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Fällander Tagebuch 2

Katzenscheisse, Gämsen, Fussabdrücke und Bigbang

Jürgmeier / 16. Okt 2016 - Wachstum ohne Grenzen, das Überhandnehmen von allen & allem wird zur ökologischen Belastung und bringt alle & alles in Gefahr.

18. September 2016

Die laufend erweiterte & diversifizierte Produkte- sowie Dienstleistungspalette für Haustiere – vom Katzenfummelbrett, der Outdoorjacke Jack über die Thalassotherapie für Hunde bis zum GPS-Halsband und der Künstlerurne für Haustiere in allen Grössen – illustriert eindrücklich, was Wachstumsgesellschaft konkret bedeutet. Sind die Grundbedürfnisse einmal gedeckt, kennen Innovation & Zerstörung keine Grenzen mehr. Inklusive Milliardenbusiness mit Waffen, die nur angehäuft werden, sagen sie, damit sie nicht eingesetzt werden müssten. Einem Geschäft, das dann periodisch doch mit einem anständigen Krieg wieder etwas angekurbelt wird.

Bei Katzen & Hunden genügt es, pflegeleichte, am liebsten in modischen Taschen transportierbare Gattungen zu züchten, und schon überlegt sich manche & mancher, ob so ein Hundchen oder Kätzchen nicht auch noch zum kleinen Glück gehören würde. Was auch den Mann freut, den ich vor ein paar Jahren beim Joggen noch als einen dieser ganz normalen, womöglich arbeitslosen Hündeler gegrüsst habe, die sich, ganz Tierversteher*innen, längst nicht mehr, egoistisch, mit einem dieser treusten Freunde des Menschen begnügen. Inzwischen fährt er – Stichwort Vereinbarkeit von Beruf & Hund – mit einem seiner Dogwalkercaravans vor und lässt seine Angestellten mit bis zu zehn Hunden der Glatt entlangspazieren.

Und wir merken uns, noch bei Tageslicht, wo der Katzenkot liegt. Damit wir nach einem Kino- oder Theaterbesuch nicht mitten in der Nacht fluchend Schuhe & Treppenhaus putzen müssen. Wer ärgert sich in Aleppo über Katzenscheisse zwischen den Trümmern? Gibt es da überhaupt noch – Katzen?

19. September 2016

Es gibt einfach zu viele Katzen & Hunde. Aber auch Flüchtende, Alte, Menschen mit Behinderungen, Sozialhilfe-Empfänger*innen sowie Menschen im Allgemeinen erscheinen, wegen ihres Überhandnehmens, (wieder einmal) als Problem & Belastung. Zum Beispiel in Zusammenhang mit Sozial- & Gesundheitskosten, Ressourcenverbrauch & Umweltbelastung. Wir sind schlicht & einfach zu viele, viele zu viel. Nur, wer genau ist überzählig? Du oder ich? Oder nur jene, die noch kommen könnten? 

«Welchen Sinn sehen Sie darin, Kinder auf die Welt zu bringen?», lautet Frage 11 im heutigen Tagesanzeiger-Fragebogen. Und bevor er zum Schluss um einen Witz gebeten wird, gibt der Schweizer Filmregisseur Rolf Lyssy zur Antwort: «Das muss eine Frau beantworten, denn sie entscheidet, ob sie das will oder nicht. Heutzutage mehr als je zuvor.» Ist das die Retourkutsche auf das feministische «Mein Bauch gehört mir?» Kinder sind Frauensache. Mehr denn je?

Der Club of Rome schlägt, «zwecks Rettung des Planeten» (Tagesanzeiger, 19.9.2016) vor, «Kinderlosigkeit bei Frauen mit einer Prämie von 80‘000 Dollar zu belohnen», denn weil es «fast unmöglich sei, existierende Leute von Einschränkungen zu überzeugen, sei es effektiver, die Existenz weiterer Menschen zu verhindern», fasst Constantin Seibt zusammen und zitiert Co-Autor Jorgen Randers mit dem Hammersatz: «Meine Tochter ist das gefährlichste Tier von allen.» Kinder sind auch nur Menschen, und die produzieren kleinere oder grössere ökologische Fussabdrücke, können sozialhilfebedürftigbehindertalt werden, zu uns flüchten und Katzen oder Hunde kaufen. «Nichts, was man tut, schädigt die Umwelt mehr, als ein Kind zu zeugen.» Gibt Seibt dem Club of Rome recht und nimmt auch die Männer in die Pflicht. Um umgehend daran zu erinnern, dass «alle Philosophien, die den Menschen als Schädling betrachteten … nicht Bescheidenheit, sondern Scheusslichkeiten» hervorgebracht hätten.

