Bevölkerungspolitik Ecopop-Initiative Umwelt © privat

«Es hat in der Schweiz durchaus Platz für zehn Millionen Leute.»

Ökologie und Bevölkerungspolitik nicht vermischen

Jürgmeier / 19. Aug 2014 - Ecopop-Initiative provoziert Buch «Die unheimlichen Ökologen». Ein Gespräch mit Co-Autor und Nationalrat Balthasar Glättli

Der Titel Ihres eben erschienenen Buches lehnt sich an den vor Jahrzehnten geschriebenen Schweizer Politklassiker «Die unheimlichen Patrioten» über rechte Gruppierungen und Einzelpersonen an. Was etwas überrascht und vielleicht auch enttäuscht – dass Sie kaum konkrete Namen nennen – haben Sie da zu wenig gefunden?

Wir wollten die Geschichte der Gedanken und nicht nur die Geschichte der Leute erzählen. Uns geht es darum, eine Entdeckungsreise in die Geschichte der modernen ökologischen Bewegung zu machen, und es war auch für uns persönlich eine Überraschung, wie stark menschenfeindliche Züge teilweise Mainstream in dieser Ökologiebewegung waren.

Der eigentliche Anlass Ihres Buches ist die Ecopop-Initiative, gegen die Sie ziemlich grobes Geschütz auffahren. Ecopop-Geschäftsführer Andreas Thommen spricht in einem «Tages-Anzeiger»-Interview von einer «Diffamierungskampagne»: «Balthasar Glättli versucht, uns eine Verbindung zu Eugenikern und Rassisten anzudichten.» Warum haben Sie gegen die Initiative «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» – die in der Abstimmung vom 30. November 2014 kaum Chancen haben wird – die Eugenik- und Faschismuskeule ausgepackt?

Ich möchte beides bestreiten; ich glaube durchaus, dass diese Initiative Potenzial hat, weil sie Menschenfeindlichkeit in einem ökologischen Mäntelchen präsentiert. Zum Vorwurf von Herrn Thommen: Ich war sehr erstaunt, als ich diesen Vorwurf gehört habe, die meisten Leute – denen ich das Manuskript des Buches zur Lektüre gab – haben uns vorgeworfen, wir seien viel zu brav, zu anständig, zu wenig hart. Wenn sich jetzt Ecopop-Vertreter so getroffen fühlen, zeigt das, dass es da möglicherweise um eine verdrängte Seite der eigenen politischen Grundhaltung geht.

Umweltbelastung = Bevölkerungszahl x Pro-Kopf-Verbrauch?

Sie kritisieren vor allem die Verknüpfung der ökologischen Belastung mit der Bevölkerungsfrage; spielt die Bevölkerungszahl tatsächlich keine Rolle oder gilt nicht doch die Formel Umweltbelastung = Bevölkerungszahl x Pro-Kopf-Verbrauch?

Diese Formel ist ja der heilige Gral der Ecopop-Bewegung und auch eines Teils der Umweltbewegung in den Siebzigerjahren, sie stammt ursprünglich von Paul R. Ehrlich (Die Bevölkerungsbombe) und blendet aus, dass wir weder ein Ameisenhaufen noch ein Rudel von Schafen oder Wölfen sind, dass Menschen ganz unterschiedlich sind und vor allem unser Verbrauch unheimlich unterschiedlich ist. Wenn wir zum Beispiel – und darum geht es im zweiten Teil der Initiative – alles versuchen, um die Zahl der FussgängerInnen zu verkleinern, wird man den effektiven Umweltproblemen, die ja von AutofahrerInnen und Flugreisenden kommen, nicht gerecht. Es ist ein neokolonialistischer Ansatz, zu sagen, im Interesse der globalen Umwelt müssten diejenigen, die in den Entwicklungsländern leben, die zu Fuss gehen oder mit dem Velo unterwegs sind, weniger werden.

Ihre Lösungsformel heisst – Bevölkerungszahl vernachlässigen, wir müssen nur den materiellen Konsum und die ökologische Belastung durch die Mobilität beschränken.

Jein. Ich habe in meinem Wahlkampf 2011 gesagt, es hat in der Schweiz durchaus Platz für zehn Millionen Leute, wenn wir uns Richtung grüne Wirtschaft und Lebensformen entwickeln; es hat aber in der Schweiz nicht Platz für acht, sechs, ja, nicht einmal für vier Millionen Leute in Villen, mit Offroader und Zweitautos. Wir müssen die wirklichen Problemfelder angehen – Raumplanung, Zersiedelung einschränken, mehr innere Verdichtung, mehr Städte. Ich finde es auch falsch, wenn die Schweiz Jahr für Jahr mit mehr Einfamilienhäuschen im Umfang der Stadt St. Gallen beregnet wird.

