«...aber das hat uns nicht vom Schiessen abgehalten.» © Breaking the Silence

Israel, z.B., und die uniformierten VerräterInnen

Jürgmeier / 07. Jun 2015 - «Breaking the Silence» – noch bis zum 14.6. in Zürich. Wer das Schweigen bricht, ist, in allen Armeen der Welt, ein/e Verräter/in.

Eigentlich war der Hinweis auf die Videos, Fotos und schriftlichen Testimonials israelischer SoldatInnen im Zürcher Kulturhaus Helferei vor allem als Erinnerung an einen Konflikt gedacht, der wegen der aktuellen Schlagzeilen über Ukraine, Syrien, Islamischer Staat, Griechenland und die Fifa fast vergessen gegangen ist. Aber dann protestierte der israelische Botschafter in Bern Yigel Caspi beim Eidgenössischen Departement des Äusseren gegen die finanzielle Unterstützung einer Ausstellung, die den Zweck habe, «Israel im Ausland negativ darzustellen» (Tages-Anzeiger Newsnet). Verschiedene grosse Schweizer Medien berichteten über dieses Getrommel beziehungsweise die zehntägige Veranstaltung mit Breaking the Silence, die nun kaum mehr bekannt gemacht werden muss.

Als ich am Donnerstagabend in die Kirchgasse einbiege, stehen sie schon auf der Strasse, die Leute, die sich im Rahmen der Vernissage ansehen und -hören wollen, was israelische ReservistInnen als Soldaten in den besetzten Gebieten des Westjordanlands&Gazastreifens erlebt haben und erleben – «von struktureller Repression über die stille Kooperation mit extremistischen jüdischen Siedlern bis hin zu alltäglichen Schikanen» (Ausstellungsflyer). Jemand drückt mir ein Couvert mit verschiedenen Flugblättern in die Hand. Der leere weisse Umschlag ist das einzig Neutrale an der geballten Ladung gegen Breaking the Silence. «BtS unterstützt diejenigen Kräfte, die Israel dämonisieren und demontieren wollen.» Steht Schwarz auf Weiss auf dem vom Forum für Israel beigesteuerten Zettel. Ein alter Bekannter steckt mir ein einseitiges A5-Blatt zu, auf dem die Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina solchen Anschuldigungen widerspricht. Die ehemaligen SoldatInnen – «die in einen Gewissenskonflikt geraten, weil sie ihre eigenen Taten im Rahmen der israelischen Kriegsführung und Besatzung als Unrecht sehen» – wollten «eine Diskussion über ihre Erfahrungen lancieren» und setzten sich «nicht gegen Israel, sondern für Israel ein – für ein Israel, das die Besatzung beendet».

«Ein Konflikt zwischen Recht und Recht»

«Ein Minenfeld», geht es mir durch den Kopf. Die Metapher stimmt. Seit ich denken kann, ist in Israel-Palästina Krieg. Irgendwie. Und ich möchte weder Applaus von AntisemitInnen, welcher Couleur auch immer, noch eine Dankdepesche der israelischen Botschaft. «Palästinenser, die täglich von der grausamen israelischen Militärregierung unterdrückt, gejagt, gedemütigt, ausgehungert und beraubt werden. Israelische Menschen, die täglich durch erbarmungslose willkürliche Terrorattacken auf Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder, Schüler, Teenager oder Kunden eines Einkaufszentrums terrorisiert werden.» So beschreibt der Schriftsteller Amos Oz in seinem 2004 erschienenen Buch «Wie man Fanatiker kuriert» den Alltag in Israel-Palästina. Der Konflikt zwischen den israelischen Juden und den palästinensischen Arabern ist für ihn «nicht die Geschichte von ‹den Guten› und ‹den Bösen› …, es ist eine Tragödie: ein Konflikt zwischen Recht und Recht.» Das könnte ich unterschreiben.

FanatikerInnen sind sie nicht, die inzwischen rund 1‘000 SoldatInnen, deren Aussagen und Erzählungen seit 2004 von der Organisation Breaking the Silence dokumentiert und u.a. auf ihrer Website öffentlich gemacht werden. Im gleichnamigen, 2012 erschienenen Buch erklärt die Herausgeberin Breaking the Silence, sie sähe es als «eine moralische Pflicht, Informationen über das Geschehen in den besetzten Gebieten zu publizieren, … als notwendige Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft in Israel.»

