nicht ebenfalls die Beschränkung des Resourcenverbrauchs in die Initiative einbauten. Unser Verbrauch, ob pro Kopf oder total, ist je nach Indikator viel zu hoch und wird irgendwann zurückgehen, entweder freiwillig oder durch Krisen. Je schneller die etablierten Mächte begreifen dass Wirtschaftswachstum in absehbarer Zeit in die Katastrophe führte, desto besser wird es uns mittelfristig gehen.
Theo Schmidt, am 24. März 2014 um 12:42 Uhr
Die ganze Geschichte erscheint reichlich zynisch. Warum nicht einfach die Waffenausfuhr liberalisieren. In vielen Ländern ist systematische Vergewaltigung zur offiziell akzeptierten Kriegstatktik verkommen. Diese Leute würden wohl keine Schweizer Kondome wünschen.

Es gibt auch in der Schweiz immer mehr Leute, welche «den Zug stoppen wollen". Die Geschichte, aber auch die Wirtschaftslehre hat uns aber gezeigt, dass Ungleichgewichte über kurz oder lang zu Gegenreaktionen führen und dass auch die grössten Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Was das Bevölkerungswachstum in einzelnen südlichen Ländern betrifft, ist das kein Problem mangelnder Schwangerschaftsverhütung. Das Bewusstsein der Bevölkerung und auch der politisch Verantwortlichen ist genügend gross, um nicht auch noch einen Beitrag aus der Tiefe der ländlichen Schweiz zu benötigen.

Übrigens gab es auch in der Schweiz einen Baby-Boom und die aktuelle «Massenzuwanderung» hilft der Wirtschaft die geburtenarmen Jahrgänge etwas zu ergänzen. Wir überlegen uns aber bereits jetzt, ob es nicht angezeigt wäre, überflüssige Klassenzimmer in ländlichen Gegenden, mangels entsprechender Schülerzahlen, zu schliessen.

Demographische Schwankungen hat es immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben. Internationale Migration ist ein Instrument zur Überbrückung kurzfristiger Ungleichgewichte. Hier dürfte der Markt bessere Leitplanken liefern als ideologisch bedingte Quotenregulierungen.
Josef Hunkeler, am 24. März 2014 um 15:39 Uhr
Die meisten Länder dieser Erde regeln die Zuwanderung in ihr Land, aus verschiedensten Gründen. Warum sollte die Schweiz eine Ausnahme machen? Es gibt in der Schweiz viele Ansätze, unseren ökologischen Fussabdruck zu reduzieren (Energie 2050, Verdichtung der Siedlungen, Verteuerung der Mobilität, grüne Wirtschaft fördern, Zweitwohnungsinitiative, usw.). Das ist gut und recht. Die Wirksamkeit ist eher langfristig. Zuwanderungsbeschränkungen wirken sofort und reduzieren den Dichtestress. Jedes Land, das die Zuwanderung nicht im Griff hat, verliert seine Identität (Beispiel: Kosovo). Nicht jedermann ist das wurst.

Die Förderung der freiwilligen Familienplanung mit Genozid in Verbindung zu bringen ist einfach nur dumm.
Alex Schneider, am 24. März 2014 um 17:00 Uhr
Der Autor Jürgmeier hat recht, über dieses komplexe Thema müssen wir nachdenken. Somit hat die Initiative ihr erstes Ziel erreicht.
Kernpunkt des Problems ist der gigantische «Kapitaltransfer in unser Land, der durch Ansiedlung neuer Firmen zusätzliche Arbeitsplätze und damit ökologische Belastungen schafft", wie der Autor zutreffend schreibt. Angelockt durch rekordtiefe Steuern im Zug des Neoliberalismus - natürlich mit gleichzeitiger Erhöhung der Gebühren, Wohnkosten, Preise usw.

Da nun diese Steuerprivilegien für ausländische Holdinggesellschaften auf Druck des Auslands wieder abgeschafft werden müssen, kann sich die Lage hoffentlich mittelfristig wieder verbessern. Wir müssen nur weitere Steuersenkungen für ALLE Unternehmen verhindern - wie sie schon wieder geplant werden. Geplant von denen, die offenbar nie genug bekommen und möglichst wenig teilen wollen. Die aber dem Stimmvolk weismachen wollen, es würde auch profitieren. Nein, wir tragen nur die Lasten und die Mitverantwortung.
Weshalb setzen sie sich, zusammengefasst, nicht für eine eindeutig bezifferte Reduktion des materiellen Lebensstandards und damit der (ökonomischen) Standort-Attraktivität
Daniel Nägeli, am 25. März 2014 um 09:16 Uhr

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