Mehr kann weniger sein, auch beim Reden. Eine Studie über das Sprechtempo zeigt: Schnellere Sprachen sind an Information dünner.
Jetzt haben wir's wissenschaftlich: Am Mittelmeer wohnen besonders schnellzüngige Europäerinnen und Europäer. Bei einem Vergleichstest zwischen den fünf verbreitetsten westeuropäischen Sprachen sowie Japanisch und Chinesisch kamen Testpersonen aus Frankreich und Italien auf etwa 7 Silben pro Sekunde, jene aus Spanien gar auf fast 8. Noch etwas näher an dieser Schallgrenze lagen Japanischsprechende, aber – und das ist die Überraschung aus dieser Studie – das Tempo nützt all diesen Zungenakrobaten nichts.
Denn die Forscher der Universität Lyon massen nicht nur die Silbenkadenz der (je gleich vielen) Männer und Frauen, die keine Sprechprofis waren. Sie bekamen alltägliche Texte zu lesen und sollten diese in einem Tempo vortragen, das ihnen normal erschien. Da die kurzen Berichte oder Gespräche aus dem Englischen in die anderen Sprachen übersetzt worden waren, enthielten sie überall «gleich viel Information», auch wenn sich ihre Silbenzahl unterschied. Die Vorlesezeit wurde damit zum Mass für die «Effizienz» jeder Sprache als Mittel, pro Minute möglichst viel mitzuteilen.
Je eiliger, desto dünner
Und siehe da: Japaner brauchen für eine bestimmte Information so viele Silben, dass ihr Tempovorsprung nicht nur verpufft, sondern sich in einen Rückstand verwandelt. Ihre «Informationsrate» liegt bei bloss 74 Prozent der Referenzgrösse (Vietnamesisch, das die Forscher als Sprache ausserhalb des Vergleichs wählten). Englisch kam mit 108 Prozent an die Spitze, obwohl es mit vergleichsweise bedächtigen 6 Silben pro Sekunde gesprochen wurde. Deutsch schaffte mit annähernd gleichem Tempo, aber geringerer «Informationsdichte» 90 Prozent. Chinesisch, am stärksten befrachtet und am langsamsten gesprochen (gut 5 Silben), erbrachte 94 Prozent, und noch etwas näher am Vietnamesisch-Standard von 100 Prozent lagen die drei getesteten romanischen Zungen.
Die Studienautoren waren von der Hypothese ausgegangen, auch sehr unterschiedliche Sprachen seien ähnlich komplex, die einen mehr in der Phonetik, die andern mehr in Grammatik und Satzbau; das gleiche sich aus, und das universelle Mitteilungstempo entspreche dem, was Menschen aufnehmen könnten, ohne gelangweilt oder überfordert zu sein. Wie die Probetexte ankamen, wurde freilich nicht getestet. Ohnehin sind die Forscher vorsichtig mit der Interpretation ihrer Studie, die nur mit 20 Texten und 6 - 10 Personen pro Sprache arbeitete. Statistisch gesehen, könnten zuverlässige Prozentzahlen jeweils um fast einen Zehntel nach oben oder nach unten von den ermittelten abweichen.
Reden Schweizer «dicht»?
Nur der Spitzenplatz des Englischen und der Schlussrang des Japanischen unter den untersuchten Sprachen scheinen einigermassen gesichert. Allerdings waren ja die Probetexte ursprünglich englisch, was einen Heimvorteil bedeuten könnte. Im mitgelieferten Beispiel sind die französische und die italienische Übersetzung eher geschwätziger als das Original; die deutsche allerdings ist etwas lakonischer. Die Studie ist in der Fachzeitschrift «Languages» erschienen.
Zumindest der Tendenz nach sehen die Forscher ihre Hypothese bestätigt: Je langsamer, desto gehaltvoller. Es wäre reizvoll, entsprechende Untersuchungen auch innerhalb eines Sprachgebiets zu unternehmen, zum Beispiel des deutschen, und dann müsste auch noch zwischen Dialekt und Standardsprache unterschieden werden. Es stimmt ja wohl, dass Schweizer im Durchschnitt langsamer «Schriftdeutsch» reden als Deutsche (die zuweilen auch ihren Dialekt für Hochdeutsch halten). Im Schweizerdeutschen wiederum fallen die Unterschiede des Sprechtempos so deutlich aus, dass allein schon das die Lyoner Forscher lange beschäftigen könnte. Gewiss sähen sie ihre Hypothese ein weiteres Mal bestätigt, wenn sie nur schon die Informationsdichte studierten, die ein Massimo Rocchi dem berndeutschen «äuä» verleiht.
Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».
Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»
Zu Daniel Goldsteins Sprachglossen
Zur Sprechtempo-Studie
Zum «Sprachspiegel»
Meinungen / Ihre Meinung eingeben
Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Spenden an unsere gemeinnützige Stiftung SSUI machen es möglich. Spenden Sie 5 CHF per SMS mit dem Keyword Infosperber 5 an 9889 («Infosperber 5» an 9889).
Grössere Spenden via PayPal oder direkt aufs Spendenkonto
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX
Clearing-Nummer 09000
Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.
Noch mehr Geldspritzen und Schulden bringen die Wirtschaft nicht mehr zum Wachsen. Sie führen zum Kollaps.
Dossier anzeigen
Der Genfer Karikaturist Patrick Chappatte nimmt mit spitzer Feder die Politik im In- und Ausland aufs Korn.
Dossier anzeigen
Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.
Dossier anzeigen
Kreuzen Sie Themen an, die Sie interessieren. Den Newsletter dazu senden wir täglich oder wöchentlich. Gratis bestellen
Noch vor zehn oder zwanzig Jahre wäre der neue BDP-Präsident mit seiner Aussage in die linke Ecke gestellt worden.
weiter
Kritik an deutschen Medien, welche die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland im Gleichklang mit den Banken kritisieren.
weiter
Die Umweltvereinigung Ecopop macht sich Sorgen, weil die Bevölkerung in der Schweiz im Jahr 2011 stark zugenommen hat.
weiter
Der in Genf lebende Karikaturist Patrick Chappatte bekam in den USA den renommierten Thomas-Nast-Preis verliehen. Wir gratulieren!
weiter
Zum «Crazy Food Walk» nach Delhi ködert die Swiss Kunden für 839 CHF. Indische Restaurants bei uns bieten dasselbe – ohne CO2.
weiter
Was kann ich tun, damit meine Firma möglichst keine Steuern zahlen muss?
Die Qualität unserer gesundheitlichen Versorgung ist schlechter als im Durchschnitt Europas. Das zeigt eine Studie aus Schweden.
weiter
Eine Werbekampagne gegen die Gratis-Zeitungen. Leider ist sie nur von der Solothurner Zeitung ins Blatt gesetzt worden...
weiter
Diese Rubrik enthält noch keinen Artikel
Spende von den Steuern abziehen
Sie können Ihre Spende von Ihrem steuerbaren Einkommen abziehen. Für Spenden über 5 CHF erhalten Sie eine Quittung zu Handen der Steuerbehörden. Die Spenden gehen an die gemeinnützige «Schweizerische Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» SSUI, welche die Informations-Plattform «Infosperber» ermöglicht. Infosperber veröffentlicht Recherchen, Informationen und Meinungen, die in der grossen Presse wenig oder gar keine Beachtung finden. Weitere Informationen auf der Seite Über uns
schliessenWir danken Ihnen herzlich für Ihre Spende!