Schräger Vergleich mit Säulen aufgrund willkürlich ausgewählter Daten © tamedia/cc

Irreführende Statistik im Tages-Anzeiger/Der Bund

Urs P. Gasche / 30. Jan 2017 - Gruppen-Arztpraxen verrechnen angeblich mehr als Einzel-Arztpraxen. Das soll eine Grafik mit willkürlichen Daten beweisen.

«Gruppenpraxen verrechnen mehr» titelten Tages-Anzeiger und Der Bund am 23. und 24. Januar über einer Grafik, welche die Kosten pro Konsultation verglich. Als Quelle der Daten geben die Zeitungen den Krankenkassenverband Santésuisse an.

Auf der einen Seite vergleicht die Grafik «alle Arztpraxen», also inklusive Gruppenpraxen, mit «Gruppenpraxen». Diese sind in den Zeitungen als «Praxen mit mehr als zwei Ärzten unterschiedlicher Disziplinen» definiert.

Abgesehen davon, dass Gruppen- nicht mit Einzelpraxen verglichen werden, sondern mit sämtlichen Praxen, steht und fällt der ganze Vergleich mit der Definition von «Gruppenpraxen».

Grafik im Tages-Anzeiger und im Der Bund

Irgendwo im Text des halbseitigen Artikels ist erwähnt, dass zu den «Gruppenpraxen» auch «Notfall- und Walk-in-Praxen» sowie Permanencen gezählt sind. Zu den Notfallpraxen zitiert der Tages-Anzeiger den Hausarzt Daniel Oertle: «In den Notfallpraxen kennt man die Patientinnen und deren Krankheitsgeschichten nicht, weshalb die Ärzte bei jeder Untersuchung von vorne beginnen müssen.» Das führe dazu, dass mehr abgeklärt und behandelt werde als nötig.

Der Einbezug von Notfallpraxen verzerrt also den Vergleich.

Weiter ist für die Kosten entscheidend, dass eine Konsultation bei einem Spezialisten durchschnittlich viel teurer ist als eine Konsultation bei einem Allgemeinpraktiker oder Internisten – unabhängig davon, ob der Spezialist eine Einzelpraxis führt oder in einer Gruppenpraxis arbeitet.

Gegenüber Infosperber präzisiert Santésuisse: «In der Grafik im TA-Artikel ... wurden die gemischten Gruppenpraxen nicht unterschieden, wonach der Schwerpunkt auf Spezialärzten oder Grundversorgern liegt, d.h. ob Spezialärzte oder allgemeine/innere Ärzte in der Mehrzahl sind.» Die Grafik des Tages-Anzeigers/Der Bund zählt bei den Gruppenpraxen auch Suchtambulatorien und Dialysezentren dazu.

Sandra Kobelt, Direktionsmitglied der Santésuisse, zu Infosperber: «Die höheren Kosten [der Gruppenpraxen] sind insbesondere auf die Gruppenpraxen mit Schwerpunkt Spezialarzt zurückzuführen.»

Gruppenpraxen nur mit Hausärzten einfach unterschlagen

Die Gruppenpraxen, in denen ausschliesslich Allgemeinmediziner und Internisten arbeiten, hat die Statistik des Tages-Anzeigers/Der Bund schlicht nicht berücksichtigt.

Der Arzt Felix Huber, Leiter der Medix-Notfallpraxis in Zürich und der Medix-Praxis in Altstetten ZH, erklärt, dass seine Gruppenpraxis mit Budgetverantwortung und Managed Care-Modellen zu 15 bis 20 Prozent weniger Gesamtkosten führen. Und zwar unter Berücksichtigung des Gesundheitszustands der Patientinnen und Patienten. Er stützt sich dabei auf eine Auswertung von Oliver Reich, Leiter Gesundheitswissenschaften der Helsana-Gruppe.

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3 Meinungen

In dem Artikel (http://www.tagesanzeiger.newsnetz.ch/forum/interaktiv/Ob-noetig-oder-nicht-die-Kasse-zahlt/story/28123392) geht es ja primär um das Problem, dass der Konsument bei einem gefühlten Notfall sofortige Behandlung wünscht, und dafür oft und gern Notfall/Walk-In-Praxen besucht.

Derartige Konsultationen sind zweifellos im Durchschnitt teurer, als wenn man am nächsten Tag zum Hausarzt gehen würde: Einerseits wird häufig eine Notfallinkonvenienzpauschale draufgeschlagen, andererseits werden häufiger apparative Untersuchungen gemacht, die nur selten sofortige Konsequenzen haben, die ihre höheren Kosten rechtfertigen würden.

Soweit kann ich dem «TagesAnzeiger» durchaus folgen. Aber klar: Wenn exakt dasselbe gemacht würde, wären Gruppenpraxen für den Patienten in der Tat nicht teurer, als Einzelpraxen, da ja der Preis jeder Leistung im Tarmed absolut festgelegt ist. Da haben Sie natürlich Recht. Nur wird halt nicht dasselbe gemacht: In Permancenen ist der Umsatzdruck oft höher, weil sie hohe Mieten, viel Personal und hohe Investitionskosten zahlen müssen. Und weil sie nicht selten einer Firma gehören, die in erster Linie am Gewinn interessiert ist.
Stefan Werner, am 31. Januar 2017 um 18:39 Uhr
Im obigen Artikel werden ausschliesslich die Grafik und der Titel in der Grafik kritisiert.
Urs P. Gasche, am 31. Januar 2017 um 18:52 Uhr
Sorry, ich hatte den Text als Kritik am ganzen Artikel verstanden. Bei der Grafik allein haben Sie natürlich Recht.
Stefan Werner, am 31. Januar 2017 um 20:21 Uhr

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