Die Alternative zur Alternative

Jürg Müller-Muralt © jm
Jürg Müller-Muralt / 29. Mrz 2017 - Ein einst linker Kampfbegriff wird von rechts gekapert: Vom Bedeutungswandel der «Alternativen».

«Alternativ» kann ganz harmlos sein – oder hochpolitisch. Schon der Duden weist auf diese Vielschichtigkeit hin: Er definiert den Begriff doppelt: «zwischen zwei Möglichkeiten die Wahl lassend; eine andere, zweite Möglichkeit darstellend». Oder: «eine Haltung, Einstellung vertretend, die besonders durch Ablehnung bestimmter gesellschaftlicher Vorgehens- und Verhaltensweisen (z. B. übermäßiger Technisierung, unbegrenzter Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums o. Ä.) Vorstellungen von anderen, als menschen- und umweltfreundlicher empfundenen Formen des [Zusammen]lebens zu verwirklichen sucht.»

Politische Alternativen sind mittlerweile allen Schattierungen zu haben. Bereits seit 1976 gibt es in der Stadt Bern die Demokratische Alternative. 1990 wurde in der Stadt Zürich die Alternative Liste gegründet, die es auch in anderen Städten und Kantonen gab und gibt. Und 2010 wurde die Alternative Linke (La Gauche / La Sinistra) «als neue politische Kraft auf eidgenössischer Ebene» ins Leben gerufen. Grüne und linke Alternativen sind auch in Deutschland und Österreich vertreten.

Alle haben die Plätze gewechselt

Alternativ gleich links, so lautete ursprünglich die Polit-Formel; selbst der Duden erwähnt immer noch nur diese Bedeutung (siehe oben). Doch nun gibt es auch die Alternative für Deutschland, und die ist nicht links. Und in den USA gibt es die Alternative Right, oder Alt-Right, die sehr weit rechts zu Hause ist. In einem Beitrag auf Deutschlandradio Kultur unter dem Titel «Die neuen Alternativen: Das gefährliche Re-Branding der Rechten» macht sich Sieglinde Geisel Gedanken über die Kaperung des Begriffs durch die Rechten: «Früher wollten die Linken, dass alles anders wird, heute sind es die Rechten. Die Linken wiederum sehen sich auf einmal in der Rolle der Konservativen, der Bewahrenden, jetzt sind sie es, die von ‘Werten’ sprechen. So haben alle die Plätze gewechselt: Die Eliten sind links, die Revolutionäre rechts, und die Alternativen von gestern müssen feststellen, dass man sie auf das Abstellgleis des Gutmenschentums manövriert hat».

«Mörderische» Alternative

«Alternative» töne zwar neutral, doch «dieser ganze Sprachzauber lenkt davon ab, dass die Alternativen von heute durchaus ein Programm haben, und zwar ein mörderisches. Ihre Alternative zum Status Quo einer globalisierten Welt ist der Ausschluss aller Menschen, die anders sind als sie selbst.»

Aus einem linken Kampfbegriff ist endgültig (auch) ein rechter geworden. Sprache ist eben nie neutral. Das Beispiel zeigt: Identische Begriffe können völlig unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Solche Bedeutungsverschiebungen sind auch Seismografen der kulturellen Hegemonie.

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Keine

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2 Meinungen

Passend dazu gibt's ja neuerdings auch «alternative Fakten», meist von «Alternativen» verbreitet. Das passt zweifach, denn gemeint sind ja «Fakten», die keine sind. Ganz wie gewisse «Alternativen».
Daniel Goldstein, am 29. März 2017 um 18:56 Uhr
Während die einen «Alternativen» politisch nicht mehr einordnen können, wollen sie die andern abschaffen. «Keine Alternative» heisst es dann, oder «Alternativlos» (2010 das «Unwort des Jahres in Deutschland"). Nach den Rechten (Thatcher/Merkel) nutzen jetzt zuweilen auch Linke dieses Wort. Was zeigt: Immer mehr Worte (Liberal, Nachhaltig, Verschwörungstheorie, etc. etc.) werden schwammig, beliebig, unbrauchbar. Als Ausweg bleibt: Statt mit Schlagworten mit präzisen Beschrieben argumentieren. Was das Schreiben allerdings nicht einfacher macht.
Hanspeter Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl, am 31. März 2017 um 11:23 Uhr

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