© Breaking the Silence

Eine besonders brisante Aussage eines Fallschirmjägers pickt sich Spiegel online am 13. September 2012 aus diesem Sammelband: «… ‹Sie werden nicht an Festnahmen gemessen – Sie werden daran gemessen, wie viele Sie töten.› Diese Worte hört ein israelischer Unteroffizier im Jahr 2007 von einem Divisionskommandeur, als er seinen Dienst im Westjordanland antritt. ‹Sie sind die Speerspitze, die Armee hat jahrelang in Sie investiert, und jetzt will ich, dass Sie mir tote Terroristen bringen›, befiehlt der Kommandeur. ‹Das hat uns angespornt, glaube ich›, erinnert sich der Soldat.» Das ist, vermutlich, nicht repräsentativ für israelische Offiziere, und natürlich gibt es weniger spektakuläre Aussagen in den Dokumentationen von Breaking the Silence. Zum Beispiel der Bericht eines Soldaten, der mit Kollegen eine palästinensische Familie ins Nebenzimmer der eigenen Wohnung sperrt, damit sie sich in der guten Stube in aller Ruhe einen Fussballmatch im Fernsehen anschauen können.

Im Schutz der Anonymität

Ein zentraler Vorwurf an Breaking the Silence ist der Umstand, dass alle Aussagen anonymisiert werden und deshalb nicht kontrollierbar beziehungsweise widerlegbar sind. Major Arye Shalicar, gemäss Wochenzeitung «Militärsprecher fürs europäische Publikum», hält fest: «Ich sage nicht, dass alles erfunden ist, aber es handelt sich hier nur um ein paar Hundert Aussagen, die auch noch anonym abgegeben wurden.» Die Anonymität könnte von beiden Seiten für eigene Interessen verwendet werden. Breaking the Silence könnte (theoretisch) unter dem Deckmantel der Anonymisierung erfundene und wahre Aussagen beliebig mischen. KritikerInnen von Breaking the Silence könnten die Anonymität als Diskreditierungskeule für sämtliche Aussagen von SoldatInnen schwingen.

Weshalb also nimmt Breaking the Silence ihren GegnerInnen nicht mit der Offenlegung sämtlicher Details (Identität der SoldatInnen, Ort und Zeit der bezeugten Vorkommnisse) den Wind aus den Segeln? «Als gewichtigsten Grund für die Anonymität», so der Tages-Anzeiger, nenne Breaking the Silence «den sozialen Preis, den jeder Soldat sonst zu zahlen hätte … Wo theoretisch jeder Militärdienst leistet, der als grosser sozialer Kitt angesehen wird, kann auf die Kritik am Militär soziale Ächtung folgen. Vor solchen Folgen will die Organisation ihre Zeugen schützen.»

Nur VerräterInnen brechen das Schweigen

Die Angst vor sozialer Ausgrenzung&Repression ist, vermutlich, berechtigt. Wer das Schweigen bricht, wird zum Verräter (oder zur Verräterin). In allen Armeen der Welt sind KritikerInnen aus den eigenen Reihen verhasster als feindliche, aber gehorsame Soldaten. VerräterInnen sind «Kameradenschweine». Das gilt (und galt) für die Rote Armee, die Rote Armee Fraktion, den Islamischen Staat, die US-Army und, eben, auch für die Israel Defense Forces IDF (Israelische Verteidigungsstreitkräfte). Selbst in der Schweiz wurde die Todesstrafe für Landesverrat erst 1992 aus dem Militärstrafrecht gestrichen.

Der Vorwurf des Landesverrats wird, offen oder unterschwellig, gegen Breaking the Silence immer wieder erhoben. «Die Anliegen von Breaking the Silence können in Israel [das heisst innerhalb der «Familie», Jm] offen diskutiert werden. Eine Ausstellung im Ausland, deren Zweck die negative Darstellung von Israel ist, hilft jedoch nicht weiter», zitiert der Tages-Anzeiger den israelischen Botschafter in Bern. Dessen Vorgesetzte, die Vize-Aussenministerin Tzipi Hotovely, erklärte gemäss dem jüdischen Wochenmagazin tachles: «Wir werden eine Organisation nicht ignorieren, deren einziger Zweck es ist, israelische Soldaten zu beschämen und mit ihrem Vorgehen dem israelischen Image in der internationalen Szene schweren Schaden zuzufügen.» Die gesammelten Zitate von unbekannten SoldatInnen, spitzt es Stefan Frank auf audiatur-online zu, könnten «Israels Feinde für ihre Kriegsproganda nutzen». Das heisst, wer, und das erst noch jenseits der Landesgrenzen, dokumentiert beziehungsweise kritisiert, was unter der eigenen Fahne geschieht, wird – gerade wenn er oder sie aus der Mitte der eigenen Truppe&Gesellschaft kommt – zum Staatsfeind.

© Breaking the Silence

Das sieht der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland ganz anders. In seinem Vorwort zum bereits erwähnten Sammelband «Breaking the Silence» schreibt er: «Diese jungen Frauen und Männer wollen niemanden verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte. Sie erzählen nur das, was sie selbst gesehen haben oder sogar: was sie selbst getan haben… Als leidenschaftliche israelische Patrioten wollen sie dem Staat Israel nicht schaden, ebenso wenig wollen sie die israelischen Streitkräfte, denen sie als Reservesoldaten immer noch angehören, schwächen. Im Gegenteil: Diese Menschen sind Idealisten, die sowohl ihren Staat als auch ihre Streitkräfte stärken wollen… Gegen den Strom der Gesellschaft, des Umfelds, der Landsleute, der Familie und der Freunde Widerstand zu leisten, ist erheblich schwerer und erfordert sehr viel mehr Ausdauer, als sein Leben in einem Militärangriff zu riskieren…»

«Dann gibt es nur eins: Sag NEIN!»

