Für 35 Millionen Euro zu Bayern München... © YouTube

Für 35 Millionen Euro zu Bayern München...

Zauberfüsse deklassieren Superhirne

Beat Gerber / 09. Jul 2016 - Die EM hat den Transfermarkt beflügelt. Ähnliche Regeln gelten in der Wissenschaft – finanziell in einer klar tieferen Liga.

35 Millionen Euro! Für diese stolze Summe wechselt der erst 18-jährige Renato Sanches nächste Saison von Benfica Lissabon zu Bayern München. Der portugiesische Mittelfeldspieler mit kapverdischen Wurzeln gilt als eine der verheissungsvollsten Entdeckungen dieser Fussball-EM und gewann am Sonntag mit Portugal das Finalspiel gegen Gastgeber Frankreich. Sein Jahresgehalt in zweistelliger Millionenhöhe (genaue Summe ungenannt) wird zudem mit zahlreichen Bonuszahlungen angereichert. Das Jungtalent Sanches ist nur einer von vielen Starspielern, die sich jetzt Ende der Saison ihre Zauberfüsse vergolden lassen.

Seitenwechsel von den profanen Fussballstadien in die heiligen Hallen der Wissenschaft: Seit Universitäten sich um die vordern Ränge in den wichtigen globalen Rankings streiten, sind in der akademischen Welt die gleichen Verhaltensmuster zu beobachten wie beim Spiel auf dem grünen Rasen. Jede ambitionierte Hochschulpräsidentin, jeder strebsame Unirektor will selbstverständlich die weltbesten Professorinnen und Professoren an die eigene Institution berufen, zumindest diejenigen mit eindrücklichem Publikations-Output und noch wuchtigerem Zitierindex.

Ergraute Häupter vs. Rasta-Frisuren

Solche Transfers von seriösen Superhirnen unterscheiden sich hingegen augenfällig vom schillernden Fussballmarkt. Die akademischen Wettkämpfer (Frauen mitgemeint) sind deutlich älter, meist ergraut und tragen keine Rasta-Frisur wie Ballkünstler Renato Sanches. Die Gelehrten agieren zwar in teuren Labors (aber auch Stadien kosten etwas), doch als Humanressourcen sind sie auf dem Markt wesentlich billiger zu haben. Ihr Jahreseinkommen übersteigt mit wenigen Ausnahmen (in den USA) keine halbe Million Franken, dazu kommen einmalige Transferkosten wie Pensionskasse-Einkauf (kann in der Schweiz ins Geld gehen), die Vermittlung von Wohnung, Schulen für Kinder und Job für Partnerin bzw. Partner. Verglichen mit den traumhaften Salären der Zauberfüsse ist das allerdings ein Klacks, die Superhirne werden geldlich geradezu deklassiert.

Einmal mehr erweist sich die Kombination von Geist und Geld als weniger lukrativ als das leichtfüssige Vergnügen im Fussball. Ein Grund mag sein, dass die Resultate in der Wissenschaft erst mittelfristig wirksam werden, meisterhafte Spielzüge (vor allem der bevorzugten Mannschaft) die Zuschauenden dagegen unverzüglich in vibrierende Begeisterung versetzen. Lässt sich denn jemand wegen Forschungsresultaten spontan zu Gefühlsausbrüchen hinreissen? Kaum, allerdings sind es hie und da die Wissenschaftler selbst, die sich gegenseitig beklatschen, etwa wenn eine ihrer Sonden erfolgreich auf einem fernen Planeten landet (wie jüngst auf dem Jupiter).

