Missbildungen in einer Region mit Herbizid-Einsatz: Monsanto bestreitet einen Zusammenhang © wdr/Das Gift der Pampa

Missbildungen in einer Region mit Herbizid-Einsatz: Monsanto bestreitet einen Zusammenhang

Soja-Netzwerk propagiert zweifelhaften Standard

Kurt Marti / 08. Mrz 2012 - Das Soja-Netzwerk Schweiz propagiert den «verant-wortungsvollen Soja-Anbau», unter anderem mit dem zweifelhaften RTRS-Standard.

Gentech-Soja hat keinen guten Ruf. Der Monsanto-Konzern hat das hauseigene Saatgut gentechnisch so verändert, dass es gegen das Herbizid Glyphosat resistent ist, welches wiederum von Monsanto angeboten wird. Glyphosat ist das weltweit am meisten verkaufte Unkrautvertilgungsmittel. Monsanto verkauft es unter der bekannten Marke «Roundup-Ready». Zwei Milliarden Dollar Umsatz machte Monsanto 2010 damit.

Andrés Carrasco, Professor für molekulare Embryologie an der medizinischen Fakultät der Universität von Buenos Aires (Argentinien), hat zusammen mit anderen internationalen Wissenschaftlern in einer Studie aufzeigt, dass Glyphosat bei tierischen Embryonen zu schweren Missbildungen führt (siehe Link unten). Ähnliche Auswirkungen bei menschlichen Embryonen hält Carrasco für naheliegend.

Krebsrate bei Kindern hat sich verdreifacht

Anlass für die Studie war die hohe Zahl von Geburtsfehlern in landwirtschaftlichen Gebieten in Argentinien, wo Gentech-Soja angebaut wurde. «Die von uns im Labor festgestellten Ergebnisse passen exakt zu den Fehlentwicklungen, die bei Menschen beobachtet werden, die während der Schwangerschaft Glyphosat ausgesetzt waren», erklärte Professor Carrasco anlässlich einer Pressekonferenz im April 2011 im Wiener Gesundheitsministerium.

Im Expertenbericht ist von Frühgeburten und Fehlgeburten, von Krebserkrankungen und von genetischen Schäden die Rede. Beispielsweise in der Stadt La Leonesa hat sich laut Studie die Krebsrate bei Kindern von 2000 bis 2009 verdreifacht und die Rate der Geburtsfehler im gesamten Bundesstaat Chaco sei nahezu um das Vierfache angestiegen, nachdem die Soja- und Reis-Felder in der Umgebung mit dem Roundup-Ready besprüht wurden (siehe Videos unten).

Mitte Februar publizierte Gilles-Eric Séralini, Professor für Molekularbiologie an der französischen Universität Caen, in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Journal of Toxicology in Vitro» eine Studie über die Wirkung von Glyphosat. Dabei kam er zum Ergebnis, dass bereits eine sehr geringe Konzentration des Herbizids die menschlichen Zellen schädigt, insbesondere wird das Hormon Testosteron zerstört, was zu Unfruchtbarkeit der Männer führt. Monsanto bestreitet die Vorwürfe und behauptet, seine Produkte seien sicher.

Steuerschulden und sklavenähnliche Verhältnisse

Ebenfalls Mitte Februar hatte der französische Landwirt Paul François gegen Monsanto einen Prozess gewonnen. Laut Urteil des Gerichts in Lyon hatte der Konzern nicht ausreichend vor den großen Gefahren des bis 2006 in der EU zugelassenen Pflanzenschutzmittels Lasso gewarnt und damit die Erkrankung von François in Kauf genommen. Monsanto hat gegen das Urteil Berufung eingelegt und bestreitet die Vorwürfe.

Doch Monsanto steht nicht nur wegen der gefährlichen Herbizide unter Beschuss. Die argentinische Steuerbehörde hat den Monsanto-Konzern kürzlich bestraft, weil er die fälligen Steuern nicht bezahlte, wie die Internetplattform «Blickpunkt Südamerika» berichtet. Laut der Internetplattform deckte die Steuerbehörde einen weiteren Skandal auf: Monsantos Vertragspartner «Rural Power» hatte Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen auf den Feldern gehalten. Die illegal beschäftigten Arbeiter mussten 14 Stunden pro Tag arbeiten und ihre Lebensmittel zu überteuerten Preisen im Laden des Unternehmens kaufen.

Soja-Netzwerk präsentiert nicht weniger als vier Soja-Standards

Szenenwechsel in die Schweiz: Vor einem Jahr wurde das Soja-Netzwerk Schweiz gegründet, welches sich hoch und heilig zur «verantwortungsvollen Produktion» von importiertem Soja verpflichtete. Zu den zwölf Mitglieder des Soja-Netzerks gehören neben dem WWF Schweiz und dem Coop auch die Migros, Bio Suisse, IP-Suisse, Suisseporcs, der Schweizerische Bauernverband, Fenaco, Agrokommerz, Egli Mühlen, Heinz & Co und Muggli.

