Wein Drogenpolitik Sucht © Expovina

Beim Degustieren darf der edle Tropfen nicht geschluckt, sondern muss ausgespuckt werden.

Weniger degustieren – mehr lesen

Jürgmeier / 04. Nov 2014 - Seit 30. Oktober 2014 schaukeln sie wieder, die Weinschiffe. Und die Legalisierung aller Drogen macht einmal mehr Schlagzeilen.

Die Idee ist clever – Weindegustation auf Schiffen, wo auch Topfnüchterne schwanken. Als ich noch ein Jugendlicher war, vertrieben sie den Novembercafard rund um Zürich erst auf zwei, drei Schiffen mit Weinproben. Dieses Jahr bieten «120 Produzenten, Importeure und Weinfachhändler an Bord von 12 Zürichsee-Schiffen beim Bürkliplatz weit über 4000 Gewächse aus 20 Ländern zur Degustation an» (Communiqué Expovina 2014). Wenn, damals, in einem der letzten Züge ins Sihltal wieder einer oder, seltener, eine in den Wagen torkelte oder ein paar herumgrölten, spotteten wir: «Aha, die Weinmesse ist wieder eröffnet.» Womöglich war das üble Nachrede, und eine genauere Untersuchung hätte ergeben, dass die Zahl der Alkoholisierten in den Nachtzügen nach Adliswil und Langnau übers ganze Jahr einigermassen konstant war.

2014 wird im «Mekka für Weinfreunde, sowohl für Connaisseurs als auch für alle, die es noch werden wollen» (Neue Zürcher Zeitung, 1.11.2014) alles ganz anders sein, als wir es uns damals vorstellten. Heutzutage werden alle wissen, dass eine Degustation kein Saufgelage ist, beim Probieren der edle Tropfen nicht geschluckt werden darf, sondern ausgespuckt werden muss. Es wird an der «grössten Publikumsmesse Europas» (Communiqué Expovina) ganz gesittet zugehen, wenn die BesucherInnen das Angebot an «über 50 Ständen verkosten».

Keine Degustationsmessen für Zigaretten und Kokain

Trotzdem ist es einigermassen erstaunlich, dass einen Monat nach dem (in die Schweiz importierten) so genannten Oktoberfest – das Münchner Original wurde von der deutschen Grünen Claudia Roth auch schon als «grösste offene Drogenszene der Welt» bezeichnet – in Zürich mit der «weltweit grössten Wein-Degustationsmesse für Konsumenten» (Website Hotel Ambassador à l’Opéra) Jahr für Jahr ein freier Drogenmarkt eröffnet werden kann, ohne dass das Bundesamt für Gesundheit den Mahnfinger erhebt.

Vergleichbares wäre für Zigaretten und Zigarren geschweige denn Haschisch und Kokain undenkbar. Da schreit die SVP schon auf, wenn in verschiedenen Städten über die Einrichtung so genannter Cannabis-Clubs nachgedacht wird. «Sollte es ein Pilotprojekt für Cannabis-Klubs geben, werden wir rechtliche Schritte sowie die Lancierung einer Volksinitiative prüfen», kündigt der Fraktionschef der Stadtzürcher SVP Marco Tuena an (NZZ, 31.10.2014). Und wenn die Idee von Michael Herzig, dem ehemaligen Drogenverantwortlichen der Stadt Zürich, ernsthaftes Projekt werden sollte, wäre endgültig Feuer im drogenpolitischen Dach. Der ist nämlich «dafür, alle Drogen zu legalisieren» (SonntagsBlick 26.10.2014) und lanciert eine alte Idee neu – kurz vor Eröffnung der Expovina.

Kampagne gegen Marihuana und Heroin = Kampagne für Tabak und Alkohol

«Wie der Kampf gegen die Ketzerei in Wirklichkeit ein Kampf für den ‹wahren› Glauben war, so ist der Kampf gegen den Drogenmissbrauch in Wirklichkeit ein Kampf für den ‹richtigen› Drogenkonsum: Hinter der Kampagne gegen Marihuana und Heroin verbirgt sich die Kampagne für Tabak und Alkohol», schrieb der US-amerikanische Psychiater Thomas S. Szasz in seinem Buch «Das Ritual der Drogen» schon vor Jahrzehnten. Das heisst, es sind eher ideologische und ökonomische Interessen als medizinische beziehungsweise suchtpräventive Überlegungen, die in bestimmten Zeiten und Kulturen zum Verbot beziehungsweise zur Verbreitung einer Droge führen.