Wissenschaft ist für Laien ein nüchternes, oft undurchschaubares Geschäft, das Publikum bleibt weitgehend ausgeschlossen. Laben kann sich eine Nation nur an den Nobelpreisen. Für die Schweiz liegt die letzte dieser höchsten akademischen Auszeichnung bereits 14 Jahre zurück, fürs wissenschaftliche Selbstbewusstsein eine unendlich lange Durststrecke! 2002 hat der ETH-Biophysiker Kurt Wüthrich die Chemie-Medaille des Dynamit-Erfinders bekommen, seither wartet die eidgenössische Akademia jeden Oktober auf positive Nachrichten aus Stockholm. Der Spielverlauf erinnert an die Schweizer Fussballnationalmannschaft, die zwar überlegt angreift, aber letztendlich keine Tore zu schiessen vermag. Eine leidliche Abschlussschwäche! Ausserdem bläst der Forschung hierzulande ein kühlerer Wind entgegen, weil aufgrund der innenpolitischen Situation ein Ausschluss aus den EU-Forschungsprojekten droht (Stichwort Horizon 2020). Viele namhafte Wissenschaftler, zahlreiche talentierte Forscherinnen liebäugeln (im Stillen, pssst!) mit dem Wegzug.

Transferliste mit wenig klingenden Namen

Braindrain hier, Legdrain dort. Auch etliche Schweizer Fussballer wandern weg bzw. weiter. Mit Abstand der teuerste Söldner ist Granit Xhaka (23), der neu für Arsenal spielen wird (Ablösesumme 47 Mio. Euro, Schweizer Rekord). Auf der Transferliste der Wissenschaft stehen weniger klingende Namen, niemand (ausser Eingeweihte) kennt die Gesichter – mit einigen Ausnahmen. Beispielsweise Patrick Aebischer, der Ende 2016 nach 16 stürmischen Jahren als Präsident der EPF Lausanne zurücktritt, ein überaus omnipräsenter Angreifer. Oder Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik der Universität Bern und vehementer Verteidiger des Zwei-Grad-Ziels, der es im Oktober 2015 nicht an die Spitze des UN-Weltklimarats (IPCC) geschafft hat und nun möglicherweise offen für Neues ist. Im Weiteren Felicitas Pauss, Physikprofessorin der ETH Zürich und langjährige CERN-Spitzenmanagerin (internationale Beziehungen), die Anfang August emeritiert wird. Sie könnte ihre vermittelnden Fähigkeiten in einem neuen Team einsetzen.Obwohl die akademische Welt als geschlossener Zirkel gilt (Pfiffe zu hören!), dringen wiederholt Gerüchte (ohne Gewähr) an die Öffentlichkeit. So wird der selbstbewusste Mediziner und Hirnforscher Aebischer nächstes Jahr an einer Polarexpedition teilnehmen, wie er in einem dreiseitigen Interview mitteilt (Horizonte Nr. 109). Dort könnte er sich nach stressreicher Karriere im ewigen Eis selbst erforschen, was sicher Stoff für eine einträgliche Autobiografie ergäbe. Der nicht minder ehrgeizige Klimaforscher Stocker würde bestimmt eine grosszügige Offerte von Chinas bester Universität annehmen, um somit quasi an der Mega-Quelle des globalen Treibhausgas-Ausstosses wirken zu können. Schliesslich sei auch Pauss mit einem spannenden Angebot beglückt worden, kolportieren Insider. Die Teilchenphysikerin könnte an der noch jungen Synchrotron-Lichtquelle in Jordanien namens SESAME den bereits lange amtierenden Direktor ablösen. Der ringförmige Teilchenbeschleuniger erzeugt hochintensives Röntgenlicht und werde einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung im Nahen Osten liefern, so die Werbung. Der Direktorinnen-Job in der arabischen Welt wird für eine Frau zwar heikel sein, doch vermutlich ultrahoch dotiert, sitzt doch auch das reiche Königreich Bahrain im Rat der SESAME-Mitgliedsländer.

Wie die drei Beispiele zeigen, kann sich die Schatzkammer manchmal auch für die Wissenschaft öffnen. Doch selbst mit der Zauberformel «Sesam» aus Tausendundeiner Nacht wird der Fussball punkto Gagen und Beliebtheit weiterhin das Spiel dominieren. Er kann dabei auf gebündelte Emotionen und unvergleichlichen Zauber zählen. Der universitäre Geist tut sich damit schwer. Vor allem gegen goldene Füsse.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist Beat Gerber publiziert in der Regel auf seiner eigenen satirischen Webseite «dot on the i» (Tüpfelchen auf dem i).

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