Atomausstieg kommt – irgendwann oder jederzeit

Hanspeter Guggenbühl © Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl / 27. Nov 2016 - Schlimmer als das Nein zum Atomausstieg wäre, wenn die Schweiz den Umstieg auf eine alternative Energieversorgung aufschöbe.

Die Furcht vor einem Stromausfall, den Gegner an die Wand malten, war offenbar grösser als die Angst vor einem Atomunfall, den Befürworter schürten: Das Schweizer Volk lehnte gestern die Ausstiegsinitiative ab, welche die Laufzeit der Schweizer Atomkraftwerke auf 45 Jahre begrenzen wollte. Mit Blick auf die 45,8 Prozent Ja-Stimmen reden Befürworter einmal mehr von einem «guten Ergebnis» oder «Achtungserfolg». Das ist ein schwacher Trost, denn wer bei einem demokratischen Entscheid nicht mindestens 50 Prozent Zustimmung erhält, hat verloren.

Die neue Abfuhr für AKW-Gegner ist weniger deutlich als jene im Mai 2003, aber auch weniger relevant. Denn das damalige Nein zum «Moratorium Plus» hielt den Bau von neuen Atomstromfabriken offen. Doch diese Option ist heute selbst dann vom Tisch, falls das Volk nächstes Jahr die neue Schweizer Energiestrategie wider Erwarten ablehnen sollte. Denn neue AKW wären bei einer Vollkostenrechnung noch weit unrentabler als heute schon die alten.

Atomenergie bleibt Auslaufmodell

Atomenergie bleibt also ein Auslaufmodell. Aber statt mit einem Terminplan werden die Schweizer Atommeiler nun unvorhersehbar abgeschaltet, nämlich dann, wenn das Ensi ihre Sicherheit im gesetzlich vorgegebenen Rahmen als ungenügend beurteilt. Das kann irgendwann geschehen. Oder jederzeit; darum stehen momentan die KKW Beznau I und Leibstadt still.

Der zeitlich nicht kalkulierbare Atomausstieg droht, die Energiewende zu verzögern. Dieser Folgeschaden für die Schweizer Energieversorgung wäre grösser als die Abfuhr am Wochenende für die rotgrüne Anti-Atomallianz. Denn je länger die Schweiz griffige Massnahmen gegen die Energieverschwendung und den Umstieg auf alternative Energieträger hinaus schiebt, desto abhängiger macht sie sich vor jenem schmutzigen Importstrom, den die bürgerlichen Parteien und Wirtschaftsverbände gegen die Initiative ins Feld führten.

Strapaziert wird die Logik, wenn man die regionalen Resultate anschaut. Die Leute in der Westschweiz, die von einer nuklearen Verstrahlung in Beznau oder Leibstadt weniger betroffen wären, bejahten die Initiative. Die Gebirgskantone hingegen – von Graubünden über Glarus bis ins Wallis – deren Wasserkraft bei einem Rückgang der Atomenergie an Wert gewinnt, lehnten die Befristung der AKW-Laufzeit ab. Ob die Bevölkerung in den Alpen wohl – treuherzig wie ihre Regierungen – hofft, die Stromlobby werde sich bei den nächsten Wasserzins-Verhandlungen dankbar zeigen?

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Dossier: Atomenergie nach Fukushima

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