Der 2011 bei einem Autounfall getötete Sozialwissenschaftler und Autor Günter Amendt – der sich intensiv mit den Themen Sexualität und Drogen befasste – erinnerte sich in einem Vortrag an einen Moment schweizerischer Politik, in dem der unterschiedliche Umgang mit Drogen beispielhaft sichtbar wurde. Es war der «denkwürdige Tag [14.6.2004], an dem der Nationalrat beschloss, die Cannabisprohibition beizubehalten und das Absinthverbot aufzuheben… Es war ein Tag, an dem das Brechts Galilei entliehene Credo meines politischen Lebens, ‹Ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft›, schwer ins Wanken geriet. Zugleich aber war es eine Bestätigung meiner Definition von Drogenpolitik: ‹Drogenpolitik ist eine Politik, mit Drogen Politik zu machen› …»

Der Satz stammt aus dem im Sommer 2014 erschienenen Buch «Legalisieren!», in dem Herausgeber Andreas Loebell Referate von Amendt zur Drogenpolitik aus den Jahren 1992 bis 2009 versammelt.

Ist die Freiheit dem Menschen zumutbar?

Drogenpolitik muss die Frage beantworten, wie eine Gesellschaft mit Drogen umgehen, auf welche Visionen sie setzen will. Ist das Ziel eine generell drogenfreie Gesellschaft, ein Leben ohne irgendwelche chemischen Krücken? Oder gehören Sucht und Rausch zu einem gelebten Leben, zu einer freien Gesellschaft? Ist die Freiheit dem Menschen zumutbar? Oder muss der Mensch zu Gesundheit sowie Glück gezwungen werden? Ist Sucht eine individuelle Schwäche beziehungsweise Krankheit? Oder ist Sucht das Symptom von Verhältnissen, die süchtig machen?

Amendt wies darauf hin, dass «die Entrhythmisierung des Arbeitsablaufs, die Zerschlagung gewachsener und verinnerlichter Zeitstrukturen, wie etwa die Abschaffung von Sonn- und Feiertagen, der ständige Wechsel von Arbeitszeit und Arbeitsort, die Auflösung sozialer Beziehungen und emotionaler Bindungen» zu extremen Gefühls- und Stimmungsschwankungen führten, «welche die Bereitschaft zur chemischen Selbstmanipulation geradezu herausfordern, will man nicht abgehängt werden und auf der ‹Loser›-Seite landen.»

Niemand glaube an eine pharmadrogenfreie Gesellschaft. «Das unterscheidet die Diskussion über Pharmadrogen von der Diskussion über die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts illegalisierten Rauschdrogen Cannabis, Heroin und Kokain.» Amendt selbst verwarf die Idee einer drogenfreien Gesellschaft: «Drogenfrei zu leben kann nur die Zielsetzung – meinetwegen auch Utopie – eines Subjektes sein …Totalabstinenz ist nicht machbar, sie ist auch nicht wünschenswert und nur als individuelle Strategie der Suchtabwehr akzeptabel. Gesamtgesellschaftlich wäre sie nur unter Anwendung extremer Gewaltmittel durchsetzbar.»

Aufhebung der Prohibition – Legalisierung von Drogen

Der ehemalige Richter am deutschen Bundesgerichtshof Wolfgang Nešković – der als Parteiloser acht Jahre im Deutschen Bundestag sass – schreibt im Nachwort zum Amendt-Reader: «Das Abstinenzparadigma ist eine heuchlerische und mit den Realitäten dieser Gesellschaft nicht in Einklang zu bringende Utopie. Es ist inhuman und anmassend, eine solche Utopie mit den Mitteln des Strafrechts durchsetzen zu wollen. Es stellt einen Akt nicht hinzunehmender staatlicher Bevormundung dar, wenn der Staat mit den Mitteln des Strafrechts – dem härtesten Mittel staatlicher Sozialkontrolle – den Versuch unternimmt, volljährigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, von Staats wegen vorzuschreiben, was sie essen und trinken sollen.»

