Beliebte Messe: Die BuchBasel ist für drei Tage die grösste Buchhandlung der Schweiz. © BuchBasel Daniel Spehr

Beliebte Messe: Die BuchBasel ist für drei Tage die grösste Buchhandlung der Schweiz.

Sturm über dem Wasserglas

Philipp Probst / 17. Nov 2011 - Die Messe BuchBasel soll zum Erlebnis werden, zu einem Fest, wie die Museumsnächte. Die Branche braucht Innovation: es droht Sturm.

Felix Werner hat eine Mission: «Bücher müssen zu den Leuten! Nicht die Leute müssen zu den Büchern.» Der gelernte Buchhändler und Chef der BuchBasel setzt alles daran, dass das Medium Buch populärer wird. «Wenn ich schaue, wie viele Millionen Leute im Fernsehen eine Vorabendserie wie ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ schauen, frage ich mich schon, warum ein Buchtitel kaum je eine solche Quote oder eben eine so hohe Auflage erzielt. Letztlich transportiert das Buch ja nichts anderes als die Fernseh-Soap: eine Geschichte!»

Felix Werner weiss natürlich, dass dieser Vergleich überspitzt ist. Trotzdem müsse sich die gesamte Buchbranche überlegen, «wie man es bewerkstelligen kann, viel mehr Leute zum Buch zu bringen.» An der Vielzahl der Bücher und der Geschichten, die darin erzählt werden, kann es nicht liegen. An der messe BuchBasel, die dieses Wochenende (18. bis 20. November 2011) stattfindet, werden zig Tausend Titel angeboten. Rund 20‘000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet. Doch Felix Werner ist überzeugt, dass noch viel mehr drin liegt.

Erste Buchnacht für neues Publikum

Deshalb findet in diesem Jahr zum ersten Mal die Basler Buchnacht statt. Die Idee ist bei der Museumsnacht abgekupfert: Statt Museen öffnen Buchhandlungen und Verlage am Freitagabend ihre Türen und halten Veranstaltungen ab. Dazu gibt es in der Stadt ein kleines Volksfest.

Mit diesem simplen Prinzip haben es die Museen in verschiedenen Schweizer Städten geschafft, einen beliebten Event zu schaffen. In Basel herrscht in der Stadt jeweils ein Gedränge wie sonst nur am fasnächtlichen Morgestraich, der öffentliche Verkehr fährt Sonderschichten, es wird bis tief in die Nacht gefeiert. «Natürlich werden wir nicht gleich bei der ersten Büchernacht eine solche Stimmung hinzaubern können», sagt Felix Werner, «aber ich bin überzeugt, dass ein solcher Event grosses Potential hat.»

Schluss mit Wasserglaslesungen

Abhängig ist der Erfolg dieser Buchnacht natürlich auch davon, was die Verlage, Buchhandlungen und vor allem auch die Autoren zu bieten haben. «Dass man mit reinen Wasserglaslesungen die Leute heute nicht mehr begeistern kann, sollte doch eigentlich längst bekannt sein», sagt Felix Werner. «Trotzdem finden sie nach wie vor statt.» Mit Wasserglaslesungen meint Felix Werner die traditionelle Autorenlesung: Ein Tisch, ein Stuhl, eine Lampe, ein Wasserglas und ein Schriftsteller, der vorliest. «Deshalb freue ich mich über jede Abwechslung», sagt Werner. «Ideen sind gefragt, die Autoren müssen raus zum Publikum, sie müssen etwas bieten. Wie beispielsweise an den Poetry-Slam-Veranstaltungen, die bei den Jungen sehr gut ankommen.»

Kampf um die Buchpreise

Doch nicht nur der Kampf um Leser beschäftigt derzeit die Branche. Am 11. März 2012 wird das Schweizer Volk über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung abstimmen. Ein Buch soll in jedem Laden, in jedem Onlineshop genau gleich viel kosten. Für den Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband sbvv hat diese Abstimmung etwa die gleich grosse Bedeutung wie die berühmte Gretchenfrage in Goethes Faust. Schon an der Frankfurter Buchmesse, dem Zentrum des deutschsprachigen Buches und des staatlich garantierten Fixpreises, riefen die Schweizer Verbandsvertreter zum langen Kampf gegen die Preis-Liberalisierer. Die Mehrheit des eidgenössischen Parlaments ist zwar dafür, dass nach fünf Jahren Preisfreiheit die Bindung wieder eingeführt wird, doch dagegen wurde das Referendum ergriffen.

