Wer braucht einen wie Blocher?

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Jürgmeier / 12. Mai 2014 - Über einen Rücktritt, der keiner ist, weil es einen wie ihn gar nie wirklich gegeben hat.

Es wäre eine veritable Überraschung, vielleicht sogar ein Schock gewesen, wenn einer wie er einfach zurückgetreten, im gern angerufenen Volk verschwunden und zu einem gemeinen Niemand, wie wir alle, geworden wäre. Der auch nur mit Wasser, wenn überhaupt, kocht und mit der allgemein-menschlichen Kränkung leben muss, dass es am Ende keine wirkliche Rolle gespielt haben wird, dass es einen (oder eine) gegeben hat, und dass die Welt, trotz eigener Bemühungen, nicht gerettet, ja, nicht einmal eine wirklich bessere geworden sein wird.

Was bei einem gewöhnlichen Politiker oder einer kommunen Parlamentarierin ein erster Schritt des (altersbedingten) Rückzugs wäre, gerät einem wie ihm, in eigenen Worten, zum «Sprung vorwärts» («Tages-Anzeiger», 10.5.2014), zur Eröffnung eines neuen Kampfes. «Es geht hier um die Rettung der schweizerischen Freiheit, des Wohlstands und der Sicherheit» («SonntagsZeitung», 11.5.2014). Drunter macht‘s einer wie er nicht. «Wenn es notwendig ist…, werde ich selbst zahlen… – so gern hab ich die Besonderheit der Schweiz.» So teuer ist ihm die Verhinderung der Erkenntnis, dass auch wir SchweizerInnen nur eines von vielen Völkchen unter Sonnen&Wolken sind. So sehr erliegt der «Jahrhundertpolitiker» – den es, gleich dem gefürchteten Jahrhunderthochwasser, erst im 22. Jahrhundert wieder geben wird, statistisch gesehen – den Grandiositätserwartungen seiner AnhängerInnen&GegnerInnen, dass er längst an sich selbst zu glauben begonnen hat. Es gibt das Bild, wie er an der 20-Jahr-Feier zum EWR-Nein zu seinen Getreuen spricht, in einer monströsen Rednerbox gefangen, die für ZuschauerInnen nur den Blick auf seinen Kopf und den ausholenden rechten Arm freigibt, der Rest des Körpers ist durch riesige Schweizer Kreuze verdeckt. In dieser Inszenierung verkäme jedes Zurücktreten zum Austritt aus der Schweiz.

Blocher und «das Volk»

Den Blocher, den gefeierten&gehassten, gibt es real so wenig wie den Mann, der dem «Konzept Mann», das keine Angst und keine Grenzen kennt, genügt. Der EWR wurde damals nicht abgelehnt, weil «Blocher – unser Tell» – wie es am Montag danach an der Menütafel eines Winterthurer Restaurants stand – den Winkelriedschen Kampf gegen LandesverräterInnen und andere GesslerkomplizInnen gewonnen, sondern weil die Schweizer Bevölkerung ganz einfach Nein gestimmt hatte. Eine deutliche Mehrheit der SchweizerInnen würde heute einen Beitritt zur EU (oder einem neuen EWR) diskussionslos verwerfen, auch wenn es nie einen wie Blocher gegeben hätte. Das ist selbst für seine GegnerInnen beklemmend, sie müssten sich eingestehen, nicht der Rattenfänger ist schuld, dass es anders ist, als sie es sich erträumen, sondern «das Volk». Und auch wenn einer wie Blocher zuweilen mit dem monarchistischen «Das Volk, das bin ich» liebäugeln mag – wie ihm Frank A. Meyer im «SonntagsBlick» vom 11. Mai unterstellt –, nicht die Mehrheit der Bevölkerung folgt ihm, sondern, umgekehrt, er stimmt dann&wann an einem Abstimmungssonntag mit «dem Volk», so wie jede Bürgerin und jeder Bürger dieses Landes ein paar Mal im Leben.

