Amok Waffen USA Schweiz © SRF_KillZoneUSA

«Wenn Föten Waffen hätten, gäbe es keine Abtreibungen» (Larry Pratt, Gun Owners of America)

«Kill Zone USA» oder Männliche Waffenlogiken

Jürgmeier / 24. Mai 2015 - «Wir brauchen gute Menschen mit Waffen als Schutz vor bösen Menschen mit Waffen.» So wird Gewalt legitimiert. Z.B. in den USA.

Im DOK-Film «Kill Zone USA» – auf SRF am 20. Mai 2015 ausgestrahlt und noch bis Ende Juni auf srf.ch abrufbar – sagt Oberschulrat David Thweatt diesen Satz. Ihn hat der Filmer Helmar Büchel auf seiner «Spurensuche in einer waffenverrückten Nation» nach einem Amoklauf im Städtchen Newtown im Dezember 2012 getroffen. Ebenso wie Po Murray. Nachdem an der Primarschule Sandy Hook zwanzig ErstklässlerInnen und sechs Lehrpersonen den Schüssen eines 20-Jährigen mit Sturmgewehr zum Opfer gefallen waren, gründete sie die Organisation Newtown Action Alliance. Die sich für schärfere Waffengesetze engagiert. «Es kann nicht sein», empört sich Po Murray, «dass 40% aller Waffen ohne Überprüfung gekauft werden. Jeder, ob Verbrecher oder häuslicher Gewalttäter, kann auf einer Waffenmesse oder im Internet eine Waffe kaufen – das ist krank.»

«Wenn Sie damit Menschen umbringen, ist das Ihr Problem»

Die US-amerikanische Waffenindustrie und, vermutlich, alle Waffenindustrien der Welt verhalten sich wie Justin Mask, den die frühere US-Korrespondentin Karin Bauer an einer Waffenschau in South Carolina traf. Sie tat so, als ob sie sich für ein Sturmgewehr interessierte. Sie verstünde allerdings nichts von Waffen und hätte keinen Strafregisterauszug. «Kein Problem», sagte der 19-Jährige und beunruhigte sie mit dem Satz: «Ich mache diesen Job fürs Geld, wenn Sie damit Menschen umbringen, dann ist das Ihr Problem.» Das heisst, Händler verkaufen in den Vereinigten Staaten nahezu alles, «was sich auch das Militär kaufen kann» (Josh Sugarmann, Gründer Violence Policy Center), aber was die KäuferInnen mit so einem Sturmgewehr machen, ist deren Sache. Zum Beispiel Laub wischen, Bilder sprayen oder nach Wasser graben.

Und 30‘000 Mal im Jahr werden Menschen mit Schusswaffen getötet. «300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privatbesitz», steht auf der Website von SRF, in der Vorschau zum Film «Kill Zone USA». In einem Land mit knapp 320 Millionen EinwohnerInnen. Die National Rifle Association möchte die Zahl von Schusswaffen pro Kopf offensichtlich noch etwas steigern. Kaum waren die Toten von Sandy Hook begraben, lud sie zu einer Medienkonferenz, und der Geschäftsführende Direktor Wayne LaPierre erklärte: «Unser Geld ist uns wichtig, also lassen wir unsere Banken von Bewaffneten schützen.» Vor Cyberdiebstahl und der ganz gewöhnlichen Kriminalität der Banken – «UBS ist jetzt offiziell kriminell», titelt Blick.ch am 20. Mai 2015 – schützen Gewehre&Pistolen allerdings nicht. «Unsere Kinder dagegen», fuhr LaPierre fort, «die geliebtesten, unschuldigsten und verwundbarsten Mitglieder unserer amerikanischen Familie lässt unsere Gesellschaft Tag für Tag vollkommen schutzlos. Jede einzelne Schule in Amerika muss sofort eine bewährte Massnahme umsetzen. Damit meine ich – bewaffnete Sicherheitskräfte.»

