Das alternative Kulturzentrum «Reitschule» in Bern © kroll:k/Wikimedia Commons/cc

Das alternative Kulturzentrum «Reitschule» in Bern

Päng-Päng-Interview im «Echo der Zeit»

Richard Aschinger / 28. Feb 2017 - SRF-Moderator haut dem Berner Stapi fünf Minuten lang die SVP-Forderung um die Ohren: «Wann endlich schliessen Sie die Reithalle?»

In der Informationssendung «Echo der Zeit» vom Sonntag berichtete Radio SRF über die Gewaltaktionen von jungen Aktivisten vor der Berner Reithalle am Samstagabend. Die Polizei hatte einem Zug von Aktivisten den Weg in die Innenstadt blockiert. Darauf bauten eine Gruppe von gewaltbereiten Jugendlichen Strassenbarrikaden und zündeten Autos an. Die Polizei setzte Tränengas und Gummischrot ein. Die von den Aktivisten verursachten Schäden werden inzwischen auf «mehrere 100'000 Franken» geschätzt.

Der für Sicherheit zuständige Gemeinderat Reto Nause, (CVP) sagt gegenüber Radio SRF, die Polizei habe wohl viel höhere Schäden verhindert, indem sie den Aktivisten den Weg in die Innenstadt versperrte. Im Bericht kommt der prominente SVP-Stadtrat Henry Beuchat zu Wort, der die Verantwortung für die Ausschreitungen ohne Zögern beim alternativen Kulturzentrum Reithalle platziert und einmal mehr die von seiner Partei seit Jahren verlangte Schliessung fordert.

Anschliessend an diesen Bericht im «Echo» interviewt der Moderator der Sendung den vor einem knappen Monat gewählten neuen Stadtpräsidenten Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste. Der Journalist spielt von Anfang voll auf Angriff. Als Anmoderation: «Ich fragte ihn: Tolerieren Sie solche Gewalt wie gestern Abend?» Der Stadtpräsident sagt, was man auf diese Frage nicht anders sagen kann: «Nein, ich toleriere das nicht. Ich bedaure die Eskalation. Das war kein guter Abend für Bern, gestern.»

Schon nach zwanzig Sekunden ist der Journalist bei der im vorangestellten Bericht geäusserten Forderung der SVP: «Was heisst das konkret. Die Forderung steht auf dem Tisch. Immer wieder kommt es vor der Reithalle zu solchen Vorfällen. Wird die Reithalle unter Ihnen jetzt von Ihnen geschlossen?»

Dem Greenhorn-Stapi fehlt die Schlachtrosserfahrung seines Vorgängers Alexander Tschäppät: Er versucht sich mit Argumenten zu befreien.

von Graffenried: «Man muss das etwas differenzierter sehen. Die Reithalle ist vor allem ein Kulturzentrum. An Wochenenden sind dort jede Nacht ein- bis zweitausend Personen, die dort den Ausgang verbringen. Rund um die Reithalle hat es andere Ausgangslokale. Dort findet der Ausgang in der Stadt Bern statt. Gestern Abend war eine gewaltbereite Gruppe im Bereich der Reitschule, die die Konfrontation mit der Polizei gesucht hat. Und sie hat die Konfrontation auch erhalten.»

Der Journalist lässt sich nicht ablenken. Auf SVP-Linie fährt er fort: «Ich wiederhole und sage es etwas zugespitzt: Die Reithalle wird nicht geschlossen: Die Laissez-faire-Politik der letzten Jahre geht weiter.»

von Graffenried: «Das ist keine Laissez-faire-Politik. Was uns wichtig ist, dass es keine Eskalation gibt auf dem Gebiet der Stadt, dass die Bürger möglichst gut geschützt werden. Daran halten wir fest. Das haben wir auch gestern Abend umgesetzt.»

Den «Echo»-Moderator interessiert das wenig. «Welche konkreten Massnahmen haben Sie nach den Vorfällen der letzten Tage beschlossen?»

von Graffenried: «Wir müssen das analysieren. Wir wollen nicht, dass die Eskalation eine Fortsetzung findet. Wir werden die nötigen Massnahmen diskutieren.»

