Guerrilleros der FARC © pacifista.co

Guerrilleros der FARC

Die Guerrilla als Gespenst der Vergangenheit

Helmut Scheben / 19. Okt 2016 - Die FARC sind eine Art Dinosaurier im kolumbianischen Dschungel, Wiedergänger aus der Epoche der Guerrilla-Aufstände Lateinamerikas

Sicher haben die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia noch mehrere tausend Männer und Frauen unter Waffen, und selbstverständlich sind sie militärisch nicht besiegt. Sie könnten weiterhin Minen legen, Militärposten überfallen, Politiker entführen und ganze Dörfer einnehmen. Und dennoch haftet diesen Guerrilleros etwas unwirklich Gestriges an. Sie sind ein gespenstisches Überbleibsel aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als der bewaffnete Guerrillakampf das Glaubensbekenntnis der lateinamerikanischen Linken war, vor allem der Studenten und Intellektuellen.

Die Ikonen der Guerrilla-Legenden, von Ho Chi Minh bis Che Guevara, sind längst abgestellt im Museum der politischen Nostalgien. Doch diese Ikonengalerie hat mit der brutalen und unmenschlichen Realität des bewaffneten Kampfes nicht viel zu tun. Da wurde immer viel Lagerfeuer-Romantik verbreitet, und die Illusionen glühten umso heftiger, je grösser die räumliche und kulturellen Entfernung war zwischen den real existierenden Kombattanten, die in Gummistiefeln durch Regen und Morast liefen, und ihren Fans in Berlin, Mailand oder Paris.

Kluft zwischen Ideologie und Wirklichkeit

Auch mir fiel es als junger Student und Weltrevolutionär nicht schwer, nach dem dritten Bier zu behaupten, gegen die «strukturelle Gewalt» des Staates helfe kein Gang zur Wahlurne, sondern nur das AK-47, bekannt als Kalaschnikow. Jahre später kam ich auf die Welt. Der erste Tote, den ich 1981 in einer Guerrilla-Zone in El Salvador sah, war ein 12-Jähriger – kaum grösser als sein Gewehr. Als seine Gruppe in Stellung ging, hatte sich ein Schuss aus dem Karabiner seines Hintermannes gelöst. Die Kugel riss eine Arterie am Bein des Jungen auf. Er fluchte und schimpfte im Schock und wollte niemanden an sich heranlassen. Er verblutete in kurzer Zeit. Sie bedeckten ihn mit einem Tuch und trugen ihn zu seiner Mutter.

Nichts veranschaulicht die Kluft zwischen Ideologie und Wirklichkeit des bewaffneten Kampfes besser als das Openair-Festival, das die FARC kürzlich in den abgelegenen Llanos de Yarí für die internationalen Medien inszenierte. Das war Showbusiness vom Feinsten, ein Guerrilla-Disneyland mit Musik der Guerilla-Band «Rebeldes del Sur». Alles wie echt. Die Guerrilla spielte sich selber samt Hängematten, Dschungelküche und Fussballmatch. Die kolumbianische Presse sprach von einem «Woodstock guerrillero». Da wurden alle Klischees aufgebaut, die linke Studenten und Intellektuelle jahrzehntelang als Poster in ihren WG’s hängen hatten. Was hunderte Journalisten in Llanos de Yarí sicher nicht sehen konnten, das sind die zahlreichen Beinamputierten oder Jugendliche in Rollstühlen, denen ein Teil vom Gesicht fehlt.

18 Jahre im Dienste der FARC

Die Kolumbianerin Zenaida Rueda wird wohl keine Poster von der Sorte «Lustig ist das Guerrilla-Leben» in ihrer Wohnung haben. Mit 18 wurde sie in ihrem Heimatort El Playón im Departement Santander von den FARC zwangsrekrutiert. Sie war Funkerin unter dem berüchtigten FARC-Kommandanten «Mono Jojoy» und lernte die gesamte Führungsspitze der Organisation kennen. Sie verbrachte 18 Jahre in den FARC. In dieser Zeit brachte sie zwei Kinder zur Welt, die man ihr wegnahm, weil Familienleben und Babies im Dschungelkampf ein Hindernis sind.

