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Wenn «Miss Europa» sich nicht fotografieren lässt

Jürgmeier / 17. Apr 2017 - Frauenkäse am Fällander Dorfmärt, Süsses oder Saures für Staatssekretärin, Scheidung auf Britisch – «Das können wir doch besser.»

19. März 2017

«Was für ein Murks! Das können wir doch besser.» Kommentiert Armin Müller, Mitglied der Chefredaktion, in der Sonntagszeitung das Resultat der grossen Rentendebatten in National- & Ständerat. Meint er «Wir Journalist*innen»? Oder denkt er an die vielen, die gerne beklagen, die politische «Schwatzbude» bringe häufig nur einen «Murks» hervor? Das grosse Palaver im Land & auf der Strasse verrät, dass wir noch Utopien haben, noch daran glauben, die beste aller denkbaren Welten, das sei nicht die real existierende und im besten Fall demokratisch ausgehandelte.

An ausgewählten Tagen stelle ich mir vor, ich sei über eine dieser märchenhaften Nächte am Tisch derer, die entscheiden, vielleicht sogar an den Hebeln der (All-)Macht gelandet. Überlege, was ich in dieser (un)gemütlichen Lage täte. Was die von meinem Handeln Betroffenen in Zürcher Altersheimen, Schweizer Schulen und syrischen Flüchtlingslagern über mich sagen würden. Und bin am Ende ganz froh, dass wir «Gemeinen», die wir das lokale & globale Geschehen in Zeitungen & Fernsehen, Tagebüchern & Facebookposts, an Stamm- und privaten Tischen kommentieren, den Tatbeweis im Allgemeinen nicht real antreten müssen.

Oder wie lange würde es gehen, bis sich, zum Beispiel, zwanzig Journalist*innen, Lehrer*innen, Fussballspieler*innen, Psycholog*innen oder Plattenleger*innen darauf geeinigt hätten, in welchem Hotel & Land, an welchem Meer & Strand sie drei Wochen Ferien miteinander verbringen wollen? Eine im Vergleich zur Rentenreform einigermassen simple Aufgabe. Und wie oft müssten sie während dieser drei Wochen die Koffer packen, um, KompromissKompromiss, an einen anderen Ort zu fahren, wie lange wären die Diskussionen über das dafür geeignete Verkehrsmittel?

25. März 2017

Samstagvormittag. Die Sommersaison des Fällander Dorfmarktes hat vor einer Woche begonnen. Auch der umtriebige Käsehändler ist wieder da und verteilt grosszügig Degustierbissen. Er wolle nicht, dass seine Kund*innen einen Käse kauften, der ihnen zu Hause nicht schmecke, hat mir der Geschäftstüchtige – der den Endbetrag häufig zugunsten der Kund*innen abrundet – verraten. Der Kauende neben mir brummt: «Ein Frauenkäse». Ich vermute Savarin, den Weichkäse, von dem ich jeden Samstag rund hundert Gramm kaufe. Wenn es noch so viel hat. «Da muss ich etwas anderes haben», befindet der Mann. Vielleicht ein Stück des zwei, drei Jahre geschärften Zungenfühlers?

26. März 2017

«Sie muss besonders unvorteilhaft aussehen, Pascale Baeriswyl, die neu gewählte EDA-Staatssekretärin», lese ich im «Politohr» der Sonntagszeitung. Und schon gestern hat los. in der Tagi-Rubrik «Kreuz & verquer» über die Frau – die Christoph Mörgeli am 6. April in der Weltwoche «Burkhalters feministische Geheimwaffe» nennen wird – gespottet: «Agentin 00 Baeriswyl … Unfotografiert und unerkannt kann unsere Chefdiplomatin die Verhandlungen mit der EU agentenmässig unterwandern, und dann völlig unbelastet mit dem wichtigsten Handelspartner über Multilateralismus … bla … bilaterale Beziehungen … bla … Auslegeordnung … bla …»

Und die ganze Häme, weil die Frau – die das Schweizer Boulevardblatt nach ihrer Ernennung zur Chefunterhändlerin EU umgehend zur «Miss Europa» kürt – es dem Blick verwehrt, sie bei einem Interviewtermin zu fotografieren. Die Pressestelle des Eidgenössischen Departementes des Äusseren EDA verweist auf bestehende Fotos, die der Blick am 12. März «PR-Bilder» schimpft, freie Presse statt Imagepflege einfordert – «Bundesräte wie Spitzenbeamte umgeben sich immer mehr mit PR-Leuten, die sich um das Image ihrer Chefs kümmern.» – und das Interview gleich ganz absagt. «Geld her oder ich schiesse», schreien die guten alten Bankräuber; «Süsses oder Saures», rufen die Kinder am importierten Halloween. Bild her oder keine Zeile, kommuniziert der Blick. Auch das ist eine Beschränkung von Freiheit, der Redefreiheit.

29. März 2017

«Heute fällt der Startschuss für das zweijährige Scheidungsverfahren», schreibt der Tagesanzeiger an dem Tag, an dem das britische Austrittsgesuch in Brüssel deponiert wird. Umgehend machen Scheidungs- und Beziehungsmetaphern die Runde. Der Tagesanzeiger redet von einem «Abkommen über die Scheidung oder über eine neue Partnerschaft». Die deutsche Tageszeitung taz berichtet, Premierministerin May wünsche «sich eine ‹tiefe und besondere Partnerschaft› für die Zukunft». Grossbritannien-Korrespondent Peter Nonnenmacher malt den Scheidungskrieg an die Wand: «Erste Scharmützel lassen ahnen, dass die Abschiedsschlacht eine bittere Schlacht werden wird» (Tagesanzeiger).