US-Präsident Obama: «Verkäufer des Jahres»

Ein perfektes Geschäft. Nach den potenziellen Tätern sollen auch die potenziellen Opfer mit den besten Waffen ausgerüstet werden. Produktwerbung an Kindergräbern. Und eine offene Kampfansage an Präsident Obama, der (auch) nach Newtown ein Zeichen setzen wollte: «Das ist das vierte Mal, seit ich Präsident bin, dass wir einer durch einen Amoklauf zerrissenen Gemeinde Trost spenden. Das vierte Mal, dass wir Überlebende in den Arm nehmen. Das vierte Mal, dass wir die Familien von Opfern trösten. Wir können das nicht länger tolerieren. Diese Tragödien müssen enden. Dafür müssen wir uns ändern.» Damit meinte er – weniger Waffen, schärfere Gesetze. 13 Mal, so der Dokumentarfilmer Helmar Büchel, habe er sich «für schärfere Waffengesetze eingesetzt. 13 Mal vergeblich.» Der mächtigste Mann der Welt.

Larry Pratt, Geschäftsführender Direktor der Gun Owners of America, triumphiert: «Seit dem Amtsantritt des Präsidenten ist der Waffenbesitz in diesem Land in die Höhe geschossen…» Offensichtlich haben sich die Yankies, aus Angst vor Beschränkungen im Wilden Westen, noch schnell mit den neusten Waffen eingedeckt. Die Händler freut’s. «In vielen Waffenläden», spottet Pratt, «hängt ein Bild von ihm und darunter steht ‹Verkäufer des Jahres›.»

Natürlich geht’s den Waffenverkäufern nicht ums Geschäft, sondern um den Frieden. Aber wie schon Cicero alias David Thweatt (der das Zitat allerdings Cäsar zuschreibt) sagte: «Wer Frieden will, muss sich auf den Krieg vorbereiten. Wir brauchen gute Menschen mit Waffen als Schutz vor bösen Menschen mit Waffen.» Da sind sich (fast) alle, die töten, einig. Und die Guten wissen allealle, dass die Bösen die andern sind. So geht das muntere Töten weiter und weiter und weiter.

Menschen töten, nicht Waffen

Aber das liegt nicht an den Waffen. «Waffenbefürworter sagen, Waffen töten keine Menschen», hält der Soziologe Michael Kimmel im DOK-Film «Kill Zone USA» fest: «Menschen töten Menschen, die Antwort ist: Menschen mit Waffen töten Menschen.» Und wer Menschen Waffen verkauft, versetzt Menschen in die Lage, Menschen zu töten. Waffe plus Mensch gleich Töten. Das ist die Formel. Wer das Einmaleins nur ein klein wenig beherrscht, weiss – soll das Töten endlichendlich ein Ende haben, muss eins von beiden weg. Die Waffe oder der Mensch.

Dann doch lieber der Mensch, wird mancher Mann denken, denn waffenlos ist der Mann kein Mann. «Ein Maschinengewehr scheint zur DNA des männlichen Amerikaners zu gehören. ‹Sie ist unsere Barbiepuppe›, sagte mir Logan Knott, Student und achtfacher Waffenbesitzer auf einer Schiessrange.» Schreibt Karin Bauer. Nur mit der Waffe in der Hand ist der Mann ein (freier) Mann.

Das gilt nicht nur für die USA. In der Schweiz müssen sich die Wehrpflichtigen das Sturmgewehr nicht einmal in Waffenshops oder auf Flohmärkten (davon gibt es in den USA 5‘000) kaufen, das gibt ihnen der Staat, zusammen mit dem Brotbeutel, nach Hause mit, denn: «Für mich ist ein Soldat ohne Waffe kein Soldat.» Zitierte Blick.ch 2007 den damaligen Armeechef Christoph Keckeis. Verteidigungsminister Ueli Maurer hielt im Abstimmungskampf zur Initiative «Ja zum Schutz vor Waffen» 2011 fest: «Die persönliche Waffe zeigt das Vertrauen des Staates in den Bürger, der in der Milizarmee auch ein Soldat ist.» CVP-Nationalrat und Abstimmungssieger Jakob Büchler beschwor Tellsche Traditionen: «Das Schweizer Volk lässt sich nicht entwaffnen.» (welt.de)