Projektion kollektiver Wunschbilder

Keiner&keine kennt ihn wirklich, den real existierenden Christoph Blocher, nicht einmal er selbst, wie er in einer Art Entgegnung auf den neusten biographischen Versuch «Blochers Schweiz» von Thomas Zaugg im «Magazin» vom 19. Januar dieses Jahres zugibt: «Es scheint ein grosses Bedürfnis zu bestehen, herauszufinden, warum man ist, wie man ist. Ich selber stelle mir solche Fragen für mich nicht.» Bedeutender als das Thema der Sozialisation von einem wie ihm ist tatsächlich die Frage nach den Hintergründen der Sehnsüchte, die einen wie ihn – wenn es ihn nicht schon gäbe – erfinden würden, in gemeinsamer, wenn auch nicht einträchtiger Anstrengung von Gläubigen&GegnerInnen. Einen, der von sich selber sagt: «Beim Kampf um den EWR habe ich mich in wachen Nachtstunden gefragt: Blocher, es kann doch nicht sein, dass du allein recht hast und alle anderen unrecht. Am Morgen, wenn die Sonne aufging, hatte ich wieder Sicherheit» («Blick», 9.5.2014). Damit erfüllt er, wider besseres Wissen, den Traum von einem neuen Winkelried, auch wenn es schon den alten nie gegeben hat. Es sind kollektive Wünsche nach Retter&Sündenbock, die ihn immer wieder und noch hervorbringen werden, wenn der Realexistierende längst nicht mehr sein wird, halt mit anderer AHV-Nummer. Er ist nicht das Resultat übermenschlicher Leistungen, sondern menschlicher Projektionen. Es gibt ihn, weil sich, offensichtlich, viele so einen wie ihn wünschen.

Sehnsucht nach dem star­ken Mann

Eine österreichische Umfrage hat im März 2013 ergeben, dass 61% der rund 500 repräsentativ Ausgewählten finden, «ein 'starker Mann' wäre gut für Österreich» («Kleine Zeitung», u.a.). Die Variante «starke Frau» wurde den Befragten offensichtlich nicht angeboten, und in der Schweiz ist, meines Wissens, noch nie eine solche Umfrage gemacht worden. Vermutlich gäbe es auch in der ältesten&direktesten Demokratie der Welt eine mehrheitsfähige Sehnsucht nach dem grossen Zauberer, der in diesen komplexen Welten und, wie immer, schwierigen Zeiten mit ihren Problemen ohne einfache Lösungen den einen oder anderen Knoten mit starker Hand durchschlägt. Die Faszination der 334 vor Christus erstmals praktizierten und mythologisch immer noch wirksamen Alexandertechnik, den als unlösbar geltenden Gordischen Knoten aus­einanderzu­bekommen, unterschlägt, dass das Problem mit diesem Schwertschlag alles andere als gelöst ist; der Riemen, mit dem ein Joch an der Deichsel eines Streitwagens befestigt war, ist hinter­her nicht mehr brauchbar, und wenn die Bergsteigerin bei gefrorenem Knoten im Sicherungs­seil, zum Beispiel im so genannten Göttergang in der Eigernordwand, es dem alten Makedo­nier gleich täte, wäre ihr der Absturz fast sicher. Die Kehrseite der Sehnsucht nach dem star­ken Mann – der uns auch schon mal mit der Axt den Weg durch grosse&kleine Dickichte bahnt – ist das Bedürfnis, einem oder einer die Schuld dafür zu geben, dass sich diese ominöse Mehrheit, aus unserer Sicht, auf Abwege begibt, das heisst in eine andere Richtung bewegt, als wir es uns erhofft.

Für das Aushandeln von Lösungen, für die Umsetzung von Utopien auf demokratischem Weg aber eignen sich weder starke Männer noch Frauen, wer beklagt, dass es in Demokratien zuweilen mühsam wird, lange geredet und wieder geredet wird, wer das Wort der Schwatzbude Parlament in den Mund nimmt, muss sich daran erinnern, wer das auch getan und wohin das «Taten statt Worte» schon mehr als einmal geführt hat. Demokratie aber ist erst, wenn niemand mehr einen wie Blocher braucht, so und so nicht, wenn einer wie er zurücktritt wie einer von uns, und kein Schwein kümmert’s.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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5 Meinungen