Sie sind für eine ökologischere Lebensform, und, nehme ich an, für bessere Verteilung der Ressourcen, trotzdem die Frage – weshalb schrecken Sie so sehr davor zurück, die Bevölkerungsfrage als einen von drei, vier Faktoren zu sehen, der in Bezug auf das Wachstum ökologischer Belastung eine Rolle spielt?

Weil das Wachstum an FussgängerInnen- und Velomeilen ökologisch irrelevant ist im Vergleich zum Wachstum an Flugmeilen. Und weil ich nicht daran glaube, dass man irgendetwas für die Umwelt tut, wenn man die Umweltbelastung von der einen Seite des Rheins auf die andere verschiebt.

Bevölkerungsexplosion und Kuhhandel

Ecopop hat ja zu Recht darauf hingewiesen, dass Sie einen Vorstoss von FDP-Nationalrätin Doris Fiala unterschrieben haben, in dessen Begründung mehrmals die Begriffe «Geburtenexplosion» beziehungsweise «Bevölkerungsexplosion» vorkommen, die Sie in Ihrem Buch scharf kritisieren…

Das hat, wie immer in der Politik, verschiedene Gründe, zum einen will sie ja eine Auslegeordnung, und gegen Auslegeordnungen habe ich nichts; zweitens, da bin ich ganz offen, hat sie im Gegenzug einen Vorstoss von mir unterschrieben, der vermutlich in ihrer politischen Richtung nicht so geschätzt wird ….

… ein politischer Kuhhandel…

…das war ein Kuhhandel, dazu muss ich stehen. Gerade die Begründung dieses Vorstosses, die hätte ich sicher nicht so formuliert …

…aber, Sie sind doch der Meinung, die Bevölkerungsfrage sei ein relevanter Faktor…

Der Zugang zu Geburtenkontrolle und Verhütungsmitteln, das ist für mich ein Recht, das gewährleistet sein muss; ein Problem habe ich, wenn von aussen quasi Aufklärungsarbeit, mit dem Ziel Bevölkerungsreduktion, gemacht wird. Das hat hat mit der viel beschworenen Freiwilligkeit nichts mehr zu tun, sondern damit, dass man versucht, human resources so zu formen, dass sie markttauglich sind, damit wir nicht die Überflüssigen haben, sondern kleinere, fähigere Familien, die am Weltmarkt bestehen können.

Sie sagen, Sie hätten sich in erster Linie für die Denktradition der Ökologie interessiert; ist es nicht so, enthalten ökologische Denkweisen in ihrem Kern nicht schon etwas Menschenfeindliches, weil mit Blick auf die Erhaltung des ökologischen Gesamt-Systems das einzelne Individuum an Bedeutung verliert?

Der ökologische Ansatz hat dieses Potenzial, aber es ist für mich nicht zwingend, dass in dieser Richtung gedacht werden muss. Das Bild, das auch Ecopop immer wieder verwendet und die moderne Öko-Bewegung wesentlich geprägt hat, das Bild des blauen Planeten bedeutet für mich – eigentlich wären wir alle im gleichen Boot, und wir haben die Verantwortung, unseren Ressourcenverbrauch, unsere Lebens- und Wirtschaftsform so gestalten, dass wir nicht mehr verbrauchen als für jeden einzelnen auf der Erde zur Verfügung steht.

Ökosystem versus Individuum

Das ist doch der Konflikt – das Gesamte, das Kollektive lässt möglicherweise nicht alles zu, was die einzelnen Individuen möchten…

Genau…

…sei es in Bezug auf den Verbrauch materieller Ressourcen oder die Zahl von Kindern…

Wir leben in einer beschränkten Welt, und es gibt verschiedene Ansätze, wie man damit umgehen kann, aber ich habe da eine gute Botschaft, im Moment wächst die Bevölkerung global nur noch, weil die Leute – und das finde ich durchaus etwas Positives – älter werden, weil die Gesundheitsbedingungen besser geworden sind, und wir bewegen uns global auf ein Bevölkerungsgleichgewicht von 10 bis 11 Milliarden zu.