Moderator: «Werden die Demonstranten in den nächsten Tagen weiter demonstrieren?»

von Graffenried: «Ich glaube der Rückhalt bei den Demonstranten ist am bröckeln. Ausgangspunkt war die Hausbesetzung, die aufgelöst wurde. Einige Leute haben damals noch gesagt, sie hätten Sympathien für das Problem der Wohnungsnot. Aber ich glaube, für die Art der Gewalteskalation von gestern Abend fehlt das Verständnis in breiten Kreisen.»

Nach zwei Minuten überrascht der Interviewer jetzt mit einem radikalen Optikwechsel: Von der Sicht der SVP zur Sicht der Krawallisten: «Die Aktivisten sprechen von – Zitat- ‹immenser Repression der Polizei›. Wieso haben Sie diese Demonstranten, es waren offenbar nur ein paar Dutzend, nicht einfach gewähren lassen?»

Der Stadtpräsident ist perplex: Hatte das im «Echo»-Bericht nicht Gemeinderat Nause geklärt? Wenn man die Demonstranten hätte ziehen lassen, wären die Schäden aller Voraussicht nach noch viel grösser gewesen.

von Graffenried: «Wir wollten sie ja eben nicht gewähren und sich in die Stadt ausbreiten lassen. Es war keine Repression. Die Polizei hat einfach ihren Auftrag erfüllt, diese Ausbreitung zu verhindern. Sie hat die Strassen und Durchgänge geschlossen um zu verhindern, dass ein Durchbruch erzwungen werden könnte. Das war der Auftrag der Polizei und diesen Auftrag hat sie erfüllt.»

Der Trick mit der Sicht der Krawallanten hat nichts gebracht. Der Interviewer kehrt zur SVP-Linie zurück: «Sie rufen immer noch zum Dialog auf. Aber dieser Dialog findet seit Jahren überhaupt nicht statt.»

von Graffenried: «Doch, Bern ist eine dialogbereite, eine offene Stadt. Wer das Gespräch sucht, wird ein Gespräch erhalten. Aber Gewalt ist kein Diskussionsangebot.»

Moderator: «Sie sagen selbst, Dialog setze Gesprächsbereitschaft voraus. Das war in den letzten Monaten und Jahren nicht der Fall».

von Graffenried: «Doch. Wir führen zu allen möglichen Themen Diskussionen. Alle Schweizer Städte machen das. Gestern Abend ging es nicht um Dialog. Gestern ging es um Konfrontation. Das hat mit Diskussionen nichts zu tun.

Moderator: «Nun gibt es in Bern weder ein Prekariat noch eine steigende Jugendarmut oder -arbeitslosigkeit. Ganz im Gegenteil. Szenenkenner beschreiben die Aktivisten als politisch uninteressiert, wohlstandsverwahrlost, als Jugendliche, die einfach den Kick suchen und Spass an Krawallen haben. Das kann eine Stadt ja nicht einfach so tolerieren…»

Was kann ein Stadtpräsident auf diese insinuierende Frage anderes sagen als: «Natürlich nicht. Das tolerieren wir auch nicht. Dafür haben wir die Polizei und die soll die Bevölkerung vor solchen Angriffen schützen. Das tut die Polizei.»

Bis zum Schluss bleibt der Moderator bei seinen inhaltsleeren Päng-Päng-Fragen, die nichts über die Probleme und wenig über die Politik des neuen Stadtpräsidenten erhellen, aber den Journalisten und das Sendegefäss als unerschrockene Freunde der wütenden Bürger brillieren lassen.

Moderator: «In den sozialen Medien schüttelt man den Kopf über diese Krawalle. Fürchten Sie nicht um den Ruf und das Image ihrer Stadt?

von Graffenried: «Natürlich sorge ich mich um den Ruf. Das sind keine guten Nächte für Bern. Ich wünsche mir auch, dass es andere Publicity gäbe. Wir werden versuchen das zu unterbinden. Aber wie wir gestern gesehen haben, ist das nicht ganz einfach.»

Der Interviewer arbeitet seit 2015 beim «Echo». Vor seinem Start begrüsste ihn die SRF-Medienstelle als «jungen, innovativen Moderator, der in kürzester Zeit zu einer prägnanten und kritisch-hinterfragenden Radio-Stimme wurde».

