Schule Literatur Migration © Zeitreise Zürich

Jugendliche erzählen zwölf Kantonsgeschichten

Zeitreise Zürich – SchülerInnen kommen zu Wort

Jürgmeier / 10. Jun 2015 - 12 Bücher, 12 Lesungen, 1 Ausstellung: Resultat von Sprachförderung ohne Notendruck&Grammatikkeule. Zu sehen am 12.6. in Dübendorf.

Die alten Kampfflieger der Schweizer Luftwaffe im Air Force Center Dübendorf würden sich wundern – wenn sie sich wundern könnten –, was da am Freitag 12. Juni 2015 ab 14 Uhr im Rahmen des grossen und für alle öffentlichen Schlussfestes von Zeitreise Zürich um sie herum so alles passiert. Einige der jungen Männer&Frauen würden vermutlich lieber in eine der fliegenden Kisten klettern und den Abflug machen; aber die 200 SchülerInnen werden, wie vorgesehen, die Bühne besteigen und Ausschnitte aus ihren selbst verfassten Büchern präsentieren.

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Aus: Little Chub. Klasse BC1b, Uster

… Plötzlich ruft Everett, der Pilot: «Achtung, da sind Schweizer Flugzeuge! Sie wollen auf uns schiessen!» ...

William der Funker ruft: «Es gibt ein Problem: Wir können leider nicht landen, weil uns die Schweizer nicht verstehen!» ...

Little Chub wird getroffen ... «Alle aussteigen!», ruft Everett der Pilot, «schnappt euch einen Fallschirm und rettet euch!»

William, der Funker, ruft: «Es gibt noch ein Problem: Wir können nicht alle überleben, weil es nicht genügend Fallschirme gibt!» Everett sagt: «Was sollen wir machen?» William: «Ein paar springen mit dem Fallschirm. Und die andern versuchen, mit Little Chub in den See dort vorne abzustürzen.» Everett: «Also, ich würde mal sagen: Ladies first!» …

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Im Rahmen des Projekts Zeitreise Zürich haben zwölf Sekundarklassen – in jedem Bezirk eine – seit letzten Herbst in der Geschichte des Kantons Zürich nach Geschichten gesucht, Texte und gestalterische Elemente aus Recherchiertem sowie eigenen Gedanken&Phantasien entwickelt. Im Rahmen des normalen Schulunterrichts, unterstützt von externen HistorikerInnen, AutorInnen und GestalterInnen. Und natürlich auch von ihren Lehrpersonen. Aber ohne Notendruck.

«Zeitreise Zürich reagiert auf ein Phänomen unserer Zeit», erläutern die Projektverantwortlichen ihr Konzept. «Die meisten Menschen sind heute total mobil – physisch und auch im Kopf. Doch vor lauter Welt verlieren wir unseren Wohnort aus den Augen – samt seiner meist x-tausendjährigen Geschichte. Das geht besonders auch Jugendlichen so, die in diese globalisierte, digitalisierte Welt hineingeboren wurden … Genau darum war der Ausgangspunkt der Zeitreise-Projekte nicht Welt- sondern Lokalgeschichte – also kleine, scheinbar nebensächliche, oft vergessene Geschichten. Denn diese können unseren Blick auf das Hier und Heute verändern. Wer zum Beispiel erfährt, dass vor nicht so langer Zeit ganze Familien aus dem eigenen Dorf ausgewandert sind, versteht: ‹Migration› ist keine Einbahnstrasse …»

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Aus: Tschüss, Tschau, Ade. Klasse BC2, Affoltern am Albis

... Warum ich auswandere und von Affoltern weggehe

… Hier in Affoltern ist es mir zu langweilig. Ich kenne schon alles, habe schon alles gesehen. Hier fehlt mir der Kick, das Unbekannte.

Die Schweiz liegt nicht mal an der Küste eines Meeres. Das ist ein Grund auszuwandern und natürlich auch das Klima hier. Es regnet immer, und wenn es nicht regnet, dann schneit es und ist kalt ...

