Chinas Schwimmer Sun Yang, 2x Olympia-Gold und Doppelweltmeister fordert Michael Phelps von den USA © cc

Olympia ist eine nationalistische Paranoia

Peter G. Achten / 27. Jul 2016 - Es naht Olympia in Rio. Einmal mehr vermengen sich Spitzensport, Weltpolitik und Patriotismus. China mischt kräftig mit.

So friedlich sich die olympischen Funktionäre und die Sportler aus 206 Ländern auch geben, der Schein trügt. Beim Wettkampf steht Kampf im Vordergrund. Kampf fürs Vaterland, kurz Patriotismus, Nationalismus, Chauvinismus. Der Medaillenspiegel widerspiegelt die Stellung in der Welt. So überflügelte China mit 51 Goldmedaillen bei den Pekinger Sommerspielen 2008 erstmals die USA. Vier Jahre später schlugen die USA mächtig zurück und demütigten das Reich der Mitte mit 46 zu 38 Goldmedaillen und mit 103 zu 88 Medaillen insgesamt. Mit andern Worten: Die Zahl der Olympia-Medaillen gibt akkurat die Weltpolitik wieder mit den beiden Supermächten des 21. Jahrunderts China und den USA.

Medaillen, Medaillen, Medaillen

Für die mittleren und kleinen Nationen sind die Olympischen Spiele ebenfalls eine Bühne, um sich national hervorzutun. Jeder Sieger, kaum durchs Ziel, greift zur Nationalflagge und hängt sie sich um die Schultern. Welch ein Unsinn!

Was zählt – nicht für den Athleten notabene, sondern für das Land – sind die Medaillen. Wie wir hören soll die Schweiz mit seinen 109 Athletinnen und Athleten mindestens 5 Medaillen holen. Etwas wenig fürs Vaterland… Danach werden dann die Medaillierten im Schweizer Leitmedium des Boulevard-Journalismus als «Helden» gefeiert.

In China ist es natürlich nicht anders. Schliesslich gilt es, den Amerikanern nicht nur im Südchinesischen Meer, sondern auch im Sport Paroli zu bieten. Das Ziel der Zentralen Chinesischen Sportbehörde ist klar: Die Siege und Erfolge der letzten Jahre müssen in Rio «gehalten oder sogar ausgebaut» werden. Die Chancen, dass das gelingen wird, sind gross. Die langjährige Aufbauarbeit auf breiter Basis garantiert dies. Ab Kindesalter werden die Besten der Besten gefördert, trainiert und geschlaucht.

Properer Eindruck

Nach einer Meldung der offiziellen Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) wird eine Delegation mit 256 Frauen und 160 Männern nach Brasilien reisen. Das jüngste Delegationsmitglied ist mit 14 Jahren Ai Yanhan (Schwimmen, 200 m Freistil) und das älteste mit 38 Jahren Chen Ying (Schiessen). Unter den 416 Athletinnen und Athleten gibt es auch 35 Olympiasieger.

Wie in der Schweiz wird auch in China nichts dem Zufall überlassen. Das gilt insbesondere für die Athleten-Uniform. Schliesslich ist Inszenierung alles. Die männlichen Chinesischen Olympioniken tragen ein rotes Jacket, ein weisses Hemd und eine bunte Krawatte, weisse Hosen und weisse Schuhe. Ob die Socken rot oder weiss sind, geht aus der offiziellen Mitteilung nicht hervor… Die Damen – oder wie es heute heisst: Frauen – treten in einem gelben Blazer auf mit weissem Hemd und mehrfarbigem Halstuch aus chinesischer Seide, weissem Rock und weissen Schuhen. Damit wird China bei der Eröffnung der Spiele am 5. August bereits einen properen, guten Eindruck machen.

