Von IS-Redaktor Christof Moser getwittertes Bild © LIVENEWS.RU

Von IS-Redaktor Christof Moser getwittertes Bild

Die Sehnsucht nach dem Bild, das den Krieg beendet

Jürgmeier / 23. Jul 2014 - Der Abschuss. Das Bild. Der Tweet. Eine alte Debatte wird neu lanciert. Welche Bilder müssen/dürfen wir (nicht) sehen?

Zuerst waren, mit grosser Sicherheit, der Abschuss der Malaysian Airlines MH17 und, vor allem, 298 Tote. Dann postet «Infosperber»-Redaktor Christof Moser ein TV-Bild mit Leichen- sowie Wrackteilen auf Twitter und lanciert damit eine erregte Debatte im 140-Zeichen-Takt. DRS-3-Moderatorin Franziska von Grüningen greift das Thema in der Sendung «Sonntagnacht» vom 20. Juli auf, lässt neben Twitterer Christof Moser auch den ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Presserates Peter Studer sowie den Fotografen Christoph Bangert zu Wort kommen, der seine drastischsten und bisher unveröffentlichten Fotos aus Kriegsgebieten im Mai dieses Jahres im Buch «War Porno» veröffentlicht hat. Und die Frau gibt den drei Männern etwas mehr Zeit als die modernen social medias, insgesamt rund 20 Minuten, zu wenig, um die alte Frage zu klären, welche Bilder gemacht, veröffentlicht und angeschaut werden dürfen beziehungsweise müssen.

Der Diskurs erinnert den Schreibenden an den japanischen Fotografen, der das Bild im Bus mit den toten InsassInnen, kurz nach dem Einschlag von «Little Boy», der auf Hiroshima abgeworfenen Atombombe, nicht «schiesst», sondern später seine Gefühle in diesem gespenstischen Moment nur mit Worten beschreibt. An das Bild des nackten Mädchens, das zum Gesicht des schmutzigen Krieges der US-amerikanischen Befreier des Zweiten Weltkrieges in Vietnam wurde. Und an die verhinderten beziehungsweise zensurierten Bilder, die das Image des (modernen) sauberen Krieges, in dem kein Blut fliesst und keine Menschen verrecken, pflegen sollen.

Was ist respektloser – das Filmen der Toten oder das Töten?

Den MedienkonsumentInnen das Grauen des Krieges zumuten, sie erschüttern, auf dass sie überlegen (müssen), was sie tun könnten, damit so etwas nie mehr passiert – das sind die hehren Motive derer, welche die Bilder von Verstümmelten, Verbrannten und Gefolterten «schiessen» beziehungsweise publizieren. Abgesehen vom Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Applaus, vom Interesse an höheren Auflagen, Einschaltquoten und Gewinnen ist es die Sehnsucht nach dem Bild, das den Krieg beendet, welche die Medienschaffenden in unserem visuellen Zeitalter zur Veröffentlichung der Bilder treibt, die bei mehr oder weniger empfindsamen KonsumentInnen Entsetzen, Wut und Fassungslosigkeit auslösen. Aber wie viele Bilder müssen «geschossen» werden, bis dieses eine Bild im Kasten ist? Was ist respektloser – das Filmen der Toten oder das Töten? Gibt es ein Recht auf Schonung und Gemütlichkeit, so wie vor Jahren ein Gericht Feriengästen das Recht zugestand, dass ihr Urlaubsgenuss nicht durch den Anblick behinderter Gäste geschmälert werden dürfe? Verhindern oder fördern Bildorgien des Schreckens die Verdrängung real existierender Grausamkeit und Not? Was bewirkt, dass die ZuschauerInnen vor dem Flatscreen aufstehen und zu handeln beginnen statt zur nächsten Serie zu zappen, als ob nichts geschehen wäre? Was würde Handeln in diesen Zeiten und Welten ganz real bedeuten?

Die Fragen sind, dank einem Tweet, wieder einmal gestellt, in verschiedenen Medien andiskutiert, beantwortet sind sie nicht. Das Twittern und Reflektieren, Reden und Morden kann weitergehen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Aufklären, aufgeilen, aufhetzen – Paradoxe Bilder (auf InfoSperber)

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6 Meinungen

Die Frage «Was ist respektloser, das Töten oder das Filmen des Tötens» gehorcht dem ethischen Trick «andere sind noch schlimmer". Auf diese Weise könnte man fragen: «Was ist schlimmer, der Kindsbrauch, das Filmen des Kindsmissbrauchs, das Herunterladen des Kindsmissbrauchs?» usw. Man findet, bezogen auf unethisches Handeln, fast immer etwas, das noch schlimmer ist, wenn man eine Ausrede braucht.

