Das verkappte Nein der NZZ

Christian Müller © aw
Christian Müller / 14. Mai 2017 - So argumentiert die NZZ Schulter an Schulter mit der SVP für ein NEIN am 21. Mai 2017 zum Energiegesetz.

Es ist immer erlaubt und meist auch sinnvoll, kritische Fragen zu stellen, nicht zuletzt im Meinungsbildungsprozess vor demokratischen Abstimmungen im Land der direkten Demokratie. Die NZZ tut es, zu Recht, auch jetzt, vor der Abstimmung zum Energiegesetz am 21. Mai. «Urnengang zum Energiegesetz: Die Notration für verwirrte Stimmbürger», so heisst der Titel, «Die umstrittene Abstimmungsvorlage zur Energiestrategie lässt viele Fragen offen», so der Untertitel.

Die «vielen Fragen» werden unter sechs Punkten gestellt: 1. Fukushima, 2. Kaltduscher, 3. Klimaschutz, 4. Arbeitsplätze, 5. Kosten, und 6. Vertrauen.

1. Fukushima, genügt, um zu sehen, wie die Argumentation mit Fragen funktioniert. Wörtlich: «Die AKW-Katastrophe in Japan 2011 war der Auslöser des vorliegenden Reformpakets. Kernkraftforscher sagen, ein Unfall à la Fukushima könne in der Schweiz nicht passieren, bei der modernsten AKW-Generation (die ersten Werke sind derzeit in Europa im Bau) komme eine Kernschmelze mit Freisetzung in die weitere Umgebung nur einmal alle 50 Millionen Jahre vor, und das grösste Problem der modernen Kernkrafttechnik liege nicht in der betrieblichen Sicherheit, sondern in den derzeit zu hohen Kosten. Es würde also gar kein Verbot brauchen, da auf absehbare Zeit ohnehin niemand Geld für ein neues AKW riskieren würde. Drei Fragen können sich die Stimmbürger hierzu stellen: Vermögen die Politiker die technischen Risiken besser einzuschätzen als die Forscher? Ist für mich (wie vielleicht auch beim Terrorismus) das «gefühlte» Risiko wichtiger als das mathematische Risiko? Und schätze ich die Symbolik eines Verbots für neue AKW?»

Das Risiko, dass sowas wie die Kernschmelze in Fukushima mit neuer Technologie wieder passiert, ist also zu vernachlässigen. Was ist das schon, etwas, das nur alle 50 Millionen Jahre einmal passiert, wie «die Forscher» es berechnet haben?!

Darf an dieser Stelle eine andere Frage gestellt werden? Die zivile Nutzung der Kernkraft gibt es seit 1954, also schon über 60 Jahre. Mittlerweile sind weltweit über 400 Reaktorblöcke in Betrieb und Dutzende im Bau. Und was macht man mit dem bei der Stromerzeugung anfallenden radioaktiven Abfall, der seine Umgebung über Tausende von Jahren verstrahlen wird – mit gerade auch den Forschern sehr wohl bekannten verheerenden Folgen? Über 60 Jahre Atomkraftwerke, und noch immer gibt es weltweit keine sichere Lagerstätte für die radioaktiven Abfälle. Noch immer wird alles, wie es so schön heisst, «zwischengelagert».

Zum Bild: Ob die Werbung «NEIN zum Energiegesetz» auf NZZ online zufällig über den Artikel «Die Notration für verwirrte Stimmbürger» zu liegen kam?

Wem also soll man vertrauen?

«Beide Lager (inkl. des Bundesrats) haben durch stark irreführende Angaben ihre Unredlichkeit demonstriert. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mögen sich in diesem Fall fragen, welches Lager für sie etwas weniger unredlich war.» schreibt Hansueli Schöchli, der Autor des Artikels, unter dem letzten Punkt «6. Vertrauen».