Damit steht er ganz auf dem Boden der US-amerikanischen Verfassung: «Das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, darf nicht beeinträchtigt werden.» Und Wayne LaPierre von der NRA macht klar: «Wir werden niemals nachgeben, niemals kapitulieren, wir werden immer standfest bleiben und für unsere amerikanischen Freiheiten kämpfen.» Für die Waffe in der Hand des freien Amerikaners. Da kann der Präsident machen, was er will. «Wenn die Regierung alle Schusswaffen beschlagnahmen würde», droht der Mitarbeiter einer Waffenfabrik, «käme es zu einer riesigen Tragödie. Diesen Krieg sollten Sie sich lieber nicht wünschen. Das wäre schlimmer als der amerikanische Bürgerkrieg. Normale Bürger würden gegen die Regierung kämpfen.» Kill Zone USA.

Ohne Waffen rechnen

Auch in einem gut schweizerischen Leserkommentar (Deckname «corben») auf 20min.ch wurde 2007 – der Kanton Genf hatte eben gerade entschieden, dass Soldaten das Sturmgewehr auch im Zeughaus deponieren dürfen – das fast schon revolutionäre Traumpaar Demokratie&Gewehr gefeiert: «Volksbewaffnung war stets Kennzeichen einer Demokratie. Die Volksinitiative der SP fokussiert schlussendlich zu nichts weiter als die totale Entwaffnung der Bürger. Dann liegt die Waffengewalt nicht mehr beim Bürger, sondern dem Staat, was z.B. in einer Diktatur vorkommt.» War das staatliche Gewaltmonopol nicht einmal die Grundlage des modernen Rechtsstaates?

Und wäre der freie Mensch, ja, sogar der freie Mann nicht auch ohne Waffe in der Hand denkbar? Könnte die Formel Mensch plus Waffe gleich Töten – auch in der Mathematik gibt’s ja häufig mehr als nur eine Lösung – nicht auch ganz anders geknackt werden? 2007, lange vor der Abstimmung über die Initiative, welche die Sturmgewehre der Eidgenossen im Zeughaus sicherstellen sowie Erwerb&Besitz von Waffen generell strenger regeln wollte, veröffentlichte Blick.ch die «sehr deutlichen Resultate» einer «repräsentativen Umfrage». «Die Bürger wollen Waffe und Munition ins Zeughaus sperren», fasste der Leiter der Studie Matthias Kappeler im April 2007 zusammen. Und prophezeite, eine entsprechende Initiative hätte gute Chancen. Vier Jahre später hiess es dann im Februar AprilApril. Die tatsächlich lancierte Initiative «Ja zum Schutz vor Waffen» wurde mit 57% der Stimmenden abgelehnt.

Aber irgendwann werden Kinder diesseits&jenseits des Atlantiks ohne Waffen rechnen und das Töten wird ein Ende haben. Träumen ist ja erlaubt, im Hinblick auf andere Zukünfte sogar gefordert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Lieber den Colt im Halfter als die Bombe im Sack (auf Infosperber)

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Eine Meinung

Der Kommentar des Lesers mit dem Pseudonym ("Deckname», also bitte; soll hier eine geheimdienstliche Unterwanderung suggeriert werden?) ist nicht einfach so von der Hand zu weisen. Exemplarisch dazu die systematische Entwaffnung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands ab 1933, die 1938 mit der «Verordnung gegen den Waffenbesitz der Juden» ihren Abschluss fand. Bevor hier nun irgendwelche Missverständnisse aufkommen: Natürlich ist die Lagerung der Dienstwaffe im Zeughaus - zumal freiwillig - damit überhaupt nicht vergleichbar. Aber bereits Noah Webster, der Begründer des gleichnamigen Wörterbuchs, schrieb 1787: «Before a standing army can rule, the people must be disarmed; as they are in almost every kingdom in Europe. The supreme power in America cannot enforce unjust laws by the sword; because the whole body of the people are armed, and constitute a force superior to any band of regular troops [...]"
Michael Gisiger, am 24. Mai 2015 um 22:23 Uhr

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