Seine hehren Ziele unterstrich das Soja-Netzwerk mit nicht weniger als vier Standards für den «verantwortungsvollen Soja-Anbau»: Dem Round Table on Responsible Soy (RTRS), den Basler Kriterien für einen verantwortungsbewussten Soja-Anbau, dem ProTerra Standard oder den Richtlinen der Bio Suisse. Diese vier Standards unterscheiden sich stark hinsichtlich der sozialen und ökologischen Auflagen, inbesondere das RTRS-Label fällt in Theorie und Praxis markant hinter die drei anderen zurück.

Gen-Soja erhält das Gütesiegel «verantwortungsvoll»

Wer den englisch verfassten RTRS-Standard genauer liest, stösst bei den Anforderungen für die Sojaproduktion auf den folgenden, brisanten Hinweis: «Dieser Standard gilt für alle Arten von Sojabohnen, also für konventionelle, organische und gentechnisch veränderte. Er wurde entwickelt für alle Grössen der Sojaproduktion und für alle Länder, wo Soja produziert wird.» Im Klartext: Der RTRS-Standard erlaubt die Produktion von gentechnisch verändertem Soja. Gleichzeitig betont das Soja-Netzwerk, «dass die importierte Soja nicht gentechnisch verändert sein darf.»

«Basler Kriterien» waren ein grosser Erfolg

Dieser Widerspruch hat eine höchst interessante Vorgeschichte: Der stets steigende Bedarf an Soja für die Tierproduktion in Europa forderte in Südamerika seinen Tribut: Riesige Regenwälder wurden abgeholzt. Um diese Probleme zu vermindern, formulierten der WWF Schweiz und der Detailhändler Coop die «Basler Kriterien für einen verantwortungsbewussten Soja-Anbau» mit hohen sozialen und ökologischen Standards, insbesondere der Ausschluss von Gen-Soja.

Aus den Basler Kriterien entstand das vorbildliche ProTerra-Label, aus dem innert nur vier Ernteperioden eine Erfolgsgeschichte wurde. Ein Sechstel der brasilianischen Sojaernte war 2009 nicht nur gentechfrei, sondern auch ProTerra-zertifiziert abrufbar, was 9,4 Millionen Tonnen Sojabohnen entsprach oder rund 20 Prozent der europäischen Soja-Importe.

Etikettenschwindel am Runden Tisch mit Monsanto

Statt sich auf diese erfolgreiche Schiene zu konzentrieren, begannen der WWF und Coop den Basler Kriterien selbst das Wasser abzugraben, indem sie schon im Jahr 2005 den «Roundtable on Responsible Soy Production» (RTRS) mitinitiierten. Damit war der Etiketten-Schwindel «gentechnisch verändert = verantwortungsbewusst» geboren. Mittlerweile gehören dem «Rundtisch» rund 120 Mitglieder an, darunter die Biotech-Konzerne Monsanto und Syngenta sowie die Industriemultis ADM, Bunge, Cargill, Shell und BP. Zudem wird RTRS vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) finanziell unterstützt, also aus der Bundeskasse.

Kritiker sind der Meinung, dass der Monsanto-Konzern mit dem Gütesiegel des WWF sein Gentech-Soja grünwaschen darf. Damit sei der WWF zum Türöffner für Gentech-Soja des Monsanto-Konzerns in der EU geworden. Fredi Lüthin, der Mediensprecher von WWF Schweiz, erwidert darauf: «Den RTRS auf Unternehmen zu beschränken, die ausschliesslich gentechfrei produzieren, würde bedeuten, nur eine kleine Minderheit der gesamten Soja-Produktionskette auf Umweltstandards zu verpflichten.» Das sei keine Lösung. Gleichzeitig erklärt Lüthin: «Der WWF lehnt die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen ab. Für den WWF Schweiz ist klar: Wir unterstützen nur gentechfreien RTRS-Soja.»

Die aktuellen Negativmeldungen haben das Image von Monsanto zusätzlich verschlechtert und damit sinkt auch die Glaubwürdigkeit des WWF, der nach wie vor zusammen mit Monsanto am Runden Tisch sitzt. Pikantes Detail: Im letzten November hat Monsanto Deutschland seinen langjährigen Mediensprecher Andreas Thierfelder entlassen, weil es ihm offenbar nicht gelungen war, das ramponierte Firmen-Image aufzubessern.

Bio Suisse distanziert sich vom RTRS-Kriterium für Gentech-Soja

Stefan Kausch, Geschäftsführer des Soja-Netzwerkes, erklärt gegenüber infosperber: «Die 14 Mitgliedorganisationen des Soja Netzwerks setzen wie bis anhin weiterhin auf Gentechfreiheit. Sollte dereinst einmal Soja nach RTRS-Kriterien in die Schweiz importiert werden, muss diese selbstverständlich gentechfrei sein. Dafür gibt es bei RTRS auch ein Non-GM Modul (nicht gentechnisch verändert, Anm. der Red.).» Auch Sabine Lubow, Mediensprecherin von Bio Suisse, hält fest: «Das Netzwerk akzeptiert ausschliesslich die RTRS-Kriterien für gentechfreie Soja - hingegen werden die Kriterien für Gentech-Soja nicht akzeptiert.»