Diese falsche Fragestellung ändert aber nichts daran, dass mit Horrorbildern Politik gemacht wird. Ohne Horrorbilder, und zwar Bilder konkreter Opfer, nicht bloss Zahlen, wäre mit Auschwitz und anderen Monsterlagern, mit der medialen Chiffre Holocaust verkauft, keine Politik zu machen noch wäre es möglich, Massenmorde als einmalig hinzustellen. Aber selbst auch die mediale Vermarktung der NS-Verbrechen ist nicht einmalig. Völkermorde an Armeniern, in Ruanda, Kambodscha erhielten Gewicht dank Bildern von Leichen. Hingegen vermochte der wirksamste Völkermord, die Ausrottung der Indios auf westindischen Inseln, v. Dominikanermönch Las Casas ohne Bilder geschildert, das Weltgewissen kaum zu bewegen. Für Polen sind Leichenbilder vom Massaker in Katyn von grösster Bedeutung, bestimmen polnisch-russisches Verhältnis mit. Was schreckliche Bilder vom Vietnamkrieg betrifft, rühmte der bedeutendste aller Medienphilosophen, Günter Anders, dieselben, weil sie letztlich zum Überdruss des US-Publikums an diesem Krieg beitrugen. In der Regel ist bei Veröffentlichungen eine politische Absicht dabei.
Pirmin Meier, am 23. Juli 2014 um 12:12 Uhr
PS. Es muss natürlich heissen «Kindsmissbrauch", nicht «Kindsbrauch". Ferner dürfte klar sein, dass der Begriff «mediale Chiffre Holocaust» bedeutet, dass Zeitzeugen und Historiker von Walther Hofer, Sebastian Haffner bis ca. Joachim Fest diesen Ausdruck nicht gebrauchten, er kam erst nach einer amerikanischen Fernsehserie in den Sprachgebrauch. Die Ablehnung eines propagandistischen Sprachgebrauchs, so z.B. «deutscher Faschismus» statt korrekt Nationalsozialismus und dergleichen bedeutet aus der Sicht einer kritischen Historie in keiner Weise, dass Verbrechen geleugnet würden. Sonst wäre es keine kritische Historie mehr. Die Bedeutung von Bildern gehört aber auf jeden Fall zur kritischen Reflexion. Dass Jürgmeier gegen das Unterdrücken von Bildinformationen zu sein scheint, ist im Zusammenhang mit dem erzwungenen Flugzeugabsturz in der Ukraine eine derzeit vertretbare wie auch allerdings anfechtbare Minderheitsmeinung unter den Medienverantwortlichen.
Pirmin Meier, am 23. Juli 2014 um 15:51 Uhr
Sehr guter Artikel. Reiht sich für mich ins gleiche Thema ein, was der SOBLI in der letzten Ausgabe auf dem Titel hatte? Schmuddeljournalismus unbegrenzter Möglichkeiten.

http://medienwalze.ch/sonntagsblick-skandal-titelseite/
Gabor Balazs, am 23. Juli 2014 um 18:09 Uhr
@Balazas. Ihr Beitrag lohnt sich, weil via Medienwalze bewiesen wird, dass man dem Uniformierten im «Blick» und in anderen Medien Unrecht tat, er hat keine Trophäe in die Luft gestreckt, sondern sich mit Zeichensprache verständigt, sich am Ende bekreuzigt, wie es sich auf einem «Friedhof» gehört. Es bleibt aber dabei, dass man in Holland und anderswo über die Berichterstattung empört sein musste, die Würde der Toten ist mit Sicherheit nicht «durchgekommen". Kompensatorisch wurde jeder einzelne Sarg, so weit bisher eingetroffen, wie bei einem Staatsbegräbnis von Soldaten geschultert, und der Konvoi der Leichenwagen wie auch der Empfang durch König und Königin wollte hier etwas kompensieren, was trotzdem nicht kompensierbar ist, aber begreiflich. Es geht auch um die geschändete Seele der Angehörigen und in einem solchen Fall wohl auch sogar des niederländischen Volkes. Trotzdem: auch in diesem Fall wird mit Bildern Politik gemacht, wiewohl dieser «Empfang» absolut begreiflich ist, wohl psychologisch richtig, wenn man das so sagen darf.
Pirmin Meier, am 23. Juli 2014 um 18:46 Uhr
Das Schweizer Fernsehen hat letzten Freitag in ihrer Berichterstattung, anlässlich der Tagesschau meiner Meinung nach aber auch arg übers Ziel geschossen. Ich bin der Ansicht, von einem mit Gebühren finanzierten Staatssender darf man mehr Distanz erwarten.
https://www.youtube.com/watch?v=r6Oeb78jMTg
Gabor Balazs, am 23. Juli 2014 um 18:50 Uhr
Die brutalsten Bilder im Netz findet man bei denjenigen, die beweisen wollen, dass die Abgestürzten eigentlich Hollywood-Puppen seien; dies beweist aber bestenfalls, dass die Hollywoodpuppen ziemlich realistische Imitate sind. Im übrigen ein Vorwand für eine noch nie dagewesene Grausamkeit der Präsentation. Ein Bildkrieg mit wahnhaften Kommentaren, auch aus der Küche derjenigen, für die etwa die Mondlandung nur eine Hollywood-Inszenierung war usw. Es kommen einige der niedrigsten menschlichen Eigenschaften zum Vorschein.
Pirmin Meier, am 30. Juli 2014 um 00:54 Uhr

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