Sie sagen selbst, wir leben in einer begrenzten Welt, und da gibt es, plakativ formuliert, zwei Utopiemodelle: Man sagt, die Bevölkerungsfrage spielt keine grosse Rolle, wir müssen eine Lebensform entwickeln, in welcher der einzelne Mensch nicht zum ökologischen Belastungsfaktor wird, das, vermute ich, ist Ihre Utopie; die andere ist, wir vernachlässigen die Lebensweise und reduzieren die Menschheit auf eine möglichst kleine Gruppe…

…Das ist die Ted-Turner-Vision, am besten gäbe es keine Menschen; und dann gibt es auch Leute, die sagen, vielleicht 50-100'000, die Grosszügigen sprechen sogar von ein paar Millionen, diese Gruppen wollen die Erde als vor dem Menschen geschützten Naturpark.

Sobriété heureuse – Die glückliche Nüchternheit

Ihre Utopie bedeutet materieller Verzicht, andere Lebensformen, weniger Konsum, weniger Mobilität – wie wollen Sie das real umsetzen, ohne in die Gefahr zu kommen, die auch zu dieser ökologisch-grünen Bewegung gehört …

…Öko-Diktatur quasi…

…genau, für die Reduktion von Lebensstandard bekommt man ja kaum aktuelle Mehrheiten …

… Was Sie schildern, ist der Aspekt der Suffizienz, der Genügsamkeit, auf Französisch gibt es dafür das schöne Wort «Sobriété heureuse», die glückliche Nüchternheit. Das kann man gesellschaftlich nur durchbringen, indem man Bedingungen schafft, in denen PionierInnen die Möglichkeit haben, das aufzuzeigen – zum Beispiel mit dem eben eröffneten Wohnprojekt Kalkbreite. Da wählt man die Wohnungsgrösse nicht aufgrund punktueller Perspektiven – weil der Bruder hie und da zu Besuch kommt, braucht man ein zusätzliches Zimmer für Gäste –, sondern man hat in der Siedlung die Möglichkeit, im konkreten Fall ein günstiges Gästezimmer zu reservieren oder einen Büroplatz dazu zu mieten, wenn sich die Lebenssituation ändert, das heisst, ich brauche nicht zwei Zimmer auf Vorrat.

Sie gehen davon aus, dass Sie solche Veränderungen mit Überzeugung, mit demokratischen Mitteln einlösen können, obwohl sie den aktuellen Bedürfnissen vieler Leute widersprechen?

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, sonst wäre ich nicht in der Politik aktiv; wenn ich der Meinung wäre, es gehe nur mit einer Revolution, hätte ich mich vermutlich schon lange in anderen Disziplinen geübt.

Sie haben zu Beginn des Gesprächs gesagt, der Ausgang der Abstimmung über die Ecopop-Initiative sei nicht so klar, wie ich unterstellt habe. Befürchten Sie eine Annahme oder vertrauen Sie gelassen auf die Unterstützung der SVP, die ja diese Initiative ablehnen wird?

Als James Schwarzenbach seine erste Initiative zur Abstimmung brachte, war er – wenn ich es richtig im Kopf habe – im Nationalrat der einzige, der ihr zugestimmt hat, alle Verbände, politischen Parteien etc. haben die Nein-Parole beschlossen, am Schluss waren es rund 47 Prozent Ja-Stimmen. Wenn ich die Debatten lese, die damals die Zeitungsspalten gefüllt haben, und sie mit heute vergleiche, dann ist die Situation sehr ähnlich – es sind dieselben Themen, welche die Leute beschäftigen: Zersiedelung, Bevölkerungsexplosion, Wohnungsnot, Verstädterung, Überfremdung, kulturelle Identität und Souveränität, das einzige neue Stichwort: Dichtestress.

Das heisst, Sie haben Angst vor der Ecopop-Initiative?

Nach dem 9. Februar wäre es vermessen, davon auszugehen, dass die Abstimmung schon gewonnen ist, aber ich hoffe, dass es, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, mindestens 50,1% gibt, denen klar ist, dass wir die Umweltprobleme in der Schweiz und weltweit nicht auf dem Buckel der AusländerInnen lösen können; dass es nicht gelingt, eine Mehrheit quasi mit dem Stichwort Umweltschutz dazu zu verführen, diese Initiative anzunehmen.