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Keine.

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6 Meinungen

schön, bin ich nicht die einzige, welche das interview hanebüchen fand. das hätte eine praktikantin vom blick besser machen können. ich war äusserst erstaunt zu sehen, dass der journalist doch bereits einige zeit beim echo ist.... niemanden interessiert die frage, ob die reitschule geschlossen wird, da wirklich alle die antwort darauf bereits wissen: nein, nach 4 abstimmungen ist das wirklich allen akteurInnen in diesem spiel klar und somit die langweiligste frage zu der geschichte. sie wird erst recht nicht besser wenn man sie mehrere male wiederholt.
als journi - erst recht bei einem renommierten format wie dem echo - sollte man fähig sein, seinen interviewpartnerInnen neue fragen zu stellen, neue ansätze aufzugreifen. ansonsten kann man gleich zur schweizerzeit...
Katrin Hiss, am 28. Februar 2017 um 17:39 Uhr
Wer heute nicht penetrant kritisch ist, gilt als doof und ohne eigene Meinung. Wir zerfleischen uns auf Dauer selbst. «Ja, aber...» ist in. Besonnenheit und Einfühlungsvermögen kommen wohl aus der Mode.
Ekkehard Blomeyer, am 01. März 2017 um 06:33 Uhr
Guter Artikel.

Und wenn ich mich nicht irre, wurde die Demonstration nicht bewilligt und mit Gummischrot und Wasserwerfern zerschlagen (Demokratie? Meinungsfreiheit?), als die Demonstranten trotzdem auf die Strasse gingen. Wer wirkt denn hier eskalierend, wenn man eine Demonstration verbietet und die Leute nicht einmal mehr für ihre Interessen auf die Strasse gehen lässt? Muss man sich da noch wundern, wenn einzelne Demonstranten aggressiv werden?

Auf Gewalt folgt bekanntlich fast immer Gegengewalt. Das gilt auch wenn die Polizei Gewalt (Gummischrot/Wasserwerfer) ausübt. Das soll keine Rechtfertigung sein für die Gegengewalt der Demonstranten, zudem war dies ja sehr kontraproduktiv, da nun der Rückhalt in der Bevölkerung nur noch grösser wird um den Polizeistaat weiter auszubauen.

Peace
Tom Streit, am 01. März 2017 um 09:11 Uhr
Guten Morgen, was ist bloss mit den Mitarbeitern des SRF los? Leiden die so unter einem internen Profilierungszwang, dass sie (blinde) Provokation einsetzen müssen, um Aufmerksamkeit zu erheischen? Oder werden sie nach einem Schlüssel „Einschaltquote bezahlt? Klar - dass so gute journalistische Arbeit auf der Strecke bleibt, siehe auch Daniele Ganser u. a. oder Berichterstattung zu Syrien. Mir scheint, das SRF setzt alles daran, die Billag-Abstimmung zu verlieren. Für meinen Teil kann ich nachvollziehen, dass die Demokratie ausgewogene Informationen zum Überleben braucht und der beste Garant dafür sind unabhängige Medien (von der Wirtschaft und anderen Ideologien) . Ich meine, dass zur Zeit die Informationspolitik des SRF diesen Ansprüchen (und so auch dem gesetzlichen Auftrag) nicht genügt. Also SRF Leitung, bitte endlich handeln, denn die Beschwerden nehmen zu (siehe Ombudsmann Bericht und kritische Kommentare zu bestimmten Sendungen).
Guido Besmer, am 02. März 2017 um 07:01 Uhr
Warum nennen Sie den Namen des Moderators nicht?
Felix Schneider, am 02. März 2017 um 22:09 Uhr
Samuel Wyss heisst der Radio SRF-Moderator, welcher für das ECHO DER ZEIT-Interview «Es ist keine Laissez-faire-Politik» mit Alec von Graffenried am Sonntag, 26. Februar 2017, 18:00 Uhr verantwortlich zeichnet; der für die Sendung zuständige Redaktor ist Tobias Gasser ...
René Edward Knupfer-Müller, am 06. März 2017 um 15:35 Uhr

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