Pro Israel: Denn sie wissen nicht, was sie tun...

Christian Müller / 22. Sep. 2011 - Noch wissen die Gläubigen der christlichen (evangelischen) Kirchen nicht, was sie Israel mit ihrer unbedachten Unterstützung antun.

Die Veranstaltung war - unter anderem - auf der Website audiatur-online.ch angekündigt, auf jener Website, die vorgibt, «der anderen Seite» Gehör zu verschaffen. Und so kamen sie denn zusammen, am Dienstagabend an der Gerbergasse in Basel, im «Unternehmen Mitte», jene etwa 50 Zuhörer, die, so darf man annehmen, Neues zu erfahren hofften. Es ging um Israel und um BDS (Boykott – Desinvestition – Sanktionen gegen Israel).

Auf der Bühne standen Nationalrat Geri Müller und die Journalistin Sybille Oetliker als Unterzeichner von BDS auf der einen Seite, drei evangelische Theologen und ein jüdischer PR-Unternehmer auf der anderen Seite: Lukas Kundert, Prof. Dr. theol. an der Uni Basel und Pfarrer am Basler Münster; Christina Tuor-Kurth, PD Dr. theol. an der Uni Basel; Nico Rubeli, ehemaliger Universitätspfarrer an der Uni Basel; und Sacha Wigdorovits, Geschäftsführer der PR-Agentur Contract Media AG in Zürich und Mitbegründer der Plattform audiatur-online.ch. Zur Präzisierung: Nico Rubeli stand als Moderator auf der Bühne, aber schon sein Gebrauch von Du und Sie zeigte, zu welcher Seite er sich hingezogen fühlte - und für welche Seite er Steilpässe suchte.

«Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit»

Christina Tuor-Kurth blieb im Hintergrund. Ihr Beitrag beschränkte sich auf die Erklärung, für sie sei auch ein Boykott, der Verzicht auf den Kauf von Waren aus Israel, Anwendung von «Gewalt». Lukas Kundert betonte, dass die Kirche vor allem das Existenzrecht Israels hochhalte. Daran gäbe es nichts zu rütteln. Schon bald verfiel er aber ins übliche Muster: Wer den Staat Israel kritisiert, ist, bewusst oder unbewusst, ein Antisemit. Sacha Wigdorovits hingegen ging aufs Ganze und zielte von Anfang an darauf, Geri Müller mit persönlichen Attacken fertigzumachen – auch hier nach dem selben Muster: Geri Müller sei ganz einfach ein Antisemit.

Geri Müller liess sich nicht provozieren, auch wenn man sein Herzblut spüren konnte. Er kennt Israel, den Gazastreifen und die Westbank von etlichen Aufenthalten aus eigener Anschauung sehr genau. Er zeigte sich auch zur Geschichte und Politik Israels und Palästinas äusserst belesen und versiert. Er liess sich nicht einfach so abschlachten.

Mit Informationen der CIA gegen den «Antisemiten»

Dazu zwei typische Ausschnitte aus der Diskussion:

Geri Müller redete über Appartheid-ähnliche Zustände in den von Israel besetzten Gebieten und erwähnte dabei die «jüdischen Autobahnen», die für die Palästinenser verboten sind. Darauf Lukas Kundert, sinngemäss: Dass Geri Müller von «jüdischen» Autobahnen redet und nicht von israelischen, zeigt, dass er innerlich gegen die Juden redet, nicht gegen die israelische Politik. Darauf Geri Müller: «Diese Autobahnen sind angeschrieben als «Jewish Highway» (»Jewish-only road»), da weiss ich keine bessere Übersetzung ins Deutsche als «jüdische Autobahnen»...

Oder etwa: Geri Müller beschrieb das Elend im Gazastreifen. Sacha Wigdorovits widersprach. Die Lebenserwartung im Gazastreifen sei höher als in Rumänien und die Kindersterblichkeit tiefer als im Land X (Name vor Ort nicht verstanden). Geri Müller: Diese Zahlen habe ich nicht präsent, können Sie mir Ihre Quelle nennen? Wigdorovits: Ja, Moment, muss grad schnell nachschauen. Ja, diese Zahlen habe ich von ... von CIA World Factbook... (hörbares Murmeln im Publikum). – Ein Hinweis zur Quellenlage: Das CIA World Factbook nennt z.B. als Hauptstadt Israels Jerusalem, obwohl selbst die USA aufgrund der Resolution 478 des UNO Sicherheitsrats von 1980 ihre Botschaft nicht in Jerusalem, sondern in Tel Aviv haben.

