Muhammad Ali Boxen © Ian Ransley/flickr/cc

«The King» – Boxen kann mit Fug als die primitivste aller Sportarten bezeichnet werden.

Boxer-Demenz wird verheimlicht

Niklaus Ramseyer / 07. Jun 2016 - Muhammad Ali «nach langem Leiden an Parkinson» gestorben, melden alle Medien. Sie verheimlichen den wahren Befund: Boxer-Demenz.

«Der Grösste, der Beste, der Schönste» sei, erst 74-jährig, «ausgezehrt vom jahrzehntelangen Kampf gegen die Parkinson-Krankheit», verstorben: So können wir nun überall über den Tod des weltberühmten Boxers Muhammad Ali (formerly known as Cassius Clay) am vergangenen 3. Juni lesen, hören und sehen. Man könnte auch sagen: «Der Ärmste». Was nämlich fast überall verschleiert wird: Das mit «Parkinson» ist eine Beschönigung. Woran der arme Mann tatsächlich litt, ist unter Neurologen als «Boxer-Demenz» allgemein bekannt. Fachbegriff: «Dementia pugilistica» oder auch «Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE)».

Schutzhelm hilft nicht

Viele Boxer tragen solche chronische Schäden davon. Auch in der Schweiz (und in Bern) gibt es Beispiele. Die Boxer-Demenz CTE entsteht durch unzählige, systematische Erschütterungen des Gehirns, wie sie ein normal lebender Mensch in seinem ganzen Leben nur in ganz wenigen aussergwöhnlichen Situationen erleiden muss. Die Helme, welche Boxer an der Olympiade tragen müssen, helfen dagegen auch nicht: Sie schützen nur vor äusserlichen Verletzungen (an Augenbrauen etwa). Das im Schädel «schwimmende» Hirn wird bei wiederholten brutalsten Faustschlägen mit oder ohne Helm stets massiv erschüttert und belastet. Das kann – auch Jahre nach der aktiven Boxer-Karriere – zu eben dieser Demenz führen.

Vorgeführt wie ein Tanzbär

Clay/Ali zeigte schon lange die dafür typischen Symptome: Er wurde seit Jahren nur noch wie ein Tanzbär herumgeschoben und vorgeführt. Das ist unwürdig. Noch schlimmer ist jedoch, dass die üblen Folgen des Boxens systematisch mit Scheinbefunden wie eben «Parkinson» oder auch etwa Alzheimer verschleiert und beschönigt werden. Sportjournalisten sind auch da die willigen und unkritischen Komplizen der Funktionäre, die mit einer brutalen «Sportart» grosses Geld machen. Einer, der (als Ausnahme) dies durchschaut und die Gefahren erkannt hat, ist Sugar Ray Leonard: Ein intellektueller und gescheiter Spitzen-Boxer, der mehrmals Weltmeister war. Aber nur wenige Profikämpfe absolvierte. Führende Neurologen sind längst der Meinung, Boxen müsste zum Schutz der Boxer eigentlich verboten werden.

Primitivste Sportart

Boxen kann mit Fug als die primitivste aller Sportarten bezeichnet werden. Es geht ja nur darum, den Gegner mit Faustschlägen so zu schädigen, dass er nicht mehr aufstehen kann («zbodeschla» oder «knock him out»). Schon Schwingen ist dagegen ein grosser Fortschritt und sehr zivilisiert. Ziel ist hier, den Gegner auf den Rücken zu legen, ohne ihn zu verletzen. In der Sportsystematik folgen auf diese Kontakt-Wettkämpfe in der Entwicklung die «Schneller-von-A-nach-B-Sportarten», welche dem Prinzip «schneller, höher, weiter» folgen. Am höchsten entwickelt sind diese wohl in der Formel 1, in der es auch schon Teamwork und Ingenieurleistung für den Erfolg braucht. Taktik kommt dann immer mehr auch in «bipersonalen» Kämpfen, wie etwa im Tennis, ins Spiel. Und bei den Mannschaftssportarten, wie Fussball oder Eishockey, spielen auch starke soziale Elemente hinein. Da ist der Sport dann am höchsten entwickelt. Körperliche Schädigungen sind hier nicht mehr Ziel und Zweck, sondern unerwünschte Nebenerscheinungen – auch als Folge falscher oder zu lasch ausgelegter Regeln.

