Ein Atomkrieg wäre die «natürlichste» Sache der Welt © Jürgmeier
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Im Namen der Natur (*) zum Zweiten

Jürgmeier / 18. Aug 2016 - Wenn (Medien-)Welten bedrohlicher zu werden scheinen, versprechen Ferien in den Bergen Gemütlichkeit. Engadiner Tagebuch 6.

2. August 2016

An einem Bergsee im Engadin einen Gedanken noch einmal denken, der mir schon vor über dreissig Jahren zum ersten Mal zugefallen, hat etwas Beunruhigendes. Wer sich selbst zitieren kann, ist alt geworden. Und vor allem: Habe ich nicht weiter gedacht? Hat sich die Welt nicht verändert? Oder ist mir, damals, tatsächlich etwas «Gültiges» eingefallen? Eine Fortsetzung & eine Wiederholung.

Die Einheit von «Mensch» & «Natur»

«Mensch» & «Natur» bilden eine dialektische Einheit. Dass diese auf dem Planeten Erde im Moment «den Menschen», ja, sämtliche Lebewesen & ihre Lebensmöglichkeiten zu zerstören droht, ist kein Beweis dafür, dass sie zerbrochen ist. Im Gegenteil, gerade, weil zwischen «Mensch» & «Natur» eine Einheit besteht, hat die unselige Entwicklung von Teilen menschlicher Kultur die heute sichtbar werdenden verheerenden Auswirkungen auf menschliche & nicht-menschliche Bereiche der «Natur». Die Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen ist mit der Zerstörung der Lebensgrundlagen schlechthin identisch.

Dass wir uns als Individuen und Gesellschaft künftig «ökologischer» verhalten müssen, ist ebenso unbestreitbar wie nichtssagend. Wenn die Ökologie von denselben Leuten, die der traditionellen Naturwissenschaft, zu Recht, ihre Mitverantwortung für die heutige Zerstörung vorwerfen, zum Absoluten erhoben wird, verkommt Wissenschaftskritik zu einem neuen Wissenschaftsfetischismus. So schreibt die deutsche Publizistin Manon Maren-Grisebach über die Grundlagen der Grünen: «Das ist nicht Glauben, Überzeugung, sondern Wissen.» Wolf-Dietrich Hasenclever fordert die «Einordnung allen materiellen menschlichen Handelns in die Zusammenhänge der Natur» und postuliert das «Primat der Ökologieverträglichkeit».

«Natur» & «Himmel» legitimieren Irdisches

Wenn ökologische Erkenntnisse als «Sozialökologie» auf das «Gebiet des Menschlichen» übertragen werden, wird «Natur», dem religiösen Himmel gleich, zur Projektionsfläche, die reflektiert, was je gesellschaftlichen Interessen entspricht. Das Bild der «Natur» wird nach den Plänen irdischer Verhältnisse konstruiert, um deren Erhaltung beziehungsweise Herbeiführung über den Umweg des «Natürlichen» zu erzwingen und gegenüber der breiten Bevölkerung zu legitimieren. Es ist offensichtlich, dass die Propagierung «natürlicher» Hierarchien, «natürlicher» Autorität, «natürlicher» Geschlechterunterschiede, «natürlicher» Selektion usw. ebenso wenig mit «Natur» zu tun hat wie der bemitleidenswerte liebe Gott mit all den angeblich von seiner Hand eingesetzten König*innen, Kaiser*innen und Päpsten.

Wenn, beispielsweise, in Zusammenhang mit der Krankheit AIDS erklärt wird – wie dies der amerikanische Journalist Buchanan getan hat –, die «Natur» fordere «ihre furchtbare Vergeltung», weil wir ihr «mit Laster und Ausschweifung den Krieg erklärt» hätten, dann wird deutlich, dass zur Verfolgung missliebiger, «widernatürlicher» Sexualformen, zum Beispiel der Homosexualität, und zur Durchsetzung einer ganz bestimmten Sexualmoral die «Rache der Natur» bemüht wird, als wäre diese «Natur» ein gottähnliches Subjekt. Wenn Konrad Lorenz erklärt, das grösste «Verbrechen der pseudodemokratischen Doktrin» sei es, «das Bestehen einer natürlichen Rangordnung zwischen zwei Menschen als frustrierendes Hindernis für alle wärmeren Gefühle zu erklären», wenn das neofaschistische Organ «Nation Europa» die «Überflutung Europas mit afro-asiatischen Einwanderern» nicht nur als «wirtschaftlich und kulturell, sondern auch als ökologisch unsinnig» bezeichnet, wird im Namen der «Natur» Gesellschaftspolitik betrieben.