Das war schon im letzten Juni so, als die Brit*innen sich für den Exit entschieden haben. «Paartherapeut und Scheidungsanwalt» müsse der neue Premier sein, forderte SRF-Korrespondent Urs Gredig, noch bevor Theresa May überhaupt für das Amt kandidierte und nachdem Tagesschau-Moderatorin Cornelia Bösch psychologisiert hatte, zwischen Grossbritannien und der EU, das sei nie «die ganz grosse Liebe» gewesen, wahrscheinlich gebe es eher «einen Rosenkrieg als eine einvernehmliche Trennung». Das sah der Tagesanzeiger ähnlich. Unter dem Titel «EU will schnelle Scheidung» verkündete die «unabhängige Schweizer Tageszeitung»: «Gut möglich, dass die Scheidung schmutzig wird … Eine 40-jährige Beziehung muss gekappt werden.» Stefan Kuzmany notierte am 24.6.2016 auf Spiegel online, eine Wirtschaftsgemeinschaft sei «nun mal keine Liebesbeziehung. Niemand geht für sie stundenlang durch den Regen.» Und der damalige Premier David Cameron machte laut NZZ klar, es gehe um eine «Scheidung ohne Wenn und Aber».

Sonne oder Regen – das Scheidungsbild trifft den Austritt Grossbritanniens aus der EU nicht wirklich. Wie wollte ein Land in ehelicher Verbindung zu einem Staatenbund stehen, dessen Mitglied es (noch) selbst ist? Wie sich von ihm scheiden lassen? Wie soll es zwischen BlinddarmKnieKopf zu einer einvernehmlichen Scheidung vom ganzen Menschen kommen? Nein, hier trennen sich nicht zwei gleichgestellte & autonome Personen. (Wobei einen die Verschmelzungsformeln bei Trauungen sowie der Spruch von der «besseren Hälfte» auch schon mal an Gleichstellung & Eigenständigkeit von Ehepartner*innen zweifeln lassen können.) Der Brexit gleicht dem simplen Austritt aus einem Verein. Bleibt die Frage – ist Grossbritannien die Präsidentin, der Vizepräsident, die Aktuarin, der Kassier oder ein ganz kommunes Passivmitglied?

Wer am Scheidungsbild festhält, schürt englische Allmachtsphantasien. Das britische Königreich wäre in diesem Gemälde nicht bloss gemeines Mitglied eines Staatenbundes, den zu verlassen es sich anschickt, sondern, beispielsweise, die Frau & Mutter, die sich von ihrem Mann scheiden lässt. Nur – wer ist dann der Vater? Alle anderen EU-Mitglieder – Kinder? Sind aber sämtliche EU-Staaten gleichgestellt – bedeutet das Scheidungsszenario dann, dass Grossbritannien all die Jahre mit ihnen in einer Vielehe gelebt hat? Und das ist im abendländischen Europa erlaubt?  

6. April 2017

«Sie ziehen sich aus – wir gehen arbeiten.» So raffiniert & hinterhältig reagieren die Jungen SVP-Frauen auf eine Aktion der Juso-Frauen. Letztere haben für den Zürcher Women’s March am 18. März mit einem Flyer geworben, den 20 Minuten als «gewagt» bezeichnet. Juso-Präsidentin Tamara Funiciello erläutert das Bild von Frauen, die oben ohne ihre BHs verbrennen: «Es zeigt Frauen mit unterschiedlichen Körpern, unterschiedlicher sexueller Orientierung und Migrationshintergrund … Das Foto ist eine gezielte Provokation, es muss nicht jedem gefallen. Wir wehren uns damit gegen die Normierung des Schönheitsideals und gegen die Binarität der Geschlechter.»

Die Provokation funktioniert fast besser als geplant. SVP-Nationalrat Glarner tut, was er am besten kann – und für die Bewohner*innen des «Zigerschlitzes» eine Beleidigung ist –, er «glarnert».

Und er ist nicht der einzige: «Innert kürzester Zeit krochen die Hater und Nörgler aus ihren Löchern», schreibt die Geschlechterforscherin & Publizistin Franziska Schutzbach in ihrem Blog am 15. April, «spuckten Gift und Galle, drohten gar mit Vergewaltigung … Solange sich eine Öffentlichkeit durch nicht-Norm-konforme Körper derart provoziert fühlt, dass sie mit Vergewaltigungs-Drohungen und Rassismus reagiert, kann es gar nicht genug Frauen* geben, die mit ihren nicht perfekten Körpern in den Hochglanz-versauten öffentlichen Raum treten.»

Für Anna Fischer von den Jungen SVP-Frauen ist das Juso-Bild «eine Beleidigung für alle selbstbewussten, unabhängigen und hart arbeitenden Frauen in unserem Land – ja sogar für alle Frauen der Welt … Es gibt keine erfolgreiche Frauenrechtlerin, von der man weiss, wie ihre Brüste aussehen», gibt sie im Blick zu Protokoll. Interessant sind ihre inhaltlichen Ausführungen. Es sei ein Problem, «dass junge Eltern – Väter und Mütter – nicht richtig in die Arbeitswelt integriert werden. Aber die Forderung nach Teilzeitstellen sei für Männer wie Frauen wichtig – ‹und sicher keine Genderfrage!›» Der Feminismus, sagt sie, «ist heute überholt!» Der Beweis: «Bei mir zu Hause kocht übrigens mein Freund.»

Und macht damit, paradoxerweise, klar, dass Feminismus & Gender offensichtlich auch in der SVP angekommen sind, zumindest bei den Jungen SVP-Frauen. Denn es ist ja gerade ein Erfolg des Feminismus, dass die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit & Elternschaft thematisiert & gefördert wird, dass das Kochen nicht mehr der «Natur der Frau» zugeschrieben, sondern als Frage sozialer Verhandlung, eben als Genderfrage, gesehen wird.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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