Zum 500. Geburtstag von Conrad Gessner finden diverse Veranstaltungen statt

Denker des vorurteilsfreien, universalen Wissens

Aurel Schmidt / 08. Apr 2016 - Vor 500 Jahren wurde der Universalgelehrte Conrad Gessner geboren. Eine Ausstellung im Landesmuseum zeigt sein Leben und Schaffen.

Conrad Gessner war zu seiner Zeit der grösste Universalgelehrte der Schweiz. Er lebte von 1516 bis 1565, die meiste Zeit in Zürich. In jener Epoche war es noch möglich, einen Überblick über das gesamte Wissen zu haben, während heute die Wissenschafter Spezialisten auf einem Fachgebiet sein müssen, um bestehen zu können.

Gessner war Zoologe, Botaniker, Philologe. Mit der Theologie verband ihn seine Tätigkeit an der Hohen Schule des Reformators Huldrych Zwingli, wo er angehende Pfarrer in biblischer Naturkunde ausbildete. Von Beruf war Gessner Stadtarzt in Zürich. Vielleicht am eindrücklichsten wird sein universales Wissen mit dem Hinweis bestätigt, dass er 1545, mit knapp dreissig Jahren, die «Bibliotheca universalis» herausgab, ein Verzeichnis sämtlicher damals bekannter handschriftlicher und gedruckter Schriften in Latein, Griechisch und Hebräisch, was ihn auch zum Wissenschaftshistoriker macht.

Der 500. Geburtstag Gessners am 16. März dieses Jahres war für die wissenschaftliche Schweiz ein Anlass, den grossen Gelehrten zu würdigen. Eine Ausstellung im Landesmuseum in Zürich geht auf die Persönlichkeit, die in der Geschichte der geistigen Schweiz eine eminente Stellung einnimmt, sowie das Werk ein. Bekannt ist Gessner heute kaum vielen Menschen, aber Gedenktage sind ein guter Grund, um an die Bedeutung grosser, historischer Persönlichkeiten zu erinnern.

Kein abschliessendes Wissen

Von besonderem Interesse ist gerade bei Gessner auch, dass er in einer Umbruchzeit lebte. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gutenberg und der erste Druck der Bibel um 1454 lag zwar schon eine Weile zurück, sollte aber unermesslich viel zur Verbreitung des Wissens beitragen. Das gedruckte Buch war, was für uns heute das Internet ist.

Ausserdem war 1492, kurz vor Gessners Geburt, Amerika entdeckt worden, ein Ereignis, dass dem Denken in Europa einen neuen Horizont eröffnete, aber auch, wie man beim französischen Philosophen Michel de Montaigne nachlesen kann, die alte Welt wahrhaft erschütterte. Man wusste jetzt, dass es in einer offenen Welt kein abschliessendes Wissen und Denken geben konnte und alles, was wir wissen, sich in langer Zeit langsam herausgebildet hat und ständig weiterentwickelt.

In Europa machte man die Bekanntschaft mit anderen Völkern, anderen Sitten, anderen Tieren und Pflanzen. Gessner experimentierte mit Tabak und beschrieb die berauschende Wirkung, in seinem Garten an der Frankengasse 6 in Zürich und an anderen Orten pflanzte er Tomaten an. Auch Sektionen nahm er vor, um falsche Ansichten zu widerlegen.

Gessners Quellen

Während die Gelehrten ihr Wissen bisher meistens auf Aristoteles zurückführten und aus den zugänglichen Quellen kompilierten, war Gessner bemüht, sich soweit als möglich ein vorurteilsfreies, unabhängiges Wissen anzueignen. Einfach war das nicht immer. In der Zürcher Ausstellung ist ein Exemplar von Aristoteles «Opera» (Basel 1539) zu besichtigen mit zahlreichen Annotationen Gessners, der sich also weiterhin mit dem griechischen Philosophen auseinandersetzte.

Die Frage stellt sich also, wie Gessner zu seiner Zeit sich das erforderliche Wissen aneignen konnte. Dazu gehörte einmal die eigene Anschauung, die Gessner sich zum Beispiel beim Zeichnen botanischer Vorlagen aneignen konnte. Neben deren Detailgenauigkeit ist es die zeichnerische Qualität, die dazu beiträgt, in Gessner nebenbei auch einen grossen Künstler zu sehen.