Für Amendt war die «Aufhebung der Prohibition und die Legalisierung von Drogen unter ‹Aufsicht› des Staates, der das Drogenmonopol übernimmt» ein «Schlüssel zur ‹Lösung› des sogenannten Drogenproblems». Ähnlich wie für Michael Herzig, der in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung am 29.10.2014 sagt: «Wir müssen von einem generellen Verbot der Drogen wegkommen. Legal bedeutet jedoch nicht unkontrolliert.» Amendt konkretisierte schon in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts: «Das von mir und anderen vorgeschlagene Freigabemodell geht … von einer ‹regulierten Deregulierung› aus. Das heisst: von Kontrollen, von Eingriffen und von Planung. Etwa von einem Werbeverbot für alle Drogen, nicht nur, um damit Drogenprävention glaubwürdiger zu machen, sondern auch, um eine defensive Vermarktung zu garantieren.» Und das bezog er explizit auch auf Alkohol: «Keine Werbung für Alkohol, keine Werbung für Psychopharmaka, keine Werbung für Haschisch und Marihuana, keine Werbung für Kokain und Heroin, keine Werbung für jedwede psychoaktive Substanz mit Suchtpotenzial.»

Das wäre wohl auch das Ende für die grösste Wein-Degustationsmesse, die Expovina. Bis es soweit ist, gilt: Die Drogenfrage immer wieder neu denken, weniger degustieren – mehr lesen. Zum Beispiel Bücher zur Drogenfrage.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Trinkt keinen Alkohol, kifft und fixt nicht.

Weiterführende Informationen

Club SRF: Legal kiffen – Städte machen Druck
Dossier InfoSperber: Drogen verbieten oder legalisieren?

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5 Meinungen

Wohin Degustationen führen, fiel einem Kollegen von mir auf, evangelischer Anti-Alkoholpolitiker, als nämlich ein scheinbar geheilter Trinker wegen aktiver Teilnahme am kirchlichen Abendmahl, der Seligkeit in der Vereinigung mit Jesus Christus, rückfällig wurde. So etwas wäre in einer islamischen Republik verboten. Die Bemühungen, Gratisalkoholausschank zu unterbinden, dürfen nicht nachlassen. Es fehlt ein griffiges Vernissagen-Gesetz. Für die regulierte Deregulierung als Grossversuch im Drogenbereich fehlen 1000 Planstellen. Bevormundung und Betreuung sollten im Sozialstaat weiterhin optimiert werden. Für diejenigen, die vom System nicht erfasst werden, müssen zusätzliche Betreuungsstellen geschaffen werden. Als flächendeckendes soziales Dach würde ein bedingungsloses Grundeinkommen einen weiteren Schritt zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft darstellen.

PS. Die Geschichte mit dem rückfälligen Alkoholiker beim Abendmahl ist kein Witz. Sie führte dazu, dass aufgrund u.a. des Engagements von NR Heiner Studer (EVP) in der Ev. Kirche weitgehend auf alkoholfreien Traubensaft umgestellt wurde. Hingegen beharrt das Kirchenrecht der katholischen Kirche CIC auf Wein für Zölibatäre. Die Zahl der Alkoholiker unter den katholischen Priestern ist leicht höher, als es beim Durchschnitt der Männer der Fall ist. Es handelt sich hier um ein Problem der Nebenfolgen der Erlösung durch Jesus Christus einschliesslich der damit vielleicht irrtümlich verbundenen Kirchengründungen.
Pirmin Meier, am 04. November 2014 um 11:28 Uhr
PS II. Aufgrund der in Weimar dokumentierten Bezüge (Schillerhaus) war für den Verfasser von Wilhelm Tell und der Vorlesungen über Universalgeschichte sowie den Briefen zur Ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechtes der Wein das von ihm am intensivsten genutzte Lebensmittel. Sein Freund Goethe war mit je einer grossen Flasche meist französischer Herkunft, Abend für Abend bei und nach dem Nachtessen genossen, das ist dokumentiert, gemäss Definitionen der Weltgesundheitsorganisation ein Alkoholiker. Das Gesamtwerk umfasst gemäss der Weimarer Sophien-Ausgabe 175 Bände. Umstritten bleibt, ob Goethes Langlebigkeit, er starb am 22. März 1832 um die Mittagszeit im 83. Altersjahr, auf den Tanningehalt des von ihm konsumierten Rotweins zurückzuführen sei. Es gab keinen Alkoholisierungsgrad, bei dem Goethes Stil nicht immer noch besser blieb als fast alles, was Abstinenten auf Deutsch geschrieben haben.