Die «Sechs Jade-Minen»

Sportlich hat China natürlich einiges zu bieten. China ist in 26 von 28 olympischen Sportarten vertreten, einzig im Handball und Rugby-Seven konnten sich die chinesischen Teams nicht qualifizieren. Die «sechs Jade- oder Gold-Minen» sollen das vorgegebene Ziel garantieren: Im Gewichtheben, Schiessen,Turnen, Badminton, Turmspringen und natürlich im Tischtennis sollte es Gold vom brasilianischen Himmel regnen. In London 2012 gingen allein 26 der insgesamt 38 Goldmedaillen aufs Konto der «sechs Jade-Minen». Im Tischtennis und Badminton – unter Sportbanausen auch als Federball bekannt – ist die chinesische Dominanz absolut. Badminton-Superstar Lin Dan ist in China so bekannt wie Roger Federer.

Superstar Sun Yang

Auch das Turmspringen ist fest in chinesischer Hand. An den letzten Weltmeisterschaften gingen 10 von 13 Goldmedaillen an das Reich der Mitte. Aber auch ausserhalb der Jade-Minen-Diszipline ist China schwer im Kommen. Der 24 Jahre alte Schwimm-Superstar Sun Yang (bisher 2 Goldmedaillen und Doppel-Weltmeister) wird Amerikas 31 Jahre alten Michael Phelps (18 Goldmedaillen) spannende Wettkämpfe liefern.

Dass China den Anti-Doping-Kampf ernst nimmt, zeigt auch die stillschweigende Nicht-Nomination von erfolgreichen Schwimmern. Freistil-Schwimmerin Qiu Yuhan wird ebenso fehlen wie der Junioren-Weltrekordhalter Wang Lizhou. Auch in der olympischen Königsdisziplin Leichtathetik ist China nicht ganz chancenlos. Dreisprung-Weltmeister Dong Bin und Hochspringer Zhang Guowei sind Medaillen-Anwärter, ebenso wie die 4x100 Meter-Staffel, die an den letzten Weltmeisterschaften Silber erspurtete.

Doping

Was die Rio-Vorbereitungen allerdings stört, ist die üble Affäre um das vom Staat gesteuerte Doping in Russland und die Haltung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Russlands Leichtathleten sind vom Internationalen Leichathletik-Verband bereits für die Rio-Spiele gesperrt worden. Der Einspruch des Russischen Olympischen Komitees ist eben vom Internationalen Sportsgerichtshof CAS abgelehnt worden. Die Internationale Antidoping-Behörde Wada empfahl, Russland ganz von den Spielen zu verbannen. Das IOC unter dem Vorsitz des Deutschen Thomas Bach – einem bekennenden Putin-Freund – hat jedoch anders entschieden: Die jeweiligen Weltverbände sollen über eine Teilnahme der Sportler entscheiden.

«Schockierende Aggressivität»

Einen Komplett-Ausschluss für das Russische Team bei den Spielen in Rio lehnt China grundsätzlich ab. China geht zwar gegen Doping-Sünder rigoros vor, doch wittert das offizielle China hinter der pauschalen Aktion gegen Russland westliche Staaten und Sportverbände. In einem Kommentar der «Global Times» – einem Ableger des Partei-Sprachrohrs «Renimin Ribao» (Volkszeitung) – werden der «Westen und westliche Medien» pauschal der «Paranoia» bezichtigt. Man habe mit Absicht Russland als «Ziel Nummer 1» ausgesucht. Der parteiliche Kommentator schreibt: «Westliche Antidoping-Agenturen verlangten, dass das ganze Russische Team ausgeschlossen wird. Diese Aggresivität ist schockierend». Doping müsse sicher ausradiert werden. Aber, fragt der Kommentator, «ist es glaubwürdig, dass alle russischen Athleten mit Doping aufgeputscht werden?». Ein Ausschluss Russland sei nichts weniger als ein Verstoss gegen die Olympischen Ideale. Der von den USA angeführte Westen wird mit andern Worten für das russische Doping-Debakel verantwortlich gemacht.

Genau an diesem Punkt treffen sich Spitzensport und Weltpolitik. Es geht ohne jede Rücksicht um Prestige, Macht, Geld – und ums Vaterland.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Peter Achten arbeitet seit Jahren als Korrespondent in Beijing. Soeben ist sein neustes Buch «Abschied von China» erschienen. Die westliche Wahrnehmung von China reicht von Euphorie bis zu pechschwarzem Pessimismus. Achten urteilt differenziert. Stämpfli-Verlag 2016, 48 CHF

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