Zenaida Rueda, alias «Miriam», hatte genug Standgerichten beigewohnt, um zu wissen, dass Desertieren bei den FARC mit Erschiessen geahndet wird. 2009 gelang ihr die Flucht. Im gleichen Jahr erschien ihr Buch «Confesiones de una guerrillera», ein nüchterner und detailreicher Rapport von 18 Jahren Guerrilla-Kampf. Zenaida war schwer verwundet und durch Operationen einigermassen wiederhergestellt worden. Sie traf bei ihrer Rückkehr ihren Bruder. Dieser war Soldat und hatte durch eine Mine der Guerrilla ein Bein verloren. Eine kolumbianische Familiengeschichte.

Kein Zurück in die bürgerliche Welt

Wer sich der Guerrilla anschliesst, muss wissen, dass er einen Schritt getan hat, der kaum mehr rückgängig zu machen ist. Eine Rückkehr in die bürgerliche Welt ist ausgeschlossen, denn für das Strafgesetzbuch ist der Guerrillero ein Delinquent, es anerkennt keinen bewaffneten Aufstand aus politischen Gründen. Und gemäss den Regeln der Guerrilla ist er ein Deserteur, also ein hohes Sicherheitsrisiko: Er weiss zu viel über Nachschublinien, Stützpunkte, Funkverkehr, Identitäten von Kombattanten und vieles mehr.

Es gibt also zwei Möglichkeiten, um seine Haut als Guerrillero zu retten und zurück zu einem privaten Leben in Frieden zu finden. Entweder die Guerrilla übernimmt die Macht – was in Lateinamerika ausser in Mexiko, Kuba und Nicaragua nie der Fall war – oder es gibt einen Waffenstillstand und Friedensschluss, wie er jetzt zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC ausgehandelt wurde. Wie weit dieser formale Frieden denen, die jetzt die Waffen niederlegen sollen, Sicherheit garantiert, ist ungewiss. Die FARC-Guerrilleros haben in Fällen von Kriegsverbrechen nicht nur die Justiz zu fürchten, sondern auch die Rache der rechtsextremen paramilitärischen Gruppen und der Familien, die Opfer des Konfliktes wurden. Solche Abrechnungen sind keine Seltenheit.

Brutale Hinrichtungen

Zenaida Rueda schildert in ihrem Buch die Standgerichte für Deserteure oder Saboteure, aber auch die Hinrichtungen von Menschen, die der Kollaboration mit der Armee bezichtigt werden. Zusammen mit vier anderen Guerilleros erhält sie einmal den Befehl, in einem Dorf einen Mann zu töten:

«Der Kommandant brüllte, alle sollten sich auf den Boden legen. Die Frauen warfen sich auf die Strasse. Die Kinder weinten. Die Leute schrien und weinten. Als der Mann sich hinlegte, gaben sie mir ein G-3-Gewehr. Der Kommandant schrie, ich solle ihn erschiessen. Der Mann betete und flehte mich an, ihn nicht zu töten. Ich stand da mit dem Gewehr in der Hand, vor Schreck wie versteinert, und wartete, dass ich selbst erschossen würde, weil ich dem Befehl nicht gehorchte. Da schoss ein anderer Guerrillero den Mann in den Kopf. Er schoss fünfmal und der Kopf ging entzwei. Dann leuchteten sie mit einer Taschenlampe darauf, damit ich es sehen konnte. (…) Ich hielt es nicht mehr aus, ich übergab mich, ich weinte und fluchte.»

Untergang der eigenen Identität

Der salvadorianische Schriftsteller Roque Dalton sagte einmal: «Für die Revolution zu sterben ist sicher einfacher als für die Revolution zu töten.» Dalton war einer der prominenten Intellektuellen der salvadorianischen Linken. Er schloss sich der Guerrilla an und wurde von dieser im Mai 1975 wegen politischer Unzuverlässigkeit zum Tode verurteilt und exekutiert. Hintergrund war ein Machtkampf innerhalb der Guerrilla-Gruppe.

Der amerikanische Arzt Charles Clements ging 1982 nach El Salvador in die Guerrilla, um medizinische Hilfe für Kranke und Verwundete zu leisten. 1984 publizierte er seine Erfahrungen in der Guerrillazone am Vulkan Guazapa in dem Buch «Witness to war».