Die Wohnungen hier in Affoltern sind sehr teuer, ein Haus kann ich mir hier nicht leisten. Ich gehe an einen Ort, wo ich mir ein Haus bauen kann…

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Zeitreise Zürich ist ein multimediales Gemeinschaftsprojekt von Die Provinz GmbH – Kulturprojekte und Heller Enterprises im Rahmen des 50-Jahre-Jubiläums der STEO Stiftung. Zeitreise Zürich ist eine medial und inhaltlich erweiterte Variation des Projekts Schulhausroman. Seit 2005 schreiben Schulklassen der Oberstufe, in Zusammenarbeit mit SchriftstellerInnen, weitgehend fiktionale Texte. Wie bei den «normalen» Schulhausromanen sind auch an Zeitreise Zürich vor allem «Klassen der unteren Leistungskategorien der Sekundarschule» beteiligt. Das heisst Sekundarstufe B und C, Realschule usw. Die Mehrheit dieser SchülerInnen hat einen so genannten Migrationshintergrund mit einer anderen Erstsprache als Deutsch (beziehungsweise Französisch oder Italienisch).

Diese Jugendlichen sind häufig damit konfrontiert, dass ihre sprachlichen Äusserungen in der Schule als ungenügend eingestuft werden. Die von ihnen täglich&selbstverständlich erbrachten Lese- und Verschriftlichungsleistungen werden, auch von ihnen selbst, nicht als solche wahrgenommen. «Die Lektüre von Websites, von Zeitschriften, von SMS-Texten, von Facebook-Profilen etc. zählt für sie … nicht zum Lesen.» Schreibt Gerda Wurzenberger in ihrer Dissertation «Schreiben im Brennpunkt von Intermedialität und Lebenswelt. Kulturelle und ästhetische Kontexte literarischen Schreibens am Beispiel von Erzähltexten aus einem Schreibprojekt mit Jugendlichen» (Universität Zürich 2015, in Druck). «Entsprechend werden sie auch das Verfassen von SMS-Nachrichten, die Kommunikation in Social Networks nicht zu jener Form von Schriftlichkeit zählen, wie sie von ihnen in der Schule verlangt und erwartet wird.» Das heisst, Bildungsinstitutionen ignorieren sprachliche Kompetenzen, weil sie nicht ihren normativen Vorstellungen entsprechen.

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Aus: Treffe am Flugi. Another story of the airport. Klasse B3c, Dielsdorf: Rümlang

... JUSUF: Ehj, vo wo chunnsch? Wie heissisch? Wohi gahsch?

SABILE: Was suechsch?

JUSUF: Wie alt? Wie schwer? Wo wohnsch?

SABILE: Bisch Uslender?

JUSUF: Hesch Problem? …

SABILE: Wo gasch i d Schuel? Hesch scho Lehr? Gasch go shoppe? Bechunsch Sackgeld? Bisch riich? Bisch viel am Handy? …

JUSUF: Was machsch morn?

SABILE: Singsch gern?

JUSUF: Was machsch übermorn?

SABILE: Wemer schlegle?

JUSUF: Wieso so frech? …

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In der Mittelschule stritt ich während fast einer Lektion mit dem Französischlehrer. Darüber, dass er einem Mitschüler, wegen seiner vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler, für einen Aufsatz in allen drei Aspekten (Inhalt, Stil, Rechtschreibung) eine Eins gab. «In der Schule hatte ich zwei Aufsatznoten: im Inhalt eine Sechs (die Höchstnote), im Deutsch eine Eins – ergab eine Gesamtnote von 3.5.» Schrieb der freisinnige Nationalrat&Unternehmer Ruedi Noser in der NZZ am Sonntag vom 27. Januar 2008. Ihm erging es schon etwas besser als meinem Schulkollegen, der für vier bis fünf Seiten Text eine blutte Eins bekam. Aber Inhalt: Sechs, Deutsch: Eins? Auch da ist etwas gründlich schief gegangen, denn wer im Inhalt eine Sechs hat, muss auch Gedanken, Gefühle, Fakten, Erlebnisse und Anekdoten in Wörter&Sätze gebracht haben, wenn, vielleicht, auch in falsch geschriebene.