Wo der Mensch als Belastung erscheint, weil er sich nicht (mehr) rechnet, ist sein Leben in Gefahr. Dem Ökosystem Erde ginge es deutlich besser, wenn wir nicht wären, wenigstens nicht alle. Paradoxerweise sind aus ökologischer Perspektive ausgerechnet die ökonomisch Produktivsten & (Erfolg)Reichsten das grösste Problem. Wer die bereits Lebenden im Hinblick auf die Entwicklung nachhaltiger Lebensformen & Kulturen aufgibt – was der Club of Rome nicht tut, sondern auch eine ganze Reihe anderer Massnahmen zum Umbau der Weltwirtschaft vorschlägt –, legt nicht nur (ungefragt) die von uns hintertriebene Zukunft in die Hände nachgeborener Aufräumer*innen, sondern verschärft, zugunsten der Rettung des Planeten, den selektiven Blick auf jene, die nach uns kommen oder, besser, nicht mehr kommen.

22. September 2016

Die junge Frau im Zug, an der Türe stehend, auf dem ärmellosen T-Shirt, Gold auf Schwarz, «Welcome to paradise» über Brust & Bauch. Die vielen anderen Botschaften auf Kleidern & Haut kann ich, aus respektvollem Abstand, nicht lesen, ohne Gefahr zu laufen, als «alter Glüschtler» dazustehen. Wen heisst sie in welchem Paradies willkommen? Den unbekannten Liebhaber in ihren Armen? Das Kind, das sie mit ihm zeugen wird, in dieser Welt? Flüchtlinge in der Schweiz? «Welcome to paradise»? Liebesroman oder politisches Statement einer Schriftstellerin, die keinen Verlag gefunden und sich selbst zum Buch gemacht? Oder ist sie doch nur ein Fan der US-amerikanischen Punkrockband Green Day, die in einem ihrer Lieder singt: «I want to take you through a wasteland I like to call my home // Welcome to paradise»?

24. September 2016

Der «Administrativaufwand» stehe in einem «Missverhältnis zum ‹erwarteten Nutzen›» begründet der Bundesrat laut Tagesanzeiger vom 24.9.2016 die Ablehnung einer Motion, die den Begriff «invalid» in der nationalen Gesetzgebung auswechseln will. «Allein in der Bundesverfassung steht dieser Ausdruck an 35 Stellen, in den nationalen Gesetzestexten finden sich ungezählte weitere Nennungen.» Pikant, dass der Bundesrat die Beibehaltung des Begriffs «invalid» mit Aufwand & Nutzen begründet. Im Herkunftsduden wird «invalid» mit «dienst-, arbeitsunfähig (aufgrund von Gebrechen)» umschrieben. Das aufs lateinische «invalidus» zurückgehende Wort bedeute «kraftlos, schwach, hinfällig», heisst es, fast unverfänglich, weiter. Erst der Hinweis auf die Verwandtschaft zu «Valuta» – «Wert, Gegenwert, Geld…» – und das zum gleichen Stamm gehörende «valere» – stark sein; gelten, vermögen; wert sein» – enthüllt den wahren Charakter des buchhalterischen Unworts. Kein Zufall, dass das Adjektiv «invalidus» nicht konsequent übersetzt wird. Wer wollte, nach allem, noch einen Menschen, deutsch & deutlich, als «ohne Wert» einstufen? Da behelfen wir uns lieber mit dem harmlosen «IV-Bezüger*in».

28. September 2016

Immer wieder das Erstaunen darüber, dass Störche & Fischreiher mit offenem Schnabel über Felder stolzieren, angeflogen kommen, kaum sind Gras oder Getreide geschnitten, der Boden umgepflügt. Ohne GPS & Handy.