Clements war Vietnam-Veteran und kein Guerrilla-Romantiker. Er beschreibt nüchtern und sachlich die enorme psychische Not, die das Eintauchen in die Untergrundexistenz und die «Compartimentación» mit sich bringen. Er bekommt, während er in Mexiko auf seinen Einsatz wartet, Befehle von Unbekannten, und die hat er auszuführen:

«Es gab kein Mittel gegen meine Angst vor der Leere, die vor mir lag. Obwohl ich sicher war, dass ich das Richtige tat, begann ich die Isolierung zu fühlen, den Entzug der familiären Dinge, die Einsamkeit dessen, der unter einem Pseudonym lebt – Camilo – unter Leuten, die keine Nachnamen haben, keine Geschichten, über die sie reden wollen, keine Identitäten als die der Guerrilla. Ich war ein heillos ungewisses Wesen. Nie gesehene Andere planten nun jeden meiner Schritte und teilten mir nichts darüber mit. Es war der Anfang von einem fast vollständigen Untergang meiner Identität.»

Interne Überwachung und Machtkämpfe

Die lateinamerikanischen Guerrillas – von Argentinien bis Guatemala – bezeichneten sich als «organizaciones político-militares», und das Adjektiv «militärisch» ist nicht auf die leichte Schulter zunehmen. Die Guerrilla ist eine Armee, und diese funktioniert wie jede Armee nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Der Krieg selbst, die Counterinsurgency, also die militärisch-polizeiliche Aufstandsbekämpfung, wie sie lateinamerikanische Offiziere und Geheimdienstleute in der von den USA geführten Escuela de las Américas in Panama lernten, liess der Guerrilla keine Möglichkeit für öffentliche Versammlungen und demokratische Entwicklungen. Unter der gnadenlosen Verfolgung, welche die sogenannten Todesschwadrone praktizierten, verhärteten sich militärisches Denken und militärische Strukturen.

Es gab in der Guerrilla geheimdienstliche Aktivitäten, Sicherheitsapparate, Kriegsgerichte und alle Auswüchse der Überwachung in stalinistischer Manier. Die internen Machtkämpfe in der Guerrilla wurden oft – unter politischen Vorwänden – mit der Maschinenpistole ausgetragen.

In den Jahren 1981/82 arbeitete ich in Salpress, einer Presseagentur – das heisst Propagandastelle – der salvadorianischen Fuerzas Populares de Liberación (FPL), Teil der Guerrilla-Dachorganisation Frente Farbundo Martí de Liberación nacional (FMLN). Ich durfte nicht wissen, wie meine Compañeros mit richtigem Namen hiessen, noch wo sie wohnten oder woher sie kamen. Erst Jahre später erfuhr ich, dass der Bürochef über jeden von uns ein geheimes Dossier angelegt hatte.

In der Nacht vom 6. auf den 7. April 1983 klopften salvadorianische Freunde an meine Tür in Managua und fragten, ob sie die Nacht über bei mir Zuflucht finden könnten. Die Nummer zwei der FPL, Comandante Ana Maria, war in einer Sicherheitszone in Managua ermordet worden, und die Salvadorianer fühlten sich ihres Lebens nicht mehr sicher. Der Täter hatte die 53-Jährige mit einem Eiszerstückler mit 80 Stichen getötet. Nach wenigen Tagen stand fest dass FPL-Chef Cayetano Carpio, alias Comandante Marcial, die Tat mitzuverantworten hatte. Er beging Suizid.

Profiteure des Drogenhandels

Keine der Guerrillas in Lateinamerika, Afrika oder Asien blieb von diesen Auswüchsen verschont. Es ist ein strukturelles Problem, das dem bewaffneten Aufstand gegen eine Staatsmacht innewohnt. Wer das Militärische über das Politische setzt, der wird das Umgekehrte oft nicht mehr zu Wege bringen. Denn das Prinzip Befehl-Gehorsam ist das Gegenteil von Demokratie. Und das ist und bleibt die schwerste Hypothek für eine demokratische Entwicklung auch dort, wo die Guerrilla die Macht im Staat übernähme.