Die Sprache bewegt sich nicht nur in den engen Grenzen zwischen richtiger Konjugation und falscher Grossschreibung, Sprache ist auch (oder eben nicht) anschaulich, spannend, farbig, verständlich, provozierend, ironisch, durchdacht. Das wusste, bestimmt, auch die Lehrperson, die ich darauf aufmerksam machte, sie gebe bei ihren Sprachaufgaben nur Punkte für korrekte Rechtschreibung. Die Kriterien für alles andere, den Stil beispielsweise, seien ihr zu «schwammig», verteidigte sie sich. So reduziert der Wunsch nach «objektiven» Noten Sprache auf die Erbsenzählerei fehlender «E’s» und überzähliger «H’s».

Wer Rechtschreibung&Grammatik zur Bedingung, ja, Voraussetzung von Reden&Schreiben macht, produziert faktisch einen neuen Analphabetismus und bringt Menschen zum Schweigen. «Die Rechtschreibung ist nichts anderes als ein Repressionsmittel… Man hat den Unterschied zwischen Analphabeten und Alphabeten nur etwas nach oben geschoben, aber keineswegs abgeschafft.» Schreibt Peter Bichsel in seiner Kolumne «Schreiben ist nicht ohne Grund schwer». Das erleben insbesondere Kinder so genannt «bildungsferner» Schichten, die sozial&kulturell andere Sprachpraxis gewohnt sind als im «bildungsbürgerlichen» Schulkontext verlangt wird. Sie bewegen sich (auch) in der Schule in fremdem Land.

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Aus: Grünewalds Fluch. Klasse 2b, Pfäffikon: Wila

… In der Nähe der Kyburg gab es einen Wunderbaum, wo Anna Sophie sich einmal im Monat etwas wünschen durfte. Das nächste Mal wollte sie sich endlich ein Treffen mit ihrem Traumprinzen wünschen, auf den sie schon lange gewartet hatte.

Der Traumprinz von Anna Sophie war Augustus II, Ritter von Knochenberg. Sie sah ihn manchmal beim Reiten. Er war hübsch, hatte blonde Haare und grünblaue Augen und einen sexy Body: breite Schultern, ein Sixpack, er war muskulös und immer braun gebrannt und einen Kopf grösser als Anna Sophie ...

Anna Sophies Wunsch ging in Erfüllung. Sie wurde von Augustus II in eine Disco eingeladen, dort lernten sie sich besser kennen. Sie tanzten zusammen und verliebten sich ineinander. Anna Sophie sah, dass Augustus II hilfsbereit war und einen guten Charakter hatte. Die beiden wollten bald heiraten. Aber ihre Eltern waren gegen die Verbindung. Darum wurde Anna Sophie eines Nachts entführt …

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Das Ziel echter Sprachförderung müsste sein, mitzuhelfen, dass alle Kinder&Jugendlichen ihre Ideen, Wünsche, Meinungen, Gefühle und Erkenntnisse formulieren, ihre Geschichten erzählen und sich einmischen können, dass sie, eben, zu Wort kommen. Hier setzen die Projekte Zeitreise Zürich und Schulhausroman mit ihrer Leitidee an – «Die Welt und sich selber in Worte fassen» (Gerda Wurzenberger) –, indem sie im Unterrichtsalltag einen Erzählraum schaffen, «(relativ) frei vom Leistungs- und Kontrolldruck des schulischen Lernens» (Wurzenberger). Das Schreiben jenseits schulischer Normen macht es möglich, «das alltagssprachliche Wissen von Kindern und Jugendlichen in den Schulkontext» zu integrieren, so dass auch «bildungsferne Schülerinnen und Schüler zu sprachlichen Erfolgserlebnissen kommen».

Zentrales Element dieser Projekte ist, dass die Texte der SchülerInnen als Bücher&Broschüren gedruckt, auf den Webseiten von www.zeitreise.ch und www.schulhausroman.ch sowie in Form von Lesungen öffentlich gemacht werden. «Durch das Mitgestalten eines längeren Erzähltextes wird ihr Selbstbewusstsein im sprachlichen Ausdruck gestärkt. Die Schüler erleben, wie ihre Ideen von den Autoren aufgenommen und damit ernstgenommen werden, und dass diese Ideen literarisch interessant, also ‹etwas wert› sind.» Heisst es auf der Website des Projekts Schulhausroman. Im besten Fall wirkt dieses gestärkte Selbstvertrauen über das zeitlich begrenzte Projekt hinaus und in andere Fächer beziehungsweise Lebensbereiche hinein.