---

Hier können Sie das ganze Gespräch hören.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Pro und Contra Ecopop (Dossier InfoSperber)
Wenn Menschen als Belastung der Natur erscheinen (InfoSperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

20 Meinungen

Der Ausgang dieser Initiative scheint durchaus offen. Daran sind primär die Grünen selbst schuld, welche immer zwei Seelen in ihrer Brust herumtragen. Sie propagieren den Umweltschutz, sind aber nicht konsequent, nicht alle Grünen sind mit dem Velo unterwegs. Das Bevölkerungswachstum ist ein Problem, wenn auch nicht primär auf die Schweiz bezogen. Mit dieser Initiative, die bei den echten Grünen sehr viel Anklang findet, könnten die Grünen ein Eigengoal schiessen. Die Ecopop-Initiative ist primär eine Umweltinitiative und nur sekundär eine Einwanderungsinitiative. Findet die Initiative wider Erwarten doch eine Mehrheit, wird man ja noch immer die SVP als Sündenbock bezeichnen können!
Beda Düggelin, am 19. August 2014 um 12:00 Uhr
Alle Menschen streben nach Wohlstand. Wenn sie diesen Wohlstand in ihrem Heimatland nicht erhöhen können, wandern sie in reichere Gegenden. Mit der Verbesserung des Wohlstandes (Einkommen, Vermögen) wird auch der Ressourcenverbrauch erhöht. Es gibt bis heute nirgends eine spürbare Entkoppelung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch, mit Ausnahme von einzelnen Idealisten. Daher ist es verständlich, dass sich Gruppierungen politisch dafür einsetzen, die Zahl der Menschen zu stabilisieren. Wer diese Zusammenhänge nicht nachvollziehen kann, träumt.
Alex Schneider, am 19. August 2014 um 16:59 Uhr
Die Schweiz, wie sie heute lebt, verbraucht viel mehr Resourcen, als uns gerechterweise zustehen. Wir «stehlen» diese von anderen Ländern und von unseren Nachkommen. Diesbezüglich ist unser Land mehrfach überbevölkert und es ist schon etwas kolonialistisch, von Familienplanung in anderen Ländern zu sprechen statt in unserem Land selber. Da hat sich Ecopop nicht dran gewagt, wohl ein zu grosses Tabu.
Wir Grüne propagieren ja Lösungen, welche die Schweiz mit der heutigen Bevölkerung nachhaltig machen würden, z.B. bedeutend weniger Fleisch essen, bedeutend weniger Autofahren, Fliegen, usw. Aber wir wissen, dass die politischen Verhältnisse dies nicht zulassen, es regiert nach wie vor das Geld und der Konsumismus. Nicht einmal eine *Reduktion* der Bevölkerungszahl der Schweiz würde zur Zeit genügen.
Deshalb ist es unbedingt nötig sowohl den Konsum zu verringern als auch das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Fast überall.
Dann gibt es die humanitären Aspekte: auf der einen Seite Flüchtlinge aufnehmen, auf der anderen Seite *nicht* die tüchtigsten Leute aus anderen Ländern abwerben, welche *uns* noch reicher machen.
Ich bin gespannt, ob diese Fragen im Buch diskutiert werden, oder ob es hauptsächlich «ad hominem» Attacken auf grün-nationalistische Leute sind, wie der Titel befürchten lässt.
Es ist nicht fremdenfeindlich, über diese Fragen nachzudenken, und ich könnte mir auch ein links-grünes, nicht nur ein rechts-grünes Ja vorstellen.
Theo Schmidt, am 19. August 2014 um 18:22 Uhr
Im WWF-Magazin 3/2009 werden 5 Leute vorgestellt, die sich ökologisch vorbildlich verhalten: Kein Auto, keine Flugreisen, wenig Wohnraum, lokal und ökologisch einkaufen usw. Da können die Grünen nicht mithalten. Aber selbst wenn, die ganze Menschheit wie diese Vorbilder leben würden, bräuchte es 1,5 Welten.
Die Aussagen von Nationalrat Glättli werden damit klar widerlegt. Es wäre gut, wenn sich Herr Glättli auch einmal im WWF Portal einloggen würde, um zu schauen, wie viele Planeten es bräuchte, wenn alle so wie er leben würden.
Sehr wahrscheinlich würde er dann ein anderes Buch schreiben.
Markus Zimmermann, am 20. August 2014 um 09:23 Uhr
@Theo Schmidt: Familienplanung in der Schweiz sei für ecopop ein Tabu? Die Gesamtfruchtbarkeitsrate ist in der Schweiz seit Jahrzehnten bei 1,38 (1980) bis 1,5 (heute). Sie lag übrigens schon 1915 bei 2,4. Die Frauen in der Schweiz sind aufgeklärt und machen vom breiten Angebot an Verhütungsmitteln gerne Gebrauch. Hingegen sind gemäss UNO in den Entwicklungsländern 2 von 5 Schwangerschaften ungewollt. Hätten auch die Frauen (und Männer) in diesen ämsten Ländern freien Zugang zu Aufklärung und Verhütung, könnte das gegenwärtige jährliche Weltbevölkerungswachstum von 86 Millionen um ein Drittel gesenkt und gleichzeitig viel unnötiges Leid vermieden werden. Wenn das kolonialistisch ist, dann gälte dies für die gesamte Entwicklungszusammenarbeit, es ist nun einmal westliches Know-how, das wir exportieren.
P.S. So wie dieses Interview haben wir uns bei ecopop eine kritische Diskussion zum Thema Bevölkerungswachstum/schwindende Ressourcen übrigens vorgestellt.
Vielen Dank, Herr Jürgmeier - und sprechen Sie mit Ihren Kollegen bei works...die könnten bei Ihnen noch einiges lernen.
Wirth Sabine, am 27. August 2014 um 13:57 Uhr
Bei Glättli und Co ist ja interessant, was sie zwar wissen aber verheimlichen. So war ECOPOP in den ersten 10 bis 15 Jahren nicht eine Valentin-Oehen-Vereinigung, sondern geleitet von Prof. Tschumi und dann von Prof. Theo Ginsburg (von 1972 bis 1985). Letzterer hat zusammen mit Prof. Hans Christoph Binswanger den NAWU-Report «Wege aus der Wohlstandsfalle» geschrieben, quasi das Schweizer Pendant zu «Grenzen des Wachstums". Leider ist Theo Ginsburg gestorben, aber Prof. Binswanger (FDP) ist immer noch im Patronaktskomitee von ECOPOP. Um alles in der Welt nicht erwähnt werden dürfen auch die aktuellen Personen, welche ECOPOP unterstützen. So z.B. Dr. Philippe Roch (CVP, alt-Direktor WWF Schweiz, alt-Direktor BUWAL), Dr. Ruedi Aeschbacher (EVP, alt-Nationalrat, alt-Stadtrat Zürich, heute Präsident SwissBirds), Dr. Hans Hüssy (Gründer und alt-Präsident WWF Schweiz), oder Dr. Toni Reichmuth ( Präsident Grüne Partei Kt. Schwyz).

