Arena über die Einheitskasse: Gretchenfrage nach einer Stunde © srf

Einheitskasse: Niemand redet Klartext

Urs P. Gasche / 12. Sep 2014 - Befürworter und Gegner führen ein Scheingefecht und lassen Patientinnen und Patienten im Stich. Deren Interessen kommen zu kurz.

In meiner Bekanntschaft und Verwandtschaft kenne ich fast niemanden, der nicht schon von unerfreulichen Behandlungen in Spitälern oder bei Ärzten erzählte. Trotz all der vielen lebensrettenden Eingriffe und Medikamente, der schmerzlindernden Therapien und vorbildlichen Fürsorge kam es in den letzten zehn Jahren bei der medizinischen Versorgung doch auch zu

  • über 30'000 vermeidbaren Todesfällen;
  • über 600'000 vermeidbaren Schadensfällen wie ungeplanten Wiederholungen einer Operation, Spitalinfektionen, temporäre und bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Die Schweiz, die sich die teuerste Gesundheitsversorgung Europas leistet, darf dessen Qualität nicht mit irgendwelchen Ländern vergleichen, sondern mit Deutschland, Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen – oder mit England und Schottland.

Heutiges System hat versagt

Wo einigermassen vergleichbare Zahlen über Behandlungsresultate überhaupt bekannt werden, schneidet die Schweiz meistens nur durchschnittlich ab. Weit entfernt von den besten Behandlungsresultaten. Infosperber hat schon mehrmals darüber berichtet (siehe Links ganz unten).

Unser heutiges System mit kantonaler Planung und Aufsicht der Spitäler, mit staatlich verfügten Medikamentenlisten und -preisen, mit garantierten Einzelleistungstarifen für Ärztinnen und Ärzte, dem erlaubten Hüpfen von einem Spezialarzt zum andern, mit dem Zwang für die Kassen, einfach alle diese Arzt- und Spitalleistungen und alle diese Medikamente zu den verfügten Preisen zu zahlen, dieses System bringt für Patientinnen und Patienten offensichtlich nicht das beste Resultat. Weil es über die vielen Opfer des Systems keine Schlagzeilen gibt, wird nicht gehandelt.

Bei Reformen des Gesundheitswesens müssten eigentlich immer die Fragen im Vordergrund stehen:

  • Kommen weniger Patientinnen und Patienten zu Schaden? Kommt es zu weniger Diagnosefehlern, vermeidbaren Medikamentenfehlern, Infektionen, risikoreichen Eingriffen ohne Nutzen, unzweckmässigen Therapien?

Eine Einheitskasse

Diese entscheidenden Fragen werden beim Ja oder Nein zur Einheitskasse unter den Tisch gewischt. In den vielen Artikeln und Kommentaren in Zeitungen oder in der letzten «Arena» des Schweizer Fernsehens meiden Befürworter wie Gegner Antworten auf diese Fragen tunlichst. In der «Arena» hat der neue Moderator Jonas Projer nach einer Stunde Diskussion die Gretchenfrage zwar gestellt, doch er stiess bei allen vier Kontrahenten im Ring auf taube Ohren:

Frage des Moderators: «Ist die Gesundheitsversorgung gut oder sehr gut? Sind die medizinischen Leistungen gut?»

Antwort Jacqueline Fehr (SP): «Ja»

Yvonne Gilli (Grüne, Ärztin): «Ja»

Felix Gutzwiller (FDP/Liberale, VR der Krankenkasse Sanitas): «Ja, exzellent»

Alain Berset (SP, Bundesrat): «Ja, und sie müssen so bleiben.»

Im Ring der Arena war damit die Diskussion über bessere Behandlungsresultate abgeblockt und beendet. Niemand hielt im Interesse von Patientinnen und Patienten dagegen. Niemand erwähnte die Tausenden von vermeidbaren Todesfällen und die Zehntausenden von vermeidbaren gesundheitsschädigenden Behandlungsfehlern. Niemand thematisierte die zum Teil krassen, medizinisch nicht erklärbaren Behandlungsunterschiede innerhalb der Schweiz. Und niemand machte Vorschläge, um diese stossende Situation zu verbessern.

Verordnungen des Staates oder regulierter Wettbewerb

Bei der Einheitskasse geht es um die grundsätzliche Frage:

  • Kann der Staat effizienter und schneller bessere Behandlungsresultate garantieren (wie er heute bei Spitälern und Medikamenten bereits die Kompetenz hat, es eigentlich zu machen), oder kann dies eher ein regulierter Wettbewerb?

Eine Einheitskasse versperrt den Weg in Richtung regulierten Wettbewerb, wie ihn etwa Holland kennt. Denn ohne grosse Kassen, die miteinander im Wettbewerb stehen, kann man im Gesundheitswesen keinen Wettbewerb um die beste Qualität mehr einführen.

Mehrere Kassen dürfen allerdings nicht bloss in einem «Pseudowettbewerb» untereinander stehen wie heute. Vielmehr müssen sie über die Vertragsfreiheit verfügen gegenüber Spitälern, Pharma und Ärzten.