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Aus: The Old Secret. Klasse B1, Bülach: Nürensdorf

…Danybel hatte eine ganze Reihe von Vorsätzen gefasst: Sie wollte ihre Familie glücklich machen und ihre Eltern weniger stören; allerdings wäre es dafür am besten, dachte sie, wenn sie von zu Hause auszöge. Dann würde sie eine Weltreise machen und im Indischen Ozean schwimmen … Sie wollte in Afrika eine Safari machen. In Kanada Grizzlibären beobachten … wollte in Nutella baden und ein fliegendes Auto bauen; sie wollte ein Vampir werden und eine magische Beere finden; sie wollte eine gewaltfreie Psychiatrie erfinden. Am allermeisten aber wollte sie ihren Bruder ins Leben zurückholen. Ja, Danybel hatte viele Wünsche und Vorsätze. Leider hing das meiste nicht nur von ihr ab, und ihr grösster Wunsch musste ein Wunsch bleiben. Das tat weh …

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«Wird unsere Geschichte jetzt in der Buchhandlung verkauft? Wie viel verdienen wir? Wir haben das Buch doch geschrieben.» Haben «meine» SchülerInnen mich nach Abschluss der Schreibarbeit gefragt. Und Gerda Wurzenberger betont, durch den «Akt der öffentlichen Lesung» schafften es die Jugendlichen, «zumindest für die (kurze) Zeit dieses Aktes als legitime VertreterInnen der legitimen Kultur aufzutreten». Ich höre schon den Einwurf, da würden SchülerInnen zu übersteigertem Selbstbewusstsein=Grössenwahnsinn verführt, glaubten am Ende, sie seien SchriftstellerInnen, könnten aber nicht einmal eine korrekte Bewerbung schreiben.

Hinter diesem Einwand steckt, womöglich, die Angst, die Grenzen zwischen Kulturschaffenden und -konsumierenden könnten (auch wegen der neuen Technologien) fallen. Genau dieses Ziel hatten wir in der AutorInnengruppe Olten im Vorfeld der Mitbestimmungsinitiative Ende der Siebzigerjahre mit einem (nie verwirklichten) Theaterprojekt, in dem wir ZuschauerInnen zu Mit-SpielerInnen machen wollten. Diesen Partizipationsgedanken nimmt auch Gerda Wurzenberger wieder auf: «Wo die traditionellen Kulturinstitutionen, die auf ein passives Publikum ausgerichtet sind, welches stillsitzend die Vorführung einer künstlerischen Darbietung verfolgt, sich in einer Krise befinden und unter zunehmendem Publikumsschwund leiden, müssen neue Ansätze dahingehend gesucht werden, wie Kultur Gemeinsamkeiten schaffen kann.»

Am Freitag werden die zweihundert SchülerInnen, vermutlich, ganz brav auf der Bühne lesen und im ZuschauerInnenraum zuhören. Aber sie werden alle einmal Lesende, einmal Zuhörende, werden Konsumierende und Produzierende sein. In diesem Sinn ist dieses Projekt sowohl Beitrag zu einer echten Integration – bei der nicht nur die MigrantInnen, sondern auch die Einheimischen und ihre Kultur verändert werden – als auch ein Stück gelebte Partizipation am kulturellen Schaffen. Am Ende dieser Demokratisierung von Kultur wird die Vorstellung des Autors beziehungsweise der Autorin nicht mehr sein, was sie einmal war.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Jürgmeier ist einer der Schreibcoachs im Rahmen des Projekts Zeitreise Zürich und war während vieler Jahre Lehrer/Leiter Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule

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Eine Meinung

Ausgezeichnete Initiative. Ich hege wenig Hoffnung für unser Bildungssystem. Dies ist eine von diesem Wenigen....
Pedro Toth, am 13. Juni 2015 um 12:03 Uhr

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