Gleiche Pillen zu enorm unterschiedlichen Preisen © Jooli/Flickr/CC

Kassen-Pharma-Irreführung verfing nur noch wenig

Urs P. Gasche / 17. Dez 2015 - Auf das jährliche Weichspühlen der rekordhohen Schweizer Medikamentenpreise sind die Medien dieses Jahr weniger hereingefallen.

Wie zu jedem Jahreswechsel haben der Pharmaverband Interpharma zusammen mit dem Krankenkassenverband Santésuisse an einer Medienkonferenz den Unterschied der Medikamentenpreise in der Schweiz mit denen im Ausland heruntergespielt. Nur 10 Prozent sollen Originalpräparate bei uns teurer sein. Generika seien unverändert 47 Prozent teurer.

Beides ist – wie an dieser Stelle jedes Jahr beanstandet – eine grobe Beschönigung:

  • Interpharma und Santésuisse haben für den Vergleich einen Franken/Euro-Kurs von 1.20 genommen. Seit mehr als einem Jahr liegt der Kurs bei 1.08. Allein aus diesem Grund sind die Originalpräparate bei uns in Wirklichkeit nicht 10 Prozent teurer, sondern doppelt so viel, nämlich 20 Prozent.
  • Interpharma und Santésuisse vergleichen nicht etwa die Preise, welche die Kassen und Prämienzahlenden zahlen müssen, sondern die Fabrikpreise. Das wird im anderthalbseitigen Communiqué erst im letzten Satz erwähnt. Fabrikpreise im Ausland sagen jedoch wenig darüber aus, wie viel die Kassen dort tatsächlich zahlen.
  • In der Schweiz verschreiben Ärzte und Spitäler viel weniger der günstigeren Generika. Deren Anteil liegt in der Schweiz laut OECD deutlich unter der Hälfte aller Verschreibungen, während er in Deutschland und Holland bei 80 Prozent und mehr liegt.

Dieses Jahr haben weniger Medien die Darstellung von Interpharma und Santésuisse tel quel übernommen und wie die letzten Jahre den Eindruck erweckt, dass es sich um einen Vergleich der Kassenpreise handle. Die Hauptsendungen des Fernsehens betrachteten das Verbreiten des Vergleichs zu recht als wenig informativ und haben davon abgesehen. Die Sendung «Espresso» von Radio SRF hat die irreführenden Informationen von Interpharma und Santésuisse kritisch hinterfragt und die gebotenen Fragen aufgeworfen. Tages-Anzeiger/Bund konzentrierten sich auf die Generika, die Berner Zeitung titelte «Umstrittene Medikamente». Die NZZ schrieb von «hartnäckig hohen Preisen in der Schweiz».

Phantomvergleich

Kommen wir zurück auf den Vergleich der Fabrikpreise, welche die Pharmaindustrie und die Santésuisse verglichen. Im Ausland sind Fabrikpreise weitgehend Phantompreise, die mit den Preisen, welche die Kassen und Prämienzahlenden zahlen, wenig zu tun haben.

Beispiel Deutschland: Entweder vergüten die Kassen für ganze Wirkstoffgruppen Festpreise, die nicht von den Fabrikpreisen abhängen. So zahlen sie für den Cholesterinsenker Sortis nur 20 Prozent des Kassenpreises in der Schweiz, weil Sortis keinen grösseren Nutzen bringt als andere Cholesterinsenker. Wo keine Festpreise bestehen, müssen die deutschen Pharmafirmen auf ihren Listenpreisen einen generellen Rabatt gewähren.

Zudem können die Kassen Preise mit den Pharmafirmen frei aushandeln, was in der Schweiz verboten ist. Gegen die Vorschrift, die jeweils ausgehandelten Preise zu veröffentlichen, läuft die deutsche Pharma-Lobby Sturm. Erklärtermassen will sie verhindern, dass Behörden im Ausland diese Preise bei ihren Preisvergleichen berücksichtigen können – was das BAG bisher eh nicht tat, aber es könnte ja auf die Idee kommen.

Beispiel Frankreich: Dort werden die Medikamente in die drei Nutzensklassen «gross», «mässig» und «ungenügend» eingeteilt. Die Kassen müssen nur Arzneimittel mit «grossem» Nutzen voll vergüten, für die andern gelten substanziellere Selbstbehalte.

Beispiel Niederlande: Die wenigen grossen Kassen können die Preise mit den Pharmafirmen frei aushandeln. Die Pharma-Listenpreise spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Für Generika zahlen holländische Kassen nur 10 Prozent des Preises, den Schweizer Kassen begleichen müssen.

Santésuisse zeigt sich stolz über gemeinsame Methodik

Gegenüber Infosperber begründet Santésuisse das gemeinsame Vorgehen mit der Interpharma damit, dass die Methodik des Vergleichs «zusammen festgelegt» werden konnte. Darüber gebe es keinen Streit mehr.

Einen Vergleich der Preise, welche etwa die grösste Schweizer Kasse und die grössten deutschen und holländischen Krankenkassen tatsächlich zahlen, hat Santésuisse bisher nie zu realisieren bzw. finanzieren versucht. Angeblich würden die ausländischen Kassen «die effektiv bezahlten Preise nicht transparent machen», behauptet Santésuisse. Doch die einzelnen Preise müssten nicht öffentlich werden, sondern zum Beispiel notariell beglaubigt. Im übrigen hatte der Schreibende als Journalist die Preisliste einer der grossen Kassen in Holland bei einem Besuch vor wenigen Jahren ohne weiteres erhalten.

Was Fakt ist

Vergleiche von Fabrikpreisen sind für die Prämienzahler irrelevant. Für sie ist entscheidend, wie viel die Schweizer Kassen im Vergleich mit Kassen im Ausland zahlen müssen.

  • Pro Kopf müssen die Schweizer Kassen rund 50 Prozent mehr für Medikamente ausgeben als die holländischen und etwa 25 Prozent mehr als die deutschen.
  • In keinem andern Land Europas verschlingen Medikamente mit 23 Prozent einen so hohen Anteil an den Ausgaben der Grundversicherung.

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Keine

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Eine Meinung

Guten Tag. Aus der Schule habe ich die schmerzliche Erinnerung, dass der, der nähmlich mit «h» schreibt, dämlich sei. Wie verhält es sich mit spühlen? Wer spühlen mit «h» schreibt muss die Faust fühlen? Oder so? Liebe Grüsse aus dem nebligen Seeland. B. Schmid
Bruno Schmid, am 17. Dezember 2015 um 15:16 Uhr

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