Winkelried hat es gegeben, nämlich österreichfreundliche Familie von Winkelried, kurz vor «Sempach» in NW entmachtet. 3 Schwestern Winkelried haben grosse Mitgiften ins damalige Doppelkloster Engelberg gegeben, weswegen feudale Verlagerung der Grundstückmacht an das Habsburgerkloster von der Landsgemeinde eingeschränkt werden musste. Winkelriede gab's bis Marignano, auch wenn der sagenhafte Winkelried spät belegt ist. Er war mutmasslich Militärunternehmer, der sich, wie Luzerns Schultheiss Petermann von Gundeldingen, österreichischer Vogt von Ebikon, eigentlich vernünftiger Herzog Leopold angeschlossen hätte. Winkelried u. Gundeldingen wussten nicht richtig, auf welcher Seite eines inneren Konfliktes sie sich positionieren sollten. Ein Dilemma zwischen Wirtschaft u. Politik. Materiell lag Österreich näher, so wie es bei Blocher und vielen Grossunternehmern angeblich eher in EU-Richtung gehen sollte. Blocher u. Winkelried haben wohl aus persönlichen Gründen gegen Mehrheit ihrer Klasse gehandelt. Wer B. kennt, mit ihm mal privat gesprochen hat ohne Medienablenkung, sieht in ihm, wie der sonst wenig informierte Filmemacher Bron, keinen starken Mann. Er hatte nie das Potenzial, auch nicht in Sachen Korruption und Infamie, etwa von F. J. Strauss, auch nicht dessen politisches Format und weltpolitische Übersicht, war aber doch gebildeter als Gros der Politiker. Wäre Leopold bei Sempach siegreich geblieben, hätte CH lange vor Blocher Steuer- und Verwaltungsniveau v. EU erreicht.
Pirmin Meier, am 12. Mai 2014 um 21:40 Uhr
Viele nicht SVP Wähler wünschen sich einfach etwas mehr Respekt gegenüber der Region aus welcher man stammt. Man sehnt sich nach Mitbestimmungsrecht und Freiheit. Etwas, was mit fremdem Recht und der Globalisierung für jedes einzelne Individuum abnehmen wird. Man beginnt sich zu fragen in wessen Interesse dies überhaupt ist. Man beginnt sich zu fragen, ob die Linken überhaupt noch die Stimme des kleinen Mannes vertreten oder ob Sie eher unbewusst die Fehlentwicklungen einer globalisierten Welt fördern. Es mag eine Freiheit sein überall hingehen zu können wo man möchte, es soll aber genau so eine Freiheit sein, dies nicht aus zwängen heraus zu müssen. Ich persönlich bin froh das die Schweiz im Rahmen des Systems noch eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt hat und ich bin froh, gibt es noch Menschen die sich dafür einsetzten und dafür kämpfen - je länger, je besser für die kleinen Mannen und Frauen in unserem Land. Dies sage ich als Vertreter einer sozialen Marktwirtschaft.
Thomas Hürlimann, am 13. Mai 2014 um 20:37 Uhr
Es erschtuunt und erschütteret mi gäng wider, wi in eren aute Demokratie en Einzelne mit viu Gäut, ere fräche Schnure und ere verschrobne Ideologie es Vouk cha hinger ds Liecht und es Land in e Sackgass füere!
Reinhard Lanz, am 13. Mai 2014 um 21:55 Uhr
«Machet den zun nit zu wit!» sagte einmal Niklaus von Flüe. Er war ein Schweizer Einsiedler, Asket und Mystiker und gehört zweifellos zu den bedeutendsten Schweizern. Er wurde im Jahre 1947 heiliggesprochen. Dies dürfte AltBundesrat und bald AltNationalrat Christoph Blocher nicht passieren, er ist ja nicht katholisch....
Doch eine gewisse Verwandtschaft mit einem Niklaus von Flüe weist auch er auf und sei es nur der eingangs erwähnte Ausspruch. Wir sollten den Zaun nicht zu weit ziehen, das war die erste Warnung von Flües vor der Europäischen Union. Sein Geburtsjahr jährt sich 2017 zum 600. Mal, zumindest bis zu diesem Datum müssten sich die Euroturbos noch gedulden, wenn bis zu diesem Datum die EU überhaupt noch in der heutigen Form existiert. Christoph Blocher wird als grosser Politiker in die Geschichte eingehen, er wird unvergessen bleiben, wie wenige Politiker, obwohl viele Bürger in einer eigenartigen Hassliebe zu ihm stehen. Diese Hassliebe hat auch zur Folge, dass dieser Mann durchaus auch etwas einsam sein kann, obwohl er sich nicht als Erement zurückgezogen hat, Blocher bleibt ein Mann der Wirtschaft. Es ist nicht alles gut u. richtig, was von seinen Lippen klingt, aber der Mann hat trotz allem sein Herz am richtigen Fleck, was man nicht von allen Politikern behaupten kann. Aber eines ist auch sicher, mit Wilhelm Tell, Niklaus von Flüe, Arnold Winkelried und anderen wird man ihn nicht vergleichen können, diesen Vergleich will aber auch Christoph Blocher nicht hören.
Beda Düggelin, am 14. Mai 2014 um 16:26 Uhr
Ich kann nur den Kopf schütteln wenn ich lese was Intellektuelle, Halbintellektuelle, Psychologen, Politikversteher, Politiker, Historiker und Journalisten alles über Ch. Blocher schreiben. Sie schreiben sich wund an ihrem Feindbild. Das sind die Menschen welche alles Heil in der EU, im übergeordneten Völkerrecht, in der UNO und den wirklichkeitsfremden Gerichtshöfen z.B. in Strasbourg suchen. Alles Utopien, man muss nur das letzte Jahrhundert betrachten um zu sehen wohin das führt, und heute wird die Realisierung von «1984» vorangetrieben. Wofür Ch. Blocher steht und kämpft haben sie nie gelesen und noch weniger verstanden, denn das ist die politische Erfahrung und Prägung unseres Landes durch seine Geschichte und kein intellektueller Masochismus.
Ulrich Hertig, am 18. Mai 2014 um 08:54 Uhr

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