«Davon muss alles bezahlt werden: Essen, Kleider, Zigaretten, Handys und was sonst noch anfällt.» © Ringier

«Davon muss alles bezahlt werden: Essen, Kleider, Zigaretten, Handys und was sonst noch anfällt.»

«Carlos» oder Es wird weiter «geblickelt»

Jürgmeier / 21. Okt 2014 - Blick online macht aus dem Sozialhilfe-Grundbedarf «755 Fr Sackgeld für Zigi und Handy».

Besser kann nicht demonstriert werden, was «blickeln» heisst, als es das Schweizer Boulevardblatt am Montag, 20. Oktober 2014, tut. «Carlos kriegt 755 Fr Sackgeld für Zigi und Handy», titelt Blick online. Weil Dutzende von SteuerzahlerInnen in «Rage gebracht» worden seien, schreibt «Blick online» die «SonntagsBlick»-Story «Notwohnung für Carlos» zum «Aufreger des Wochenendes» hoch und nutzt die hausgemachte Empörung, um in der neuen Woche nachzulegen: «Der verurteilte Messerstecher erhält nicht nur eine Wohnung, sondern auch ein grosszügiges Sackgeld.» Aber was eine seriöse Zeitung ist, lässt sich von einem Sprecher des Sozialdepartementes bestätigen: «Junge Erwachsene in der Sozialhilfe erhalten 755 Franken Grundbedarf.»

Sozialhilfe-Mathematik

Darauf vertrauend, dass nach dem «Sackgeld für Zigi und Handy» in der Überschrift die Aufgehetzten nur noch Rot sehen, können jetzt Fakten nachgeschoben worden. Zum Beispiel, dass mit diesen 755 Franken «alles bezahlt werden» muss, das heisst: «Essen, Kleider, Zigaretten, Handys und was sonst noch anfällt.» Nur Wohnung und Krankenkasse werden Sozialhilfe-EmpfängerInnen zusätzlich bezahlt. Aber auch für Hygieneartikel und Kosmetika, Internet, Tram- und Zugbillette, Billag, Sport, Freizeit usw. muss der Grundbedarf reichen. «Braucht er pro Tag Fr. 20.- für Essen und Trinken und das ist wenig, dann bleibt noch Fr. 155.- für Kleider usw…. An alle Raucher oder Biertrinker: Das sind ca. Fr. 5.- pro Tag. Was kostet ein Päckli Zigis oder eine Stange?», rechnet Beni Kurmann in der Kommentarspalte für LeserInnen vor. Für Blick online ist das ein «grosszügiges Sackgeld».

Carlos ist für seine Taten verurteilt und bestraft worden. Seine Reintegration mittels eines so genannten Sonder-Settings wird (auch) als Folge eines massgeblich vom Blick initiierten Medien-Hypes gestoppt. «Eine Rundumbetreuung für monatlich 29‘000 Franken wurde auf öffentlichen Druck hin abgebrochen», reaktiviert Blick online im Oktober 2014 alte Aufregung. Während selbst Weltwoche-Journalist Alex Baur schon im August 2013 im Magazin» zugibt: «Nach den anfänglichen Zweifeln war mir klar, das Setting für Carlos war gut. Ich hatte mich geirrt.» Und das Bundesgericht stellt im Februar 2014 fest, die zwischenzeitlich geschlossene Unterbringung von Carlos» durch die Zürcher Behörden stehe «in keinem Zusammenhang mit seinem eigenen Verhalten», sondern sei die «Folge der kritischen medialen Berichterstattung und des wachsenden öffentlichen Drucks». Dass Carlos den «unvermittelten Massnahmeabbruch als unfair empfindet, ist grundsätzlich nachvollziehbar», heisst es im Entscheid des höchsten Schweizer Gerichts (Tages-Anzeiger online, 24.2.2014). Deshalb hätten die verantwortlichen Behörden – die sich vom Bundesgericht den Vorwurf der Willkür (NZZ, 28.2.2014) gefallen lassen müssen – dafür zu sorgen, dass der Jugendliche «unverzüglich, spätestens innert zehn Tagen ab Erhalt des Urteils, aus der vorsorglichen geschlossenen Unterbringung entlassen wird».

Strafe abgesessen – Die Jagd geht weiter

Vor Gericht bekommt Carlos recht, aber das «Geblicke» geht munter weiter und wird zu einer Art Perpetuum mobile. Erst wird verhindert, dass ein Mensch – der (auch) unter uns zu dem geworden ist, was er ist – nachhaltig die Chance erhält, in Ruhe einen Weg in ein anderes Leben zu finden. Dann werden immer wieder kleinere (bisher strafrechtlich nicht relevante) Rückfälle – und seien es nur die Facebook-Inszenierungen eines provozierenden und provozierten Jugendlichen – öffentlich gemacht. Und falls der irgendwann die an ihn herangetragenen Erwartungen beziehungsweise Unterstellungen, selffulfilling-prophecy, erfüllen sollte, werden die Rückkehr des Bösen medial ausgeschlachtet und die so genannten Gutmenschen dafür verantwortlich gemacht werden.