Sybille Oetliker wurde von Sacha Wigdorovits etwas weniger persönlich angegriffen. Sie musste deshalb weniger sich selbst als die ganze Zunft der Journalisten und Journalistinnen verteidigen. Denn gemäss Wigdorovits sind die Schweizer Medien in Sachen Israel generell und ganz einfach voreingenommen, parteiisch und antisemitisch.

Gleiche Augenhöhe

Zum Schlusswort aufgefordert, verlangte Geri Müller nicht mehr und nicht weniger als «gleiche Augenhöhe» bei dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Gleiche Augenhöhe! Geri Müller, sinngemäss: Jetzt gibt es eine Chance. Wenn auch Palästina ein eigener Staat ist und weltweit – und also auch von der UNO – als solcher auch anerkannt wird, können die beiden Staaten auf gleicher Augenhöhe miteinander verhandeln. Friedensverhandlungen zwischen einem Besatzer und einem Besetzten, wie es Israel und bis heute die USA fordern, werden nie zu einem gerechten Frieden führen.

Wenig echt Neues

Neue Fakten zum Konflikt im Nahen Osten brachte die Veranstaltung in Basel für den interessierten und informierten Zuhörer wenig. Etwas allerdings wurde deutlich: Die Vertreter der evangelischen Kirche waren alle klar auf der Seite der heutigen Regierung in Israel; die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik Israels ist für sie kein Thema. Offensichtlich ist hierzulande die Situation nicht viel anders als in den USA: Zu den besten «Freunden» der israelischen Regierung gehören dort die Gläubigen der christlichen (evangelischen) Kirchen. Das ist mit ein Hauptgrund, warum Barak Obama – zufällig nur Stunden nach der Basler Veranstaltung – seine ursprüngliche Vision vom Aufbruch der arabischen Welt und von seiner Unterstützung dieses Aufbruchs (man errinere sich an seine Rede in Kairo!) dem Akten-Shredder übergab und sich gegen seine eigene Überzeugung zu 100 Prozent hinter Israel und dessen Siedlungspolitik stellte. Und sich, notabene, damit in der Mittelostpolitik definitiv als ein politisch Gescheiterter präsentierte. Er kann es sich in den USA, zumal im Hinblick auf baldige Wahlen, offensichtlich nicht leisten, neben der finanzstarken Israel Lobby auch noch die Evangelikalen ins Lager der Republikaner abwandern zu sehen. Da verzichtet man halt schon mal auf die eigenen An- und Absichten. Hauptsache, man wird wiedergewählt...

Israel als Verlierer

Der letztlich Leidtragende der ganzen Auseinandersetzung wird allerdings schon bald Israel selber sein. Denn im Gleichschritt der Abdankung der USA als Weltmacht – moralisch, wirtschaftlich, militärisch – wird auch Israel abdanken müssen. Es hat sich mit seiner mit nichts zu rechtfertigenden Siedlungspolitik in die internationale Isolation manövriert und hat sich zu einseitig auf seine Schutzmacht, die USA, verlassen. Die Tragödie ist programmiert.

Es ist zu befürchten, dass die Gläubigen der christlichen Kirchen in aller Welt mit ihrer unbedachten, einseitigen Unterstützung der israelischen Regierung den in Israel lebenden Juden letztlich Schaden zufügen. «Denn sie wissen nicht, was sie tun», liesse sich ihre Haltung charakterisieren.

Apropos: Was man in den USA und auch in der Schweiz viel zu wenig zur Kenntnis nimmt, ist die Tatsache, dass auch in Israel selber keineswegs «unité de doctrine» herrscht. Auch in Israel selber sind viele Menschen, sehr viele Menschen überzeugt, dass es jetzt die letzte, die allerletzte Chance wäre, auf die Palästinenser zuzugehen und unter Verzicht auf die imperialistische Siedlungspolitik echten Frieden zu suchen. Siehe dazu den exemplarischen Kommentar des israelischen – und natürlich jüdischen – Journalisten Gideon Levy in der israelischen Tageszeitung Haaretz (18.9.2011). Er steht nicht «Einer für Alle», aber doch «Einer für Viele».

http://www.haaretz.com/print-edition/opinion/obama-s-historic-opportunity-1.385084

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Gideon Levy zur momentanen Situation Israels in der Welt
So wird in der Schweiz pro Israel PR gemacht
Auch unter den Schweizer Juden sind die Meinungen geteilt (Leserbrief in der NZZ vom 22.9.2011)

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