Der FARC-Kommandant «Mono Jojoy» wurde im September 2010 bei einem Armeeangriff getötet. Kurz vorher hatte er in einem Interview erklärt:

«Wir sind keine Drogenhändler, aber wir leben nun mal in einem Gebiet, wo Coca angebaut wird, so ist das in Kolumbien. Wir können den Leuten nicht sagen, sie sollen damit aufhören, denn sie brauchen das zum Leben. Wir verlangen eine Steuer von den Käufern (der Coca-Blätter oder der Pasta básica, Red.) Sie bezahlen uns eine Kleinigkeit, und davon haben wir dann auch etwas zum leben.»

Die peruanische Guerrilla Leuchtender Pfad kassierte in den 1990er-Jahren im Tal des Alto Huallaga von der Kokain-Mafia eine Abgabe von mehr als 2000 Dollar für jedes Kleinflugzeug, das mit Säcken voll Pasta básica abhob. Ich habe damals bei einem Besuch im Alto Huallaga beobachtet, dass auf dem Flugplatz von Uchiza mehrmals täglich eine Maschine mit schwarzen Plastiksäcken beladen abflog. Der Flugplatz war – zumindest teilweise – unter Kontrolle des Leuchtenden Pfades. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die «Steuer» der FARC nach dem gleichen Modell erhoben wird, wobei sich die Beträge vermutlich erhöht haben.

Die «Kleinigkeit», von der Mono Jojoy sprach, beträgt nach vorsichtigen Schätzungen von Kennern der lokalen Verhältnisse jährlich einige hundert Millionen Dollar.

Für Che Guevara war der Guerrillero der Prototyp des politisch und moralisch korrekten «neuen Menschen», von dem er träumte. Man kann sich fragen, was der Argentinier wohl sagen würde, wenn er heute die FARC in Kolumbien sähe. Sein liebstes Schimpfwort hatte er in Kuba gelernt: comemierdas.

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Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags ist in der NZZ erschienen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Helmut Scheben studierte und arbeitete ab 1977 (mit Ausnahme des Jahres 1980) rund acht Jahre in Lateinamerika, zunächst in Peru, dann 1981/82 im Pressebüro der salvadorianischen Guerrilla in Mexiko-Stadt und in den Konfliktgebieten in El Salvador, ab 1983 in der Agencia Periodística de Información Alternativa (APIA) in Managua.

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Eine Meinung

Danke für die erfahrene Sichtweise, insbesondere spannend da ich mich gerade in Nicaragua befinde, wo zur Zeit der Wiederwahl-Zirkus für den übriggeblieben Komandanten der hiesigen Revolution inszeniert wird. Revolutionen bringen häufig keinen Wechsel der Strukturen, sondern nur der Köpfe und mit Militärköpfen wirds kaum was Gutes. Aber bei der Artikel lässt ausser Acht, dass die Wenigsten aus Lagerfeuerromantik Gewallt als Weg wählen, sondern weil sie die strukturelle Gewallt ihrer Lebenssituation zu dieser Wahl verleitet. Gewallt führt zu Gewallt - daher kann man immer die Handlung kritisieren, oder auch die Situation vor einer Handlung beachten. Der Artikel listet die Perversionen der Gewalltmärkte auf, aber kaum wie sie entstehen (ist kein Monopol der Guerillas) und be-stehen (v.a. durch ihre externen Markt- und Bankpartner). Vor allem aber unterschlägt der Artikel den ungelösten sozialen Nährboden der Guerillas: z.B. die extrem polarisierte Landverteilung in ganz Lateinamerika. Welche Verteidigungsmöglichkeiten haben lokale Bevölkerungen (z.B. gegen Minen von CH-Firmen)? Wer in Mexiko den Leuten lesen beibringt, damit sie sich wehren können, wird von Staat und Mafia gemeinsam ermordet (z.B. 43 Schüler vom Lehrerseminar Ayozinapa).
Auch lässt der Artikel ausser Acht, dass es Guerilla gibt, die durchaus das Politische über das Militärische stellen, wie die Zapatisten in Mexiko (doch wer radikal eine andere Welt fordert, hat in der NZZ natürlich kein platz).
Matthias Leuenberger, am 21. Oktober 2016 um 07:19 Uhr

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