Gesundheitssendung «Top Med» im Schweizer Privatfernsehen mit Geri Staudenmann (rechts) © Santémedia AG
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Kein Verlass auf Tipps von TV-Gesundheitssendungen

Urs P. Gasche / 13. Jan 2015 - Viele Ratschläge verschweigen das Ausmass von Nutzen und Schaden. Zuschauende sollen aufpassen, rät das «British Medical Journal».

Bei Gesundheitszeitschriften, die gratis ins Haus flattern oder in Apotheken und Drogerien aufliegen, sind wir es gewohnt, dass sie keine neutralen, abgesicherten Informationen enthalten, sondern PR-Artikel mit den entsprechenden Inseraten und Werbebeilagen. Zum Beispiel empfehlen das Gesundheitsmagazin und die Webseite von «Amavita» der gleichnamigen 155 Amavita-Apotheken Männern «ab dem 45. Lebensjahr eine Vorsorgeuntersuchung der Prostata». «Vorsorge» ist eine Irreführung, weil die PSA-Untersuchung keinen Tumor verhindern, sondern nur früher erkennen kann. Und selbst das ist bei Männern ohne Symptome nicht sinnvoll: Ausser den Urologen, die daran verdienen, raten praktisch alle Behörden und Fachgesellschaften von dieser Prostata-Früherkennung ab, weil viel zu viele Männer unnötig behandelt, viele dadurch inkontinent und impotent werden.

Auch auf Gesundheitssendungen im privaten TV ist kein Verlass

Für die Gesundheitsbranche sind Medien ein wichtiger Absatzkanal. In der Schweiz wird mehr als jeder zehnte Franken für die Gesundheit ausgegeben. Deshalb gibt es immer mehr Radio- und Fernsehsendungen, die von dieser Branche gesponsert sind. Beim Publikum mittleren und höheren Alters kommen sie gut an, weil die meisten irgendwelche gesundheitlichen Probleme haben oder befürchten. Auch diese Angst wird zusätzlich geschürt.

Vor Weihnachten hat die medizinische Fachzeitschrift «British Medical Journal» BMJ die Resultate einer Studie veröffentlicht, welche die Ratschläge von TV-Gesundheitssendungen kritisch nach Objektivität, Evidenz und Transparenz hinterfragte. Fazit: «Das Publikum sollte bei Empfehlungen in medizinischen Talk-Shows skeptisch bleiben.»

In grossen Medizin-Sendungen der USA sei häufig vom Nutzen einer Behandlung oder eines Medikaments die Rede, ohne diesen Nutzen zu quantifizieren. Es wird zum Beispiel verschwiegen, wie viele Patienten oder Patientinnen sich behandeln lassen müssen, damit wenigstens einer oder eine von ihnen von der Behandlung profitiert.

Noch weniger würden Nebenwirkungen und mögliche Schäden quantifiziert. Wie viele der behandelten Patientinnen oder Patienten werden aufgrund der vorhandenen Studien an welchen Nebenwirkungen leiden. Ohne diese Informationen können Patienten unmöglich informiert entscheiden, ob sie eine Behandlung möchten. Zudem: Nur «selten» würde in diesen Sendungen transparent gemacht, welche Interessen die eingeladenen Ärzte und Spezialisten vertreten, bzw. inwieweit sie Geld von der interessierten Industrie erhalten oder an den empfohlenen Behandlungen selber verdienen.

«Wöchentliche Sendungen auf sieben privaten TV-Stationen der Schweiz»

Nach eigenen Beobachtungen trifft die Analyse des BMJ auch auf Gesundheitssendungen privater TV-Stationen in der Schweiz zu. Am aktivsten ist Geri Staudenmann mit seiner «Santémedia AG». Auf seiner Webseite schreibt er: «Mit eigenen medizinischen und gesundheitspolitischen TV-Sendungen ist santémedia AG wöchentlich auf sieben privaten TV-Stationen in der Deutsch- und Westschweiz präsent. Damit ist santémedia AG führende Anbieterin in diesem Bereich. Die Sendungen lassen sich in idealer Weise in nationale und regionale Kampagnen einbinden.» Auf der Webseite macht Staudenmann auch klar: «Kunden und Partner von Santémedia AG sind Spitäler, Kliniken, Firmen aus der Pharma- und Medtech-Industrie..