Sollen wir also der Argumentation der NZZ Wirtschaftsredaktion vertrauen, die in ihren kritischen Fragen zwar zu vermelden weiss, dass sich nur alle 50 Millionen Jahre so etwas wie in Fukushima ereignen wird, dabei aber die mindestens so kritische Frage nach den radioaktiven Abfällen schlicht zu stellen vergisst?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Warmduscher-Kampagne gegen neue Energie-Strategie
Geldspar-Kampagne für ein "Ja zur Energiestrategie"
NZZ: Nein zum Energiegesetz

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3 Meinungen

Dass der bedeutendste und verdienstvollste Vogelschützer und Ornithologe Europas, Prof. Urs Niklaus Glutz von Blotzheim, in Jahrzehnten Verfasser einer vielbändigen europäischen Vogel-Enzyzklopädie, gegen die bundesrätliche Energievorlage ist, sich nach jahrzehntelanger politischer Enthaltung hier im Nein-Komitee outet, zeigt, dass es für ein ökologisch fundiertes Nein zu dieser Vorlage Gründe geben könnte. Es bleibt allerdings bei einem Ja ohne hin dabei, dass heutzutage unmöglich mit Sicherheit beschlossen werden kann, was sich 2050 als richtig erweisen wird. Ohnehin bedarf es zur Durchführung von Volksbeschlüssen bekanntlich der Parlamentsmehrheit. Mit Überzeugung würde ich eine Volksinitiative gegen Windräder im Berggebiet unterschreiben, ferner auch zu deren Einschränkung in den Mittellandkantonen.
Pirmin Meier, am 14. Mai 2017 um 13:54 Uhr
"…und noch immer gibt es weltweit keine sichere Lagerstätte für die radioaktiven Abfälle.» Wirklich?!!
1) USA - WIPP
2) Finnland - Onkalo

@Maeder: Das "Endlager" Olkiluoto in Finnland ist bisher nur für die Endlagerung für schwach- und mittelradioaktive Abfälle geeignet und hat eine Betriebserlaubnis bis 2051. Für hochradioaktive Materialien hat auch Wikipedia noch nichts von einem bereits funktionierenden Endlager gehört. (Zitat: Ein dauerhaftes Endlager für hochradioaktive Abfälle aus der Kernenergienutzung konnte bislang (2017) weltweit noch nicht errichtet werden.) – Der Betreiber eines solchen bereits funktionierenden und bewilligten Endlagers würde sich gewiss melden, zumal damit ordentlich Geld zu verdienen wäre. mfG Christian Müller
Thomas Maeder, am 14. Mai 2017 um 19:59 Uhr
@Christian Müller. Das ist Haarspalterei: Die Baugenehmigung für hochradioaktive Abfälle wurde Ende 2016 von der STUK-Behörde (die «finnische ENSI") definitiv erteilt (Konzept und Standort endgültig validiert), und politisch sind die Hürden auch überwunden (Akzeptanz von der Gemeinde Eurajoki). Beide bedeuten, dass es «eine Lösung» gibt.
Für die Einlagerung muss man in allen Fällen warten, da gemäss Betreiber (Posiva) je nach Reaktor die Brennelemente 40 bis 60 Jahren abkühlen müssen ("The fuel used in the plants Olkiluoto 1 and 2 and Loviisa 1 and 2 requires a cooling down period of approximately 40 years before it can be disposed of. The fuel used in Olkiluoto 3 needs to be cooled down for about 60 years before final disposal").
@Maeder: Ok, bleiben wir optimistisch und vergessen wir Vorfälle wie Forsmark 2006 und etliche andere. Das Risiko von Atomkraftwerken auf "einmal in 50 Millionen Jahren" kleinzureden und die Problematik der Endlagerung auszuklammern, ist meines Erachtens trotzdem nicht "redlich", wenn im gleichen Artikel schon von der Unredlichkeit der Befürworter und Gegner der Gesetzesvorlage die Rede ist. "Vertrauen" in die Nukleartechnik? Nicht wirklich. (cm)
Thomas Maeder, am 14. Mai 2017 um 21:46 Uhr

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