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4 Meinungen

Niklaus Ramseyer hat einen Beitrag gebracht, wie man ihn in der Normalpresse nicht vorfindet. Sage ich als einer, der damals zwar zum Beispiel für den Kampf des Jahrhunderts zwischen Fraser und Ali/Clay noch morgens drei Uhr aufgestanden ist und für den Stil und das Charisma des Verstorbenen durchaus etwas übrig hatte. Noch wahnsinniger war freilich der schon seit längerem verstorbene Jo Frazer, weil er im Kampf gegen Ali den Kopf vorsätzlich weniger schützte als den Bauch und den Gegner mit Bauchschlägen ermüdete, so den Kampf gewann, aber mit definitiven bleibenden Schäden. Sieger und Verlierer waren für den Rest ihres Lebens kaputt. Selbst wenn es relativ ist zu sagen, Boxen sei die primitivste Sportart, weil zumindest das Training und die Leichtgewichtsklassen als hochathletische Sportstätigkeiten einzuschätzen sind, bleibt es dabei, dass die Bewunderung für KO-Schläge auf den Index gehört. Ich hätte auch für Millionen Franken auch nur einen Kopf-Volltreffer in der Art von Frazier - Ali nie einstecken wollen, wäre für den Rest des Lebens wohl für geistig orientierten Beruf ausgefallen, zu schweigen von den sonstigen bleibenden Schäden, wie sie auch Ingemar Johannson, den ich als Jugendlicher durchaus bewunderte, tragen musste. Allenfalls war unter den Schwergewichtsboxern der Schaden bei Mike Tyson noch am geringsten, weil es bei seinem Kopf nicht mehr sehr viel kaputtzumachen gab. Nach Alis medialer Heiligsprechung, Gott hab ihn selig, war dieser Beitrag wohl notwendig.
Pirmin Meier, am 07. Juni 2016 um 12:27 Uhr
Ausgezeichnet formuliert und richtig. Es hinterlässt ein schales Gefühl, wenn nun vermeintliche und echte Grössen der Welt den Tod von Ali als PR-Sprungbrett nutzen. Man kann seinen Tod durchaus bedauern und auch seine guten Seiten loben. Aber der Hinweis auf diese absusrde Sportart mit schrecklichen Folgen wäre zwingend. Und ob Boxen ein Sport ist im Sinne, wie wir ihn unseren Kindern empfehlen möchten, wage ich zu bezweifeln...
SK (Ärztin)
Silva Keberle, am 07. Juni 2016 um 15:16 Uhr
Danke, dass das wieder einmal klar gesagt wird!
Bei der Klassifikation der Sportarten nach Primitivität kann ich dem Autor allerdings nicht zustimmen. Boxen wäre an sich technisch anspruchsvoll, genauso anspruchsvoll wie Formel-1-fahren.
Das einzige (dafür umso grössere) Problem ist, dass es nicht nur erlaubt, sondern geboten ist, den Gegner k.o. zu schlagen. Die Absicht, den Gegner zu verletzen, ist in meinen Augen mit sportlicher Fairness nicht zu vereinen.
Daniel Heierli, am 07. Juni 2016 um 18:19 Uhr
Im Gegensatz zu früher ist es heute möglich, z.B. über youtube, die «20 most brutal knockouts in history» oder ähnliche Seiten zu konsultieren, sofern man es erträgt. Sicher ist, dass der Unterschied zu Kampfhundeschlachten und Hahnenkämpfen relativ ist und dass, wenn es Tiere wären statt Boxer, in den zivilisierten Staaten solche Kämpfe mutmasslich verboten würden. Leider sind auch bei den leichteren Gewichtsklassen absolut brutale KOs dokumentiert. Über alles gesehen wundere ich mich doch, dass einige Boxer trotz KO-Niederlagen noch ein relativ hohes Alter erreicht haben, wiewohl man sicher bei den meisten nicht alles über ihren Gesundheitszustand in Erfahrung bringt.
Pirmin Meier, am 08. Juni 2016 um 16:30 Uhr

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