Wieso überhaupt propagiert dann das Soja-Netzwerk Schweiz den RTRS-Standard? Dazu Netzwerk-Geschäftsführer Kausch: «Für eine möglichst grosse Akzeptanz eines Standards braucht es einen Ansatz, welcher von Produzenten und Detailhändlern breit mitgetragen wird. Beim RTRS konnten sich alle einbringen und das RTRS Non-GM Modul zeigt, dass RTRS sich entwickeln kann.»

Auffallend ist, dass das Soja-Netzwerk in seiner Medienmitteilung vom Januar 2011 nur vom RTRS-Standard spricht, hingegen aktuell auf der Homepage sowohl der RTRS-Standard als auch der RTRS Non GM-Standard aufgeführt sind.

Greenpeace distanziert sich vom RTRS-Standard

Bezüglich dem RTRS-Standard ist Marianne Künzle von Greenpeace Schweiz anderer Meinung wie das Soja-Netzwerk: «Greenpeace erachtet die RTRS-Kriterien als ungenügend, um schlimme Umwelteinwirkungen einzudämmen; beispielsweise das Zurückdrängen von Ökosystemen und der kleinräumigen Landwirtschaft zur Ernährung der eigenen Bevölkerung sowie den umweltschädlichen Einsatz von Agrochemie durch den Soja-Anbau. Vielmehr unterstützt das RTRS-Label das rasant wachsende Futterproduktions-Business. Ein Löwenanteil der globalen Sojaproduktion landet in Futtertrögen.»

Schweizer Kühe sollen Gras und kein Soja fressen

Greenpeace hat mit einer Untersuchung aufgezeigt, wie in der Schweizer Landwirtschaft auf den Einsatz von Soja in der Tierfütterung verzichtet werden kann. Gegenwärtig werden bereits 41 Prozent der Sojaimporte an Kühe verfüttert. Laut Künzle ist die Sojafütterung bei Wiederkäuern «ökologisch nicht vertretbar und nicht artgerecht. Sie führt in den Soja-Anbauländern und hier in der Schweiz zu vielen ökologischen Problemen und forciert die Überproduktion von beispielsweise Milch inklusive der schwierigen wirtschaftlichen Situationen von LandwirtInnen. Auf Milch und Fleisch von Kühen zu setzen, die praktisch ausschliesslich Gras und kein Kraftfutter fressen, ist die effizienteste Strategie, ökologische und soziale Probleme durch den Soja-Anbau einzudämmen. Hier muss die Schweiz jetzt ansetzen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Westdeutscher Rundfunk WDR: Marktscanner
Das Gift der Pampas: Teil 1
Das Gift der Pampas: Teil 2
Studie der Universität Caen/Frankreich
Soja-Netzwerk Schweiz: Standards
Carrasco-Studie: Gentechnisch veränderte Soja. Verantwortungsbewusst?

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2 Meinungen

Es ist absolut unvertretbar, dass unser Vieh derart massiv mit importiertem Getreide gefüttert wird und dadurch noch Ueberschüsse an Milch, Butter ... erzeugt werden. Zudem führt die Sojafütterung zu Verdauungs- und anderen Gesundheitsproblemen beim Vieh und zu erhöhtem Methanausstoss. Dieses ist ausserdem klimaschädlich.
Schweizer Vieh soll Gras fressen und der Tierbestand gesenkt werden. Es kann nicht sein, dass unser Vieh das Getreide der armen Länder frisst.
Zu einer vernünftigen Landwirtschaft sollen wir beitragen, indem wir weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren. Das ist ausserdem gesünder, auch für die Tiere. Nur so wird eine verfehlte Landwirtschaft zu gesunden Kreisläufen zurückgeführt, wo auch weniger Gülle entsteht.
Ist es nicht unsinnig, dass die CH-Landwirtschaft mit mind. 2 Kalorien an Importfutter, Energie und Dünger gerade mal eine Kalorie Nahrungsmittel produziert? Dabei lässt die Schöpfung aus einem Weizenkorn 100 bis 1000 Körner wachsen!
Daniel Nägeli, am 08. März 2012 um 10:00 Uhr
http://urzeit-code.com/index.php?id=6
...Pharmariese Ciba patentierte das Verfahren und unterband die Forschung unverzüglich. Warum? Weil »Ur-Getreide« aus dem Elektrofeld schneller und ertragreicher wächst, resistenter gegenüber Schädlingen ist und weniger Pestizide benötigt als moderne Saatgut-Züchtungen. Die Entdeckung geriet schnell in Vergessenheit – ohne dass die weltweite Wissenschaftsgemeinde von ihr Notiz nahm. Das soll sich nun ändern... «
Urs Lachenmeier, am 08. März 2012 um 13:47 Uhr

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