Zweitens bildeten Reisen eine wichtige Quelle. Nun ist Gessner aber nicht soviel herumgekommen, wie er es sich selbst gewünscht hat. Über Südamerika las er, was andere darüber berichteten, etwa der französische Franziskaner und Reisende André Thevet. Ob Gessner auch den abenteuerlichen Bericht des deutschen Konquistadors Hans Staden mit der Erwähnung von Kannibalen kannte, ist nicht sicher, doch korrespondierte Gessner mit Stadens Herausgeber Johannes Dryander.

Durch Berichte wie diese verschaffte sich Gessner einen umfassenden Überblick. Was die Illustrationen betrifft, bezog er sich im Fall des Rhinozerosses auf Albrecht Dürer, der es auch nur vom Hörensagen kannte, aber die Abbildung nicht schlecht getroffen hatte. 1515/16 war ein Nashorn, das auf einer Schiffsreise von Portugal nach Italien ums Leben kam, eine grosse Sensation. Für die Wiedergabe der Giraffe in seiner «Historia animalium» wiederum hielt sich Gessner an den Bericht der Pilgerreise von Bernhard von Breydenbach 1484/86 nach Jerusalem und Ägypten beziehungsweise an dessen mitreisenden Zeichner.

Wenn es nicht anders ging, übernahm Gessner eben von anderen Autoren, was er für seine Zwecke brauchte. Und zur Not musste die Einbildungskraft nachhelfen, um jene Vollständigkeit zu erreichen, die ihm vorschwebte.

1000 Tiere in vier Bänden beschrieben

Schliesslich verfügten die Wissenschafter der Zeit über ein ausgedehntes Netz von Autoren, mit denen sie in Briefkontakt standen und ihre Kenntnisse austauschten. Was übrigens das Reisen betrifft, unternahm Gessner zahlreiche Bergwanderungen, von denen eine ihn am 28. August 1555 auf den Pilatus führte. Er widerlegte bei dieser Gelegenheit die Ursache für die regelmässig sich ereignenden Unwetter, die bisher der Fabel nach Pontius Pilatus zugeschrieben worden waren, als reinen Aberglauben.

Als Gessners Hauptwerk werden seine vier Bände der «Historia animalium» von 1551 bis 1558 angesehen, in denen er 1000 Tiere in Wort und Bild beschrieb mit allem, was man damals wusste; zwei Ergänzungsbände erschienen posthum. Auf der Pilatuswanderung entdeckte er die Welt der Pflanzen, denen seine lebenslange Aufmerksamkeit galt. Viel lag ihm daran, die Botanik aus der Kräuterkunde in eine eigene Wissenschaft überzuführen. Seine «Historia plantarium» blieb ein Torso und erreichte nie die Bedeutung der Tierbücher, obwohl er beide Veröffentlichungen gleichermassen zum Lob der Werke Gottes verfasst hatte.

Gessner starb 1565, müde, fast erblindet. Tagsüber war er seiner ärztlichen und Lehrtätigkeit nachgegangen, nachts widmete er sich seiner Forschungsarbeit. Auch materielle Not drückte ihn, bis er 1558 zum Chorherren ernannt wurde und seine Lage verbessern konnte. Doch für mehr als 50 Jahre reichten die Kräfte nicht.

Zwei neue Publikationen zur Nacharbeit

Die Ausstellung im Landesmuseum muss sich, dem Thema und den verfügbaren Exponaten entsprechend, zur Hauptsache auf Zeichnungen sowie auf viele aufgeklappte Bücher der Zeit beschränken, die für Bibliothekswissenschafter natürlich von höchstem Interesse sind, jedoch beim grossen Publikum eher eine ferne Materie bilden. Das ist der unvermeidbare Konflikt einer Ausstellung wie dieser. Umso wichtiger wird dafür die Nacharbeit, was mit zwei neuen Publikationen zu Gessner auch gut möglich ist. Ein Katalogbuch behandelt eingehend die verschiedenen Fachgebiete, ausserdem liegt eine neue umfangreiche Gessner-Biografie von Urs B. Leu vor.

Beide tragen dazu bei, Gessners Bedeutung für unsere Zeit neu zu erschliessen. Dies umso mehr, als vor wenigen Jahren in einer Spezialabteilung der Universität Amsterdam ein Konvolut entdeckt wurde mit Tierzeichnungen aus dem Besitz Gessners und später des Basler Stadtarztes Felix Platter, der es noch um eine selbst angelegte Sammlung ergänzt hatte. Die Beschäftigung mit Gessner wird also anhalten.

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Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich dauert bis zum 19. Juni. Für weitere Informationen siehe www.gessner500.ch beziehungsweise www.gessner.landesmuseum.ch

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