Es tut einem schon fast Leid mit an sehen zu müssen, wie sich Glättli winden und drehen muss, um seine politische Widersprüchlichkeit zu verstecken. So findet er Zugang zu Verhütung gut, er hat ja auch die Motion Fiala unterzeichnet ("Kuhhandel"...) -- aber die von den UNO-Millienniumszielen geforderte Verbesserung der Familienplanung und Verhütung, welche die Schweiz offiziell unterstützt, wäre in seiner Logik «kolonialistisch", oder wenn man seine Worte nimmt «eugenisch", «rassistsch", oder «ökofaschistisch".
Benno Büeler, am 27. August 2014 um 14:22 Uhr
Weitere unfreiwillige Beispiele f�r die vorgeschobene Argumentiererei der Spitze der GP und SP gibt es haufenweise (CVP, FDP und SVP sind auch nicht besser, stehen aber auf dieser Platform nicht im Fokus):

(1)
Die UNO erkl�rte 1968 Freiwillige Familienplanung als basic human right und versucht seither, dieses Menschenrecht zu f�rdern. Aktuell tut sie das mit den Millenniumszielen, worin die F�rderung der Freiwillige Familien-planung gleich mehrfach enthalten ist.

(2)
St�nder�tin Liliane Maury Pasquier verlangte 2009 in einer Interpellation, 10% dr Entwicklungshilfegelder f�r die reproduktive Gesundheit einzusetzen, namentlich f�r die F�rderung der Freiwilligen Familienplanung. Mitunterzeichnerin war Simonetta Sommaruga. Sind diese zwei SP-Politikerinnen Eugenikerinnen mit Herrenmenschentr�umen?