Die Gegner einer Einheitskasse, darunter auch die NZZ, müssten Klartext reden und für die Kassen die Vertragsfreiheit fordern. Sonst verteidigen sie lediglich den Status quo mit ihren Pfründen und ihren mittelprächtigen Resultaten. Wenn Gegner einer Einheitskasse den Kassen keine Vertragsfreiheit gewähren wollen, wie sie zum Beispiel in Holland mit Erfolg praktiziert wird, bleibt ihr Bekenntnis zu Wettbewerb, Wahlfreiheit oder zu «privatwirtschaftlichem Unternehmertum» (Claudia Schoch in der NZZ) ein vorgeschobenes Lippenbekenntnis. Dann tut es auch eine Einheitskasse.

Eine Einheitskasse würde den Weg lenken in Richtung England, Schottland oder Wales, wo der Staat die gesamte Gesundheitsversorgung reguliert und die Qualität fördert.

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Siehe auch

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Pro und Contra Einheitskasse

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5 Meinungen

Sehr geehrter Herr Gasche,

Danke für diesen konstruktiv kritisch mahnenden Beitrag

Zur zusätzlich konstruktiv kritischen Auseinandersetzung zum erwünschten Wettbewerb im Gesundheitswesen noch folgender Hinweis:

„Wir brauchen mehr Wettbewerb“ ist der am häufigsten zitierte Unsinn, weil
„Wettbewerb“ primär ökonomisch und nicht qualitativ medizinische definiert wird. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wettbewerb, wie ihn Ökonomen und Politiker fordern, verschlechtert die Qualität und treibt die Kosten in die Höhe. Gesundheit und Gesundheitsgüter sind keine Ware, weil:

1. nicht das „Haben eines Gesundheitsgutes“, sondern das „Fehlen eines Gesundheitsgutes“ entscheidend ist;
2. sie keine Konsumgüter sind, die man haben möchte;
3. man Gesundheitsgüter nur erwirbt, wenn es der Zufall will und man sie braucht; 4. sie notwendige Bedarfsgüter sind, für die es keine Marktfreiheit gibt;
5. von ihnen viele andere Güter abhängen, von normalen Konsumgütern aber nicht;
6. sie nicht Gegenstand unterschiedlicher Vorlieben sind;
7. sie in ihrer Qualität nur bedingt oder überhaupt nicht beurteilt werden können; 8. sie kein akutes Vergnügen bieten;
9. und ihr Wert oftmals erst nach langer Zeit erkannt wird."

(Prof. Dr. med. Dr. hc. Paul Robert Vogt - Quelle: http://www.paulvogt.com/de-wAssets/docs/Gesundheitswesen_0110.pdf)
Andreas Keusch, am 12. September 2014 um 13:36 Uhr
@Keusch. Natürlich kann man nicht bei allen medizinischen Leistungen das Resultat der Behandlungen messen und vergleichen. Aber bei vielen kann man es. Sie selber plädieren zu recht immer wieder dafür, dass z.B. die Zweckmässigkeit von Behandlungen erfasst und verglichen wird. Ist eine zweckmässige Behandlung nicht qualitativ besser als eine unzweckmässige?
Urs P. Gasche, am 13. September 2014 um 09:24 Uhr
Richtig, Herr Gasche! Danke für diese grundlegende Analyse!

Dies gilt es deshalb von allen Protagonisten unseres Gesundheitswesens zu erkennen und zu fördern. Nur scheint dies für viele zu 'ideologisch' zu sein, wie dies Krankenversicherer wie HELSANA (curafutura) über ihre zweckmässigen PR-Profis wie Stefan Heini und Rob Hartmanns auch auf InfoSperber ('Wir leben, um für die Krankenkassen zu arbeiten' und 'Wie schaffen wir fruchtbaren Wettbewerb') zu vermeiden versuchen. Es träfe so neben der Industrie (Dienstleister) aber auch die Wirtschaftlichkeit vieler Leistungserbringer, so dass man die Politik entsprechend lobbyiert. Ein interessanter und spannender Widerspruch zwischen Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit im aktuellen Gesundheitswesen aller Nationen, egal ob liberal oder monopolistisch. Deshalb eben 'ideologisch'. So wird's im Interesse unserer Patienten und Versicherten der OKP leider ein sehr steiniger Weg dahin. Sie kennen dies ja bestens ...
Andreas Keusch, am 13. September 2014 um 10:17 Uhr
"über 30'000 vermeidbaren Todesfällen;
über 600'000 vermeidbaren Schadensfällen wie ungeplanten Wiederholungen einer Operation, Spitalinfektionen, temporäre und bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen."
innerhalb von 10 Jahren, wenn ich richtig verstanden habe. Das sind doch recht erschreckende Zahlen. Wie wurden die den berechnet?
Markus Mauchle, am 13. September 2014 um 18:11 Uhr
@Mauchle. Sie haben die Zahlen richtig verstanden. Die Zahlen der Todesfälle nach Operationen und der Spitalinfektionen werden in der Schweiz erhoben. Andere Behandlungsresultate werden in der Schweiz nur wenige oder nicht vergleichbar erfasst. Deshalb handelt es sich bei andern Behandlungsresultaten um konservative Schätzungen aufgrund ausländischer Daten, die laut Bundesamt für Gesundheit auf die Schweiz übertragbar sind. Im Laufe des Oktobers werde ich in einem Artikel näher darauf eingehen.
Urs P. Gasche, am 14. September 2014 um 09:19 Uhr

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