Staudenmann ist auch Inhaber der «Geri Staudenmann Kommunikation AG», nach eigenen Angaben «spezialisiert auf Public Relations, Events, Redaktion sowie Moderation».

Eigenwerbung von Staudenmanns «Santémedia»

In den wöchentlichen Fernsehsendungen macht die «Santémedia» diese Verbindungen und Abhängigkeiten wenig transparent. Das Publikum soll im Glauben bleiben, es erhalte neutrale Informationen von Ärzten und von Patienten. Doch auch die Patienten dürfen die Ärzte für die Sendung selber auswählen.

Am Anfang der TV-Sendungen erfährt das Publikum lediglich: «Das Gesundheitsmagazin 'Top Med' wird präsentiert von Santémedia.ch, den Spezialisten für Gesundheitsinformationen».

Die Sendungen in der deutschen Schweiz heissen «Praxis Gesundheit» (TeleBärn, Tele M1, Tele 1, tvo) oder «Medical Talk» und «Medizin TV». In der Westschweiz heissen sie «Diagnostic», «Goutte à goutte», «Diagnostic rouge TV».

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3 Meinungen

Wie soll man als Versicherter und Patient sich überhaupt informieren können, wenn nicht einmal die Ärzte den Zusatznutzen neuer Medikamente und Behandlungsmethoden im Vergleich zu medizinisch anerkannten und gut untersuchten Standardtherapien kennen und im Fernsehen so auftreten?!

Man sieht aufgrund erster medizinischer Erkenntnisse/Annahmen erste mögliche Frühnutzen, ohne im breiten Praxisalltag den Langzeitnutzen tatsächlich abklären und so die individuelle Indikations- und Behandlungsqualität optimieren zu müssen (WZW-Kriterium Zweckmässigkeit). Eine neue Methode, angeblich besser und damit der Patient dies auch glaubt, natürlich doppelt so teurer. Reines PR und Marketinginteresse der einzelnen Protagonisten. Damit das Ganze nicht auffliegt werden alte Methoden oder Medikamente erst gar nicht mehr angeboten oder gezielt vom Markt genommen. So sichert man sich die Preise, ohne die Qualität und den eigentlichen Patientennutzen belegen zu müssen. Hauptsache die Wirtschaftlichkeit der Industrie brummt, die Portemonnaies auf Kosten der Versicherten und Patienten prall gefüllt, so wenig wie möglich kalte Spitalbetten, egal ob es dem Patienten etwas nützt oder nicht.

Wie hat es InfoSperber mit Herrn Gasche im Artikel vom 7. Dezember 2014 so schön formuliert: 'Zum Wohle der Wirtschaft ins Spital'.

Na dann also mal los! Folgen wir der PR dieser Fernsehsendungen und planen z.B. gleich schon einmal 2-3 Operationen für uns oder unsere Lieben für 2015 ein ;-)!
Andreas Keusch, am 13. Januar 2015 um 18:23 Uhr
Kosten oder Gewinn. Das ist nur eine Frage der Perspektive. Gestern Montag z.B. im «eco» wurde die Frage nach den Kosten des Terroranschlags in Paris erörtert. Kosten entstehen immer wenn jemand Geld verdient oder kassiert. Vielleicht wird dann beim nächsten «eco» die Frage umgekehrt präsentiert: wieviel BIP-Zuwachs hatte der Anschlag in Paris gebracht?
Während die erste Frage als zulässig empfunden wird, würde die Umkehrung als pietätlos empfunden.
Also je nach PR-Nutzen werden die Kosten oder der wirtschaftliche Nutzen präsentiert.
Urs Lachenmeier, am 13. Januar 2015 um 20:12 Uhr
Zur Zeit wird in SRF Radio und Fernsehen Werbung gemacht für die Darmkrebsvorsorge. Die Darmspiegelung ab 50 Jahren wird empfhohlen. Kein Wort wird darüber verloren, wie man Darmkrebs vorbeugen kann schon in jüngeren Jahren. Die Vorsorge fängt nicht mit der Darmspiegelung an. Ich vermute, dass mit anderen Vorsorgemassnahmen kein Geld verdient werden kann, darum werden dies auch nicht erwähnt. Das ist keine objektive Vorsorgeaufklärung.
Margrit Mathys, am 24. März 2016 um 14:39 Uhr

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