(3)
Nationalr�tin Yvonne Gilli und Nationalrat Bastien Girod (GP) forderten in ihrem Positionspapier 2009 ebenfalls 10% dr Entwicklungshilfegelder in reproduktive Gesundheit und Familienplanung zu investieren. Dieses Papier wurde im Juli 2014 von der Website und den Archiven gel�scht -- vielen Dank f�r diese Feigheit.

(4)
Im M�rz 2013 unterzeichnete Balthasar Gl�ttli die Motion Fiala mit dem Titel Gesundheits- und Sexualaufkl�rung in Entwicklungsl�ndern. Kampf gegen HIV/Aids und gegen die Bev�lkerungsexplosion. Darin wird die DEZA u.a. aufgefordert, vermehrt im Bereich Familienplanung zu handeln. Zu den Mitunterzeichnern geh�ren auch Maria Bernasconi (SP) und Bastien Girod.
Benno Büeler, am 27. August 2014 um 14:29 Uhr
Die von Glättli erwähnte IPAT-Formel, welcher der heilige Gral von ECOPOP darstellen soll (und implizit gemeint von keiner vernünftigen Umweltorganisation verwendet wird), hat tatsächlich noch viele weitere Anhänger. So z.B. den WWF (-> Living Planet Report), das Ecological Footprint Network, das IPCC und weitere UNO-Organisationen. Man muss ja schon viel Ignoranz haben um logisch abzustreiten, dass die Anzahl Menschen keine Rolle spielen als Treiber der menschengemachten Belastung.

Statt logischen Unsinn zu diskutieren wäre es daher viel spannender zu lesen, was Glättli und Co effektiv motiviert? Vermutungsweise gibt es da eine einfache Antwort: Die Vision einer grenzenlosen, migrationsoffenen Welt. Dabei tritt der Umweltschutz in den Hintergrund, er dient in diesem ganz anthropozentrischen Weltbild nur noch als Propogandamittel in Erscheinung. Dazu kann er als Basis für die Kritik an den Reichen und als Argument für die Umverteilung dienen, sowie die Rechtfertigung für eine Umerziehung im Sinne einer sozialistisch Vision dienen. Das sind grundsätzlich spannende (und politisch legitime) Ziele. Aber dabei wird Umweltschutz missbraucht, die Natur verliert ihren letzten Fürsprecher in der Politik. Das steht hinter vielen Leserbriefen, welche die GPS-Haltung zu ECOPOP als rote Heuchelei geisseln.

Schade, die Natur bräuchte dringend eine echte Stimme in der Politik. Und genauso schade ist es, dass Glättli und Co ihre sozialistische Vision nicht offen auf den Tisch legen.
Benno Büeler, am 27. August 2014 um 14:41 Uhr
Dann gibt es ja noch das beliebte Argument, dass Umweltschutz in nationalen Grenzen ein Unsinn sei, oder noch schlimmer nationalistischen Egoismus darstellt. Schliesslich spielt es keine Rolle, wo jemand sein CO2 ausstosse. Wer sich ernsthaft mit dem internationalen Umweltschutz beschäftigt wird kaum die Rio-Konferenz von 1992, wo die UNO die erste globale Umweltkonferenz abhielt und die Agenda 21 verabschiedete, ignorieren können. Die Agenda 21 wurde auch von der Schweiz unterstützt. Darin heisst es in Paragraf 5.31: «Es sollten einzelstaatliche bevölkerungspolitische Ziele und Programme aufgestellt und umgesetzt werden, die der auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Umwelt- und Entwicklungsplanung des Landes entsprechen und mit der Freiheit, der Würde und den persönlichen Wertvorstellungen des Einzelnen im Einklang stehen.»

Diese Formulierung der UNO ist natürlich kein Ausfluss nationalistischer Strömungen sondern entspringt der elementaren Einsicht, dass wir nur dann eine Chance auf globale Nachhaltigkeit haben, wenn jedes Land dies auf seinem Gebiet (wenigstens soweit vernünftig möglich) erreicht. Ohne griffige Politik jedes einzelnen Landes ist das globale Ziel unerreichbar. Müssig zu sagen, dass die ECOPOP-Initiative genau in diesem Sinne entstanden ist und formuliert wurde. Und wer sich noch ein wenig mehr mit dem Thema beschäftigt findet viele weitere Beispiele in den internationalen Umweltorganisationen (Kyoto, Kairo, Toronto, usw.)
Benno Büeler, am 27. August 2014 um 14:51 Uhr
Und noch eine Schlussbemerkung: vielleicht wäre es ja eine interessante Abwechslung, auch einmal mit einem ECOPOP-VertreterIn über ECOPOP zu sprechen? Vielleicht wissen ECOPOP-Initianten ja tatsächlich etwas über das Thema, um das es in ihrer Initiative geht? Bislang sind ja (fast) nur die GegnerInnen zu Wort gekommen.
Benno Büeler, am 27. August 2014 um 16:02 Uhr
Ein Paar Gedanken zur Bevölkerungsexplosion:

Wir sind hier im Westen soweit dass wir uns Wunschkinder erlauben können. Im Gegensatz dazu sind Frauen in Afrika und in den Entwicklungsländer verdammt das Resultat in Relation zu den sexuellen Kontakten hinzunehmen, ... 7 Kinder die alle ernährt werden müssen sind dann keine Seltenheit.

Was wäre daran so verwerflich wenn eine Hilfe für diese überlastete Frauen gegeben werden könnte die während so viele Schwangerschaften auch nicht effizient genug für die Familie sorgen können ?
Die Konsequenz sehen wir ja auf dem Mittelmeer, alle diese Jungs müssen dann emigrieren und wir hier sind langsam auch überfordert damit !

Eine andere Lösung ist, … der Mann wird in Zukunft vermehrt auf Sex verzichten … was wohl eine Utopie bleibt.
Frau Carmey Bruderer, am 29. August 2014 um 12:07 Uhr
Mittlerweilen habe ich etwa das halbe Buch gelesen - es ist keine leichte Kost! Es scheint mir eine wertvolle Ressource für Historiker und auch zum Thema, zeigt aber nur die eine Seite. Z.B. die Schauergeschichten von aus heutiger Sicht tatsächlich unheimlichen (aber nach wie vor aktiven) Ideologien, wie die Bevorzugung der eigenen Klasse. Immer wieder wird jedoch versucht den AnhängerInnen von Ecopop ein ähnliches Gedankgut nachzuweisen, oder eine Naivität dieses nicht zu erkennen. Es wird eher emotional argumentiert.

Einer der Hauptvorwürfe ist, dass sich Ecopop nur um die Bevölkerungsfrage und nicht auch um den Verbrauch pro Kopf kümmert. Das ist natürlich logischer Unsinn, denn sonst müsste man jeder anderen oekologisch orientierten Initiative vorwerfen können, dass sie die Bevölkerungsfrage ausklammert.

Auf der Suche nach einer Rezension des Buches bin ich auf ein Interview mit Koauthor Pierre-Alain Niklaus gestossen: http://www.tageswoche.ch/de/2014_32/basel/665287/#