Fixe Preise als Kultursubvention?

Hauptargument für die Preisbindung ist die Kultur. Bei Büchern handle es sich um ein Kulturgut, das sonst praktisch keine staatliche Unterstützung erhalte. «Viele Buchhändler kämpfen heute ums Überleben», sagt Marianne Sax, Präsidentin des sbvv. «Und jede Buchhandlung, die schliesst, bedeutet, dass das Kulturgut Buch weniger breit angeboten wird. Das heisst für die Autoren und Verleger, dass sie keine Verbreitung, keinen Markt mehr haben. In England, wo die Preisbindung 1995 gefallen ist, mussten in den letzten Jahren mehr als 1800 von 4000 Buchhandlungen schliessen. Es gibt 580 grosse Gemeinden und mittlere Städte, in denen es keine Buchhandlung mehr gibt.»

»Viele Bücher wurden teurer»

Ob in der Schweiz wegen der Aufhebung der Fixpreise im Jahr 2007 Buchhändler ihre Läden schliessen musste, ist dagegen schwierig abzuschätzen. Tatsache ist jedoch, dass für Buchhandlungen, die schliessen, praktisch nie Nachfolger gefunden werden können. Die Unsicherheit sei einfach zu gross, sagt Marianne Sax: «Das wahre Ausmass wird man erst viel später feststellen.» Marianne Sax sagt auch, dass die Aufhebung der fixen Preise keineswegs zu günstigeren Büchern geführt habe. «Bestseller wurden billiger, aber alles andere wurde teurer.» Dazu komme, dass die Buch-Discounter nur darauf warten würden, «bis der ganze Handel am Boden ist, damit sie danach die Preise erhöhen können.»

Ex Libris steht für freie Buchpreise

Durchaus als Discounter versteht sich Ex Libris, der Medienanbieter der Migros. Geschäftsführer Daniel Röthlin weist die Vorwürfe des Branchenverbandes sbvv vehement zurück und erklärt, warum das Geschäftsmodell der freien Buchpreise den Schweizer Verlegern und Autoren mehr bringe: «Unsere Aufgabe ist es, Bücher zu verkaufen und dies zu einem fairen Preis. Dadurch können sich viele Leute das Kulturgut Buch leisten.» So würden eben auch Schweizer Autoren profitieren. Denn: «Bücher sind preissensitiv, wie fast alle Produkte. Wer als Autor oder Verleger also mehr verkauft, verdient auch mehr.» Gegen das schlechte Beispiel England bringt Daniel Röthlin das gute Beispiel Schweden: Dort sei der Markt wegen der Aufhebung der Preisbindung nicht ärmer, sondern reicher geworden.

Der Sturm zieht von anderswo herauf

Beide Parteien werden mit vielen Argumenten in den Abstimmungskampf ziehen. Doch der eigentliche Sturm fegt ganz woanders. Im Internet. Davon ist jedenfalls Ex-Libris-Chef Daniel Röthlin überzeugt. «Anstatt sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die Kunden nach ihren Bedürfnissen zu befragen, verschwendet die Branche viel Zeit und Geld, um sich mit einer archaischen, unfairen und letztlich selbstzerstörerischen Buchpreisbindung zu beschäftigen», sagt Daniel Röthlin. «Vor einigen Jahren versuchte die Musikindustrie den Kunden auch zu bevormunden und musste dies teuer bezahlen.» Die Musik spielt im Web – und kaum mehr in Plattenläden.

Ruiniert das E-Book den Buchhandel?