Im Moment werden Unterschriften für eine Initiative gesammelt, welche die zuständigen Behörden für «Rückfälle von Sexual- und Gewaltstraftätern» haftbar machen will. Warum lanciert niemand eine Initiative, um die Verantwortlichen von Zuspitzungen, die zu hetzerischen Lügen werden, zur Rechenschaft zu ziehen, wenn ihre Jagd, zum Beispiel auf ehemalige StraftäterInnen, «erfolgreich» ist?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Hie Boulevardlärm, da fairer Qualitätsjournalismus (auf InfoSperber)
Wenn der Einzelfall öffentlich wird (auf InfoSperber)
Parallelwelten oder Wenn Not erfinderisch macht (auf InfoSperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

19 Meinungen

"geblicket» = primitiv Journalismus, leider erfolgreich, Dank der Schlagzeilen.
Also «Schlagen» passt doch perfekt zum Carlos. Der wird auch nie davon abkommen, Wetten!
Bruno Denger, am 21. Oktober 2014 um 16:33 Uhr
Natürlich wird er nicht davon abkommen. Und der Autor gibt ihm hier bereits den Persilschein für die nächste Straftat: Der Täter bzw. seine Psycholegen werden sich dann auf die selbsterfüllende Prophezeihung berufen und mildernde Umstände geltend machen.
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 09:38 Uhr
Es wurde behauptet:

… „das Setting für Carlos war gut“…

Was war gut ? Hat er gelernt auf eigene Füsse zu stehen, endlich auch eine Lehre abgeschlossen ? Nichts davon, also war das Setting nur teuer und sonst nichts.
Ein kräftiger, gut aussehender jugendlicher der vermutlich für immer am Staats Zipfel hängen wird, da ist doch trotz allem Aufwand nichts Gutes dabei herausgekommen !
Dies darf doch auch in den Medien gesagt werden dürfen, oder nicht ?

Und dann steht im Artikel noch:

… „ der (auch) unter uns zu dem geworden ist, was er ist“ …

Ah, ha, wir sind wieder mal schuld, … eine unverschämte schuld Zuweisung ! Die „zahlende“ Gesellschaft ist sogar wieder mal verantwortlich für alles !
Frau Carmey Bruderer, am 22. Oktober 2014 um 16:07 Uhr
Das Setting meiner Katzen ist sogar hervorragend, das Mausen lassen sie deswegen nicht.

Nun sind Menschen im Gegensatz nicht nur von Triebben geleitet. Das heisst,
bei Menschen ist das Setting entscheidend, das sie sich im Vermögen ihrer Vernunft selber verpassen.

Wenn einer sich auf Facebook mit Samurai-Schwert oder einem Posträuber in Szene settet, dann muss man schon ziemlich weltfremd sein, wenn man eine Läuterung durch ein Sonder-Setting vermutet.

Zudem: Wer auf facebook postet, postet immer öffentlich - Blick hin oder her.

A propos Läuterung: Hat er sich überhaupt entschuldigt bei der Person, die er zum IV-Fall gemacht hat?

Ich sehe Null Läuterung aufgrund seines Verhaltens.
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 19:26 Uhr
...und Ironie der Geschichte: Die rohe Kraft, die das nächste unschuldige Opfer trifft, wurde mit Steuergeldern finanziert.

Hergott!

Bekommt ein Panzerknacker einen Panzerknackerkurs? Ein Vergewaltiger ein Bordelle-Abo?

Kriminellen Hackern nimmt sogar das Internet weg. Aber Gewalttäter dürfen sich in Kampftechnik ausbilden. Welcher v... I... kommt auf solche Ideen?
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 19:40 Uhr
Würde Carlos Kurt heissen, hätte eine weisse Haut und wäre «echter» Schweizer: Die vereinigten «Scharfschützen» hätten ihr Pulver längst - wenn überhaupt - verschossen.
Dass Carlos einer von x jugendlichen Tätern mit Sondersetting ist/war wird ignoriert!
Die obigen Kommentare sind keinen Deut besser.
Bevor sich Jedermann/frau auf das Niveau der Schlagzeilenpresse begibt sollten sie sich schon etwas vertiefter mit der Angelegenheit des Jugendstrafrechts befassen...
Urs Dietschi, am 22. Oktober 2014 um 20:35 Uhr
vielleicht sollte sich das Jugendstrafrecht vertiefter mit der Realität beschäftigen.
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 20:40 Uhr
...mir gefällt der deutsche Jugendstrafvollzug wesentlich besser:

http://www.srf.ch/medien/news/rundschau-abschreckender-jugendknast/
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 20:42 Uhr
der Link zum Beitrag:

http://www.srf.ch/sendungen/rundschau/eskalation-in-der-ukraine-jugendknast-r-rossi-nachtfahrverbot
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 20:45 Uhr
"Dieses negative Setting ermöglicht überhaupt erst das Positive"
Karin Strieker (Stv. Anstaltsleiterin)
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 20:56 Uhr
Wichtig für die Läuterung ist auch, dass die Jugendlichen begreifen, dass die Gesellschaft der Ansicht ist, dass man sie wegsperren muss. Auch dem kann man nur beipflichten! Es braucht hier klare Signale! Man darf doch einem Gewalttäter nicht das Gefühl geben, dass man ihn als harmlos betrachtet.
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 21:00 Uhr
Wenn einer ein Defizit hat, dass sich in Gewaltausbrüchen äussert, dann gibt man ihm sicher nicht Kampfunterricht. Diese Hirnregionen sind doch schon sehr dominant, was sich durch ein MRI wahrscheinlich belegen lässt.

Solche Jugendliche muss man musisch schulen. Der sollte seine Emotionen in Musik, Basteln oder Malen ausdrücken lernen.

Aber Hergott, Gewalt wird man doch nicht durch Gewalt los!
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 21:14 Uhr
Interessant auch die Aussagen von Urbaniok:

http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Das-Boese-aus-dem-Gehirn-treiben/story/14276498
Olivier Bregy, am 22. Oktober 2014 um 21:34 Uhr
»...Aber Hergott, Gewalt wird man doch nicht durch Gewalt los..."
Damit und mit Ihren weiteren Argumenten haben Sie recht, Herr Bregy.
Elisabeth Schmidlin, am 23. Oktober 2014 um 09:12 Uhr
Danke Frau Schmidlin. Und: Was da heute als «Kampfsport» durchgeht, hat mit Sport nichts zu tun. Solche brutalen Kampfarten hätte man in der Schweiz gar nie zulassen dürfen. Man sieht, wer sich darin betätigt.

Und C. führt man dann noch diesen Kreisen zu,... An Dummheit kaum zu übertreffen.

Urbaniok: «Hat sich Straftatverhalten beispielsweise stark in der Persönlichkeit verankert, steigt das Risiko eines Rückfalls am stärksten: «Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt.»

Gewaltverherrlichung ist Teil von C.s Persönlichkeit. Darum wird er höchstwahrscheinlich rückfällig.

Wenn einer sich nach einer so langen Therapie mit Samurai-Schwert - nachdem er einen Menschen fast umgebracht hat - auf facebook ablichten lässt, hat das Sondersetting auf der ganzen Linie versagt.
Olivier Bregy, am 23. Oktober 2014 um 11:33 Uhr
An die, die Thaiboxen für eine Therapie für Gewalttäter halten ein paar Auszüge aus Foren:

"Was genau passiert bei einem Leberhaken? «

»...hatte einmal die volle Breitseite erwischt . Das Ergebniss : japsen nach Luft und stechender Schmerz - hab mich am Boden gekrümmt .

Seit diesem Tag hab ich meine Deckung deutlich verbessert -da ich früher immer dachte nur den Kopf schützen zu müssen"

-> Finanziert uns der Staat jetzt auch eine bessere Deckung?!

...und weiter:

"Wenn einen Haken schlägst dann zeigt der Daumen zu dir. Ist normal. Die Leber triffst aber optimal wenn von unten nach oben haust auf die rippenspitze. Aber solltest vorsichtig sein! Rippen sind nicht das stabilste Bauteil im Körper! Und Lebertreffer sind schon echt assi!"
Olivier Bregy, am 23. Oktober 2014 um 13:13 Uhr
...und jetzt noch das, und dann lass ich es: «Erst wird verhindert, dass ein Mensch – der (auch) unter uns zu dem geworden ist, was er ist – nachhaltig die Chance erhält, in Ruhe einen Weg in ein anderes Leben zu finden. «

Nein nein Herr Schlaumeier, nicht unter uns ist C. so geworden, sondern unter denen, die sich aus Spass Leberhaken verpassen.
Olivier Bregy, am 23. Oktober 2014 um 13:37 Uhr
Auch wenn sich Olivier Bregy die Finger noch so wund schreibt: Der Blicktitel ist gleichsam ein journalistischer Leberhaken. Die Kritik daran ist voll und ganz berechtigt. Solche bewusst auflagesteigernde Titelschreibe macht den Blick zu dem was er ist. Ich würde ihn nicht einmal dazu verwenden mir den Hintern zu putzen obwohl dabei Gleiches und Gleiches zusammen käme....
Jürg Schmid, am 27. Oktober 2014 um 14:55 Uhr
Leider wurde meine etwas derbe Kritik am Blick zensuriert. Gebe Ihnen recht.
Olivier Bregy, am 27. Oktober 2014 um 15:03 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.