@ Sabine Wirth: Mir wäre es lieber, in der initiative kämen die zwei Wörter «infolge Zuwanderung» nicht vor. Dann wäre die einheimische Familienplanung automatisch inbegriffen und die etwas unlogische Beschränkung auf Einwanderung aufgehoben. Es ist mir jedoch klar, dass sie dann absolut chancenlos wäre.
Theo Schmidt, am 08. September 2014 um 13:50 Uhr
@Theo Schmidt: Ja, das wäre mir angesichts des über ecopop hereingebrochenen shit-storms unterdessen auch lieber... Dass sich der Geburtenüberschuss in der CH bei einer Gesamtfruchtbarkeitsrate von 1,5 irgendwann erledigt, dürfte allen klar sein. Und ja, wir wollten von Anfang an die Abstimmung gewinnen, und wollen es immer noch ;-). Die ecopop-Initiative ist nicht die Lösung der demographischen Probleme auf unserem Planeten und in unserem winzigen Land, sondern ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Lesen Sie dazu den Teil der Agenda 21 (Rio) über die Verantwortung der einzelnen Nationen.
Wirth Sabine, am 08. September 2014 um 15:34 Uhr
Interessant, für was alles unsere Parlamentarier so alles noch Zeit haben!
Balthasar Glättli Träumer und verrät seine eigenen Ziele und die der Grünen, genau so wie alle anderen aus der Parteispitze, genau gleich wie die roten in der SP!
Und nun also auch noch Bundesrätin Sommaruga, welche die Initiative als Wirtschafts- und Fremdenfeindlich bezeichnet!
Glättli will sich an der ECOPOP-Initiative nur abreagieren, weil es den Grünen nicht selbst in den Sinn gekommen ist, um viel Geld mit seinem kruden Buch zu verdienen, und um sich für eine Wiederwahl zu profilieren. Dafür gebührt ihm ein angemessener Denkzettel bei den Wahlen 2015
Ansonsten kann ich den Äusserungen meiner Vorredner nur beipflichten
Roland Zbinden, am 15. Oktober 2014 um 18:03 Uhr
Als Grüner bin ich immer mehr konsterniert über Ecopop-Kritik von grünen Kreisen aus den falschen Gründen. Ich vermute es ist deshalb, weil die Gesellschaft immer neoliberaler wird und auch die Grünen diesbezüglich neoliberal geworden sind: persönliche Freiheit geht über Ökologie.
Theo Schmidt, am 16. Oktober 2014 um 08:29 Uhr
@ Theo Schmidt Ich halte den Grünen Schweiz immer noch zugute, dass Ihnen eine intakte Umwelt tatsächlich am Herzen liegt. Dass sie aus ideologischen Gründen gleichzeitig sagen müssen, es spiele für unsere unmittelbare Umwelt keine Rolle, wieviele Menschen auf den 41'285 km2 Schweiz leben, bereitet ihnen sicher insgeheim Bauchweh. Auch dass sie die Agenda 21 von Rio, in welcher sich die Nationalstaaten (die wir halt vorläufig noch haben) verpflichten, innerhalb ihrer Grenzen für ein ökologisches Gleichgewicht inklusive Bevölkerungspolitik zu sorgen quasi verleugnen müssen, ist hart für einen Melonen-Grünen. Das Einzige, das ich den Grünen Schweiz wirklich verüble ist die Tatsache, dass sie die Hetz- und Verleumdungskampagne gegen ecopop initiiert (NR Hodgers, GE, Glättli ZH, Rytz BE) und sogar deren Lead übernommen haben. Economiesuisse lacht sich derweil ins Goldfäustchen.
Wirth Sabine, am 16. Oktober 2014 um 09:53 Uhr
Das Problem der Grünen ist, glaube ich, «ein menschliches» ...
Sobald Sandalenträger ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und in Ämter gehoben werden verlieren sie (von da oben), die sicht nach unten und auf ihre wahre (und frühere) Ideale und Intentionen.
Sie tragen Schlips und Anzug, trinken Cüpli um 17 Uhr, essen bei Bankette mit … und vergessen die Sandalen.
Man sah es sehr deutlich bei Joschka Fischer (ehemaliger Steinewerfer), wie er sich verwandelte und am Schluss gut genährt durch die Welt tingelte, und nun mit fetter Rente es sich gut gehen lässt.

Grün, bodenständig und kohärent zu bleiben in der aktive Politik ist ein schwieriges unterfangen !
Frau Carmey Bruderer, am 16. Oktober 2014 um 13:32 Uhr
Wo bleibt eigentlich Claude Longchamp? Ah ja, natürlich, er wurde inzwischen zu Recht etwas zurückgebunden! Obwohl die Ecopop-Initiative kaum eine Mehrheit finden dürfte, wird der Ja-Anteil bei dieser Initiative wegweisend sein! Zumindest für jene «Eidgenossen» welche den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen haben, und diese Mehrheit der Bevölkerung wird zumindest immer kleiner.... gut so! Man muss allerdings der Ecopop-Initiative nicht zustimmen, um jenem Teil der Bevölkerung zu gehören, welcher die Zeichen der Zeit längst erkannt hat.
Beda Düggelin, am 16. Oktober 2014 um 14:29 Uhr
@Beda Düggelin: Auch wenn ich Sie nicht ganz verstehe, obwohl ich ihren Beitrag zweimal gelesen habe...Soviel ist klar: Ein Ja-Anteil zu ecopop von unter 50% wird nie eine wegweisende Wirkung haben, für niemanden. The winner takes it all - und diesmal mehr als nach anderen Abstimmungen. Der Weg in die Europäische Union wäre geebnet.
Wirth Sabine, am 16. Oktober 2014 um 22:04 Uhr
"The winner takes it all», das war ja nach Ihrer Meinung auch nach dem 9. Februar 2014 der Fall, so nehme ich zumindest an! Wer es fassen kann, der fasse es.
Ich glaube nicht, dass alle welche auf der falschen Seite sassen, bereit sind, das Resultat vom 9. Februar zu akzeptieren und daraus die Konsequenzen und Rückschlüsse zu ziehen, das war eigentlich meine Botschaft!
Beda Düggelin, am 16. Oktober 2014 um 22:25 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.