3. Oktober 2016

Auf der Zugfahrt durchs Tösstal, diesem Sekten- und SVP-Land, sehe ich etwas oberhalb der Station Fischenthal ein paar Gämsen. Ich traue Augen & Hirnwindungen nicht, degradiere sie zu Ziegen. Aber der Kollege aus alter Zeit bestätigt in Steg den ersten Gedanken, er habe sie auch schon vor seinem Haus gesehen. Vielleicht ist die Welt doch noch zu retten, solange Gämsen im Züri Oberland heimisch sind. Oder sind es vor Tourist*innen aus den Bergen ins Unterland Geflüchtete?

Während wir an Holzbänken vorbei – die an die fast schon vergessenen Brüder Schoch erinnern, die mit ihren Brettern an Olympischen Spielen & Weltmeisterschaften Edelmetall gesammelt – Richtung Ghöch aufsteigen, illustriert er mit eindrücklichem Bild – einem Buch von Harald Welzer entnommen – den Ressourcenverbrauch eines Smartphones. Einen ganzen Kühlschrank, graue Energie & Infrastrukturen für Datenspeicherung eingerechnet, schleppten die übers Display Gebeugten, symbolisch, auf dem Rücken als Energie-Äquivalent mit. Was müssten die Fliegenden mit sich tragen, die jetzt, Herbstferien, wieder in alle Welt hinausschwärmen und überall die frohe Botschaft verkünden: Siehe, es gibt ein besseres Leben? Wieder zu Hause, stimmen, da & dort, auch weit gereiste Tourist*innen für Mauern, um den Reichtum vor ärmlichen Neider*innen zu schützen.

Bevor sich absehbare Zusammenbrüche in unser Gespräch drängen, zücke ich, etwas verschämt, mein Handy. Das Oberland ist kein Funkloch, die SBB-App gibt mir zuverlässig an, welchen Bus ich in Bäretswil erreichen muss, um rechtzeitig in Wetzikon zu sein. Der Kollege hat der Umweltfrage über die Jahrzehnte die Treue gehalten, während ich mich nicht immer mit dem gleichen & beklemmenden Thema befassen wollte, es aber auch nie aus den Augen verloren habe. Dass die Schweizer Stimmbürger*innen nicht einmal für die hellgrüne Wirtschaft ein Ja, ein klares Ja eingelegt, scheint ihn zu bedrücken. Seit vielen Jahren hoffe er auf den rechtzeitigen Zusammenbruch. Die Katastrophe als Lernfeld? Frage ich, mit Verweis auf Sloterdijk, skeptisch. Muss aber einräumen, dass auch ich das Ende des Wachstums – mit dem einige alle sozialen & wirtschaftlichen Probleme lösen wollen – für zwingend halte. Ob das ohne den Bigbang gehe? Die Frage bleibt ohne überzeugende Antwort. Wie das alte Dilemma, wie Gewalt ohne Gewalt beendet, ungerechte Verhältnisse überwunden werden können, ohne dass jene, die unter ihnen leiden, den höchsten Preis bezahlen. Die Rede zweier alter Männer, denen der Bigbang, vermutlich, nicht mehr viel anzuhaben vermag, weil sie der kleine davor bewahren wird? Aber der Enkel – sein Leben, seine Zukunftspläne könnten unter irgendwelchen Zusammenbrüchen begraben werden. Womöglich müsste er fliehen. Wohin?

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Eine Meinung

Zum Thema Wachstum ist hocherfreulich auch wieder mal ein Artikel von Urs P. Gasche im Tages-Anzeiger Magazin von gestern erschienen, las es erst heute beim Frühstück, so etwas müsste Infosperber nicht unter dem Tisch halten. Übrigens, Herr Sprachkünstler Jürgmeier, haben «Flüchtende» in der Schweiz die Eigenschaft, nicht unbedingt Flüchtende bleiben zu wollen, mit Ausnahme von denjenigen, welche die Bedingungen in Deutschland noch «optimaler» finden.
Pirmin Meier, am 16. Oktober 2016 um 12:55 Uhr

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