Leserbriefe und User-Kommentare auf Online-Plattformen seien ein Spiegel der öffentlichen Meinung, denkt man. Zu Unrecht.
Öffentliche Meinung versus veröffentlichte Meinung: ein Thema für eine lange Diskussion. Doch wie kann man sich ein Bild machen darüber, was die Menschen um einen herum zum Problem X oder Y denken, wenn es darüber keine Meinungsumfrage gibt?
Man schaue sich die Leserbriefseiten der Zeitungen an, lautet eine Empfehlung. Und natürlich die noch viel zahlreicheren User-Kommentare auf den Online-Plattformen. Die Idee ist nicht schlecht. Allerdings: auch da ist Vorsicht geboten!
Auch ich schreibe Leserbriefe. Und auch ich schreibe User-Kommentare auf Online-Plattformen. Ich bin ja schliesslich ein politisch interessierter Staatsbürger, der gerne mitredet, wo es mitzureden gilt. Und noch aus einem anderen Grund: Um zu sehen, was da alles Platz hat. Oder genauer: Um zu sehen, was da alles nicht Platz hat!
Ein Beispiel aus den letzten Tagen
Nach etlichen Jahren Leben und Arbeiten in Solothurn erlaubte ich mir einen Leserbrief im Hinblick auf den dortigen zweiten Wahlgang für den Ständerat. Der Leserbrief in der Solothurner Zeitung (redigiert in der Aarauer Zentrale der AZ-Redaktion) erschien: gekürzt natürlich. Damit muss man bei Leserbriefen in Zeitungen leben können. Eine Seite ist eine Seite: im Printbereich steht Platz nicht unlimitiert zur Verfügung. Aber er erschien nicht nur gekürzt, sondern auch zensuriert: den CVP-Kandidaten nannte ich «agil und mediengeil». Im gedruckten Text aber stand nur noch «agil». Klar: ich hatte vergessen, dass eben dieser CVP-Ständeratskandidat regelmässiger Kolumnist in der AZ-Aargauer Zeitung ist, zu deren Kopfblättern die Solothurner Zeitung gehört. Und Kollegen müssen schliesslich geschützt werden...
Grosszügiger sind die Redaktionen meistens bei den Online-Plattformen, denn dort ist ja auch der Platz praktisch unbeschränkt. Aber auch hier wird genau geprüft, was da geschrieben wird, bevor es online geschaltet wird.
Ein Beispiel?
Bitte: Am 15. November meldete der Branchendienst für die Schweizer Kommunikationswirtschaft persoenlich.com, dass der Journalist Christoph Landolt (26) von newsnet ins Ressort Inland der Weltwoche wechsle. Am Ende der Meldung stand der Satz: «Vor seinem Start im Journalismus studierte Landolt zweieinhalb Semester Politologie an der Universität Zürich.»
Da ich noch zur alten Generation gehöre, die meinte, man müsse zuerst etwas lernen, bevor man auf die Öffentlichkeit losgelassen werde und das Tun und Lassen der Mächtigen kommentiere, juckte es mich bei diesem Satz – und ich schrieb unten als Leser-Kommentar, was ich eben dachte: Beeindruckend sei vor allem, dass Christoph Landolt ZWEIEINHALB Semester studiert habe, und nicht nur zwei.
Sie können dreimal raten, ob dieser Kommentar dann auch aufgeschaltet wurde. Natürlich nicht. Der Chefredaktor des Online-Portals persoenlich.com ist auch der wöchentliche Interviewer Christoph Blochers auf Blocher-TV. Da war es wohl nicht angezeigt, mit einer Lesermeinung darauf hinzuweisen, wie gut die neuen Weltwoche-Journalisten ausgebildet sind...
Keine
Zum Text auf persoenlich.com
Die zehn Gebote des Journalismus – eine Satire
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