Immer wieder ist in der Geschichte «der Menschen» das gesellschaftlich Unerwünschte als «unnatürlich, entartet», «gegen den Willen der Natur beziehungsweise Gottes verstossend» diffamiert, ausgegrenzt und in letzter Konsequenz ausgerottet worden. Wenn die Nazis die Ermordung von Millionen von Menschen in ihren Vernichtungslagern als der dem «Gesetz der Natur» folgende Sieg des «Stärkeren» über den «Schwächeren» feierten, haben sie damit «nur» den Missbrauch des «Mythos Natur» in seiner letzten & brutalsten Konsequenz sichtbar gemacht.

Alles ist «natürlich»

Auch jene, die unkritisch auf die «friedliche Natur» setzen, machen sichtbar: Was «Natur» ist, bestimmen immer «Menschen». Die «Natur», welche auch immer, gibt keine Antwort oder wir verstehen sie nicht. «Natur» ist, so oder so, ein menschlicher, ein ideologischer Begriff. Das zeigt sich auch bei Klaus Michael Meyer-Abich, wenn er schreibt: «Wie ich sie verstehe, ist Natur im menschlichen Handeln und mitweltlichen Geschehen die auf das Gute gerichtete Kraft in der Welt.» Diese Denkfigur führt, in seinen eigenen Worten, zur «zunächst paradoxen Konsequenz», «dass nach dem hier vorgeschlagenen Naturverständnis nicht einmal notwendigerweise alles ‹natürlich› ist, was ‹in der Natur› entsteht.»

Mit dieser Art von Mythologisierung machten einige aus der «Natur einen Gott», schreibt Norbert Elias: «Aber die ‹Natur› ist eine Metapher; sie ist nur eines der vielen Symbole, auf die Menschen die Wunschphantasie projizieren können, dass sie von einer Elternfigur, die den rechten Weg weiss, an die Hand genommen und zu Gesundheit und Wohlergehen hingeführt werden. Die Schwierigkeit ist, dass niemand als die Menschen selbst die Entscheidungen treffen und niemand als sie selbst den Weg wissen können.»

Alles ist «natürlich». Wir können uns der unbequemen Tatsache nicht entziehen, dass uns die «Natur» allein lässt, dass «Natur» weder a priori «gut» oder «schlecht» ist, sondern die Gesamtheit der verwirklichten & potenziellen Möglichkeiten des Lebens ausmacht, was schon bei Johann Wolfgang Goethe nachzulesen ist: «Auch das Unnatürlichste ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt, man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.»

«Natur» in diesem Sinne ist das Existierende & Machbare schlechthin. Es gibt nichts von Menschen (oder anderen Lebewesen) in die Welt Gesetztes, das in der Welt, das heisst in der «Natur» als Ganzem, nicht schon als Möglichkeit enthalten ist. So wie der Totschlag, anscheinend, eine durchaus «natürliche» Angelegenheit ist, wäre selbst ein Atomkrieg die «natürlichste» Sache der Welt. Beides ist in diesem «Naturganzen» vorgesehen, potenziell machbar. So wie die nationalsozialistischen Vernichtungslager eine in der «Natur» insgesamt und in der «menschlichen Natur» im Besonderen vorhandene Möglichkeit waren, die durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts zur brutalen Faktizität gemacht worden ist. Der Faschismus ist das Menschenmögliche, das dem Menschen Mögliche, so wie die industrielle Kultur, die heute mit der Vernichtung sämtlicher Lebensgrundlagen auf dem Planeten Erde droht, zum Menschenmöglichen im Besonderen und zu dem der «Natur» Möglichen im Allgemeinen gehört.

Das heisst, so Elias: «Wenn man es mit einiger Distanzierung betrachtet, kann man leicht erkennen, dass die Natur weder gut ist noch schlecht, weder wohlwollend noch böswillig gegenüber den Menschen, sondern nur völlig indifferent. Von allen Manifestationen der Natur besitzen lediglich die Menschen die Fähigkeiten, den ziellosen Fortgang des Naturgeschehens so zu beeinflussen, dass er für sie selbst erfreulicher und nutzbringender sein wird. Sie können auch das Gegenteil tun: sie können Naturereignisse in eine Richtung steuern, die zu Massenvernichtung und grossem Leid für Menschen führt.»

(Utopische) Potenziale des «Natürlichen»

Die in diesem Sinne verstandene «Natur» enthält auch das Potenzial zum Utopischen, umgekehrt wird der Mythos «Natur» häufig dafür missbraucht, die Hoffnung auf Aufhebung von Macht- & Ausbeutungsverhältnissen, Beseitigung geschlechtlicher & sozialer Ungleichheit als «den Gesetzen der Natur entgegengesetzt» zu diffamieren und deren Erhaltung als «natürlich» zu rechtfertigen. Der Begriff «Natur» wird als Korsett gedacht, das Utopische in den Bereich des Illusionären ausgegrenzt. Da ist denn etwa zu hören, Krieg, Ungerechtigkeit, Herrschaft, Kapitalismus usw. gehörten nun mal zur menschlichen «Natur», Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Kommunismus in seinem visionären Anspruch usw. seien, so traurig es auch erscheinen möge, der menschlichen «Natur» fremd, entgegengesetzt. Der Mensch sei des Menschen Feind, das Recht des Stärkeren, so brutal es auch klinge, das «eherne» Gesetz der «Natur». Oder wie es Adolf Hitler formuliert und mit seinen Gefolgsleuten in letzter Konsequenz praktiziert hat: «Der Stärkere hat zu herrschen... Wer leben will, der kämpfe also, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.»