In seiner Erzählung «Das St. Rochusfest zu Bingen» beschrieb Goethe einen Bischof, der, gestärkt durch ein Mass der dortigen Tropfen, eine einzigartig schöne Predigt hielt. Die bei den Menschen jedoch unterschiedlich vorhandene Trinkfestigkeit wurde vom Prediger als Beispiel für die unterschiedlichen Gnaden und Gaben Gottes ausgelegt. Der Bischof war sich, wie Jeremias Gotthelf, aber durchaus bewusst, dass der Alkoholismus sich jederzeit zu einer Volksseuche auswachsen kann.
Pirmin Meier, am 04. November 2014 um 11:54 Uhr
Grundsätzlich gehe ich einig sowohl mit Amendt wie auch mit Nešković, was die Illusion einer suchtfreien Gesellschaft angeht. Nur: Kontrolle, Eingriffe und Planung durch den Staat? Wie stellt sich das der Autor vor? Ein staatliches Monopol wie in einigen skandinavischen Ländern mit dem Staat als grösstem Hersteller und Vertreiber (von Alkoholika), kombiniert mit einem absoluten Werbeverbot bis hin zu uniformen weissen Verpackungen wie es derzeit in einigen Ländern für Zigaretten angestrebt wird? Dazu die Abgabe nur in designierten (mitunter staatlichen) Einrichtungen (wie Methadon) gegen einen staatlichen Bezugsschein, begleitet von einem obligatorischen vertraulichen Gespräch mit Fragebogen bei jedem Bezug (Pille danach)? Weiter noch ein absolutes Konsumationsverbot im öffentlichen Raum und in öffentlichen Gebäuden? Also nur eine Form der Bevormundung durch eine andere ersetzen?
Michael Gisiger, am 04. November 2014 um 14:06 Uhr
Dieser 3. Beitrag ist zweifelsohne sachlicher als der meinige. Objektiv gesehen ist aber der Wein ein Lebensmittel, kein Suchtmittel, worauf ich aus kulturhistorischer Sicht unbedingt hinweisen wollte. Im Portugieisischen wird, wie bei uns die Suppe, der Wein «gegessen».
Pirmin Meier, am 04. November 2014 um 15:04 Uhr
Jede Gesellschaft kannte und kennt akzeptierte Suchtmittel. In unseren Breiten war dies schon immer der Alkohol, mit dem Kolonialismus kamen Tabak, Kaffee und Tee dazu, bei denen es sich um akzeptierte Suchtmittel aus anderen Gesellschaften handelt. Nicht auf die Liste der bei uns gesellschaftlich akzeptierten Suchtmittel geschafft haben es hingegen z.B. das Kauen von Kokablättern oder der Verzehr von Betelnüssen. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist zudem immer im Fluss, wie es z.B. die Prohibition der 1920er Jahre oder aktuell die Diskussion rund um den Tabakkonsum zeigen. Diese «privilegierte» Stellung gewisser Suchtmittel ist eine gesellschaftliche Realität, der Rechnung getragen werden muss. Wer einzig und alleine gesundheitliche oder finanzielle Aspekte (Folgekosten) anführt, verkennt eben diese Realität. Eine völlige Gleichbehandlung aller Suchtmittel wie in meinem ersten Kommentar hier wäre hingegen kontraproduktiv, würde es doch nur anders gelagerte Schwarzmärkte entstehen lassen. So gibt es z.B. in den US-Bundesstaaten, in denen der Verkauf von Rohmilch verboten ist, einen florierenden Schwarzmarkt für eben diese, der u.a. auch von den Amish beliefert wird (http://www.nytimes.com/2007/08/08/dining/08raw.html?pagewanted=all).
Michael Gisiger, am 04. November 2014 um 16:24 Uhr

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