Gut für Geld und Geist: London © flickr/Stephen Walford

Gut für Geld und Geist: London

Reichtum und Armut: neue Töne aus England

Christian Müller / 25. Sep 2013 - Der hier folgende Text über Reichtum und Armut stammt von einem bekannten Engländer. Sein Name sei erst am Ende verraten.

Was ist das für eine Gerechtigkeit, wenn jeder beliebige Wucherer oder sonst einer von denen, die überhaupt nichts tun, oder bei denen das, was sie tun, für das Gemeinwesen nicht dringend nötig ist, ein vornehmes und glänzendes Leben in Muße oder überflüssiger Beschäftigung führt, während sich Tagelöhner, Fuhrleute, Handwerker und Bauern mit ihrer so schweren und unablässigen Arbeit, die aber so nötig ist, dass ohne sie kein Staat auch nur ein Jahr lang bestehen könnte, doch nur einen so kümmerlichen Lebensunterhalt verdienen und ein erbärmliches Leben führen? Diese Menschen peinigt die ertraglose und vergebliche Arbeit in der Gegenwart und quält der Gedanke an das mittellose Alter; denn da ihr täglicher Lohn zu gering ist, als dass er auch nur für denselben Tag ausreichen könnte, wie soll da etwas herausspringen und übrigbleiben, das man zurücklegen könnte, um im Alter sein Leben zu fristen?

Was soll man vollends dazu sagen, wenn die Reichen von dem Tagelohn der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? Was früher als ungerecht galt: den treuesten Dienern des Staates mit ärgstem Undank zu lohnen, das haben sie auf diese Weise ins Gegenteil verkehrt, ja durch ein öffentlich verkündetes Gesetz als Gerechtigkeit erklärt!

Wenn ich daher alle diese Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, prüfend an meinem Geiste vorbeiziehen lasse, so finde ich – so wahr mir Gott helfe! – nichts anderes als eine Art von Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen. Alle möglichen Schliche und Kniffe ersinnen und erdenken sie, um zunächst einmal das, was sie durch üble Machenschaften zusammengerafft haben, ohne Furcht vor Verlust zusammenzuhalten, dann aber alle Mühe und Arbeit der Armen so billig wie möglich zu erkaufen und ausnützen zu können. Sobald die Reichen erst einmal im Namen der Allgemeinheit, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst haben, diese Methoden anzuwenden, so erhalten sie auch schon Gesetzeskraft. Aber selbst wenn diese üblen Elemente in ihrer unersättlichen Gier alles das untereinander aufgeteilt haben, was für alle ausgereicht hätte: wie weit sind sie trotzdem entfernt von dem glücklichen Zustand der Utopier!

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Diesen Text schrieb der englische Staatsmann Thomas Morus im Jahr 1516. Wiederentdeckt hat ihn Fritz Glunk, der Herausgeber der deutschen Vierteljahreszeitschrift «Die Gazette». Er hat ihn anstelle seines eigenen Editorials in die neuste Ausgabe der «Gazette» gesetzt. Denn: Könnte ein Text aktueller sein als dieser – vor 500 Jahren geschriebene?

Es ist erfreulich zu sehen, dass es immer noch Journalisten mit historischem Bewusstsein gibt. Die ausschliessliche Beschäftigung mit der kurzlebigen Tagespolitik ist für eine nachhaltige Bewältigung der anstehenden Probleme dieser Welt keine ausreichende Voraussetzung. Siehe auch den Beitrag von Jürg Müller-Muralt zu einem bedenklichen Kommentar von René Scheu in der NZZ am Sonntag. (cm)

* * * * *

(Zu finden ist der Text von Thomas Morus in seinem Buch: «De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia», oder zu deutsch: «Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia». Und noch etwas: Thomas Morus wurde 1535 hingerichtet.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Wie wahr !!!
Eduard Baumann, am 25. September 2013 um 12:08 Uhr
Guten Tag allerseits. Es ist die schlimmste Zeit, auch in meinem Leben. Wer arm ist, wird als Dreck betrachtet. Nicht von allen, aber von vielen. Nicht von jedem Reichen, aber von den meisten. Ein Beispiel ist mein eigenes Leben und die gegenwärtige Situation als Behinderter mit einer seltenen Krankheit: www.streetwork.ch/kreuzweg.html Was vor 18 Jahren begann, reduzierte mich vom erfolgreichen Spitzeninformatiker, welcher brav Steuern zahlte und seinen Militärdienst machte, weil er sein Land für schützenswert hielt, zum Invaliden. Ein Land welches ihn jetzt im Stich lässt. Da ich mich nicht ausgrenzen lasse, gründete ich die Interessengemeinschaft Streetwork Basel. Aufgrund dessen, dass ich nicht reich bin, und in die Grundversicherung hinunter gestuft bin, bleiben mir noch vielleicht 5 Jahre im besten Falle. Wäre ich reich, oder zumindest Privat versichert, könnte ich meine «Seltene Krankheit» es gibt 2000 davon, behandeln lassen und die nächsten 20 Jahre wäre ich noch, mit Flurschäden, in dieser Welt. Hass gegen Arme tötet die Schuldgefühle der besser gestellten, das ist besser als zu teilen oder sich moralisch verpflichtet zu fühlen, helfen zu müssen. Darum wird der Rassismus gegen Arme noch zunehmen. Wir leben im kältesten, zynischsten Jahrhundert welches es je gab. Noch schlimmer als im 2Ten Weltkrieg. Die Konzentrationslager sind heute einfach unsichtbar, diffus, versteckt, nicht greifbar. Jeden Tag verhungern 20'000 Kinder, unschuldig, nackt, klein und wehrlos. Letztendlich wird es auf die Elitären zurückfallen, die Weltgeschichte lehrt es uns, es ist nur eine Frage der Zeit. Und es ist so traurig, was gegenwärtig in dieser Welt geschieht, in diesen rückständigen Wertesystemen welche sich Nationen, Länder, Religionen, Moral und Humanismus nennen, wo doch alle nun dem Mammon dienen, das Tauschmittel Kapital missbrauchen, das jede Träne und jede Empörung unter dem Schmerz erstickt. Es wird viel geredet, aber nichts verändert. Die elitäre Schicht blockiert und macht jede Veränderung unmöglich. Wer sich wehrt, wird schnell zum Volksfeind, zum Linken, oder zum Terroristenfreund abgestempelt. Die wahren Terroristen, die sitzen aber ganz weit oben. Gruss Beatus Gubler www.streetwork.ch Basel
Beatus Gubler, am 25. September 2013 um 12:41 Uhr

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