Korsetthaft ist, umgekehrt, auch die Vorstellung all jener, die ihre Utopie einer auf Gleichheit & Gerechtigkeit ausgerichteten Gesellschaft als das von der «Natur» Vorgesehene propagieren. Sie vertrauen auf einen «natürlichen» Automatismus der Verwirklichung des Utopischen. Solche Konzepte von «Natur» unterschlagen, dass die «Natur» alle Möglichkeiten enthält – den Faschismus & die bisher uneingelöste Utopie, Krieg & Frieden, die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde ebenso wie das friedliche Miteinander der verschiedenen Formen des Lebens.

«Natur» zwischen Menschen verhandeln

Es trifft eben gerade nicht zu, dass die «Natur» sich gegen «Verstösse» rächt. Sie lässt, weil sie als Subjekt nicht existiert, auch die Zerstörung als das «Natürliche» zu. Der Mensch kann auf dem Planeten Erde nur selbst des Menschen (und der übrigen Lebewelt) «Retter» sein. Und so kann denn nicht das «Natürliche» der Massstab unseres künftigen Handelns sein, sondern nur die «Verträglichkeit» (neu: Nachhaltigkeit) unserer Kultur- & Lebensformen – die ja ganz andere Ausprägungen als die heute dominierende annehmen können – mit unseren sowie den Lebensgrundlagen auf diesem Planeten insgesamt.

Das vorläufige «Schicksal» der Erde und ihrer Bewohner*innen ist also unter Menschen auszumachen. Sie müssen miteinander verhandeln, welches unsere Zukunft sein soll: Die «natürliche», weil mögliche Zerstörung des Lebens auf diesem Planeten, oder die ebenso «natürliche» Einlösung des Utopischen, das heisst die Verwirklichung einer menschlichen Kultur, als Teil der «Natur», die weder auf Ausbeutung & Beherrschung «des Menschen» noch auf Ausbeutung & Beherrschung des Nicht-Menschlichen durch «den Menschen», sondern auf dem friedlichen Miteinander aller Formen des Lebendigen beruht.

Nach dem Faktischwerden dieser Variante von «Natur» müsste ich in den «unberührten» Bergen die Spuren «der Menschen», «die Menschen» selber nicht länger fliehen. Denn das Menschliche erinnerte mich dannzumal ebenso wie das Nicht-Menschliche an die im «Naturganzen» (auch) vorgesehene Möglichkeit einer «besseren» Welt.

Literatur

  • Gernot Böhme und Engelbert Schramm (Hrsg.): Soziale Naturwissenschaft. Wege zu einer Erweiterung der Ökologie. Fischer Alternativ. 1985. Frankfurt am Main.
  • Ökologie – Naturaneignung und Naturtheorie, in: Dialektik, Nummer 9. 1984. Pahl-Rugenstein. Köln.
  • Norbert Elias: Über die Natur, in Merkur. Klett-Cotta. Juni 1986. Stuttgart.
  • Hans Immler und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Marx und die Naturfrage. VSA-Verlag. 1984. Hamburg.
  • Ulrich Linse: Ökopax und Anarchie – Eine Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland. dtv. 1986. München.
  • Thomas Kluge (Hrsg.): Grüne Politik. Fischer Alternativ. 1984. Frankfurt am Main.
  • Manon Maren-Grisebach: Philosophie der Grünen. Günter Olzog Verlag. 1982. München.
  • Serge Moscovici: Versuch über die menschliche Geschichte der Natur. Suhrkamp. 1982. Frankfurt.
  • Wolfgang Abendroth u.a.: Nicht links, nicht rechts. VSA-Verlag. 1983. Hamburg.
  • Wolf Schäfer (Hrsg.): Neue Soziale Bewegungen: Konservativer Aufbruch in buntem Gewand? Fischer Alternativ. 1982. Frankfurt am Main.

(*) Das Essay «Im Namen der Natur» ist veröffentlicht in: «Der Mann, dem die Welt zu gross wurde – Variationen zur letzten Aussicht», Nürnberg: Lectura-Verlag, 2001. Erste Fassungen erschienen 1984 im Widerspruch und 1987 im Bücherpick.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Infosperber-Redaktor Jürgmeier macht Ferien im Engadin und notiert, was er da von Welten mitbekommt.

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