An der Frankfurter Buchmesse war die Digitalisierung der Buchbranche denn auch das grosse Thema. Allerdings mehr in den Köpfen als an den Ständen: Nicht moderne E-Books, sondern gute alte Bücher aus Papier standen im Zentrum – mitsamt Wasserglaslesungen der Autorinnen und Autoren. Grossbuchhändler Thalia dagegen warb für sein Lesegerät Oyo. Es ist eines von mehreren E-Book-Systemen. Das Faszinierende daran: Neben der guten Lesetauglichkeit und dem neuen Lesespass hat man quasi die Buchhandlung und seine eigene Bibliothek immer mit dabei. Dass das E-Book nicht nur ein Gimmick für Elektronik-Freaks ist, sondern mit diesen Eigenschaften vor allem auf die eingefleischten Vielleser und guten Bachladen-Kunden zielt, dürfte den herkömmlichen Buchhandlungen zusätzlich Sorgen bereiten. Denn selbst die schönste Heimbibliothek ist irgendwann mit Büchern vollgestopft und beim Zügeln eine tonnenschwere Last.

Kampf gegen Raubkopien

Da in der «Geiz ist geil»-Gesellschaft Billigst- und Gratisanbieter gefragt sind, beschäftigt sich die Buchbranche inklusive Politik auf EU-Ebene mit der Frage, wie Raubkopien zu verhindern seien. Einzelne Verlage beschränken ihren Datenverkehr mit Manuskripten offenbar bereits aufs absolut Nötigste, aus Angst, der Text könnte im Web verloren gehen und als Gratisdownload wieder auftauchen. Natürlich passiert dies trotzdem. So wie es auch mit Filmen und Musikstücken geschieht. Oder mit exklusiven Zeitungsartikeln: Wenige Minuten oder Stunden nach Erscheinen ist praktisch alles irgendwo im Netz finden.

Die digitale Buch-Rakete steht bereit

Doch während sich die Film-, Musik- und die Zeitungsbranchen nach anfänglichen Totalabstürzen mehr oder weniger erfolgreich dem Angriff aus dem Internet stellen und mittlerweile mit innovativen Produkten und Projekten auftrumpfen, herrscht im Buchgeschäft – zumindest auf dem Markt – noch Ruhe vor dem Sturm: Die Umsätze mit E-Books sind noch zu klein. Doch wie die Internet-Geschichte zeigt: Die Rakete kann im Nu starten.

Bücher sind auch Wohnungsdekoration

Natürlich wird es wie die Zeitung, das Kino, die CD oder die gute alte Vinyl-Platte auch das Buch immer geben. Interessant dabei ist, dass gerade im Musikgeschäft der eigentlich veraltete physische Tonträger CD oder LP eine alte und mittlerweile auch neue Fangemeinde hat: Musikkonsumenten, die die Musik «in Händen halten», im Booklet blättern und im Wohnzimmer ausstellen wollen. Deshalb ist das Buch als Deko-Artikel keineswegs zu unterschätzen. Was allerdings keine Erscheinung der Neuzeit ist.

Amazon schaltet Verleger und Händler aus

Dem Buchhandel droht aber noch von anderer Seite Ungemach: Seit Handelsriese Amazon angekündigt hat, Bücher nicht nur zu verkaufen, sondern sie gleich selbst herzustellen, herrscht bei Verlegern und Buchhändlern zusätzliche Nervosität. Denn wenn Amazon Erfolg damit hat, überspringt der Gigant etliche Zwischenglieder der heutigen Buchmarktkette. Selbst die eigentlichen Grundhersteller, die Autoren, dürften tangiert werden: Wenn, wie Amazon sagt, die Autoren damit näher an den Leser gebracht wird, werden sich die Schriftsteller mehr den Anregungen ihrer Endverbraucher stellen müssen. Genau so wie es heute ja auch im Online-Journalismus stattfindet.

Grosse Lesezirkel bei Twitter

Noch benutzen viele Autoren den Computer als elektrische Schreibmaschine. Doch das Web, insbesondere der ganze Social-Media-Bereich, fordert die Autoren heraus: Schon heute existiert bei Facebook, Google plus und vor allem bei Twitter eine riesige Lesegemeinschaft, die mit und auf Büchern surft: Blogs werden geschrieben, Rezensionen herumgereicht, Lob und Tadel geäussert, mit Autoren diskutiert und Wünsche angebracht.

Im Web können sich Autoren nicht hinter dem Wasserglas verstecken. Hier findet das statt, was sich BuchBasel-Leiter Felix Werner wünscht: Autoren und Bücher müssen raus zu den Lesern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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