Das gilt nicht nur für israelische SoldatInnen. Dass nicht auch in anderen Kriegsparteien und Kriegen das Schweigen gebrochen wird, ist nicht die Schuld von Breaking the Silence. Er sei für seine Armee und sein Land verantwortlich, sagt Avner Gvaryahu, Sprecher von Breaking the Silence, in einem CNN-Interview am 3. Juni 2015. Hoffen wir, dass wir demnächst aus allen Kriegsgebieten dieser Welt Zeugnisse über das eigentliche Geschehen erhalten. Es wäre ein erster Schritt zu Frieden&Ungehorsam. Der, utopisch gesehen, allerdings viel früher getan werden müsste. «Wir hatten damals schon eine Menge Diskussionen über Sinn und Moral untereinander, aber das hat uns nicht vom Schiessen abgehalten», lässt sich einer der Gründer von Breaking the Silence, Yehuda Shaul, in der Badischen Zeitung vom 6. Juni 2015 zitieren.

Frieden wird nur, wenn Menschen nicht erst hinterher Zeugnis ablegen, sondern schon vorher «Nein» sagen. Wie es Wolfgang Borchert 1947 schrieb: «Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!» Das wäre, womöglich, auch den VertreterInnen&Befragten von Breaking the Silence zu radikal.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Danke für diesen ausführlichen Bericht. Als Zürcher Jude begrüsse ich es sehr, dass das EDA und die Stadt Zürich die Ausstellung Breaking the Silence in Zürich finanziell wie auch ideell unterstützen. Breaking the Silence ist eine der wichtigen Stimmen innerhalb Israels, welche sich gegen die Verletzung von Menschenrechten durch die israelische Besatzungsarmee öffentlich ausspricht.
Die Versuche des offiziellen Israel, diese Stimme zum Schweigen zu bringen, wenn sie ihre Aussagen auch ausserhalb Israels macht, stehen einem demokratischen Staat schlecht an. Israel hat auch 2009 bei der holländischen wie der britischen Regierung gegen deren Unterstützung der Organisation Breaking the Silence protestiert. Dabei haben Testimonials von Soldatinnen und Soldaten, welche in Ausübung ihres Dienstes mit Unrecht konfrontiert sind, in Israel eine lange Tradition und sind auch im Hinblick auf eine spätere Aufarbeitung dieses leidvollen Konfliktes von grosser Wichtigkeit. Anlässlich der Ausstellung von Breaking the Silence in Berlin 2012 wurde auch ein ausführlicher Katalog publiziert. Das Vorwort dazu wurde vom ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, Avi Primor, verfasst.
Das humanitäre Engagement der Schweiz in Israel und Palästina wird weltweit von vielen besorgten Jüdinnen und Juden sehr geschätzt. Weiter so!
Guy Bollag, am 07. Juni 2015 um 11:39 Uhr
Nur ein Detail, aber relevant: Wer bei Organisationen wie RAF oder IS von «Armee» spricht, diskreditiert sich selbst.
Patrick Hafner, am 07. Juni 2015 um 12:19 Uhr
Danke Guy Bollag. Es sind jüdische Israelis, die mit ihrer Aktion gegen die eigene Regierung protestieren. Sie tun das sicher nicht, um dem eigenen Land zu schaden, ganz im Gegenteil. Der Vorwurf, hier seien Antisemiten am Werk, ist ebenso absurd wie bescheuert. Im schon seit Jahrzehnten andauernden Krieg zwischen Juden und Arabern sollte man hierzulande mehr auf die Friedensbewegten in Israel hören. Ich tue es jedenfalls. Sie sind der Schlüssel zu einer längst fälligen friedlichen und fairen Lösung dieses Konflikts. Wer dagegen arbeitet, wird letztendlich zum Totengräber des Staates Israel. Zurzeit scheinen die Machthaber in Jerusalem noch am längeren Hebelarm zu stehen. Doch das könnte sich bald ändern. Noch scheint es möglich, dass sie sich als die Stärkeren auf die Schwächeren, die Palästinenser, zu bewegen. Aber viel Zeit bleibt nicht mehr. Sollten die Hardliner um Netanyahu der Versuchung erliegen, mit einer militärischen Lösung «klare Verhältnisse» zu schaffen, dürfte die letzte Stunde des Judenstaates geschlagen haben. Zu hoffen ist dann nur, dass bei einem solchen Kraftakt nicht auch noch die ganze Menschheit untergeht.
Peter Beutler, am 07. Juni 2015 um 12:52 Uhr

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